Schwerpunkt - Mobbing

Mobbing


„Hier stinkt es nach Knoblauch“, sagt Jan beim Betreten des Klassenzimmers und schaut dabei grinsend zu Ahmet. Die Klasse kichert. Ahmet wird rot, schaut intensiv auf sein Handy und tut, als hätte er nichts gehört. Er kennt das. Hier geht es nicht um eine unbedachte Äußerung im Streit. Immer wieder wird er als „Knoblauch-Fresser“ beleidigt und alle lachen. Seit Monaten erlebt er Situationen wie diese. Und er weiß: Das war noch nicht alles; auch für heute nicht. Nach dem Unterricht werden andere Schüler*innen weitermachen. Auch dieser Schultag wird für ihn zum Spießrutenlauf werden. Ahmet ist ein typisches Opfer von Mobbing.

Helfer und Möglichmacher

Zwar beteiligen sich nicht alle Mitschüler*innen an den Aggressionen gegen Ahmet. Aber es gibt eine ganze Reihe, die meinen: „Ist doch alles nicht so schlimm. Was stellt der sich so an? Ein bisschen Spaß muss er schon verstehen.“ Folglich sehen sie auch keinen Grund, sich mit diesen Vorfällen oder mit Ahmet zu beschäftigen. Anderen ist unwohl bei dem, was sich vor ihren Augen abspielt. Sie haben ein flaues Gefühl im Magen, wenn sie die abwertenden Sprüche hören. Manchmal würden sie sogar gern einschreiten und „Stopp! Hört auf!“ rufen, wenn Ahmet auf dem Schulhof wieder einmal dermaßen angerempelt wird, dass er blaue Flecken davonträgt.

Sie tun es aber nicht, weil sie selbst keine Probleme bekommen wollen. Deswegen trauen sie sich nicht, Ahmet zu sagen, dass sie das alles nicht richtig finden. Auch wenn sie jetzt ein schlechtes Gewissen haben, wenden sie sich lieber von ihm ab und sprechen über das tolle Konzert gestern. Und dann gibt es noch, wie in jeder anderen Klasse, Schüler*innen, die nichts von all dem mitbekommen, weil sie mit ihren Gedanken meist ganz woanders sind. Sie interessiert nicht, was um sie herum in der Schule geschieht. Sie schauen zu, wenn die Täter angreifen und werden so zu ihren Helfern. Und so schaut Ahmet immer noch auf sein Handy und kämpft still mit den Tränen.

Der geschilderte Fall ist typisch: So unterschiedlich Schüler*innen ihre Reaktionen begründen – sie alle stimmen Mobbing auf ihre Weise schweigend zu. Und auch wenn ihnen selbst gar nicht bewusst ist, dass sie keine Unbeteiligten sind: Als stille Zuschauer*innen spielen sie bei der vorsätzlichen und dauerhaften Erniedrigung von Menschen eine entscheidende Rolle. Erst sie schaffen als „Möglich-Macher*innen“ und Helfer*innen ein Umfeld, das Mobbing ermöglicht. Denn dieses lebt davon, dass Menschen vorsätzlich und langfristig erniedrigt und gedemütigt werden – mit Billigung ihres sozialen Umfelds.

Ein typisches Merkmal von Mobbing ist auch: Es endet nicht am Schultor. Insbesondere auf dem Weg zur oder von der Schule folgen häufig körperliche Angriffe oder Überfälle.

Mal Täter, mal Opfer

Jeder Mensch kann Opfer wie Täter werden; für Pädagog*innen gilt das ebenso wie für Schüler*innen. Auch kann, wer in der einen Situation, zum Beispiel in der Klasse, in der unterlegenen Rolle ist, in einem anderen Zusammenhang – zum Beispiel in seinem Wohnblock – der dominierenden Gruppe angehören. Das ist wichtig zu verstehen: Mobbing kann grundsätzlich von jedem ausgeübt werden und sich gegen jeden richten. Was es braucht, ist ein Machtgefälle zwischen Täter und Opfer. Dieses kann sich aus einer formellen Hierarchie wie jener zwischen Lehrer*innen und Schüler*innen, Schulleitung und dem Kollegium oder älteren und jüngeren Schüler*innen ableiten. Das Machtgefälle kann aber auch dadurch entstehen, dass eine Gruppe sich gegen einen Einzelnen verbündet. In jedem Fall entsteht eine asymmetrische Beziehung zwischen Täter und Opfer, die dazu führt, dass dieses sich nicht aus eigener Kraft befreien kann. Mobbing wirkt wie ein langfristig wirkendes Gift. Und: Es kann alle Formen der Diskriminierung umfassen.

Die Suche nach den Motiven der Täter*innen führt in der Regel zu einem
Bündel von Ursachen. Eine liegt häufig in der zentralen Sozialisationsinstanz: der Familie. Je mehr Gewalt Kinder dort erfahren, umso weniger lernen sie gewaltfreie Strategien zur Konfliktlösung; und desto eher sind sie bereit, anderen Menschen Gewalt zuzufügen und die Rolle des Täters einzunehmen.

Die Anzahl der Mobbingfälle an Schulen in Deutschland zu erfassen, ist schwierig. Die Dunkelziffer ist hoch; viele Mobbingopfer machen ihr Leid nie publik. Auch Pädagog*innen scheuen sich immer wieder einmal, über Fälle von Mobbing unter ihren Schüler*innen zu sprechen; sie fürchten, ihnen könnte vorgeworfen werden, ihre Klasse nicht in den Griff zu bekommen.

Opfer schweigen und leiden

Wer Mobbingangriffen ausgesetzt ist, leidet. Mobbing erzeugt Stress, macht körperlich und psychisch krank; es macht depressiv und kann bis zu Selbstmordgedanken führen. Die Reaktion der Umgebung ist dabei häufig nicht sehr hilfreich: „Dann zieh dich eben nicht so an“, „Iss nicht so viel“ oder, wohl als Trost gemeint: „Nimm dir das nicht so zu Herzen“ – all das sind Ratschläge, die letztlich das Opfer selbst verantwortlich machen für das, was ihm widerfährt.

Wahr ist, dass manche individuellen Eigenschaften die Wahrscheinlichkeit, Opfer zu werden, erhöhen: körperliche Unterlegenheit, geistige Schwäche oder Armut zum Beispiel. Dahinter steckt nicht zuletzt ein gesellschaftliches Klima der Konkurrenz, das den Gedanken möglich macht, das Opfer hätte sich mehr anstrengen und eine effektivere Selbstoptimierung betreiben müssen. Allerdings ist das Wesensmerkmal des Mobbing gerade, dass es sich um ein soziales Phänomen handelt. Und die Verantwortung dafür, ein angst- und hassfreies Schulklima zu schaffen, liegt sicher nicht bei den Mobbing-Opfern. Sondern: bei der ganzen Schulgemeinschaft.

Wie die Opfer von Mobbing mit den erlittenen Demütigungen und Verletzungen umgehen ist sehr unterschiedlich. Viele bleiben äußerlich passiv, schlucken ihre Trauer und Wut herunter. Wer so reagiert, dem wird häufig vorgehalten, er nähme alles hin und wehre sich nicht genug. Andere, sogenannte provozierende Opfer, reagieren offensiv und aggressiv – was ihnen allerdings auch vorgeworfen wird.

Und: Auch Lehrer*innen werden Opfer von Mobbing; von Schüler*innen wie von Lehrer*innen Sie sprechen aber selten darüber, weil sie an ihrem Arbeitsplatz erfolgreich sein wollen. Würden sie bekanntmachen, dass sie gemobbt werden, so denken sie, wäre damit zugleich ihre Professionalität in Frage gestellt. Dabei gibt es Mobbing im Lehrerzimmer wie an jedem anderen Arbeitsplatz auch. Ein häufiger Fall ist, dass dabei Indiskretionen aus dem Privatleben des Mobbing-Opfers gestreut und abfällige Witze gemacht werden. Die Bemerkungen bewegen sich in einer Grauzone, die viel Raum für Spekulationen lässt, etwa: „So, Frau Özkan hat sich also schon wieder krank gemeldet ...“  Die Auswirkungen von Mobbing im Lehrerzimmer gehen weit über das Kollegium hinaus. Sie belasten das Schulklima.

Cybermobbing

Mobbing im Internet in sozialen Netzwerken oder per E-Mail oder via Handy-Nachrichten nennen wir Cybermobbing. Es zielt auf dieselben Effekte wie analoges Mobbing; durch seine räumlich und zeitlich unbegrenzten Zugriffsmöglichkeiten verfügt es allerdings über ein deutlich erweitertes und gefährliches Repertoire. Wird eine Schülerin nach dem Sportunterricht ohne ihr Wissen nackt fotografiert, können die Mitschüler das Foto via Facebook oder Instagram in Sekundenschnelle mit der ganzen Welt teilen. Damit liefern sie das Opfer nicht nur öffentlichem Hohn und Spott aus. Sie geben auch jedem die Chance, die Angriffe zu vervielfältigen und weiter zu verbreiten.

Andere gängige Methoden des Cybermobbings sind Fake-Profile von Mitschüler*innen oder Lehrer*innen, die dazu benutzt werden, die Opfer in erfundenen Zusammenhängen darzustellen und ihren Ruf zu beschädigen. Auch dass Porträts von Opfern auf die Körper von Pornodarsteller*innen montiert und im Internet verbreitet werden, kommt immer wieder vor. In all diesen Fällen gilt: Die Täter*innen erpressen, bedrohen und quälen ihre Opfer mit hoher krimineller Energie. Zu Recht wird das Phänomen Cybermobbing an den Schulen als sehr ernstes Problem wahrgenommen, dem aktiv entgegengewirkt werden muss.

Als generelle Tipps an die Opfer können gelten: Auf beleidigende und die Persönlichkeitsrechte verletzende E-Mails, SMS und andere Nachrichten sollte nicht geantwortet werden; jede Reaktion motiviert die Täter nur, weiterzumachen. Bei andauernder Belästigung ist sinnvoll, sich einen neuen Account anzulegen. Wer beim Chatten mitbekommt, dass andere gemobbt werden, sollte nicht schweigend darüber hinwegsehen, sondern sich auf die Seite des Opfers stellen und es damit stärken.     

Und: Auch wenn die vermeintlich anonyme und ungeregelte virtuelle Welt immer mehr Täter*innen ermutigt, immer aggressiver gegen ihre Opfer vorzugehen: Das Internet ist kein rechtsfreier Raum. Beleidigungen, die über das Netz verbreitet werden, sind strafbar. Ein Screenshot, also ein Bild von der betreffenden Seite, ist schnell gemacht und ein erster Beleg, mit dessen Hilfe der Täter überführt werden kann.


Weitere Informationen zum Thema Cybermobbing findet ihr hier:

Handreichung Cyber-Mobbing begegnen
der Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz, Landesstelle NRW

Modul Was tun bei Cyber-Mobbing? von klicksafe.de