
Henri Borlant, Überlebender des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau, im Gespräch mit Teilnehmern der Jugendbegegnung im Mémorial de la Shoah in Paris. Foto: Deutscher Bundestag/Müller

Der ASF-Freiwillige Mathias Althaler führt eine Arbeitsgruppe durch die Ausstellung in Oradour-sur-Glane. Foto: Deutscher Bundestag/Müller

Birgid Aschinger, Leiterin des Besucherdienstes des Deutschen Bundestages, bedankt sich bei Robert Hébras, einem der beiden letzen Überlebenden des Massakers von Oradour vom 10. Juni 1944. Foto: Deutscher Bundestag/Müller
Zeitzeugen erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus
"Es ist eure Pflicht, euch für die Demokratie einzusetzen. Seit 60 Jahren existiert ein friedliches Europa, 60 Jahre schon kämpfen Deutsche nicht mehr gegen Franzosen – mein Wunsch ist, dass das so bleibt."
Henri Borlant, 81 Jahre alt, stand noch eine kleine Weile neben seinem Pult während sich der Hörsaal im Memorial de la Shoah (Paris) langsam leerte. Er redete mit den Jugendlichen, denen das Ende seines Vortrags viel zu schnell gekommen war.
Wie kann ein Mensch, der als Jugendlicher drei Jahre lang im KZ Auschwitz Birkenau von deutschen SS-Mannschaften gequält wurde, seinen Glauben an Gott bewahren? Wie kann er seine Peiniger in seine Gebete mit einschließen: "Gott vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun", eine deutsche Frau heiraten und blonde Jungs großziehen? Wie kann dieser Mann für die deutsch-französische Freundschaft alles geben und zuguterletzt eine Lebensfreude ausstrahlen, die seinesgleichen sucht? Henri Borlant ist für uns ein Botschafter für Frieden und Versöhnung, wie es keinen zweiten gibt.
Die Jugendbegegnung des deutschen Bundestages 2009 unter dem Thema "Die Opfer des Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg" hat es auch in diesem Jahr wieder 80 Jugendlichen aus vielen europäischen Ländern ermöglicht, unglaubliche Menschen kennen zu lernen, Einblick in wahnsinnig interessante Projekte zu bekommen und zu erkennen, dass wir zwar keine Verantwortung mehr an der Shoah tragen, aber Erinnerung und Mahnung sowie Gedenken der Opfer die Aufgabe aller kommenden Generationen sein muss.
Der französische Priester Patrick Desbois kommt aus der Generation unserer Eltern. Er hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht durch die Ukraine und Weißrussland zu reisen, mit Überlebenden zu sprechen und die Gräber der Massenerschießungen zu finden. Er will reden, finden, Denkmäler aufstellen, denn für ihn ist klar, dass: „man Europa nicht auf vergessenen Massengräbern bauen kann". 600 Massengräber hat er seit Beginn seines Projekts vor sieben Jahren bereits entdeckt.
Er berichtet von 80-jährigen Frauen, die als Jugendliche mit ansehen mussten, wie die gesamte jüdische Bevölkerung ihrer Orte erschossen wurde und die anfangen zu weinen, wenn sie heute, mehr als 60 Jahre später, zum ersten mal ihre Geschichten erzählen. Pater Debois spricht von Menschen, die das Geschehene ganz tief in sich begraben haben, die aber ein großes Bedürfnis haben vor ihrem Tod einmal über alles zu sprechen.
Wir haben das Dorf Oradour sur Glane in Zentralfrankreich besucht, das die deutschen Truppen auf dem Rückzug aus der Normandie 1944 ohne Grund komplett zerstört haben. Von den 648 Menschen, die sich diesem Tag in der Ortschaft befanden, überlebten nur sechs Personen das Massaker, die Verantwortlichen wurden nie zur Rechenschaft gezogen. Wie kann das möglich sein? Verjährt Mord etwa doch?
Und wie kann es möglich sein, dass die letzten zwei bis heute Überlebenden, Robert Hébras und Marcel Darthout, noch immer und überhaupt die Kraft aufwenden können uns „Touristengruppe“ durch das in seinem zerstörten Zustand konservierte Dorf zu führen?
Als wir an dem Haus des Robert Hébras vorbeikommen, zeigt er uns ein verrostetes und verbogenes metallenes Bettgestell, das einmal seins war und er zeigt uns eine Wand, an der alle seine Freunde, seine ganze Familie und seine Leichtigkeit erschossen wurden.
Das Leid, das Menschen wie Robert Hébras, Marcel Darthout und Henri Borlant aber auch die russische damals noch junge Frau erlitten haben, ist für mich schlicht unvorstellbar. Aber dies alles ist geschehen, als unsere Großeltern gerade erwachsen geworden sind und es ist jetzt unsere Pflicht den letzten Zeitzeugen zuzuhören und ihre Appelle niemals zu vergessen. Fritz Marquardt



