07.05.10

Weser Kurier: Experten beeindruckt von Schule ohne Rassismus

Von: Ulrich Tatje

Besuch einer internationalen ökumenischen Gruppe

Verden. Seit 2004 ist das Gymnasium am Wall (GaW) auch eine Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage. Eine internationale ökumenische Expertengruppe, die auf Einladung mehrerer Landeskirchen derzeit Deutschland besucht, zeigte sich beeindruckt, wie die Schüler versuchen, ihre Mitschüler für das Thema Rassismus zu sensibilisieren und zu mehr Courage zu motivieren.

700 Schulen in Deutschland mit einer halben Million Schüler seien mittlerweile Schulen ohne Rassismus - Schulen mit Courage, erläuterte der Elftklässler Julian Schlichtholz. Wenn eine Schule mitmachen wolle, müssten 70 Prozent der Lehrer, der Schüler und des Personals die Erklärung unterschreiben, sich gegen Rassismus zu wehren und nach demokratischen Konfliktlösungen suchen. Mindestens einmal im Jahr müsse die Schule eine Aktion organisieren. Das ist am GaW, wo die Arbeitsgruppe derzeit aus 16 Gymnasiasten besteht, mal ein Projekttag für die ganze Schule, mal nur einer für die Eingangsstufe. Aber auch Aktionen außerhalb der Schule wie beispielsweise Konzerte oder Demonstrationen können aus der Schule heraus organisiert werden.

Die Schüler lernten heute etwas, das die Zukunft verändert, findet Beverly Thomas (England). Ihr war auch aufgefallen, dass Schüler und Schulleitungen bei diesem Thema zusammenarbeiten. Die Britin gehört neben Paul Divakar (Indien), Dawn Linder (Südafrika) und Jayne Oasin (USA) zu der ökumenischen Gruppe, die sich zusammen mit ihren kirchlichen Gastgebern über das Thema gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit informiert. 14 Tage lang reisen sie im Vorfeld des Ökumenischen Kirchentages in München durch Deutschland. Die Gäste, alle Kirchenleute und Experten auf dem Gebiet Rassismus und Gerechtigkeit, sollen 'reisen und kommentieren', sagte Rainer Kiefer, Dezernent der Landeskirche Hannover. Der Blick von außen solle helfen zu erkennen, wie es im Land, in den Kirchen aussehe.

Dawn Linder und Paul Divakar lobten beim abschließenden Pressegespräch im Evangelischen Jugendhof Sachsenhain, dass sich in Verden Kirchen, Verwaltung, zivile Gruppen und Medien gemeinsam für ein Ziel engagierten, dass Demokratie ein Teil des Lebens der Menschen sei und nicht ein von oben verordnetes Projekt.

Mit Freude Demokrat sein

Die Delegation hatte am Morgen ein längeres Gespräch im Rathaus, fuhr dann ins Gymnasium am Wall, informierte sich nach der Mittagspause über Wabe (Weser-Aller-Bündnis - Engagiert für Demokratie und Zivilcourage) und die Verdener Geschichtswerkstatt, bevor sie sich über die Wandlung des Sachsenhains vom nationalsozialistischen Thingplatz zur Bildungsstätte der evangelischen Landesjugend informierte.

Es gebe mehr als eine Ursache, weshalb Jugendliche den Neonazis auf den Leim gehen, hatte Gerd Bücker vom Landespräventionsrats Niedersachsen, am Morgen beim Gespräch im GaW gesagt. Beispielsweise, wenn Kinder in Familien aufwachsen, die sozial ausgegrenzt werden. Oder wenn sie Großeltern haben, die ihre Erinnerungen an die NS-Zeit in positivem Rückblick widerspiegeln. Manche würden aber auch nur vom Abenteuer angelockt, fänden es toll, einmal nicht am Rande, sondern im Mittelpunkt des Interesses zu stehen.

Für Bürgermeister Lutz Brockmann ist es wichtig, dass sich die jungen Menschen mit Freude für die Demokratie engagieren. Wer lerne, selbstbestimmt zu leben, wer seine Fähigkeiten ausbaue und Verantwortung übernehme müsse keine Angst haben, in Freiheit zu leben, so Brockmann.

Je religiöser ein Land geprägt sei, desto stärker seien die Vorurteile in der Gesellschaft beispielsweise gegen Ausländer oder Homosexuelle ausgeprägt, zitierte Rainer Kiefer aus einer neueren Untersuchung. Zwar habe Kirche in den vergangenen Jahren schon große Schritte gemacht, aber es gebe noch viel zu tun. Noch sei die Kirche eine geschlossene weiße Mittelklassenkirche und weit entfernt von einer für alle offenen Kirche, so ein anderer Kirchenvertreter.

Wabe-Vertreter Rudi Klemm wertete den selbstkritischen Blick der Kirchen als positives Zeichen, das er sonst allenfalls von den Gewerkschaften kenne.

Quelle:  Weser Kurier



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