
Stell Dir vor, an Deiner Schule ist der Unterricht vorbei, viele Schüler und Schülerinnen verlassen die Schule. Vor der Schule warten, wie jeden Tag, Eltern, Freunde und Freundinnen der MitschülerInnen von Dir. Und dann ist da ein Junge aus Deiner Schule, 16 Jahre alt, der in diesem Moment auf einen Jungen vor Deiner Schule zugeht, heftig mit ihm knutscht und dann mit ihm Arm in Arm davon geht. Was glaubst Du, was dann los wäre? Es gibt viele Möglichkeiten, eine der folgenden würde bestimmt passieren:
Beispiele, die zeigen, dass gleichgeschlechtlich Liebende, Gefahr laufen, bedroht und diskriminiert zu werden, wenn sie sich sichtbar zeigen und nicht verstecken. In der offiziellen Sprache wird das "Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung" genannt. Passieren kann dies also zwei Jungs, aber auch zwei Mädchen, Jungs, die sowohl mit Jungs als auch mit Mädchen zusammen sind, Mädchen, die mit Jungs und Mädchen zusammen sind und so weiter. Was ist eigentlich sexuelle Orientierung? Dieser Begriff taucht meist im Zusammenhang mit Homosexualität (also Gleichgeschlechtlichkeit) auf.
In der Umgangssprache werden homosexuelle Männer "Schwule" und homosexuelle Frauen "Lesben" genannt. Die Begriffe waren früher eigentlich Schimpfwörter, werden aber von Menschen mit homosexueller Orientierung inzwischen selber benutzt, auch um den Stolz auf die eigene sexuelle Orientierung aus zu drücken. Heterosexualität (Gegengeschlechtlichkeit) und Bisexualität (sowohl Gegenals auch Gleichgeschlechtlichkeit) sind weitere sexuelle Orientierungen. Dagegen sind Transsexualität und Intersexualität keine sexuellen Orientierungen, auch wenn die Begriffe ähnlich wie die obigen klingen. Transsexualität heißt eigentlich "jenseits der Geschlechtlichkeit" und umfasst Menschen, die sich in ihrem "biologischen" Geschlecht nicht wohl fühlen und das Geschlecht wechseln möchten. Sie können hetero-, homo- oder bisexuell sein.
Intersexualität umfasst Menschen, die "biologische" Geschlechtsmerkmale beider Geschlechter aufzeigen (in der Umgangssprache sogenannte "Zwitter"). Und in den letzten Jahren definierten sich immer mehr Menschen als "transgender" (also jenseits der Geschlechter). Darunter sind Menschen zu verstehen, die keine festen Geschlechtsrollen einnehmen wollen, also sich weder in die Schublade "männlich", noch "weiblich" pressen lassen wollen, aber auch nicht ihr "biologisches" Geschlecht ändern wollen.
Du siehst, alleine der Begriff "sexuelle Orientierung" ist ganz schön vielfältig. Die Begriffserklärungen klingen so, wie wenn eine sexuelle Orientierung sich so leicht von der anderen abgrenzen ließe. In der Realität sieht das anders aus. Daneben leben viele Menschen heutzutage weitere sexuelle Bedürfnisse in sehr verschiedenen Beziehungsstrukturen. Da solche Lebensformen dem Großteil der Bevölkerung unbekannt sind, werden sie oft als "fremd" und "bedrohlich" empfunden.
Dabei befinden sich allein an Deiner Schule (wenn ungefähr 1000 Schüler auf Deiner Schule sind) ca. 50 bis 100 Mitschülerinnen und -schüler, die sich irgendwann im Laufe ihres Lebens für eine lesbische oder schwule Beziehung entscheiden Warum ist denn "sexuelle Orientierung" so ein großes Thema? Man kann in der Menschheitsgeschichte feststellen, dass Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierungen eine lange Tradition haben.
Gerade in Bezug auf Sexualität und Beziehungen gab es schon immer strenge Regeln, was erlaubt und lebbar ist und was zu bestrafen ist. Das kann auch heute noch für Jugendliche, wenn sie den Versuch unternehmen ihre eigene Sexualität zu entdecken und lustvoll damit um zu gehen, bedeuten, dass sie von außen vermittelt bekommen, wie verwerflich und unmoralisch ihr Verhalten ist. Sie werden auch heute noch mit Regeln und Konventionen konfrontiert, die Minderheiten herabwürdigen. Beteiligt an dem Aufstellen der Regeln waren und sind meist Vertreter der verschiedensten Glaubensrichtungen und Religionen, aber auch Philosophen, Mediziner und "Mächtige", also Herrscher, Politiker usw. So wurde vor allen Dingen die Homosexualität verurteilt und Homosexuelle verfolgt.
Dabei sind Unterschiede in der Diskriminierung von Lesben und Schwulen fest zu stellen. Lesben werden meist herabgesetzt oder ignoriert. Sie unterliegen in patriarchalen Verhältnissen einer doppelten Diskriminierung, zum einen als Frauen, zum anderen aufgrund ihrer Gleichgeschlechtlichkeit. Wenn von "Homosexuellen" gesprochen wird, werden häufig nur schwule Männer gemeint, da an ihnen fast immer die Kritik homosexuellen Lebens und die Strafverfolgung ansetzte. Dies hat zum einen mit der Argumentation zu tun, dass Schwule "widernatürlich" sind und sich nicht fortpflanzen können, zum anderen sicherlich damit, dass sie in den Augen Vieler keine richtigen Männer mehr sind. Männer haben im Patriarchat Konkurrenten zu sein und es verwirrte immer wieder die Prediger der Männlichkeit, dass ein Konkurrent den anderen lieben kann und beide sogar noch Sex miteinander haben.
In Deutschland gab es zum Beispiel seit 1870/71 den Paragrafen 175, der "widernatürliche Unzucht" zwischen erwachsenen Männern, wenn "beischlafähnliche Handlungen" nachgewiesen werden konnten, unter Strafe stellte. Dieser Paragraf wurde von den Nazis nochmals verschärft und viele Schwule wurden verfolgt. Der Paragraf existierte in der BRD noch bis zur Wiedervereinigung im Jahr 1990. Die DDR schaffte ihn 1988 ab. Endgültig wurde er erst 1994 gestrichen. Auch die Polizei führte in manchen Großstädten bis Mitte der 80er Jahre sogenannte "Rosa Listen", in denen Schwule verzeichnet waren, die Bars und Kneipen für Homosexuelle aufsuchten. Doch auch ohne Gesetze wird weiter diskriminiert, aber eher auf der persönlichen Ebene und nicht mehr so sehr auf staatlicher Ebene.
Eine wirkliche Gleichberechtigung aller sexueller Orientierungen ist eine schöne Utopie, auf die mensch sicherlich noch recht lange warten muss. Was kannst Du tun? Sich zu verlieben ist eigentlich eine wunderschöne Sache... wenn da nicht auch noch Herzklopfen, Bauchschmerzen und andere heftige Gefühle wären. All das kann zu einer ziemlichen Belastung werden. Noch viel belastender kann es sein, wenn die aufsteigenden Gefühle nicht gezeigt werden dürfen, aus Angst, deshalb ausgestoßen oder angegriffen zu werden. Die Witze und Sprüche sind bekannt: "schwule Sau" oder "blöde Lesbe".
Mal werden die Sprüche flapsig gerissen, mal ziemlich bedrohlich. Und, dass da was nicht stimmen soll, das sitzt dann im Hinterkopf und macht uns Angst. Bloß nicht entdeckt werden! Bloß nicht die wirklichen Gefühle zeigen! Lieber so sein, wie alle anderen! Und wenn es dann durch einen Zufall doch raus- kommt oder man die Gefühle nicht mehr aushalten kann? Oft ist man selbst nicht in der Lage, zu erklären, was mit einem geschieht. Und dann geraten lesbische und schwule Jugendliche auch noch ziemlich oft darüber in Auseinandersetzungen mit der eigenen Familie, mit Freunden, mit Menschen, die sie gar nicht kennen und die ihnen trotzdem ihre Meinung aufdrängen.
Der Druck kann so heftig werden, dass sie nicht mehr ihren Jugendclub besuchen, den Sportverein verlassen, Angst vor dem Schulbesuch bekommen oder die Familie nicht mehr aushalten. Und sollte Verständnis und Unterstützung da sein, dann folgen trotzdem oft teils subtile, teils offene Bedrohungen durch Menschen, die Homosexualität sowie Schwule und Lesben ablehnen. Moral, Ethik und Gesetz können nebeneinander stehen. In Deutschland ist Homosexualität per Gesetz erlaubt. Das allgemeine Schutzalter liegt bei 16 Jahren. In einigen Bundesländern garantiert eine Landesverfassung darüber hinaus Schutz vor Diskriminierung.
Die Berliner Landesverfassung sagt z.B. "Niemand darf wegen... seiner sexuellen Identität benachteiligt oder bevorzugt werden." (Art.10, Abs.2). In vielen Staaten der Welt steht jedoch noch immer Homosexualität unter Strafe. Deshalb flüchten Lesben und Schwule nach Deutschland. Viele Menschen setzten sich hierzulande dafür ein, dass dieses Menschenrecht geschützt und erhalten bleibt. Denn immer wieder lassen Menschen verlauten, Homosexualität sei krank und pervers, oder gehöre aufgrund religiöser Interpretationen verboten. Deshalb ist es wichtig, Mitschülerinnen und Mitschüler nicht alleine zu lassen und ihnen zu helfen, BündnispartnerInnen zu finden. Neben schulinternen AnsprechpartnerInnen (z.B. VertrauenslehrerInnen) gibt es in allen Bundesländern schwule und lesbische Projekte und Vereine, die oftmals direkt Aufklärungsveranstaltungen in Schulen anbieten. Die Adressen sind schnell im Internet zu finden.
In ländlichen Regionen bieten sich oftmals auch AIDS-Hilfen als AnsprechpartnerInnen an, die über lesbische- und schwule Lebensweisen gut informiert sind. Sie können beraten und helfen, Strategien zu entwickeln, in welchem Rahmen eine Aufklärungsveranstaltung durchgeführt werden kann. Denn vor allem ist Aufklärung wichtig, um Angst zu nehmen sowie Stärke und Sicherheit zu geben. Kommt es zu Diskriminierung, Bedrohung oder körperlicher Gewalt, so stehen in vielen Regionen schwule und lesbische Antigewalt-Projekte und Überfalltelefone als AnsprechpartnerInnen zur Verfügung. In vielen Bundesländern gibt es mittlerweile auch AnsprechpartnerInnen der Polizei für Lesben und Schwule. Denn diese Gewaltstraftaten sind eine ernst Sache.
Regelmäßig werden von deutschen Gerichten Menschen verurteilt, die Lesben oder Schwule angegriffen und ihnen Schaden zugefügt haben. Kommt es zu einer Anzeige, so ist es hilfreich, zwecks Information oder Unterstützung Kontakt mit einem Antigewalt- Projekt oder einem Überfalltelefon aufzunehmen. Vor allem auch, damit die Vorfälle registriert werden. Unter dem Schutz der Anonymität nehmen die Projekte Vorfälle auf. Nicht nur Fälle von Diskriminierung, sondern auch positive Beispiele werden von ihnen entgegen genommen, zum Beispiel wie eine Auseinandersetzung geklärt werden konnte. Erst mit diesen Informationen können langfristige Strategien entwickelt werden, gesellschaftlich etwas zu verändern - so wie die bisherigen Erfahrungen der Opferhilfeberatungs- und Dokumentationsarbeit des Schwulen Überfalltelefons Berlin (SÜB) zur Mitwirkung an diesem Handbuch geführt haben.
Dieser Text stammt aus "Handbuch Sekundarstufe", das die Bundeskoordination von "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" 2004 herausgegeben hat.