SOR-SMC -  Gewalt in Schulen

Viele Schulen tun etwas gegen Gewalt

Wissenschaftler: SOR-SMC-Schulen leisten wichtigen Beitrag

 

Politiker diskutieren über die Ausweisung nicht integrationswilliger Schüler oder die Abordnung von Gewalttätern in Internate. Seit dem Hilferuf der Berliner Rütli-Schule steht das Thema im Brennpunkt der Öffentlichkeit. Experten warnen aber vor einer Überzeichnung des Problems in dem Sinne, dass die deutschen Schulen ein Hort der Gewalt seien und dem Problem hilflos gegenüberstünden. In Wahrheit gibt es nach Auskunft der Kultusministerkonferenz in ganz Deutschland eine Vielzahl von Förder- und Vorbeugungsprogrammen, die auch durchaus Wirkung zeigen.

 

Und die Zahl der Verletzungen von Schülern untereinander ist nach einer Statistik der Unfallversicherung seit zehn Jahren rückläufig. Ein weiteres Ergebnis von deren Untersuchung ist, dass ausländische Jugendliche daran keineswegs in so hohem Maße beteiligt sind, wie es die derzeitige Debatte vermuten lässt.

 

Professor Heinz-Werner Pölchau, Berichterstatter der Kultusministerkonferenz zum Thema Gewalt an Schulen, kann eine ganze Menge an Beispielen für aktives Handeln vorweisen. Eines davon sind die Streitschlichtungsprogramme, die an vielen Schulen seit mittlerweile zehn Jahren laufen. Dabei regeln Jugendliche, meist unter Vermittlung älterer Schüler, Streitigkeiten unter einander, ohne dass Fäuste eingesetzt werden. Er habe erst vor wenigen Tagen selbst in Köln an einer Fortbildungsveranstaltung für Lehrer dazu teilgenommen, berichtet der Pädagogik-Wissenschaftler. Das Programm laufe an mehreren tausend Schulen in der ganzen Bundesrepublik, darunter durchaus auch welche in Stadtvierteln, die als soziale Brennpunkte gelten.

 

Aber es gibt noch eine ganze Reihe weiterer Programme, zum Beispiel eines unter dem Titel «Faustlos» in Grundschulen, andere zielen besonders auf die Vermittlung sozialer Kompetenzen ab. Mindestens sieben bis neun unterschiedliche Programme laufen laut Pölchau an verschiedensten Schulen und Schulformen. Ein wichtiger Beitrag zur Eindämmung der Probleme seien auch die Netzwerke gegen Gewalt, die es etwa in Nordrhein-Westfalen schon seit 1993 gibt. Polizei, Sportvereine und Jugendverbände arbeiten dabei mit Lehrkräften und Schülern zusammen.

 

Aber auch die Kommunen engagieren sich. So hat Düsseldorf eine eigene Fachstelle für Gewaltprävention in Kooperation mit dem städtischen Jugendamt und bietet Kurse und Hilfestellung für Rat suchende Eltern und Lehrer an. Zu den bundesweit tätigen Einrichtungen gehört ferner der schulpsychologische Beratungsdienst.

 

Wichtig nennt Pölchau, bei den Programmen die Schulen als Ganzes einzubinden, damit sich nicht nur einzelne Lehrer mit dem Problem beschäftigen. Viele haben die Verpflichtung als Schule ohne Gewalt oder ohne Rassismus ins offizielle Schulprogramm aufgenommen. Wie der hauptberuflich im Düsseldorfer Kultusministerium tätige Wissenschaftler versichert, gibt es in Nordrhein-Westfalen fast keine Schule, die sich nicht in irgendeiner Form mit den Problemen auseinandersetzt. Und das ist auch gut so: Denn jede Schule ist nach Einschätzung des Wissenschaftlers in irgendeiner Form betroffen. Denn es gehe ja nicht nur um Schlägereien, sondern auch um verbale Gewalt und Mobbing.

 

Zwar gibt es auch immer wieder einmal spektakuläre Fälle körperlicher Gewalt. Doch: Knochenbrüche und sonstige Verletzungen an Schulen sind seit Jahren rückläufig. Zwar wird keine bundesweite Statistik speziell zu Raufereien an Schulen geführt, aber es gibt dennoch eine objektive Quelle, die den Rückgang belege: Die Statistik der Gemeindeunfallversicherungs-Verbände, bei denen sämtliche daraus resultierenden Verletzungen gemeldet werden müssen.

 

Weniger «Raufunfälle»

 

Zum gleichen Ergebnis kommt eine Untersuchung des Bundesverbands der Unfallkassen in München vom Mai letzten Jahres. Auch danach lässt sich der Eindruck, dass gewalttätige Übergriffe Jugendlicher an deutschen Schulen dramatisch zugenommen hätten, nicht empirisch belegen. Die häufigste Form der Gewalt an Schulen sei immer noch die verbale. Mit 32,8 Fällen je 1.000 Schüler waren nach der Statistik im Jahr 2003 tatsächlich die Hauptschulen am stärksten von so genannten «Raufunfällen» betroffen.

 

Aber auch dort ist der Trend rückläufig: Zehn Jahre zuvor hatte die Quote mit 48,6 noch deutlich höher gelegen. Auch bei Sonderschulen mit 18,4 Fällen je 1.000 Schülern, Realschulen (15,5), Gymnasien (5,7) und Grundschulen (4,9) gingen die Zahlen in den letzten Jahren zurück. Auch beim Anteil der beteiligten ausländischen Schüler lässt sich laut Unfallkassen «eine eher rückläufige Tendenz in den einzelnen Schularten feststellen».

 

Und zur Behebung der Sprachprobleme hat die Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung vor einem Jahr ein «Programm zur Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund» aufgelegt. Es läuft an knapp 200 Schulen in zehn Bundesländern. Generell hält Professor Pölchau das in den letzten Tagen bisweilen entstandene Bild ständiger Gewaltexzesse an den Schulen für «ein bisschen überzeichnet». Zudem handele sich ja um ein gesellschaftliches Problem, zu dem auch die schlechte wirtschaftliche Lage, zu wenig Ausbildungs- und Arbeitsplätze sowie Zukunftsängste der jungen Leute beitrügen. Auch die Gewaltdarstellung in den Medien wirke sich negativ aus. «Es vergeht doch kein Tag ohne Morde und Schlägereien im Fernsehen», beklagt der Pädagoge.

 

© 2006 The Associated Press.

 


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