



Auf besonders würdige Weise gedachten Schüler in Eberswalde in diesem Jahr Amadeu Antonio, der vor 16 Jahren ermordet wurde.
Von Holger Kulick
Am 6. Dezember 1990 starb der 28-jährige Angolaner Amadeu Antonio in Eberswalde an den Folgen eines nächtlichen Überfalls durch eine Gruppe Neonazis. Um nicht wie jedes Jahr nur einen Kranz zum Gedenken niederzulegen, übernahmen Schüler in diesem Jahr die Regie.
So aufgeschlossen für das Thema Rechtsextremismusbekämpfung hatte Kai Jahns, der Leiter des Eberswalder Zentrums für demokratische Kultur, Jugendarbeit und Schule e.V., bislang noch keinen Bürgermeister erlebt. Friedhelm Boginski (FDP), gerade erst eine Woche im Amt, war bislang Schulleiter der Goethe-Schule Eberswaldes, einer Schule, die sich seit 2003 besonders engagiert zu ihrem Titel "Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage bekennt, und sich grenzübergreifende Projekte auf die Fahne geschrieben hat. Nur "einen Kranz abzuwerfen" kam für ihn nicht infrage. Auch nicht das übliche Programm, zum x-ten Male eine Podiumsdebatte über all das durchzuführen, was sich in Eberswalde vielleicht oder vielleicht auch nicht gewandelt hat, vor immergleichem Publikum.
Doch da es mittlerweile allein drei Schulen "ohne Rassismus" in Eberswalde und im benachbarten Schorfheide gibt, lag es für den ehemaligen Schuldirektor nahe, genau dieses Potenzial zu aktivieren. Außerdem gibt es das Finowgymnasium, wo eine Schüler-AG schon vor längerem durchgesetzt hat, dass eine Schulpartnerschaft nach Angola entstand, dem Land aus dem der ehemalige DDR-Vertragsarbeiter Amadeu Antonio stammte. Aus Kostengründen siecht das Projekt jetzt leider etwas dahin.
Warum aber eine solche Konstellation nicht nutzen? Daher, so regte Bürgermeister Boginski an, sollten doch Schüler aus allen Eberswalder Schulen gemeinsam einen Aktionstag durchführen, an dem Lehrer fast nichts zu sagen haben. "Amadeu Antonio, als eines der ersten Opfer rassistischer Gewalt im Deutschland nach der Wiedervereinigung, erinnert uns daran, dass wir entschlossen für eine offene und demokratische Gesellschaft zusammen stehen müssen", hieß es in der Einladung. Das hochgesteckte Ziel: "Wir werden Ideen für ein Zusammenleben in gegenseitiger Achtung sammeln und Handlungsschritte vereinbaren, um dieses zu sichern."
Im Rahmen eines "open space" mit selbstgesetzten Themen sollten Alltagsrassismus, Rechts-Links-Schemata oder Rezepte gegen Rechtsextremismus debattiert und Rezepte entwickelt werden, wie durch kontinuierliche Arbeit Rassismus zurückgedrängt werden kann. Die Themen, die die jungen Leute zur Debatte stellen, sind vielfältig: "Warum musste Amadeu sterben? Was prägt mich rassistisch? Warum machen Menschen sowas Schreckliches? Wie werden junge Leute zu "Nazies"? Werden Kinder von Eltern zu Nazis gemacht? Sind Nazis unter uns? Und wie kann man ihnen "gekonnt kontern"? Aber auch Lösungen werden zur Diskussion gestellt: "Es soll keiner ausgegrenzt werden!" steht auf einem der gelben Aushänge, "Wer hat Interesse an Kontakten mit Polen und Ukrainern?" auf einem anderen. Und zum Gedenken an Amadeu Antonio werden in einer AG Logos entwickelt mit denen künftig für einen neuen Gemeinschaftsgeist geworben werden soll. Das Motto: "Light me Amadeu!"
Aber noch ist Eberswaldes Klima von Alltagsrassismus und Ausgrenzung geprägt - weniger durch tätliche Gewalt, aber sehr stark durch Worte, beschreiben die Mitglieder des örtlichen afrikanischen Kulturvereins Palanca. Aber auch Überfälle gibt es noch 15 Jahre nach dem Tod von Amadeu Antonio. Gerade erst hat das Amtsgericht Eberswalde einen von drei Angreifern auf einen 17-jährigen Afrodeutschen verurteilt, zwei Jugendliche hatten ihn am Busbahnhof Eberswalde festgehalten und ein 50-jähriger Mann hat dem Wehrlosen seelenruhig die Faust ins Gesicht geschlagen. Wäre nicht eine Autofahrerin dazwischen gegangen, wer weiß, was ihm noch passiert wäre. Warum kommt es zu solcher Gewalt, reflektieren gleich mehrere Gruppen. Die gesammelten Antworten: falsche Erziehung, Angst Gefühle zu zeigen, Abstumpfung durch Computerspiele, Alkohol und Verführung durch Freunde, Imponiergehabe, falsche Vorbilder, Suche nach Anerkennung und Respekt in der Gruppe.
Ausgesprochen offen tauschen sich in einer anderen Arbeitsgruppe Schüler aus, welche Formen von Ausgrenzungen sie selbst erleben. Einzelne Kinder berichten von ihren Eltern, mit denen sie nicht reden können, von Alkohol und Schlägen zuhaus und der Angst ausgegrenzt zu werden, weil sie sich kein topmodernes Handy leisten können. In einer anderen Ecke wird etlichen Teilnehmern bewusst, wie sehr ihr Denken längst in Schubladen verankert ist. Zunächst dürfen sich alle positionieren: wir sind neutral sagen 16, links 11, rechts 5. Vor allem an Kleidung machen sie das gegenseitig fest. Die Rechten, wird dabei deutlich, können die schmuddeligen Punks nicht leiden, die Punks wiederum verachten die aufgeräumten Rechten. Sonst trennt sie in dieser Runde gar nicht viel, aber nur ungern reduzieren die jeweiligen Opponenten ihr Schubladendenken. Vorurteile übereinander, so erweist sich, sitzen tief. Ist man als Rechter dann schon ein Nazi? Nur dieses eine mal wird ein Lehrer um Hilfe gerufen, um zu klären, ab wann man eigentlich ein Nazi ist. Alle sind erleichtert, er nennt gleich ganz viele Kriterien.
Am Ende wird versucht, für die Zukunft zu planen. "Gefährdete Schüler am rechten Rand irgendwie da weg holen", lautet eine der schwierigeren selbstgestellten Aufgaben, "eine gemeinsame Schülerzeitung gründen" eine wohl leichtere. Und Schüler einer der beteiligten Schulen, fest der Ansicht den Titel "Schule ohne Rassismus" schon gar nicht mehr zu verdienen, weil an ihrer Schule zuwenig Engagement deutlich wird, wollen noch mal alles daran setzen, ihre Mitschüler wieder zu aktivieren. "Es muss cool werden, etwas für mehr Miteinander und Demokratie zu tun", das sei das Ziel. Schon am 14. Februar soll sich wieder getroffen werden, damit der neue Geist von Eberswalde Schule macht und nicht verweht.