Open Space: Islam und Ich

Open Space in Köln. Foto: Hacky Hagemeier

Open Space in Berlin. Foto: Leonard Lehmann

Open Space in Dortmund. Foto: Holger Runge

Open Space in Köln. Foto: Hacky Hagemeier

Open Space in Berlin. Foto: Leonard Lehmann

Open Space in Köln. Foto: Hacky Hagemeier

Über Schule und Islam wird viel geredet und geschrieben - in Talk-Shows und Zeitungen. Selten kommen Schüler selbst zu Wort. Doch welche Rolle spielt der Islam in den Lebenswelten Jugendlicher?

 

Sanem Kleff und Eberhard Seidel von Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage konzipierten eine bundesweite Open Space-Reihe, um zu erfahren, was die Jugendlichen zu dem Thema zu sagen haben. Von 2003 bis 2005 nahmen daran mehr als 1.000 SchülerInnen überwiegend aus SOR-SMC-Schulen teil. Die Open Spaces fanden in Berlin, Hannover, Dortmund, Neunkirchen, Köln und Bremerhaven statt. Die Open Space Reihe wurde von der Körber-Stiftung im Rahmen des Wettbewerbs " Praxisforum Schule und Islam" als beispielhaftes Projekt ausgezeichnet. Die Erfahrungen aus diesem Wettbewerb erscheinen im Herbst 2005 in der  edition Körber-Stiftung unter dem Titel "Islam im Klassenzimmer. Impulse für die Bildungsarbeit", Herausgeberin ist Sanem Kleff.

 

Seit einigen Jahren findet in Deutschland eine intensive Auseinandersetzung über und mit dem Islam statt. Trotz der Schockereignisse vom 11. September stand dabei das Werben um Toleranz in der Mehrheitsbevölkerung im Vordergrund. Falls doch einmal islamfeindliche Stimmungen aufflackerten, waren Politik und Medien ein verlässliches Korrektiv. Bisweilen waren die Bundesbürger in ihrem Bemühen, den Islam zu verstehen, so blauäugig, dass sie die Herausforderung totalitärer islamistischer Bewegungen, kaum wahrnehmen wollten.

 

Seit 2005 ist vieles anders. Die Anschläge von Madrid, die Ermordung des niederländischen Filmemachers Theo van Gogh durch einen Islamisten im November 2004, die Entscheidung der EU, mit der Türkei Beitrittsverhandlungen aufzunehmen und die Skandalisierung einiger Ehrenmorde in Berlin im Frühjahr 2005 führten zu einem Paradigmenwechsel in der Wahrnehmung.  Seitdem werden Muslime pauschal als Gefahr für den inneren Frieden beschrieben.

 

Schüler und Lehrer bleiben sich selbst überlassen

Weder der schwärmerische Dialog noch die hysterische Erregung haben sich bislang der Frage gewidmet, was das Auftreten des Islams für die Lebenswelten Jugendlicher in Deutschland bedeutet. Das ist erstaunlich, denn Freundschaften, Liebesbeziehungen, Sexualität, Freizeitaktivitäten, berufliche Vorstellungen, die Sicht auf internationale Konflikte werden durch Vorgaben der Religion mitgeprägt. Aber in welcher Form? Darüber weiß die Erwachsenenwelt, die Islamwissenschaft und die Pädagogik bis heute wenig. Das ist vor allem an Schulen ein Problem, denn sie sind der Ort, an dem Kinder und Jugendliche mit und ohne muslimischen Hintergrund am intensivsten kommunizieren und interkulturelle und interreligiöse Belange und Konflikte täglich auftreten. Lehrer wie Schüler bleiben mit diesen Problemen weitgehend sich selbst überlassen.

 

Weder in der politischen Bildung von Schülern noch in der Lehrerfortbildung gibt es intensive und den interreligiösen wie interkulturelllen Erfordernissen angemessene Formen damit umzugehen. Viele Angebote beschränken sich auf die Darstellung des Islams als Religion. Passagen aus dem Koran werden zur Grundlage intensiver Debatten darüber, ob muslimische Mädchen am Schwimmunterricht teilnehmen sollten oder nicht. Diese Seminare haben oft wenig mit den Alltagsproblemen zu tun. Die Lehrer wissen danach mehr über bestimmte Koransuren oder die historische Ausbreitung des Islams, können am nächsten Tag aber immer noch nicht entscheiden, wie sie damit umgehen, wenn ein Schüler sich weigert, an der Gedenkveranstaltung zum 9. November teilzunehmen.

 

Dies führt uns zu der These, dass es primär darauf ankommt, an den lebensweltlichen Diskursen anzusetzen. Auf diese Weise können Anerkennungsprozesse initiiert, Grenzlinien von Normen markiert oder verschoben werden, "Feindbilder" aufgelöst - oder aber verfestigt werden.

 

 

Open Space in Köln. Foto: Hacky Hagemeier

Open Space in Dortmund. Foto: Holger Runge

Open Space in Köln. Foto: Hacky Hagemeier

Open Space in Berlin. Foto: Leonard Lehmann

Open Space in Köln. Foto: Hacky Hagemeier

Open Space: Die Anliegen der Jugendlichen rücken ins Zentrum

Um sich den Lebenswelten der Jugendlichen zu nähern, müssen Konzepte erprobt werden, die Räume schaffen, in denen eine offene Auseinandersetzung möglich ist - mit ihren Chancen und Risiken.

 

Belehrungen (über den Islam) kommen gegen die Wahrnehmungen und Erfahrungen nicht an. Wir wollten herausfinden, welche Rolle der Islam im Schulalltag und für Schüler und Lehrer ganz persönlich spielt.

 

Innerhalb unseres Versuches organisierten wir von Dezember 2002 bis Oktober 2004 in sechs Städten (Berlin, Köln, Dortmund, Neunkirchen, Bremerhaven und Hannover) breit angelegte Diskussionen zum Thema "Islam und Ich". Daran teilgenommen haben rund 1000 Schülerinnen und Schüler. Das Konzept basiert auf folgender Überlegung: Experten in Fragen der lebensweltlichen Auswirkungen des Islams sind die muslimischen und nichtmuslimischen Schüler selbst. Sie erleben die Konflikte, Irritationen und Kommunikationsbedürfnisse jeden Tag aufs Neue. Obwohl dies so ist, fehlen in Deutschland bislang Foren, auf denen sie ihre Erfahrungen offen artikulieren können; Gelegenheiten, bei denen sie sich ohne Rücksicht auf politische Korrektheit darüber austauschen, welche Fragen sie bewegen, welche Lösungsansätze für Konflikte sie wählen oder bevorzugen würden.

 

Wir entschieden uns für die Veranstaltungsform "Open Space". Open Space heißt "offener Raum" für alle Anwesenden, für ihre Initiativen, ihre Ideen und Impulse zu dem von uns gesetzten Leitthema "Islam und Ich". Bei dieser Methode geht es nicht darum, die Teilnehmenden mit Hilfe von Referenten zu belehren. Das Verfahren ermöglichte den Schülern eine eigenständige und weitgehend unbeeinflusste Auswahl von Fragestellungen.

 

In der Regel muss man sich den Verlauf eines Open Space wie folgt vorstellen: Die Bearbeitung der Themen erfolgt in frei gewählten Arbeitsgruppen, die jeweils von einem Schüler moderiert werden. Während der Arbeitsphase gibt es keine Anwesenheitspflicht. Die Schüler können in andere Gruppen wechseln oder während der Arbeitsphase neue Untergruppen bilden. Die Ergebnisse werden von Schülern in Protokollen festgehalten. So kann innerhalb kurzer Zeit eine große Anzahl von Personen zu Wort kommen. In das Zentrum der Diskussion werden die eigenen Anliegen der Jugendlichen gerückt. Bei einem Open Space werden die Teilnehmer nicht auf die einmal von ihnen selbst gewählten Fragestellungen festgelegt, sondern jeder Person wird ermöglicht, während des Diskussionsprozesses neue Themen aufzunehmen. Abweichend von der reinen Lehre des Open Space wurden bei "Islam und Ich" die Arbeitsphasen von Experten begleitet. Wie die Lehrkräfte waren sie als "normale" Teilnehmer in den Gruppen. Ihr Expertenstatus wurde nur auf Anfrage der Schüler vorübergehend "aktiviert". Das heißt, sie gaben auf Anfrage einen fachlichen Input.

 

Was bringt die Methode?

Wie sind die Diskussionen zu beurteilen, und ist Open Space eine geeignete Methode, das Thema "Islam und ich" zu bearbeiten? Der Islamwissenschaftlers Michael Kiefer, wissenschaftlicher Berater des Schulversuchs "Islamische Unterweisung in Nordrhein-Westfalen", hat die Open Spaces in Bremerhaven und in Hannover evaluiert und meint: "Ich habe in den vergangenen Jahren sehr viel Fachunterricht mit muslimischen Jugendlichen gesehen und darüber hinaus an zahlreichen Dialogveranstaltungen teilgenommen, die zu einem besseren Miteinander der Religionen führen sollten. Sämtliche Veranstaltungen und hier schließe ich den staatlich verordneten Islamunterricht mit ein, orientieren sich an zumeist akademischen Wunschvorstellungen, wie der Islam sein sollte und wie man mit den Muslimen umgehen sollte. Dabei beschleicht einen stets das Gefühl, ohne wirkliche Bodenhaftung zu sein. Denn das, was die Menschen denken, erfährt man in der Regel nicht. Bei Open-Space-Veranstaltungen läuft das anders. Die Jugendlichen agieren in hierarchie- und sanktionsfreien Kommunikationsräumen. Ihre Beiträge und Ausgestaltungen unterwerfen sich keinem vorgefertigten fremden Reglement. Der Diskussionsprozess oder auch manchmal das Palaver kommen ohne Fremdsteuerung aus. Überdies gibt es keinen Ergebniszwang. Was einen nicht interessiert, darüber redet man nicht. Ist man genervt, dann geht man oder gibt seine Enerviertheit mit Gesten und Worten deutlich Ausdruck. Wäre der Terminus "authentisch" nicht so abgenutzt, könnte man ihn hier durchaus zutreffend anbringen."

Im Idealfall ermöglicht ein Open Space, die im schulischen Alltag gültigen Hierarchien zwischen Lehrern und Schülern temporär aufzuheben und sie damit als weitgehend gleichberechtigte Diskussionspartner zusammenzubringen.

 

Der erste Versuch: Die Dominanz islamistischer Schüler

Im Dezember 2002 führten wir am Oberstufenzentrum (OSZ) Wrangelstraße in Berlin einen ersten Open Space zum Thema "Islam und Ich" als Testlauf durch. Das OSZ ist die größte berufsbildende Schule Deutschlands mit mehr als 4000 Schülern. Die Schule liegt in Kreuzberg inmitten eines Kiezes, der von mehrheitlich muslimischen Einwanderern, dominiert wird. Mit rund 60 Schülern diskutierten wir über das Thema. Geschulte islamistische Schüler dominierten die Diskussion in den Arbeitsgruppen. Sie definierten, wer sich nach ihrer Auffassung Muslim nennen darf und wer nicht. Sie sprachen den Aleviten das Recht ab, Muslim zu sein, da sie sich nicht an die fünf Säulen des Islam halten würden. Diese Schüler fielen durch ein selbstbewusstes, aggressives und rücksichtsloses Diskutieren auf. Sie verfügten mit Abstand über das größte Wissen über die islamische Geschichte und interpretierten das politische Weltgeschehen aus islamistischer Sicht. Wie sich später herausstellte, handelte es sich um Jugendliche, die seit Jahren die Al Nur-Moschee in Neukölln (sie steht der Hamas nahe) besuchen.

 

Bei Nachgesprächen berichteten einige Lehrer, dass sie über die Verbindung zur Hamas-Moschee informiert waren und bereits Gespräche mit den Eltern und den Schülern geführt hätten. Trotz ihrer Bemühungen, so ihre Auskunft, habe sich das Verhalten der Schüler nicht geändert und sie wüssten nicht mehr, was zu tun sei.

 

Nach dieser Erfahrung haben wir entschieden, vergleichbare Veranstaltungen in mehreren Städten mit unterschiedlichen Schultypen. Bei der Auswahl haben wir uns auf Städte im Westen der Republik beschränkt, da hier der Islam auf Grund der Migration das Alltagsleben aller Jugendlichen mitbestimmt. Dabei wurden Jugendliche im Alter zwischen 12 und 20 Jahren einbezogen, um herauszufinden, wie eine altersspezifische Auseinandersetzung mit dem Thema aussieht.

 

Kreuzberg: Mädchen mit Kopftuch als vermeintliche Expertinnen

Auch der Open Space im Hermann-Hesse-Gymnasium in Berlin-Kreuzberg wurde vom dominanten Auftreten einiger islamistischer Schüler geprägt. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass sie in der Islamischen Föderation, einer Unterorganisation von Milli Görüs,, aktiv sind. Schülerinnen, die ein Kopftuch trugen, wurden sowohl von Mitschülern als auch von den Lehrern in die Rolle von vermeintlichen Expertinnen gedrängt. Durch diese Rollenzuweisung blieb die Auseinandersetzung mit den Themen der anderen Schüler weitgehend auf der Strecke. Da immer wieder kritische Nachfragen kamen, konnten die islamistischen Schüler die Diskussionen nicht völlig dominieren. Das Thema Juden, Israel, Palästinenser, Nah-Ost-Konflikt wurde kontrovers diskutiert. Dabei äußerten einige sehr verhärtete Positionen ("Nur ein toter Jude, ist ein guter Jude"), denen andere Schülerinnen und Schüler sehr schnell widersprachen. Die Gymnasiasten verfügen offensichtlich über ausreichendes historisches, politisches und kulturelles Wissen, um islamistisch-politische Aussagen als solche zu erkennen und kritisch zu hinterfragen. Auch verfügen sie über eine entwickelte Diskussionskultur, die sie in die Lage versetzt. sich ernsthaft mit Differenz auseinanderzusetzen, ohne in kulturalistische Deutungsmuster zu verfallen.

 

Dortmund: "Warum dürfen Männer vor der Ehe Sex haben und die Frauen nicht?"

In Dortmund nahmen mehr als 160 Schüler im Alter zwischen 15 und 17 Jahren aus sechs Haupt- und Gesamtschulen an der Veranstaltung teil. Mit dem Stichwort "Islam und Ich" assoziierten sie vorrangig Themen wie Sexualität und Geschlechterverhältnis. Dabei spielten die Schülerinnen die aktive Rolle. Die Themen der Arbeitsgruppen lauteten: Kein Sex vor der Ehe wegen der Religion? Warum dürfen Männer vor der Ehe Sex haben und die Frauen nicht? Männer im Islam. Warum müssen Ausländer sich anpassen? Ich möchte mit meinem Freund übers Wochenende verreisen, aber die Eltern ... Meine Freundin ist Muslima und sie darf nicht mit auf Klassenfahrt.

 

Islam und Kriege.

Schülerinnen und Schüler führen ihre Haltung und Fragen zur Sexualität durchaus auf religiöse Orientierungen oder Traditionen zurück, allerdings sind sie nicht in der Lage, Zusammenhänge näher zu erläutern. Schüler mit christlichem Hintergrund und auch Lehrer unterstellten den Muslimen (vor allem den Mädchen) eine eher sexfeindliche und keusche Haltung. Bei den Teilnehmern der Diskussionsrunden war wenig bekannt, dass islamische Gesellschaften im hohen Maße sexualisierte sind. Homosexualität oder Abtreibung sind alles andere als westliche Themen.

 

Das klassische Thema Kopftuch interessierte vergleichsweise wenige Schülerinnen und wurde in der Arbeitsgruppe "Warum darf man während der Ausbildungszeit kein Kopftuch tragen?" diskutiert. An ihr nahmen drei Mädchen mit Kopftuch teil. Die Debatte schwankte zwischen folgenden Polen: Jedes Individuum hat das Recht, sich nach eigenem Gusto zu kleiden, stylen und die Gesellschaft muss offen sein, alle Formen zu akzeptieren. Die Gegenposition lautete: In unserer Gesellschaft gibt es bestimmte Normen, gerade auch in der Arbeitswelt, denen sich alle zu unterwerfen haben. Von den drei Mädchen mit Kopftuch haben zwei die letzte Position vertreten.

 

Neunkirchen: Unverstellte Neugier

In Neunkirchen/Saarland sind die Muslime nur eine kleine Minderheit. Auffällig war die unverstellte Neugierde der Jugendlichen auf muslimisches Alltagsleben. Es wurde deutlich, dass der überwiegende Teil der Schüler außerhalb der Schule keinerlei Kontakt zu Muslimen hat. Gleichzeitig betonten Lehrer und Schüler, dass es vor Ort keine Probleme zwischen Muslimen und Nichtmuslimen gäbe. Mehrere muslimische Kinder drückten ihre Freude darüber aus, dass "ihre" Themen endlich einmal im Zentrum eines ganzen Schultages standen.

 

Bremen: Offene Ablehnung

Ursprünglich wollten wir auch in Bremen einen Open Space zum Thema "Islam und Ich" durchführen. Bremen nimmt innerhalb des Islamdiskurses in Deutschland eine Sonderstellung ein. Wie in keinem anderen Bundesland gibt es hier eine enge Zusammenarbeit zwischen evangelischer Kirche, Landesregierung und islamistischen Akteuren. Kritiker dieser Kooperation mit islamistischen Gruppen wie Milli Görü? werden in der Debatte eingeschüchtert und mit Nachdruck marginalisiert.

 

Unsere Mitarbeiterin, die im Herbst 2003 den Open Space vor Ort vorbereitete, wurde von verschiedenen Seiten (Moscheevertreter, Migrantenvertreter) gewarnt: Es sei nicht die richtige Zeit, das Thema in der von uns geplanten Form zu behandeln, hieß es. Die Einladung zum Open Space stieß auf völliges Desinteresse an den Schulen beziehungsweise auf offene Ablehnung. Die Durchführung des Open Space in Bremen ist im Vorfeld gescheitert.

 

Bremerhaven: "Warum haben muslimische Jungs eine so große Klappe?"

Ein Jahr später, im Oktober 2004 unternahmen wir im Land Bremen einen zweiten Anlauf - diesmal in Bremerhaven. Mit Unterstützung der Migrations- und Integrationsbeauftragten der Bundesregierung, Marieluise Beck, organisierten wir in Bremerhaven einen Open Space, den wir wissenschaftlich begleiten ließen.

 

Auf das größte Interesse stießen bei den Schülern die Themen: Macho (Warum haben muslimische Jungs eine so große Klappe?); Jungfrau bis zur Heirat (Der Ehrbegriff der muslimischen Männer); Liebesbeziehungen zwischen Muslimen und Christen (Was sagen die Eltern? Was machen die Brüder?); Parkplatzprobleme vor der Moschee (Muslime als Falschparker und der Ärger der Nachbarn); Islam und Terror.

 

Im Gegensatz zu allen anderen Veranstaltungsorten war das Interesse der Schüler am Themenfeld Islam verhalten. Viele Schüler verfügten über kein oder nur ein geringes religionskundliches Vorwissen. Den meisten war der Name Abraham nicht bekannt. Zudem war in den Arbeitsgruppen, die sich mehrheitlich aus Schülern des Haupt- und Realschulzweiges zusammensetzten, aufgrund defizitärer Sprachkenntnisse - mit den vor allem die Jungen zu kämpfen hatten - eine differenzierte Auseinandersetzung nicht möglich. Die Beiträge der Jungen erschöpften sich zumeist in wortkarger Zustimmung oder Ablehnung.

Am meisten interessiert das Geschlechterverhältnis

Der Verlauf der Open Spaces "Islam und Ich" hat unsere Ausgangsthese bestätigt: Jugendliche sind bei dem Thema Islam weniger an theologischen Fragen interessiert, sondern mehr an lebensweltlich Näherem wie Sexualität, Freundschaft, Familie und Zukunftssorgen. Dabei ist das Geschlechterverhältnis das zentrale Themenfeld.

 

In seiner Evaluation kommt der Islamwissenschaftler Michael Kiefer zu dem Schluss: "Ich musste zur Kenntnis nehmen, dass die curricularen Schwerpunktsetzungen des Islamunterrichts für die Jahrgangsstufen 7-10, wie sie der Schulversuch "Islamische Unterweisung in NRW" seit Mitte der neunziger Jahre vorsieht, die Interessen der Schülerinnen und Schüler nicht widerspiegeln. Die Themen Liebe und Sexualität, Liebesbeziehungen zwischen Muslimen und Christen und viele Fragestellungen, die den Alltag der muslimischen Jugendlichen unmittelbar berühren, kommen in den Lehrplänen nicht vor und führen ein randständiges Dasein. Ähnlich groß ist die Diskrepanz bei den Themen Jihad und Antisemitismus. Die Parolen "Islam heißt Frieden" und "Jihad heißt Anstrengung auf dem Weg des Glaubens" können zweifelsfrei nicht zur Skizzierung der Grundbefindlichkeit der jungen muslimischen Männer herangezogen werden. Gewalt als Mittel der Auseinandersetzung wird viel zu häufig akzeptiert und gelegentlich ausdrücklich gefordert. Dieser Sachverhalt wird im islamwissenschaftlichen Diskurs immer noch weitgehend ignoriert oder geleugnet mit dem Hinweis, es gäbe keine empirischen Belege."

 

Mangelndes Wissen um die historischen, sozio-ökonomischen und religiösen Wurzeln der jeweiligen Männer- und Frauenbilder fördert bei den Lehrern Verunsicherung und Vorurteilsbildung. Sie sind sehr schnell bereit, Einstellungen von Jugendlichen, die nicht der aktuellen politisch korrekten Geschlechterdebatte entsprechen, als Ausdruck eines rückständigen Islams zu betrachten.

 

Tatsächlich herrscht vor allem in den Haupt- und Berufsschulen ein Menschenbild vor, das von der Dominanz der Männer ausgeht und scheinbar muslimisch begründet im krassen Widerspruch zum emanzipativen Rollenverständnis der überwiegend weiblichen Lehrkräfte steht. Für die Gruppe der jugendlichen männlichen Muslime sind sehr viele Themen mit einem diffusen Ehrbegriff besetzt. Ob es um Palästina geht oder um die eigene Schwester, stets werden Angelegenheiten der Ehre verhandelt.

Den Islam als Religion für diese Sicht auf das Geschlechterverhältnis oder internationale Konflikte verantwortlich zu machen, ist daher nahe liegend und auf jeden Fall intellektuell bequem, zielt aber an den Realitäten vorbei. Denn in der Frauenverachtung treffen sich bei allen Unterschiedlichkeiten männliche Jugendliche deutscher und nichtdeutscher Herkunft einmütig. Die Ausprägung korreliert häufig mit dem Grad der Bildung. Aus diesem Rollenverständnis junger Männer folgt unmittelbar eine aggressive Homophobie, die ungefragt kundgetan wird.

 

In berufsbildenden Schulen mit hohem Migrantenanteil aber auch in Hauptschulen und Gymnasien stießen wir zudem sowohl bei Migranten als auch bei den Jugendlichen deutscher Herkunft auf einen rabiaten Antisemitismus, der sich aus unterschiedlichen Quellen speist: dem klassischen deutschen Antisemitismus, dem Antisemitismus, der sich aus aktuellen Konflikten im Nahen Osten begründet und dem islamistisch motivierten Antisemitismus. Dies ist eine neue Herausforderung, der sich die politische Bildung stellen muss. Bislang stehen in der Schule Informationen zum klassischen deutschen Antisemitismus und den Verbrechen der NS-Zeit im Vordergrund. Dies reicht für eine Schülerschaft mit sehr divergierenden familiären und nationalen Hintergründen nicht mehr aus.

Es gibt bislang zu wenige Lehrerinnen und Lehrer, die dem islamistisch begründeten Antisemitismus im Klassenzimmer kompetent begegnen können und in der Lage sind, diesen Antisemitismus zum Beispiel von einer israelkritischen oder auch israelfeindlichen Haltung eines Schülers zu unterscheiden, dessen Eltern aus ihrem Dorf in Palästina vertrieben wurden. Um zu diesem Thema mehr Informationen zu erhalten, haben wir in Berlin inzwischen eine Open Space-Reihe unter dem Titel "Was ich den Juden schon immer einmal sagen wollte …" begonnen.

 

Konfliktvermeidung ist keine Lösung

Unabhängig von der ethnischen Zusammensetzung der Schülerschaft dominiert die jeweilige Majorität die Minorität. Dies führt zum Beispiel in Berufs- Haupt- und Gesamtschulen dazu, dass sich Schüler deutscher Herkunft von Schülern mit Migrationshintergrund (russisch, arabisch und türkisch) unterdrückt fühlen. Lehrer sind gerade bei dieser Konstellation unsicher und in der Folge weniger in der Lage, für die diskriminierte Gruppe Partei zu ergreifen. Bei Schülern deutscher Herkunft in diesen Schulen herrscht das Gefühl der Ohnmacht und Wut vor, was bei einigen zu einer klaren, schon am Outfit erkennbaren, Orientierung nach Rechts führt.

Bei all diesen Konfliktsituationen sind Lehrer mindestens genau so verunsichert wie ihre Schüler. Oft suchen sie vergeblich nach Beratung und Unterstützung, um die an ihrer Schule auftretenden Konflikte zu bearbeiten. So machten wir zum Beispiel die Erfahrung, dass Lehrer an einigen Schulen mit hohem Anteil muslimischer Jugendlicher das Thema Juden möglichst gar nicht mehr ansprechen würden, aus Angst, die Situation nicht in den Griff zu bekommen.

 

Konfliktvermeidung kann natürlich nicht die Lösung auf brisante Stimmungen und Entwicklungen sein, besser wäre es, diese Themen künftig angemessen in der Lehrerausbildung anzubieten. Unter anderem müssen Fortbildungsangebote die Unterscheidung zwischen Islam und dem Islamismus als politische Bewegung deutlich machen und pseudoreligiöse Erklärungsansätze von muslimischen Schülern als solche erkennen helfen.

Lösungen für diese Fragen und Probleme können nicht alleine von den Schulen erarbeitet werden. Diskussionsrunden mit Eltern, Lehrer, Anwohnern, Vertretern verschiedener Glaubens- und Weltanschauungsgemeinschaften könnten dazu beitragen, die bisherigen Islamdebatten um die nötigen lebensweltlichen Ansätze zu ergänzen. Nur so lässt sich auch in Zukunft klären, auf welcher Basis das Zusammenleben in dieser Gesellschaft erfolgen soll.

 

Eberhard Seidel, Auszug aus: "Islam im Klassenzimmer. Impulse für die Bildungsarbeit", edition Körber-Stiftung, Hamburg 2005, Herausgeberin Sanem Kleff.

 


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