SOR-SMC -  UN-Bildungskommissar

UN suchen Chancen für arme Kinder

Ein Sonderberichterstatter schaut sich in Deutschland um – in Ost und West. In Berlin besuchte er die „Arche“ und fand sich mitten in einer Kinderparty wieder

 

Von Stefan Jacobs, Der Tagesspiegel

 

Der Besuch eines UN-Gesandten ist für Bernd Siggelkow noch lange kein Grund, die Kid’s Party abzubrechen. Während draußen der schwarze Mercedes vorfährt, feuert der Pfarrer und Leiter der „Arche“ weiter die Kinder an, die um die Wette durch einen Stoffschlauch klettern. Vorhin gab es Torte für alle, jetzt wird gespielt und als Höhepunkt der Woche ein Fahrrad verlost. Ein knallrotes Mountainbike, von einer Autozeitschrift gesponsert. Als Siggelkow die Gewinnerin ausruft, hat der UN-Gesandte bereits auf einem Stuhl zwischen hundert lärmenden Kindern Platz genommen.

 

Drei Jahre reist der Jura-Professor Vernor Muñoz Villalobos aus Costa Rica im Auftrag der Vereinten Nationen um die Welt. Anschließend wird er berichten, wie das Menschenrecht auf Bildung verwirklicht wird. Man mag leise erschrecken darüber, dass auf seinem Programm an diesem Dienstag auch das Kinder- und Jugendzentrum am östlichen Rand von Berlin-Hellersdorf steht. Schließlich sind die UN vor allem in Krisengebieten aktiv.

 

Ein etwa zehnjähriges Mädchen erzählt dem Gast vom Wochenprogramm mit Tanz und Spielen und von den Betreuern, die einem auch mal zuhören. Muñoz Villalobos sagt,er sei hier, „um zu erfahren, was hier gemacht wird und warum“. Er wolle Einrichtungen in Ost und West besuchen; Deutschlands Schulen interessierten ihn sowohl wegen der Wiedervereinigung als auch wegen des komplizierten föderalen Bildungssystems besonders. Außerdem kennt er die Pisa-Studie. Er weiß, dass Bildungschancen in Deutschland mehr als anderswo vom Status der Eltern abhängen. Ein Urteil wolle er sich nach zwei Besuchstagen noch nicht erlauben; erst nächste Woche gibt er eine Pressekonferenz. Ein Begleiter aus dem Bundesbildungsministerium sagt, man solle den Besuch nicht als Alarmsignal auffassen: Es gehe nur um den weltweiten Vergleich, um ein Teil im großen Puzzle.

 

Die kleine Jennifer schiebt zufrieden ihr neues Fahrrad in den Flur des dreistöckigen Plattenbaus. Durchs Mikrofon erklärt Siggelkow die Kid's Party für beendet. Die Horde rennt nach draußen, zurück bleiben der würdevolle Muñoz Villalobos und seine Entourage. Jetzt hat Siggelkow Zeit, das Konzept der fast komplett aus Spenden finanzierten „Arche“ vorzustellen. Vor zehn Jahren hat die „Arche“ als Suppenküche angefangen, weil Siggelkow fand, dass Kinder eine warme Mahlzeit am Tag bekommen sollten. Daraus wurde inzwischen ein Freizeitzentrum mit Ablegern in Friedrichshain und Hamburg. Für viele Kinder und Jugendliche ist es der einzige Anker in ihrem unübersichtlichen Leben.

 

Siggelkow berichtet dem Gast von den Vorbehalten der Bezirkspolitiker gegen das kirchliche Gedankengut hinter dem Projekt. Auch Muñoz Villalobos interessiert sich für die Religion: „Glauben Sie, dass die christliche Ausrichtung ein Hindernis für andere Kinder sein könnte?“ Siggelkow berichtet von 35 Prozent Ausländeranteil bei den Besuchern der „Arche“ in Friedrichshain und von 70 Prozent in dem neuen Hamburger Projekt. „Und die machen alle mit?“, insistiert der Gast. „Ja“, sagt Siggelkow. „Was Kinder brauchen, ist Liebe.“ In der „Arche“ müsse niemand beten. Ob ein Angebot wie dieses nicht eigentlich vom Staat gesichert werden sollte, will der Gast wissen. Siggelkow und sein Co-Chef Kai Uwe Lindloff berichten über den allgemeinen Rückzug des Staates, über leere Kassen und über fünf Millionen Arbeitslose. Deutlicher werden sie nicht. Der Gast interessiert er sich auch für die geplante Privatschule (siehe nebenstehender Text). Als er das auf Stipendien, Sponsoren und Spendern beruhende Konzept gehört hat, nickt er anerkennend. „Wir schätzen die Arbeit sehr, die Sie hier leisten“, sagt er zum Abschied. Draußen ist es dunkel geworden und still. Nur aus einem Raum der Arche dringt gedämpfte Musik: Die Jugendlichen sitzen in der Lounge zusammen. Sie wollen nicht nach Hause.

 

Quelle:  Der Tagesspiegel, 15.02.2006

 


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