Weser Kurier: Gemeinsam gegen Neonazis
Aktionstag "Bremen gegen Rassismus" in der Bürgerschaft / "Ihr Schüler seid es, auf die es ankommt".
Ein Dialog im Bus: "Und, immer noch rechts?" - "Na klar, ich fahre gerade zum Kadertreffen in Woltmershausen." Aufgeschnappt von einer Schülerin. Sie besucht eine von 16 Bremer "Schulen ohne Rassismus". Dort lernen besonders wache Bremer Schüler, die genau wissen: Auch in dieser Stadt kursiert rechtes Gedankengut, auch hier werden Menschen diskriminiert.
Katharina Michael vom Schulzentrum Walle ist eine derjenigen, die ihre Augen nicht verschließen. Als eine von 15 Schülerinnen und Schülern des Schulzentrums Walle, der Integrierten Stadtteilschule Johann-Heinrich-Pestalozzi und der Gesamtschule Mitte hat die 18-Jährige den gestrigen Aktionstag im Haus der Bürgerschaft organisiert. "Bremen gegen Rassismus - Bremen mit Courage": Unter diesem Slogan gab es den ganzen Tag lang Diskussionen und Informationen. In Workshops, Lesungen, Podiumsdiskussionen und Informationsveranstaltungen beteiligten sich über 150 Schüler an dem Schwerpunktthema.
"Oberflächlich fällt gar nicht auf, wie aktuell das Thema ,Rechtsextremismus’ auch in Bremen ist", erklärte Katharina Michael. Nur wenn man genau darauf achte, fielen die rechten Codes und Symbole auf der Straße ins Auge. Klamotten, die nur Neonazis trügen, seien auch in Bremen überall zu finden.Deshalb ist die engagierte Schülerin - "ich dachte vorher, Rechtsextremismus ist nur im Osten ein Thema" - mittlerweile eine versierte Gesprächspartnerin, wenn es um Rassismus und Ausgrenzung geht. "Wir haben Experten eingeladen, die von ihrer Arbeit berichten können."
In der Tat gab es bis in den späten Nachmittag Vorträge und Workshops: Ralf Beduhn zum Beispiel teilte seine Erfahrungen aus 17 Jahren Antifa-Arbeit mit, Cornelius Peltz informierte über "rechte" Musik.
Neonazis versuchten immer wieder, "ihren braunen Dreck" unter den Schülern zu verbreiten. "Ihr seid es, auf die es ankommt", sprach Andrea Röpke die Schüler direkt an. Die Journalistin kennt sich sehr gut aus in der Szene, was ihr aktueller Report über die Umtriebe der Extremisten in Norddeutschland beweist. "Schüler müssen darauf achten, wenn Klassenkameraden in die rechte Szene hineinrutschen."
Im Mittelpunkt der Abschluss-Diskussion stand die Frage, was ein einzelner Bürger der rechten Szene, die Wahlkampferfolge feiert und eine Vielzahl von "Kameradschaften" pflegt, entgegenzusetzen hat. Für Journalistin Röpke sind die Aktionen in der "linken Hochburg" Bremen noch zu dünn. Man dürfe die Neonazis "nie unterschätzen".
Henning Homann passiert das bestimmt nicht. Der Sachse ist seit vielen Jahren mit seinem Planspiel "Monolizien" unterwegs, um Schülern die Mechanismen von Macht und Machtmissbrauch nahe zu bringen. "Jeder kann Opfer von Diskriminierung werden", sagt Homann.Zu Recht, wie sein ausgeklügeltes Rollenspiel im Festsaal der Bürgerschaft darlegte. Dort waren die Teilnehmer mit zufällig blauen Augen die Ausgegrenzten in einem fiktiven Zusammen- und Gegeneinanderspiel von Partei, Jugendgang, Zeitung, Amt und Bürgerinitiative. In letzterer wirkte Hermann Kleen mit. Der SPD-Bürgerschaftsabgeordnete lobte die Aufgewecktheit seiner jugendlichen Mitspieler, die zum Schluss des Spiels "eine demokratische Revolution gemacht" hätten.Das spricht für das Bewusstsein der Bremer Schüler.
Zum Austausch von Schülern und Abgeordneten kam es gestern übrigens permanent, schließlich halfen namentlich diejenigen Politiker, die im Januar an einer Unterschriftenaktion gegen Rassismus teilgenommen hatten, bei der Durchführung der Veranstaltung.
Dass der Kampf gegen Rechts auch witzig sein kann, davon zeugte nicht nur das gut gelaunte Engagement der Schüler. Der in Bremen lebende deutschtürkische Satiriker und Schriftsteller Osman Engin las aus seinem Werk. Unter anderem die Geschichte, die von seiner Einbürgerung erzählt. "Was Du wollen, Du Asyl?", wurde er von seiner Sachberaterin gefragt.Diskriminierung ist alltäglich. Und sollte immer eine Reaktion hervorrufen.
Zum Beispiel am 4. November in Gröpelingen. Dort wollen die Bremer Neonazis demonstrieren. Helga Ziegert, Bremer DGB-Chefin und Bürgerschaftsabgeordnete, verabredete sich mit den Schülern zur Gegendemo: "Wir müssen Flagge zeigen." Überdies zollte sie den jungen Bremern großes Lob: "Es ist toll, wie informiert ihr seid."

