03.03.08

fluter.de: Das kommunizierende Klassenzimmer

Von: Nicole Alexander

Welche Rolle spielt der Islam in den Schulen? Interview mit Eberhard Seidel.

Spätestens seit dem Vorschlag des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan, in Deutschland türkische Schulen einzurichten, wird wieder stärker über die Frage gestritten, ob und wie sich türkische und muslimische Jugendliche integrieren lassen. Wären türkische Schulen nicht das Eingeständnis, dass es mit der Integration nicht geklappt hat? Welche Rolle kann und soll der Islam in der Schule spielen? Und wie ist das Verhältnis zwischen nicht-muslimischen und muslimischen Schülern/innen? Wir haben Eberhard Seidel gefragt, den Geschäftsführer der Initiative Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage. Ein Gespräch über seine Gesprächsreihe "Islam und ich", islamistische Sommercamps und die manchmal ganz pragmatische Sicht auf das Kopftuch.

 

Herr Seidel, was halten Sie von dem Vorschlag des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan, in Deutschland türkische Schulen und Universitäten einzurichten?

 

Seidel: Ich finde diesen Vorschlag völlig legitim. Das ist ein ganz normaler internationaler Vorgang. Deutschland zum Beispiel unterhält hundertzwanzig Auslandsschulen, drei davon in Istanbul und eine in Ankara. Und es gibt ja bereits mehrere türkische Privatschulen in Deutschland, weil gerade bildungsorientierte türkische Familien das Gefühl haben, dass ihre Kinder an einer deutschen Regelschule nicht ausreichend gefördert werden. Wie die deutsch-amerikanische John-F.-Kennedy-Schule oder das Französische Gymnasium in Berlin sind sie einfach eine weitere Option des Bildungsangebotes.

 

Aber läuft Erdogans Vorschlag nicht allen Integrationsbestrebungen zuwider?

 

Nein. Auf die Situation hierzulande wird er überhaupt keinen Einfluss haben. Vielmehr kommt es darauf an, dass die staatlichen deutschen Schulen in Zukunft Kinder aus bildungsfernen Migrantenfamilien stärker einbeziehen. Denn wenn weiterhin so viele Jugendliche mit Migrationshintergrund die Schule ohne Abschluss verlassen wie bisher, dann sehe ich nur eine Entwicklungsmöglichkeit: Da werden Milieus entstehen, die nur Ärger bereiten …

 

… und besonders anfällig für islamistisches Gedankengut sind?

 

Natürlich besteht die Gefahr, dass manche dieser Jugendlichen ohne Zukunftsperspektive sich an der islamistischen Bewegung orientieren. Ich warne allerdings davor, die ganze Migrationsproblematik nur unter den Aspekten Islam und Islamismus zu betrachten. Da wird mir in der öffentlichen Debatte, die seit der Ermordung des niederländischen Filmemachers Theo von Gogh 2004 teilweise hysterische Züge trägt, zu vieles vermischt.

 

Dass genau das nicht passiert, dazu will ja auch Ihre Initiative Schule ohne Rassismus beitragen. Zum Beispiel mit der Diskussionsreihe "Islam und ich", die bereits an mehreren Schulen in ganz Deutschland stattgefunden hat. Worum geht es da genau?

 

Wir wollten herausfinden, was eigentlich Jugendliche mit dem Thema Islam verbinden. Die ganze Islam-Debatte, die bei uns spätestens seit dem 11. September 2001 sehr intensiv geführt wird, ist ja stark von Erwachsenen geprägt. Dabei hat die junge Generation viel mehr mit diesem Thema zu tun, weil sie viel stärker interkulturell verwoben lebt als etwa meine Generation. Deshalb haben wir "Islam und ich" entwickelt: offene Gesprächsrunden, in denen muslimische und nichtmuslimische Jugendliche zusammenkommen und selbst bestimmen, worüber sie reden wollen. Open Space heißt die Methode.

 

Welche Themen standen dabei im Vordergrund?

 

Meistens ging es um Beziehungen, um Sexualität, Freundschaft und Familie, also um Themen, die im Alltag der Jugendlichen eine große Rolle spielen. Oft wurden auch internationale Ereignisse wie der Nahostkonflikt thematisiert. Interessant fand ich, dass etwa das Thema Kopftuch, das damals im Zentrum einer ideologisch völlig überfrachteten öffentlichen Diskussion stand, kaum eine Rolle spielte. Die meisten Mädchen mit Kopftuch sind mit dieser Frage erstaunlich pragmatisch umgegangen. Wenn die sich zum Beispiel irgendwo bewerben, wo sie kein Kopftuch tragen dürfen, dann haben sie kein Problem damit, es abzunehmen. Von "Kulturkampf" keine Spur. Es gab aber auch einige Dinge, die mich beunruhigt haben.

 

Zum Beispiel?

 

Dass es bei jedem Open Space Jugendliche gab, die engeren Kontakt zu islamistischen Gruppen hatten. Das hat man an ihrer ganzen Argumentation gemerkt.

 

Wer genau steht dahinter?

 

Manche bewegen sich ganz offensichtlich im Umfeld der Hamas-Moschee. Aber auch der Jugendverband von Milli Görus spielt eine Rolle. Er veranstaltet zum Beispiel regelmäßig Sommercamps. Daran nehmen Hunderte von Schülern in ihren Ferien teil, manche kommen völlig verändert in ihrer Persönlichkeit zurück.

 

Wie macht sich das im Schulalltag bemerkbar?

 

Diese Jugendlichen versuchen, auf ihre Klassenkameraden Einfluss zu nehmen und sich als die wahren Interpreten des Islam darzustellen. Weil viele Lehrer nur wenig über den Islam als Religion wissen und den Argumenten dieser Schüler hilflos gegenüberstehen, besteht die Gefahr, dass sie deren Status als vermeintliche Islam-Experten unfreiwillig noch befördern.

 

Ist die Furcht denn berechtigt, dass die Schulen von Islamisten unterwandert werden?

 

Nein, da sollte man die Moschee schon im Dorf lassen. Aber natürlich versuchen die Islamisten, ihren Einfluss auf die Schulen auszuweiten. Ich habe immer gesagt, dass der Islamismus ein ernst zu nehmendes Problem ist, weil er vielen als eine lebbare Alternative zum Gesellschaftsmodell des Kapitalismus erscheint. Übrigens sind dafür nicht nur Jugendliche mit muslimischem Hintergrund anfällig. Auch Teile der globalisierungskritischen Bewegung sympathisieren mit bestimmten islamistischen Positionen. Es gibt ja eine ganze Reihe von Konvertiten, und die sind in der Regel besonders eifernd.

 

Das Interview führte Nicole Alexander.



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