Schwerpunkt - Rechtspopulismus

Den RechtspopulistInnen widersprechen lernen

Von Sanem Kleff

Die Förderung der Resilienz gegen völkisch-nationalistische Positionen kann in der Schule nur durch langfristige und nachhaltige Ansätze bewirkt werden. Und nur Menschen, die über ausreichende psychische Widerstandskraft verfügen – oder gelernt haben, zu verfügen, sind oder werden immun gegen die Versuchung, andere abzuwerten und so ihre eigenen Ängste abzuwehren. SchülerInnen müssen also mit dem rationalen und emotionalen Rüstzeug versehen werden, das sie befähigt, Zugriffen von Gruppen zu widerstehen, welche die Abwertung von Menschengruppen propagieren.

Denn AgitatorInnen menschenfeindlicher Ideologien setzen gezielt auf die irrationalen Ängste und Unterlegenheitsgefühle potenzieller MitläuferInnen – etwa bei den VerliererInnen des deutschen Bildungssystems. Deren Diskriminierungs- und Demütigungserfahrungen fördern ihr Bedürfnis nach Kompensation durch das Erfahren von Überlegenheit – genau das versprechen nationalistische und rechtspopulistische AgitatorInnen. Sie locken mit Überlegenheitsangeboten, die eine als feindlich empfundene Welt in einfache Freund-Feind-Muster einteilt.

Die Wirkungsmacht des Rechtspopulismus liegt gerade in seiner diffusen Emotionalität begründet. Er entzieht sich weitgehend logischen Argumenten und setzt auf emotional-bauchgefühlige Befindlichkeiten. Allein mit rationalen Argumenten, Faktenwissen und wissenschaftlichen Erkenntnissen, also dem Instrumentarium des kognitiven Lernens, ist ihm daher nicht beizukommen.

Die eigene Meinung kommunizieren


Erfolgreiche politische Bildungsarbeit erfordert Kommunikationsbereitschaft, -fähigkeit und -gelegenheiten. Die Kommunikationskompetenz der schulischen MitarbeiterInnen sowie von Kindern und Jugendlichen kann auf vielfältige Weise gefördert werden. Wichtig ist dabei, allen Stimmen Raum zu geben. Und: Sich darauf vorzubereiten, was passiert, wenn Plattformen zur Verständigung erst einmal installiert sind. Es ist damit zu rechnen, dass dort auch problematische Positionen offen geäußert werden.

Eine angstfreie Auseinandersetzung mit kruden Ideologien muss über konkrete Statements erfolgen, die mit Lebenslagen oder Vorurteilsstrukturen zu tun haben. Werden problematische Positionen daraufhin jedoch per se als homophob, islamistisch oder muslimfeindlich markiert und mit negativen Sanktionen bedacht, so werden diese schnell wieder zurückgehalten.

Die Scheu, kontroverse Positionen zuzulassen und sich ihnen zu stellen, spielt auch den RechtspopulistInnen in die Hände: Werden bestimmte Positionen nicht geäußert, behaupten sie schnell, eine angeblich übermächtige „Political Correctness“ hindere sie an der freien Meinungsäußerung. Für PädagogInnen liegt darin eine enorme Herausforderung: Aus einer demokratischen Perspektive mit Positionen umzugehen, die auf rechtsextremen Ideologien, fundamentalistischen Weltbildern oder frauenfeindlichen Argumentationsmustern beruhen, ist alles andere als leicht.

Mitbestimmung praktizieren – Selbstwirksamkeit erfahren

Ein nachhaltiger Präventionsansatz schlägt sich auch in institutionellen Strukturen, gelebten Kinderrechten und erfahrener Mitbestimmung nieder – also wenn Kinder und Jugendliche in schulinternen Gremien anhand konkreter Konflikte lernen, ihre Rechte zu vertreten und die anderer zu respektieren. Moderation, Präsentation und manchmal auch die Überwindung der Angst, vor Menschen zu sprechen, sind in diesem Zusammenhang wichtige Schlüsselkompetenzen. Wenn an ihrer Schule ein offenes Debattenklima herrscht, dann wird die Erfahrung von Selbstwirksamkeit die Kinder und Jugendlichen stärken, auch in der Auseinandersetzung mit Ideologien demokratische Positionen zu vertreten.

Kunstpädagogische Angebote können hier besonders gut präventiv wirksam werden. Hilfreich sind beispielsweise Rollenspiele, die Verhalten in Konfliktsituationen trainieren und einüben, besser mit Ärger, Wut und Unterlegenheitsgefühlen umzugehen, um Frustrationstoleranz aufzubauen. Eins kann allerdings jedes Projekt nicht ersetzen: eine respektvolle Atmosphäre, die Selbstwirksamkeitserfahrungen zulässt, damit Selbstwertgefühle entstehen können.

Demokratie- und Menschenrechtsbildung

Demokratieerziehung bedeutet, Kinder und Jugendliche in Werten und Haltungen zu stärken, die zur Anerkennung von Minderheiten, zur Stärkung von Partizipation und Menschenrechten und zur Akzeptanz religiöser beziehungsweise weltanschaulicher Pluralität führen. Gerade in Einwanderungsgesellschaften kommt es sehr darauf an, ein Verständnis für die Hintergründe sozialer, politischer, religiöser und weltanschaulicher Bezugssysteme und Orientierungen des „Anderen“ zu entwickeln – eine wesentliche Voraussetzung für Offenheit und Respekt, aber auch für die Abwehr von menschenverachtenden Ideologien. Es muss gelernt werden, in unterschiedlichen Handlungsmustern gemeinsame Absichten zu erkennen, ebenso die eigenen Haltungen als relativierbar zu erkennen, ohne alle Wertmaßstäbe aus der Hand zu legen.

Ein erklärtes politisches Ziel von RechtspopulistInnen ist, die repräsentative, parlamentarische Demokratie abzuschaffen. Als Begründungen dienen ihnen dafür mal die (ihre!) fehlenden Mitbestimmungsmöglichkeiten und mal die Lebensfremdheit der politischen Eliten. So wird ein unüberbrückbarer Graben zwischen einer Bevölkerung mit angeblich homogenen Interessen und einer korrupten politischen Klasse konstruiert. Veranstaltungen des Courage-Netzwerks wie „Politik zum Anfassen und Mitmachen“, bei denen SchülerInnen über ein von ihnen ausgewähltes Thema mit PolitikerInnen an deren Amtssitz diskutieren, können ein solches Zerrbild relativieren.  

Zeitnahe Intervention


RechtspopulistInnen bieten in aller Regel für Probleme, die sie aufgreifen, eine Lösung: und zwar eine autoritär-völkisch-nationalistische, die einige ein- und viele ausschließt. Es ist wichtig, im Alltag achtsam zu sein, wenn entsprechende Argumente fallen. Diese müssen gemeinsam problematisiert werden.

Ein zentrales Muster rechtspopulistischer Argumente ist die Konstruktion eines „Wir“ gegen „die Fremden/Anderen“. Ohne diese angebliche Frontstellung zwischen Freund und Feind funktionierten ihre Argumente nicht. Auf derartige Konstruktionen – die wir häufig und meist unbewusst – selbst im Alltag verwenden, hinzuweisen und sie bewusst zu machen, sensibilisiert SchülerInnen für die Fallstricke rechtspopulistischer Argumentationsmuster. Es ist jedoch durchaus keine leichte Aufgabe, bei dem Thema nicht selbst in ein „Wir Guten“ und „Ihr Bösen“ zu verfallen.

Wie man mit Parteien umgeht, die rechtspopulistische Inhalte vertreten, ist nicht einheitlich zu klären. Es kommt auf den Zusammenhang, den Anlass und den Rahmen an. Grundsätzlich ist zu begrüßen, wenn Diskussionen mit VertreterInnen von zur Wahl stehenden Parteien an Schulen stattfinden. Dies bedeutet allerdings nicht, dass RechtspopulistInnen an Schulen ein Forum geboten werden muss. Die Schulleitung hat das Hausrecht und bestimmt, wer in der Schule auftreten darf. 

Wenn eine Diskussion mit RechtspopulistInnen stattfindet, dann sollten die Teilnehmenden sich inhaltlich und argumentativ gut vorbereiten. Außerschulische Kooperationspartner wie die Mobilen Beratungsstellen unterstützen dabei; beispielsweise durch Seminare, in denen Argumentationstrainings im Umgang mit rechten Parolen angeboten werden.

SchülerInnen demokratische, gewaltfreie und den Menschenrechten verpflichtete Problemlösungskompetenzen zu vermitteln, die sie befähigen, mit divergierenden Interessen in einer offenen Gesellschaft konstruktiv umzugehen und diese gegen ihre Gegner zu verteidigen, ist übrigens kein (Neben-)Beiwerk von Schule. Laut den Vorgaben der Schulgesetze aller Bundesländer zählt es zu ihrer Kernaufgabe.

Eine vollständige Version des Textes könnt Ihr im Themenheft Rechtspopulismus nachlesen.