Prof. Dr. Feliks Tych während seiner Rede im Bundestag
Podiumsdiskussion mit Prof. Dr. Feliks Tych, Prof. Dr. Norbert Lammert und Prof. Dr. Gesine Schwan
Die Autorin Anita Groth. Alle Fotos: DBT / S. E. M. Schmidt

Jugendbegegnung zum Holocaust-Gedenktag

Auch in diesem Jahr fanden 80 Jugendliche hauptsächlich aus Deutschland, aber auch aus Polen und Frankreich sowie einzelne aus Österreich, Tschechien, Russland und den USA zusammen, um in der Gedenkstunde des Deutschen Bundestages an die Opfer des Nationalsozialismus zu erinnern und sich während der Jugendbegegnung mit den Themen Krieg, Besatzung und Völkermord auseinanderzusetzen. Jugendliche, die sich zuvor gegen Rassismus, Antisemitismus sowie Rechtsextremismus zum Beispiel in der Gedenkstättenarbeit engagiert hatten, bekamen die einmalige Chance, an dieser Veranstaltung teilzunehmen.

 

Bereits am Tag der Ankunft wurde deutlich, mit welchem Eifer und Engagement die Teilnehmer dabei waren, anregende Diskussionen zu führen, internationale Sichtweisen und Meinungen über Erinnerungskultur zu erfahren, nachzuvollziehen und von ihnen zu lernen. Ein Kernpunkt dieser Begegnung.

 

Am Samstag, den 23.01.2010 fuhren wir in aller Frühe nach Warschau. Durch vorherige Kennenlerngespräche, durchmischte Zimmer und das gemeinsame Interesse, während des Zweiten Weltkrieges begangene Verbrechen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, fanden wir leicht einen Draht zueinander.

 

Wir besuchten das Museum des Warschauer Aufstandes von 1944, in dem auf dramatische Weise die Geschichte vom dreimonatigen Kampf um die Freiheit der Polen und das damit verbundene Leid dargestellt wird. Während des Warschauer Aufstandes kamen rund 150 000 polnische Zivilisten ums Leben. Der Aufstand wurde durch die deutschen Besatzer brutal niedergeschlagen und Warschau nach dem Ereignis nahezu vollkommen zerstört.

 

Im Museum durften wir an einem Zeitzeugengespräch teilhaben, bei dem ehemalige Partisanen von ihren Erlebnissen und ihrer Sicht auf die damalige Zeit und das heutige Europa erzählten. So auch Frau Broszkowska-Piklikiewicz. Sie verstand damals zunächst nicht, warum die Aufständischen sich zur Wehr setzten, denn es schien aussichtlos, an ein freies Polen zu glauben -  doch alle sehnten sich nach dem Ende der Unterdrückung und kämpften mit Hoffnung und Optimismus für die Freiheit Polens.

 

Der darauffolgende Tag führte uns zum ehemaligen Vernichtungslager Treblinka, wo innerhalb von 2 Jahren schätzungsweise mehr als 1 Million Menschen, darunter 900. 000 Juden, ermordet worden waren.

 

An diesem Tag war es eisig kalt. Wir teilten uns in zwei Gruppen. Die erste Gruppe machte sich auf den Weg durch das ehemalige Lager, von dem heute nichts mehr übrig ist. Wir fanden bloß Waldfläche und einen Gedenkplatz mit unzähligen Steinen vor, die für die ermordeten Menschen und Religionsgemeinschaften standen, denen Leid angetan wurde. Leid, welches heutzutage kaum nachvollziehbar ist. Wir harrten in der Kälte aus und jeder fragte sich, wie ein Mensch seinen Mitmenschen derartige Grausamkeiten antun könne.

 

Die nach Treblinka deportierten Juden mussten sich ausziehen und durch den „Schlauch“ gehen - das war der Weg zu den Gaskammern, der geradewegs in den Tod führte. Dort angekommen, mussten sie auf ihre Ermordung warten. Jüdische Zwangsarbeiter mußten ihre eigenen Familien in Massengräbern verscharren und für einen reibungslosen Ablauf sorgen. Bereits nach zwei Stunden kamen die nächsten zu tötenden Menschen an die Reihe. Dieses Wissen machte uns sprachlos. An der Gedenkstätte Treblinka ging die zweite Gruppe in ein kleines Haus, in dem ein Modell des Lagers gezeigt wurde.

 

Dieser Tag warf Fragen auf, die uns die ganze Reise beschäftigten: Wie wird mit dem Gedenken an die ermordeten Juden und Zivilisten in Polen umgegangen? Sollte Deutschland finanzielle Unterstützung für Gedenkstätten wie Treblinka leisten? Fragen, auf die wir ohne die internationale Jugendbegegnung niemals Antworten bekommen hätten.

 

In einer späteren Diskussion erklärte der Zeitzeuge und Treblinka-Überlebende Prof. Dr. Feliks Tych uns, Treblinka aus seiner Sicht weniger eine Gedenkstätte, sondern vielmehr ein Friedhof sei. Uns berührte diese Aussage sehr, weil seine Eltern dort ermordet worden waren.

 

Am Montag besuchten wir das Institut für Nationales Gedenken, wo wir mit Herrn Direktor Prof. Dr. Jerzy Eisler und Herrn Dr. Pavel Kosinski sprachen. Desweiteren informierten wir uns im Deutschen Historischen Institut über Deutschlands Krieg gegen Polen und den Alltag im besetzten Warschau. Die heutigen deutsch- polnischen Beziehungen wurden uns in der Deutschen Botschaft näher erklärt.

 

Zudem lernten wir Neues über das Ringelblumarchiv und dessen Gründer, dem jüdischen Historiker Emanuel Ringelblum, welcher selbst im Warschauer Ghetto lebte. Dieses Archiv wurde nach dem Krieg unter den Trümmern Warschaus durch überlebende Mitglieder der Untergrundorganisation ausfindig gemacht und beinhaltet zehn Blechkisten sowie zwei Milchkannen, gefüllt mit Archivalien aus dem Warschauer Ghetto, die die bedeutendsten Einzelquellen für die Geschichte der polnischen Juden während des Krieges sind. Anschließend gab es eine Führung durch das ehemalige Warschauer Ghetto. Heute ist von ihm so gut wie nichts mehr zu sehen oder zu spüren.

 

Am letzten Tag, dem 27. Januar hatten wir schließlich die Ehre, an der offiziellen Gedenkfeier im Deutschen Bundestag teilzunehmen und zusammen mit den Abgeordneten den Reden des israelischen Staatspräsidenten Shimon Peres und des Holocaust-Überlebenden Feliks Tych zuzuhören. Peres appellierte an uns Jugendliche, sich nie andere Ziele als "Frieden, Versöhnung und Liebe" zu setzen.

 

Nach einer anschließenden Podiumsdiskussion mit Herrn Prof. Dr. Feliks Tych, Herrn Prof. Dr. Norbert Lammert und der Moderatorin Prof. Dr. Gesine Schwan ging auch dieser letzte lehrreiche Tag zu Ende. Wir verabschiedeten uns in der Gewissheit, erkannt zu haben, dass wir diejenigen sind, die die Chance erhielten an dieser Begegnung teilzunehmen und unsere Erfahrungen an die Menschen in unserem Umfeld weitergeben müssen.

 

Wir sind diejenigen, die nicht wegschauen oder verdrängen sollten. Solche Verbrechen dürfen nicht wieder geschehen. Wir können Geschehenes nicht rückgängig machen, aber wir können aus der Vergangenheit lernen.

 


Weitere Berichte von dieser Veranstaltung lassen sich unter dem Suchbegriff "Jugendbegegnung 2010" auf der Website  http://www.mitmischen.de, dem Jugendportal des Deutschen Bundestages, finden.

 

Anita Groth


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