Frankfurter Rundschau: Sie werden ihm fehlen, die Schüler
Gymnasiumsdirektor Heiko Rosenbaum hat mit dem Schuljahresende auch seinen allerletzten Schultag.
Hildburghausen - Ein Buch könnte er füllen mit all den Schulgeschichten aus rund vier Jahrzehnten als Lehrer. Vielleicht werde er das auch tun, sagt Heiko Rosenbaum. Eine gute Gelegenheit, die Zeit zu reflektieren und "runterzukommen" vom Zehn-Stunden-Arbeitstag, zuletzt als Direktor zweier Gymnasien, dem Gymnasium Georgianum in Hildburghausen und dem Hermann-Pistor-Gymnasium in Sonneberg.
Wenn am Mittwoch nächster Woche die Ferien beginnen, ist für ihn die "Schulzeit" endgültig vorüber. Er werde keiner sein, der im Ruhestand noch jeden Tag vor der Schultüre steht, sagt der 65-Jährige. Und doch: Auf die Frage, was ihm am meisten fehlen werde, antwortet er ohne Umschweife: Die Schüler.
Er wollte nie Lehrer werden
Dabei wollte er nie Lehrer werden. Und spätestens da müsste wohl das erste Kapitel seines Buches beginnen. Als Sohn eines frei praktizierenden Arztes war ihm in der DDR das Medizin-Studium verwehrt. Er wurde Buchhändler und studierte dann Germanistik und Geschichte - in der Hoffnung, ganz ins Germanistik-Fach wechseln zu können. Doch er musste Lehrer werden. Der Versuch, aus dem Beruf auszusteigen in seiner ersten Stelle in Breitungen endete mit der unmissverständlichen Ansage: "Das tut man nicht. Und wenn doch, hat das schwerwiegende Folgen." Wie die aussehen würden, konnte er sich vorstellen. Zufällig war er als Jugendlicher am 13. August 1961 in Berlin. "Dass man so mit Menschen umgehen kann", schüttelt er den Kopf. Also blieb er Lehrer. "Jetzt am Ende meines beruflichen Weges sage ich: Ich habe es nie bereut. Es ist schön, immer mit jungen Menschen unterwegs zu sein. Und ich bilde mir ein, dass das auch mich jung erhalten hat."
Seit 1990 in Hildburghausen
An verschiedenen Polytechnischen Oberschulen hat Heiko Rosenbaum unterrichtet, ist schließlich in Eisfeld "hängengeblieben", wo seine Frau herstammt. Und da müsste schon das zweite Kapitel ansetzen. Zwei Söhne und eine Tochter gehören zur Familie, inzwischen auch eine Enkeltochter. Der Beruf hat immer eine zentrale Rolle gespielt in seinem Leben. Verbogen hat er sich deswegen jedoch nicht. Nie vergessen werde er aber, wie er als Klassenlehrer Jugendliche als Berufsoffizier werben musste. Diesen Zwiespalt hatte er aushalten müssen. Trotzdem: "Ich beklage mich nicht über die Schule in Eisfeld. Ich wurde nicht diskriminiert, obwohl ich als Geschichtslehrer meine Kinder in den Religionsunterricht schickte", sagt er.
Und dann kam die Wendezeit und damit das dritte Kapitel des fiktiven Buches. "Deutlich vor Grenzöffnung hatten wir den Rücktritt Margot Honeckers gefordert", denkt er zurück. "Wir hatten die tollsten Vorstellungen, es war eine ungeheure Aufbruchstimmung."
Ehre: Schule ohne Rassismus
Im April 1990 wurde Rosenbaum Schulleiter der EOS "Geschwister Scholl" in Hildburghausen. 140 Schüler waren es damals in den Jahrgangsstufen 11 und 12. Inzwischen sind es 750 junge Leute, die am modernen Gymnasium Georgianum unterrichtet werden, zeitweise waren es sogar mehr als 1200 Schülerinnen und Schüler. An drei Standorten musste unterrichtet werden, bis 1997 das neue Schulhaus eingeweiht wurde. Als Mitglied des Kreistages hatte er den Neubau mit auf den Weg gebracht. Insgesamt 15 Jahre gestaltete er die Kreispolitik mit. "Es ist ein so schönes und klug konzipiertes Haus, das heute noch alle Anforderungen erfüllt", ist Rosenbaum nach wie vor begeistert.
Von Anfang an habe man versucht, der Schule ein Profil zu geben. Dem Gymnasium Georgianum wurde 1994 als vierter deutscher Schule der Titel "Schule ohne Rassismus" verliehen. Das war eine ganz besondere Ehre. "Wir waren eine der Vorzeigeschulen. Ignatz Bubis, Vera Lengsfeld waren Schirmherren. Nahezu alle Bürgerrechtler waren hier", erzählt Rosenbaum. Und gerade heute habe solch ein Titel mehr Bedeutung denn je, wenn man ihn auch lieber in "Schule ohne Intoleranz" wandeln sollte.
Rosenbaum ist stolz auf seine Schule und auf seine Schüler. Zu jeder Zeit habe Hildburghausen sehr gute Abiturienten gehabt. Ein hohes wissenschaftliches Niveau zeichne den Unterricht aus. Und das zeige sich auch in den Seminarfacharbeiten der Schüler, die immer wieder mit Preisen ausgezeichnet würden.
Doch nicht nur das fachliche Wissen seiner Gymnasiasten allein ist es, was ihnen die Anerkennung ihres Direktors einbringt. Auch ihr soziales Engagement, ihre hohen moralischen Wertvorstellungen sind es. Heiko Rosenbaum denkt an Weihnachten 2004, als der Tsunami Tausenden Menschen in Asien das Leben oder die Existenzgrundlage nahm. Ein ganz besonderes Kapitel im Lebensbuch "Rosenbaum" fügt sich hier ein. Er flog spontan nach Sri Lanka, um zu helfen. "Den Schülern habe ich gesagt: Ich stelle einen leeren Koffer ins Foyer. Wer etwas mitgeben möchte, tue es hinein. Der Koffer war voll, und zwei, drei weitere ebenfalls." Der Solidaritätsgedanke unter den Jugendlichen sei sehr groß. Insgesamt fünf Mal war Rosenbaum in Sri Lanka. "Diese Aufenthalte haben mich menschlich sehr geprägt", bekennt er. "Da lernt man Demut, wenn man sieht, was Naturgewalten anrichten können, und was entsetzliche Armut ist." Von seinen Eindrücken hat er viel an die Schüler weitergeben können.
In Sri Lanka Demut gelernt
Seit Frühjahr 2008 war er nur noch "Teilzeit-Direktor" in Hildburghausen, parallel hatte er das Hermann-Pistor-Gymnasium in Sonneberg zu leiten. Eine Doppelbelastung, die es nicht nur wegen der 40 Kilometer Distanz zwischen beiden Schulen in sich hatte. So hinterlässt Rosenbaum gleich zwei freie Direktorenstellen. Nachfolger sind noch nicht bekannt.
Jeder Schulleiter werde das Gesicht einer Schule anders prägen, sagt er. Und wenn nun nach fast 20 Jahren in Hildburghausen vielleicht ein Mathematiker sein Nachfolger werde, so setze der sicher andere Prämissen als er als Historiker und Germanist. Doch damit kann Heiko Rosenbaum leben. Hauptsache, die Schule bleibt ein Ort, an dem sich die Schüler wohlfühlen und ein aufgeschlossenes geistiges Klima vorfinden, in dem sie sich frei entwickeln können.
Er könne sich schon vorstellen, sich da auch in der einen oder anderen Weise noch mit einzubringen. Aber das ist schon wieder ein anderes Kapitel, eines das noch vor Heiko Rosenbaum liegt und das noch viele leere Seiten hat. Seiten, die vor allem mit der "Kür" zu füllen sind, denn seine Pflicht im Berufsleben hat er erfüllt. Er wird wieder mehr lesen können, viel Rad fahren. Zeit haben für seine Frau und auch für die Kinder, die längst ihre eigenen Wege gehen. Und dann will er ja auch noch das Buch schreiben ...

