Berliner SOR-Schule wird 100 Jahre
Am 29.06.2007 feierte die Werner-Stephan-Oberschule (W-S-O) mit einem ganztägigen Fest ihr 100-jähriges Jubiläum. Im Juli 2001 wurde die Hauptschule in Berlin-Tempelhof zur ersten SOR-SMC in Berlin. Bestandteil dieses Festtages waren auch von SOR-SMC organisierte Workshops.
In einem Rap-Workshop konnten die SchülerInnen ihre Alltagserfahrungen in eigene Songs verwandeln. Die TeilnehmerInnen des Radio-Workshops gingen der Frage nach, was an der W-S-O besonders ist. Sie produzierten einen spannenden Beitrag für die Reihe "Radio Q-Rage", den ihr als mp3-Datei herunterladen und hören könnt.
Die TeilnehmerInnen des Foto-Workshops zogen bereits im Vorfeld der 100-Jahrfeier los, um Personen und Situationen an ihrer Schule aus einem ganz persönlichen Blickwinkel festzuhalten.
Neben fest institutionalisierten Projekten, wie einem Streitschlichterprogramm, dem jährlich neu aufgesetztem Schulversprechen und dem Lidice-Projekt, das an die Verbrechen des Nationalsozialismus erinnert, laufen immer wieder auch aktuelle Projekte an der Werner-Stephan-Oberschule.
Mehr Informationen findet ihr auf der
Homepage der W-S-O.
TAZ Serie über WSO
von ALKE WIERTH
Elf Monate lang hat die taz eine zehnte Klasse der Tempelhofer Werner-Stephan-Oberschule (WSO) durch ihr letztes Schuljahr begleitet. Wir wollten miterleben, wie die HauptschülerInnen den Übergang ins Berufsleben meistern - und wie sie mit dem schlechten Image der Schulform Hauptschule fertig werden.
Die WSO gehört zu Berlins "Vorzeigehauptschulen": Sie bietet Integrationsklassen für Kinder mit Lernproblemen und Kleinklassen für SchülerInnen ohne Deutschkenntnisse wie Flüchtlinge oder Aussiedler. Sie beteiligt sich am Modellprojekt "Eigenverantwortliche Schule" des Senats und gehört zum Netzwerk Hauptschulen, das Schüler beim Übergang in die Ausbildung fördert. Die im Vergleich zu anderen Hauptschulen höhere Lehrerzahl ermöglicht die sogenannte Doppelsteckung, bei der zwei Lehrer gleichzeitig eine Klasse betreuen.
Wir haben uns bewusst für diese Schule entschieden, um abseits von den im Kontext "Hauptschule" immer wieder auftauchenden Themen wie Gewalt, soziale Verwahrlosung oder ethnische Konflikte berichten zu können. Hauptschüler sind immer Mitglieder einer Randgruppe: Nur 10 Prozent der Berliner Kinder besuchen diese Schulform nach der Grundschule.
Eine Ausbildung zu finden ist für alle HauptschülerInnen schwer. Vier aus "unserer" Klasse haben es geschafft - ein guter Schnitt für eine Berliner Hauptschulklasse. Wir haben mit ihnen um Zensuren und vor Bewerbungsgesprächen gezittert, sie haben uns von ihren Träumen und enttäuschten Hoffnungen erzählt. Dafür möchten wir uns bei den SchülerInnen der Klasse 10/3 sowie bei ihren Lehrern Ruth Jordan und Norbert Gundacker bedanken. Ganz aus den Augen verlieren werden wir uns nicht: Zum Klassentreffen im Dezember ist auch die taz eingeladen. Wir werden dann natürlich darüber berichten, wie es den ehemaligen SchülerInnen "unserer Hauptschulklasse" geht.
Ein Abschied mit Sahnehäubchen
taz-Serie "Das letzte Jahr" (Teil 8 und Schluss): Für die Jungen und Mädchen der Klasse 10/3 ist die Zeit an der Werner-Stephan-Hauptschule in Tempelhof vorbei. Mit einem großen Fest wurden das Schuljahresende und der 100. Geburtstag der Schule gefeiert. Wehmütig waren dabei vor allem die Eltern
VON ALKE WIERTH
"Wenn ich in die Zukunft seh, seh ich endlose Probleme, wohin ich auch geh, ich hab Probleme", rappt ein schmaler, blonder Junge von der Bühne auf dem Schulhof der Werner-Stephan-Oberschule: "Jeder weiß das, scheiß drauf." Die Jugendlichen vor der Bühne wippen mit, die Musik gefällt ihnen. Auch sonst ist ihre Stimmung prächtig - ihr aktuelles Lebensgefühl spiegelt der Rap offensichtlich nicht wider.
"Total erleichtert" fühle sie sich, sagt Sandy, streicht ihre langen, blonden Haare zurück und lächelt. Beinahe in letzter Minute hat sie noch eine Lehrstelle gefunden: Bei einer Bäckereikette wird die großgewachsene 16-Jährige eine Ausbildung zur Backwarenverkäuferin machen. Fast wäre sie trotz ihrer guten Leistungen in der Schule leer ausgegangen. Denn Sandy hat lange gebraucht, um die Enttäuschung darüber zu verarbeiten, dass aus ihrem Praktikum bei einem großen Modehaus kein Ausbildungsvertrag wurde. Bekleidung zu verkaufen wäre ihr größter Wunsch gewesen. Nun werden es eben Brötchen.
Dass Sandy dennoch glücklich ist, ist unübersehbar. So entspannt wirkte die Klassensprecherin der 10/3 lange nicht mehr. Ihrem Traum vom eigenen Einkommen, der eigenen Wohnung ist sie ein Stückchen näher. Zuvor wird sie drei Jahre Ausbildung durchhalten müssen: "Kein Problem", sagt Sandy. Es klingt sehr entschlossen.
Treffer in letzter Sekunde
Auch Computerfreak Robert hat in letzter Sekunde noch einen Treffer gelandet: Als Elektroniker für Systeme und Geräte wird er eine Ausbildung an der Charité beginnen. Mit Dennis, der Konditor wird, und Stephan, der eine Ausbildung zum Elektriker macht, haben damit vier aus der Gruppe einen betrieblichen Ausbildungsplatz gefunden. Für eine Berliner Hauptschulklasse ist das ein ziemlich guter Schnitt. Kein Wunder also, dass die Schülerinnen und Schüler der 10/3 beim Schulfest entspannt am Stand ihrer Klasse stehen. Was sie den Gästen hier verkaufen, passt gut zu ihrer Stimmung: exotische Cocktails, versüßt mit Sahnehäubchen, verziert mit Ananas und Bonbons. Von der Angst vor den endlosen Problemen, die der Rapper besingt, merkt man ihnen heute jedenfalls nichts an.
Einzig Francesca hält sich ein bisschen abseits. Mit ihrer Mutter hat sie sich neben der Cocktailbar auf den Rasen gesetzt. Das Mädchen mit dem immer freundlichen Lächeln gehört zu den Integrationskindern der Klasse 10/3. "SchülerInnen mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung" heißen diese in korrektem Behördendeutsch. Francesca hat Probleme mit dem Lesen und Schreiben: Obwohl sie alle Buchstaben kennt, fällt es ihr schwer, sie zu Worten zusammenzufügen. "Sie sitzt zu Hause mit einem Buch in der Hand und ist traurig, weil sie es so gerne lesen würde", sagt ihre Mutter. "Aber sie schafft es nicht."
Francesca ist sich ihrer Handikaps völlig bewusst. Und versucht aktiv, sie in den Griff zu kriegen. "Ich brauche viel Förderung", sagt die 17-Jährige fachmännisch. Deshalb verlässt sie die Werner-Stephan-Oberschule nur ungern, und auch ihrer Mutter fällt der Abschied schwer. "Wir hätten es nicht besser treffen können", lobt sie die Hauptschule. Der Kontakt zu den LehrerInnen sei hervorragend gewesen, der Einsatz der Lehrkräfte für ihre Schüler hoch.
Gerade noch, auf der Klassenfahrt nach Usedom, hat Francesca davon profitiert. Mit viel Geduld hat ein Begleitlehrer dem Mädchen, das sich seit seiner Grundschulzeit nicht mehr ins Wasser getraut hatte, das Schwimmen beigebracht. Für Francesca sind solche Erlebnisse ein Beweis dafür, dass sie es schaffen kann, selbstständig zu werden. Denn davon träumt sie: von einer eigenen Familie, von Kindern, von einem Beruf. Francesca strahlt, wenn sie davon erzählt. Ihre Mutter kämpft mit den Tränen. Sie macht sich Sorgen um die Zukunft ihrer Tochter.
Der Abschied fällt schwer
Die Loschmidt-Schule in Charlottenburg, die Francesca in den nächsten Jahren besuchen wird, ist darauf spezialisiert, Jugendliche mit Lernschwierigkeiten ins Berufsleben zu integrieren. Ihr Ruf und ihre Ausstattung sind hervorragend. Francescas Mutter weiß das. Der Abschied von der alten Tempelhofer Hauptschule fällt ihr trotzdem schwer.
Die Mutter von Klassensprecher Johannes ist erheblich entspannter. Auch ihr wird die Schule fehlen: Sie hat sich in den letzten Jahren sehr im Förderverein und in der Elternarbeit engagiert. Wenn ihr Sohn hier nicht mehr lernt, muss sie sich umorientieren: "Das ist ein neuer Lebensabschnitt - für uns beide." Dass ihr da etwas Gutes einfallen wird, glaubt man der agilen Frau, die beruflich ein Altenheim leitet, sofort. Auch wenn ihr der Abschied ein bisschen wehtut: Sie strahlt Zuversicht und Optimismus aus. Und ziemlich zuversichtlich sieht sie auch die Zukunft ihres Sohns.
Der wird nach den Ferien erst einmal ein Oberstufenzentrum besuchen. Eigentlich hätte er lieber eine Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker begonnen, doch das hat nicht geklappt. Für den Fall, dass er doch noch eine Lehrstelle findet, würde er die Schule auch wieder kippen. Seine Mutter betrachtet das alles mit viel Gelassenheit: "Dann soll er das machen." Dass er gerade keine große Lust auf Schule habe, könne sie verstehen. "Er wird irgendwann sicher merken, dass ihm handwerkliche Arbeit nicht reicht", vermutet sie. Und wenn es doch anders kommt: "Hauptsache, er findet Zufriedenheit!"
Als Johannes vor vier Jahren an der Werner-Stephan-Oberschule anfing, war seine Mutter von so viel Vertrauen und Gelassenheit weit entfernt. Am Rande der Verzweiflung sei sie damals gewesen, beschreibt sie ihre Verfassung nach der Grundschulzeit ihres Sohnes: "Ich dachte, mit ihm stimmt etwas nicht." Dabei hatte sie bereits alles ausprobiert, was ihr an Unterstützung angeboten worden war: von schulpsychologischer Beratung bis zu therapeutischer Hilfe. Doch Johannes verweigerte sich der Schule komplett. Seine Leistungen waren schlecht, seine Zappeligkeit machte es nahezu unmöglich, ihn zu unterrichten. "Er wurde nur noch so mitgezogen", erinnert sich seine Mutter. Die Schulpsychologen empfahlen ihr den Wechsel an die Werner-Stephan-Oberschule.
"Angst" habe sie vor der Hauptschule zunächst gehabt, erzählt sie: Angst vor Gewalt, vor Chaos, vor demolierten Möbeln und beschmierten Wänden. "Aber als ich das erste Mal in die Schule kam, war sofort klar, dass das hier mit meinen Vorurteilen nicht übereinstimmte." Und dann passierte das, was Johannes Mutter heute "ein Wunder" nennt: "Nach einem halben Jahr war er wie verwandelt." "Strahlend" sei der Junge plötzlich nach Hause gekommen. Und starr vor Staunen hielt die Mutter irgendwann eine Deutscharbeit ihres Sohnes in der Hand, die mit einer "Zwei" benotet worden war. "Das war eine 'pädagogische Zwei' ", erinnert sie sich. Doch auch wenn die gute Note nicht ganz berechtigt war: Sie erfüllte ihren Zweck: "Von da an ging es nur noch bergauf mit ihm."
Johannes gehört heute zu jenen vier SchülerInnen der Klasse 10/3, die die Prüfungen für den Mittleren Schulabschluss (MSA) bestanden haben - und ist der Einzige mit so guten Noten, dass er in die gymnasiale Oberstufe wechseln könnte. Und nicht nur seine Noten sind gut. Auch sein Selbstbewusstsein ist in den letzten Jahren gewachsen. Als Klassensprecher und Mitglied des Schülerrats hat er viel Erfahrung mit öffentlichen Auftritten gesammelt, hat die Schule bei Preisverleihungen und anderen Terminen repräsentiert.
Cha-Cha-Cha unterm Dach
Im Moment ist Johannes trotzdem nervös. Gleich wird er sich in einen schwarzen Anzug werfen, um auf der 100-Jahr-Feier seiner Schule einen Cha-Cha-Cha vorzuführen. Seine dunklen Locken hat er sorgfältig nach hinten gegelt. Den Tanzkurs hat ein Mitschüler angeboten. Dessen Partnerin ist heute leider krank. Deshalb kreisen beim Cha-Cha-Cha nur zwei Paare über das Parkett der Aula hoch oben unterm Dach der Werner-Stephan-Schule. Die Schüler bieten ihren Gästen außerdem eine Vorführung der Trommelgruppe, selbstgeschriebene Gedichte und ein kleines Theaterstück dar. "Das alles geht auch an Hauptschulen", sagt Ruth Jordan, die Klassenlehrerin der 10/3, die durch das Programm der Jubiläumsveranstaltung führt.
"Wenn du heute auf die Hauptschule geschickt wirst, heißt das: Du bist ganz unten", sagt der Schülersprecher der WSO später in seiner Ansprache. "Bin ich hier richtig?", habe er sich deshalb gefragt, als er an die Werner-Stephan-Schule gekommen sei. Heute könne er sagen: "Ja, ich bin hier richtig. Ich bin stolz darauf, auf dieser Schule zu sein."
Auch Siegfried Arnz, der ehemalige Leiter der Werner-Stephan-Schule, ist zur 100-Jahr-Feier gekommen. Heute ist er Hauptschulreferent bei der Senatsverwaltung für Bildung, wo er die Arbeitsgruppe leitet, die das Projekt Gemeinschaftsschule entwickeln und umsetzen soll. "Wir werden mit der neuen Schulform nur dann Erfolg haben", sagt Arnz in seiner Rede, "wenn wir die Erfahrungen aus Schulen wie dieser in den neuen Schultyp übertragen."
"Vier Jahre lang gute Erfahrungen gesammelt"
Interview mit Klassenlehrerin Ruth Jordan
taz: Frau Jordan, wie fühlen Sie sich als Klassenlehrerin in den letzten Wochen des letzten Schuljahres ihrer Zehntklässler?
Ruth Jordan: Es fällt mir sehr schwer, mich von dieser Klasse zu trennen. Jeder Einzelne in der Klasse ist mir ans Herz gewachsen - aus den unterschiedlichsten Gründen. Es ist keiner dabei, von dem ich sagen müsste: Ganz gut, dass ich den nicht mehr jeden Tag sehen muss. Und auch die SchülerInnen sind zwar gerade sehr mit ihrer Zukunft beschäftigt, sie müssen sich aber auch immer mal wieder bei uns rückversichern: Seid ihr noch da? Und das finde ich gut.
Glauben Sie, dass Sie erfolgreich waren als Lehrerin?
Ich wünsche mir immer, ich hätte ihnen noch mehr mitgeben, mehr beibringen können. Manche unserer Schüler sind einfach zu jung, zu unbeholfen. Es fehlt ihnen an Sicherheit und Souveränität. Sie sind gut hier im gewohnten Kontext ihrer Schule, ihrer Klasse. Aber draußen, in einer Bewerbungssituation, ist das etwas anderes. Ich frage mich oft, wie man das noch besser trainieren kann. Man kann den Ernstfall ja immer nur simulieren.
Auch vielen Ihrer SchülerInnen fällt es sehr schwer, zu gehen.
Ja. Die Identifikation der Schüler mit unserer Schule ist sehr hoch. Sie fühlen sich wohl hier, sie sind geschützt, sie werden respektiert und gefördert. Das ist gut. Aber es wird dann, wenn die Schule zu Ende geht, auch ein Problem. Es fällt manchen Schülern schwer, zu gehen. Hier haben sie vier Jahre lang gute Erfahrungen gemacht. Und danach geht es für die meisten nicht so weiter. Das wissen sie.
Was kommt jetzt auf die SchülerInnen zu?
Es ist durch die Einführung des Mittleren Schulabschlusses für viele noch schwerer geworden, eine Lehrstelle zu finden. Denn da jetzt eben auch jeder Hauptschüler - jedenfalls formal - die Chance hat, einen MSA zu erreichen, wird der Hauptschulabschluss weiter abgewertet. Für die, die einen Ausbildungsplatz finden, ist oft die Berufsschule ein Problem. Dort wird wenig Rücksicht auf die Hauptschüler genommen, es wird nicht mehr gefördert - Berufsschullehrer ziehen ihren Stoff durch. Viele scheitern daran.
Für die, die keine Lehrstelle haben, gibt es verwirrend viele Maßnahmen und Angebote. Ist das gut organisiert? Sind die Angebote gut und vor allem: richtig für die Jugendlichen?
Ich kann die Qualität dieser Maßnahmen nicht beurteilen, dafür sind sie auch zu vielfältig und unterschiedlich. Ich sehe aber, dass es für die Jugendlichen oft schwer ist, sich in neue Klassenverbände zu integrieren. Unsere Schüler sind ja keine einfachen. Sie brauchen manchmal lange, um sich in ihrer Umgebung wohl zu fühlen und dann auch zeigen zu können, was sie drauf haben. Für manche ist es ein Problem, sich da noch mal ganz neu orientieren zu müssen, und oft ja nur für ein Jahr. Manche steigen da aus.
Was wünschen Sie Ihren SchülerInnen?
Ich wünsche mir, dass jeder von ihnen seinen Weg findet, wie immer der auch aussehen mag. Ich wünsche mir, dass sie glücklich werden und etwas finden, womit sie zufrieden sind in ihrem Leben. Und ich wünsche mir auch - das ist ein bisschen egoistisch -, dass sie etwas von dem, was sie bei uns an Selbstbewusstsein mitbekommen haben, retten können in das Leben, das nach der Schule kommt.
INTERVIEW: ALKE WIERTH




