3 Sat: Man spricht Deutsch
Ein Privatgymnasium in Köln lebt die Integration von Migrantenkindern vor.
Leben wir in Parallelgesellschaften? Diese Frage taucht immer dann auf, wenn das Problem der fehlgeschlagenen Integration von Deutschtürken diskutiert wird. Noch nie war der Auftrieb so groß, die Einmischung türkischer Politiker so massiv. Und natürlich provozieren die Forderungen des türkischen Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan umso mehr. Er will in Deutschland türkische Lehrer, mehr türkisch an deutschen Schulen und türkische Unis. Dabei gibt es in vielen deutschen Städten bereits Schulen für Migrantenkinder - zum Beispiel in Köln.
An einem neu gegründeten Privatgymnasium in Köln wird Integration bereits groß geschrieben. Die Schule heißt bezeichnenderweise "Dialog". Und der Name ist Programm. "Was symbolisiert die Jungfrau?", wird da zum Beispiel gefragt. doch dabei geht es nicht um die muslimischen Jungfrauen im Paradies oder die Jungrau Maria, sondern um die Kölner Karnevalsfigur - deutsche Heimatkunde. Ethik- statt Islamunterricht. Die säkulare Ausrichtung ist konsequenter als an jeder deutschen Staatsschule. Die zehnjährige Fatma hat bereits Gemeinsamkeiten der Religionen kennengelernt und auch einige Unterschiede ausgemacht - zum Beispiel beim Fasten von Muslimen und Christen. Die Muslime, so sagt sie, "fangen morgens an und fasten den ganzen Tag bis abends und danach dürfen sie wieder essen. Bei den Deutschen ist das so: Was sie gern mögen, dürfen sie nicht essen."
Die zehnjährige Kölnerin Fatma ist in ihrem Denken bereits weiter als der türkische Premier. Für Tayyip Erdogan ist Assimilierung ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, ein Heilmittel dagegen türkische Schulen mit in der Türkei ausgebildeten türkischen Lehrern, mitten in Deutschland. Prominente Deutschtürkinnen sind entsetzt. "Die Empörung auf die Forderung Erdogans kann ich sehr, sehr gut verstehen", sagt etwa die Bürgerrechtlerin Seyran Ates, "weil es sie im Grund genommen zeigt, dass er sehr wenig Kenntnis hat über die Lage in Deutschland. Und wenn das tatsächlich erfolgen sollte, was er sich vorstellt, würde es die Parallelgesellschaft und all die Probleme, die wir hier haben, zementieren." Die Bildungsexpertin Sanem Kleff ergänzt: "Wenn der türkische Staat Gelder in die Bildung investieren möchte, dann soll er es bitte erst einmal in der Türkei tun, damit jedes Kind dort beschult werden kann."
"Kinder sollen dieses Deutsch lernen"
"Wir sind hier in Deutschland. Ich möchte keine türkische Universität und keine türkische Schule", sagt die Schriftstellerin Renan Demirkan. "Wir sind hier in Deutschland und dieses Deutsch ist eine unglaublich schöne Sprache, die Kinder sollen dieses Deutsch lernen." Zigtausende von Migrantenkindern schaffen es nur auf die Hauptschule oder bleiben ganz ohne Abschluss. Der zentrale Grund sind mangelhafte Deutschkenntnisse. "Wir brauchen hier unbedingt neue Schritte, die von der Lehrerausbildung, über die Materialien, über die Strukturen und die Ressourcen an den Schulen gehen", fordert Sanem Kleff. "Das ist überfällig."
"Die Kinder sind nicht schlechter, haben nicht schlechtere Sprachfähigkeiten als andere Kinder, sie lernen nur häufig auf einmal zwei Sprachen", weiß Gregor Hohmann-van Haaren, Schulleiter des Privatgymnasiums "Dialog". "Wenn ich zwei Dinge auf einmal lerne, brauche ich dazu einfach länger Zeit, um beide perfekt zu beherrschen." Deshalb setzt man bei "Dialog" auf die Ganztagsschule, von 8 bis 18 Uhr, inklusive Hausaufgabenbetreuung. An keinem staatlichen Gymnasium in NRW geht das, an der Privatschule "Dialog" ist es möglich. Besonders intensiv wird die Sprachkompetenz gefördert. Vor allem Deutsch, aber auch Englisch als erste und Türkisch als zweite Fremdsprache - auf Wunsch kommt eine dritte hinzu.
Keine türkische Schule
"Ich spreche gerne verschiedene Fremdsprachen", sagt die Schülerin Fatma. "Ich möchte auch noch ein paar lernen, wir kriegen ja auch noch Französisch dazu. Ich möchte die lernen, damit ich die auch in anderen Ländern benutzen kann." Ist das Privatgymnasium nun eine türkische Schule, wie die Tageszeitung "Die Welt" nach dem Erdogan-Auftritt behauptete? "Das Türkische an dieser Schule sind quasi die Vorurteile, mit denen wir erst einmal kämpfen müssen", so der Schulleiter. "Wir müssen uns erst einmal hier behaupten und zeigen, dass es eben genau keine türkische Schule ist. Wir sind hier eine sehr deutsche Schule." Sieben der acht Lehrer in Köln sind deutschstämmig, türkischstämmig ist nur die in Deutschland ausgebildete Lehrerin für Türkisch. In allen anderen Fächern und in der Pause gilt: Man spricht Deutsch.
Nur ein knappes Drittel der Mädchen trägt ein Kopftuch, seit Schulbeginn sind es weniger geworden. Ab nächstem Schuljahr gilt: Alle sollen am Schwimmunterricht und am Kölner Karnevalsumzug teilnehmen. Statt einem grausamen Ehrbegriff wird hier Toleranz gelehrt. "Wir müssen eine Koalition derer bilden, die für die positiven Werte, die wir stark machen wollen stehen", so die Bildungsexpertin Sanem Kleff: "Freiheit des Individuums, Meinungsfreiheit, Glaubensfreiheit, Selbstbestimmung in sexuellen Fragen. Wir müssen gemeinsam gegen die Feinde einer solchen Leitkultur in Deutschland kämpfen. Gleiche Rechte für Mann und Frau, Respekt gegenüber Minderheiten wie Homosexuellen - das sind Werte, die den Kindern hier vorgelebt werden."


