Bundestreffen 2011 in Dessau-Roßlau




Gedenkveranstaltung für Alberto Adriano
Gedenkveranstaltung für Alberto Adriano
Der Landesarbeitsminister Norbert Bischoff (SPD, 3. von links) und der Kirchenpräsident Joachim Liebig (2. von links)
Der Landesarbeitsminister Norbert Bischoff (SPD, 3. von links) und der Kirchenpräsident Joachim Liebig (2. von links)

In der Aula des Bauhauses war kein Platz mehr frei. Dort, wo in den 20er Jahren der Architekt Walter Gropius seine Kunst-Vorlesungen hielt, fand an diesem Pfingstwochenende die Eröffnungsveranstaltung des Bundestreffens von Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage statt. Rund 130 SchülerInnen kamen nach Dessau-Roßlau, um sich in diversen Workshops mit dem Thema "Liebe, Geschlecht und Migration -  Geschlechterrollen in der Einwanderungsgesellschaft" auseinanderzusetzen.

 

Zusammen mit Cornelia Habisch, Landeskoordinatorin von Schule ohne Rassismus und Mitarbeiterin der Landeszentrale für politische Bildung in Sachsen-Anhalt, begrüßten Ingo Grastorf und Alexander Freier von der Bundeskoordination die Schüler, Lehrer und Referenten aus dem gesamten Bundesgebiet. An diesem Abend und beim Markt der Möglichkeiten stellten die SchülerInnen ihre Schulprojekte vor.

 

Sie berichteten über das schwul-lesbische Aufklärungsprojekt Schlau in Nordrhein-Westfalen, zeigten Fotos eines Anti-Diskriminierungsprojekts vom Goethe-Gymnasium Bensheim, präsentierten einen Film über das Theaterprojekt "Die Karstadter Juden unterm Hakenkreuz" und beklatschten die saarländische Video- und Songproduktion "Farbenblind".

 

Kurz vor dem Eröffnungsplenum hatten einige SOR-SchülerInnen an dem 11. Gedenktag für Alberto Adriano teilgenommen. Der Mosambikaner war in der Nacht vom 10. auf den 11. Juni 2000 von drei Neonazis im Dessauer Stadtpark so brutal zusammengeschlagen worden, dass er drei Tage später an den Folgen seiner schweren Verletzungen starb.

 

Der Landesarbeitsminister Norbert Bischoff (SPD) und der Kirchenpräsident Joachim Liebig erinnerten in ihren Ansprachen an den "Aufstand der Anständigen", den der damalige Bundeskanzler Gerhard Schöder (SPD) nach diesem Mord und einer Serie von Anschlägen forderte. Und Liebig mahnte: "Die Demokratie lebt von der Achtung der Menschenwürde". Zum Ende der Veranstaltung legten Vertreter des Landes, der Stadt Dessau und von Opferberatungsstellen Kränze und Blumen am Gedenkstein im Stadtpark nieder.

 

An Alberto Adriano erinnert auch das Musikprojekt  "Brothers Keepers", ein Zusammenschluss von rund 90 Künstlern, mit ihrem Song  " Letzte Warnung".

 

Unter den Anwesenden im Stadtpark befand sich auch Razak Minhel. Der Leiter des Multikulturellen Zentrums Dessau setzt sich aktiv für die politische Partizipation von Migranten ein. Während des Eröffnungsplenums am Abend berichtete er den SchülerInnen von seiner Arbeit u.a. über das "Seminar_Pro", in dem Jugendliche ausgebildet werden, um sich argumentativ gegen Antisemitismus und Rassismus positionieren zu können.

Workshop "Schwul, lesbisch, bi" mit Martin Ganguly
Workshop "Schwul, lesbisch, bi" mit Martin Ganguly
Workshop "Die Geschichte des Bauhauses" mit Nelly Stein
Workshop "Die Geschichte des Bauhauses" mit Nelly Stein
Workshop "Aktive Rollen von MigrantInnen in unserer Gesellschaft" mit Dr. Karamba Diaby
Workshop "Aktive Rollen von MigrantInnen in unserer Gesellschaft" mit Dr. Karamba Diaby
Workshop "Islam, Islamismus und Jugendliche in Deutschland" mit İbrahim Gülnar
Workshop "Islam, Islamismus und Jugendliche in Deutschland" mit İbrahim Gülnar
Workshop "Dessau im Nationalsozialismus" mit Jana Müller
Workshop "Dessau im Nationalsozialismus" mit Jana Müller

Mit Theater Kunst und Musik

 

Der nächste Tag stand im Zeichen der Workshops. Die SchülerInnen konnten an diesem Samstag zwischen neun Projekten wählen:

 

  • Islam, Islamismus und Jugendliche in Deutschland, Referent: Ibrahim Gülnar vom Mobilen Beratungsteam "Ostkreuz,
  • Geschlechterrollen in der rechtsextremen Szene, Referentin: Renate Feldmann von der Forschungsstelle Frauen und Rechtsextremismus,
  • Theater, Referent: Lutz Bublitz vom Theater Rote Grütze,
  • Aktive Rollen von MigrantInnen in unserer Gesellschaft, Referent: Dr. Karamba Diaby vom Landesnetzwerk der MigrantInnenselbstorganisation Sachsen-Anhalt,
  • Die Geschichte des Bauhauses in Dessau, Referentin: Nelly Stein vom Bauhaus Dessau,
  • Künstlerisches Engagement gegen Rassismus, Referentin: Hjördis Hoffmann ebenfalls vom Bauhaus Dessau,
  • Schwul, lesbisch, bi, Referent: Martin Ganguly vom Humanistischen Verband,
  • Repression und Haft in der DDR*, Referenten: Sascha Möbius, Gedenkstätte Marienborn und Zeitzeugin Melanie Kollatzsch,
  • sowie Dessau im Nationalsozialismus, Referentin: Jana Müller vom Alternativen Jugendzentrum in Dessau.

Ihre zahlreichen Ergebnisse präsentierten die SchülerInnen am späten Nachmittag im Plenum: sie führten zwei Theaterstücke auf, in denen sie Mobbing unter Schülern thematisierten, berichteten von ihren Erfahrungen etwa beim Stadtrundgang in Dessau, lasen Gedichte und lyrische Texte* und zeigten bei den Workshops entstandene Kunstwerke.

 

Am Abend wurde in der Jugendherberge gegrillt, es gab ein Lagerfeuer - und ein Überraschungskonzert. Florian Steindle von der Alten Feuerwache Kreuzberg war aus Berlin mit den Musikern Kizu, Jeffrey John und EAN angereist. Die drei Rap for Q-Rage-Contest Gewinner rappten nach dem Konzert noch bis nach 22 Uhr spontan über Dessau, Forellen und Airwave-Kaugummis - und verteilten anschließend Autogramme auf diversen Unterarmen.

Schüler-Themen im Open Space

 

Am letzten Tag des Bundestreffens hatten die SchülerInnen die Möglichkeit, sich im Rahmen eines Open Space über ihre Themen auszutauschen.

 

Am Sonntagvormittag diskutierten sie z.B. über die alltäglichen Diskriminierungen, denen Kinder und Jugendliche, die von Hatz IV leben müssen, ausgesetzt sind, debattierten über "die Polizei, dein Freund und Helfer", unterhielten sich über Kooperationsmöglichkeiten im Bundesnetzwerk von SOR und tauschten sich über Diskriminierungen im Frauenfußball aus.

 

Mit der treffenden Feststellung: "So jung wie heute und in dieser Konstellation kommen wir nie wieder zusammen", beendeten Alexander Freier und Ingo Grastorf schließlich das diesjährige SOR-Bundestreffen in Dessau.

Zeitzeugin Melanie Kollatzsch
Zeitzeugin Melanie Kollatzsch
Maximilian B., Schüler vom Gymnasium Finow aus Eberswalde
Maximilian B., Schüler vom Gymnasium Finow aus Eberswalde
Alle Fotos: Metin Yilmaz
Alle Fotos: Metin Yilmaz

Haftstationen

 

* Die Zeitzeugin Melanie Kollatzsch berichtete in einem Workshop über ihre Haftstrafe in der DDR. Sie wurde kurz nach dem Krieg als 20-Jährige auf dem Weg zu ihren Eltern in der sowjetisch besetzten Zone wegen illegalen Grenzübertritts und Spionage-Verdachts festgenommen.

 

Die Haftstrafe, 25 Jahre Arbeitslager, wandelte die DDR in 15 Jahre Haft um. Erst 2006 wurde sie nach zahlreichen Protesten prominenter Unterstützer rehabilitiert.

 

Maximilian B., Schüler vom Gymnasium Finow aus Eberswalde, schrieb in dem Workshop "Gesicht zur Wand" folgenden lyrischen Text über die fünf Haftstationen von Melanie Kollatzsch:

5 Stationen

1. Sachsenhausen

Muttchen Lutz
Das Lied der Liebe
Knochenkalle
"Heute nur fünf Stück"
Erholung.


2. Potsdam/Leistikowstraße

Das erste Mal gestorben
Schreie, Gebrüll, Angst
Kinderlieder
Glockengeläut
ein schlechter Traum im Tiefschlaf
Blut an den Wänden
totschlagen, ausziehen oder fein Essen gehen
Luft!


3. Waldheim

Zuchthaus
die Pflicht der Aufseher
offene Türen
Baum zum Aufhängen
unser großer Bruder
das vierte Fenster von rechts
Klopfzeichen
Einzelhaft.


4. Roter Ochse/Halle

Festung
Zelle 21
Mit dem Gesicht zur Wand
Glasbausteine
Märchen
Holzpantinen
der Turm sah alles...
... oder nichts.


5. Halberstadt

die Bleistiftmine
verschärfter Arrest
Leipzig
Doppelbetten
rote Wand
Reisebügeleisen


0.

wir haben den Schlüssel
15 Jahre, 5 Monate, 11 Tage


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