Die Frage des Tages

Erstklassig couragiert!

Wie unser Präventionsansatz an Grundschulen gelingt
von Sanem Kleff

„Demokratie- und Menschenrechtserziehung in der Grundschule, geht das überhaupt? Sind unschöne Themen wie Diskriminierung, Rassismus, Homophobie oder Rechtsextremismus nicht viel zu komplex und damit ungeeignet für Acht- oder Zehnjährige? Vorschnell wird argumentiert: Erst- und Zweitklässler könnten sich nichts Konkretes darunter vorstellen. Solche Themen seien schwer verständlich, könnten Ängste auslösen und seien deshalb nicht geeignet für Grundschulen. Dabei sind es die Grundschüler, die seit dem ersten Schultag gemeinsam in heterogenen Gruppen lernen. Zusammen mit Kindern, die aus einer anderen Kultur kommen, als sie selbst und vielleicht eine andere Hautfarbe haben. Es sind die Grundschulen, die besonders viele Flüchtlingskinder aufnehmen und integrieren. Das Lernziel Gleichwertigkeit sollte da an erster Stelle stehen. 

Dass es geht, beweisen täglich hunderte Grundschulen, die den Titel Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage tragen. Schon bevor sie sich dem bundesweiten Courage-Netzwerk anschließen, setzten sich diese GrundschülerInnen mit Themen wie Diskriminierung, Mobbing und Vorurteilen auseinander. Oft entsteht das erste konkrete Projekt bei der Formulierung des Courage-Selbstverständisses „in eigenen Worten“.

Der Weg zu einer Courage-Grundschule
Beschließt eine Schule, dem Courage-Netzwerk beizutreten, müssen 70 Prozent aller Schulmitglieder – also Schülerinnen und Schüler, der Pädagogen und das technische Personal – das Selbstverständnis, bestehend aus folgenden drei Punkten, per Unterschrift annehmen:

  1. Ich setze mich dafür ein, dass an meiner Schule Aktivitäten und Initiativen entwickelt werden, um Diskriminierungen, insbesondere Rassismus zu überwinden.
  2. Wenn an meiner Schule Gewalt, diskriminierende Äußerungen oder Handlungen ausgeübt werden, wende ich mich dagegen und setze mich dafür ein, dass wir in einer offenen Auseinandersetzung mit diesem Problem Wege finden, künftig einander zu achten.
  3. Ich setze mich dafür ein, dass an meiner Schule ein Mal pro Jahr ein Projekt durchgeführt wird, um gegen jede Form von Diskriminierung, insbesondere Rassismus, vorzugehen.


Grundschulen empfinden den Text oft als sperrig und erarbeiten altersadäquate Umformulierungen. Ein Prozess, der sie zur inhaltlichen Auseinandersetzung mit der Selbstverpflichtung motiviert. Und wer noch nicht unterschreiben kann, setzt eben seinen Fingerabdruck auf das Formular.

Nun beginnt die Suche nach einer Patin oder einen Paten. Die Einen wollen eine bekannte Schauspielerin als Patin gewinnen, die Anderen sind dafür, den Bürgermeister zu fragen. Am Ende fällt die Wahl meistens auf beliebte Personen des öffentlichen Lebens: Fußballspieler, Schriftsteller, Musiker und Sportvereine übernehmen gerne Patenschaften an Grundschulen.

Die formalen Voraussetzungen sind damit erfüllt. Der Eintritt ins Netzwerk, die Titelverleihung, findet nun im Rahmen eines Festaktes statt. Die Landeskoordination übergibt im Auftrag der Bundeskoordination eine Urkunde und das Schild mit dem Logo Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage, das sichtbar am Schulgebäude angebracht wird. Aktuell tragen 2.200 Schulen aller Schularten den Titel, darunter rund 200 mit Grundstufe. Doch dann beginnt erst die eigentliche Arbeit.

„Ich will keine Angst haben müssen!“
Schnell macht die Frage, welche konkrete Aktion oder welches Projekt nun umgesetzt werden könnte, im Lehrerzimmer die Runde. Um das Projekt nachhaltig an der Schule zu verankern, empfiehlt sich die Gründung einer „Aktivengruppe“, die sich regelmäßig trifft. Das Verständnis für Diskriminierung und Ungerechtigkeit sind auch bei jungen Schülern stark ausgeprägt. Auch eigene Diskriminierungserfahrungen können motivieren, eine Antirassismus-AG zu gründen: „Ich habe im Fernsehen Berichte gesehen, über Muslime, die schlecht behandelt wurden, und habe mir gedacht, ich muss da was machen.“ „Und ich mache mit, weil ich nicht will, dass auf unserem Schulhof die großen Jungs Ausdrücke sagen, wenn sie jemanden ärgern wollen.“ Diese Drittklässler einer Berliner Grundschule wünschen sich Respekt auf dem Schulhof: „Ich will keine Angst haben müssen!“ Sie suchen nach einem effektiven Weg, der ganzen Schulgemeinschaft, ihre Anliegen zu vermitteln. In diesem Fall entschieden sie: „Wir wollen etwas mit Musik machen. Dann hören die Anderen auf uns. Mit Musik, gegen Mobbing, Gewalt und Rassismus! Vielleicht können wir dabei auch noch tanzen.“

Eine breite Paillette an Methoden und Aktionsformen eignet sich zur nachhaltigen Auseinandersetzung mit Menschen- und Kinderechten: Aktivengruppen initiieren zum Beispiel Patenschaften zwischen „alt-eingesessenen“ Schülerinnen und Schülern und den „Neu-Zugezogenen“, die kaum Deutsch sprechen, um sie bei den Hausaufgaben und der Freizeitgestaltung zu unterstützen. Oder Grundschulklassen setzten sich, begleitet durch außerschulische Kooperationspartner, mit Lebenswelten von Kindern in entfernten Ländern auseinander. Sie versetzen sich in deren Alltag, nehmen ihre Perspektive ein und entwickeln dabei ihr Verständnis für Probleme, Wünsche und Hoffnungen anderer Menschen. Das stärkt ihre Empathiefähigkeit und befördert einen reflektierenden Blick auf ihre eigene Lebensrealität.

Geeignete Themen liegen oft auch vor der Tür, viele erfolgreiche Projekte sind im Nahbereich der Schule angesiedelt. Einige Grundschulen pflegen im Sinne der Erinnerungskultur den örtlichen, jüdischen Friedhof, verlegen „Stolpersteine“ oder begeben sich auf historische Spurensuche. Sie recherchieren, in welchen Häusern die deportierten jüdischen Familien Rosenbaum und Cohn lebten. Dokumentieren ihre Biografien, erinnern, gedenken und setzen sich mit dem Holocaust und aktuellem Antisemitismus auseinander. Auch zum Thema Glaubensvielfalt arbeiten Grundschulen, in dem sie Moscheen, Synagogen und Kirchen besuchen.

Praxisbeispiele, die beweisen, dass sich schon sehr junge Kinder mit hochkomplexen Themen sinnvoll auseinandersetzen, wenn sie dabei sensibel und altersgerecht durch Erwachsene begleitet werden.  Stimmen die didaktischen Ansätze und Methoden, kann jedes Thema, in jeder Altersgruppe zielführend behandelt werden: Seien es Diskriminierung aufgrund der Herkunft, der Religion, der körperlichen Merkmale, des Geschlechts, Islamismus, Homophobie oder Rechtsextremismus.

Es gilt: Es ist manches Mal zu spät, aber nie zu früh, um eine diskriminierungssensible Haltung und den couragierten Einsatz für Menschenrechte zu fördern.

Handbuch zur Unterstützung
Zur Unterstützung der Courage-Aktivitäten erstellte die Bundeskoordination das „Handbuch Lernziel Gleichwertigkeit für die Grundstufe“. Die Publikation präsentiert eine Vielzahl von Methoden und Beispiele gelungener Projekte mit Theaterpädagogik, Musik, Tanz, Literatur, Fotografie, Spielen oder Sport. Außerdem Materialien und Literaturhinweise zu Angeboten unserer außerschulischen Kooperationspartner, die Schulen bei ihrer Menschenrechtsarbeit zu unterstützen.

Erschienen in: Grundschule, Westermann-Verlag, Ausgabe Oktober 2016.