ZDF: Kampf der Kulturen im Klassenzimmer?
Immer neue Schreckensmeldungen beschwören den Kampf der Kulturen. Schulhof und Klassenzimmer sind dabei anscheinend die wichtigsten Kampfplätze.
Islam im Klassenzimmer - Sanem Kleff
Viele Probleme haben mit Religion nichts zu tun
Immer neue Schreckensmeldungen beschwören den Kampf der Kulturen. Schulhof und Klassenzimmer sind dabei anscheinend die wichtigsten Kampfplätze. Auf einer Tagung in Hamburg haben 200 Pädagogen und Wissenschaftler nun Beispiele dafür geliefert, dass die Schule genauso gut ein Laboratorium sein kann - für die Verständigung zwischen den Kulturen.
"Die Kunstlehrerin bittet die Oberstufenschüler um eine Porträt-Zeichnung. Ein muslimischer Schüler verweigert sich dieser Aufgabe mit dem Hinweis auf das Bilderverbot im Islam. Wie reagieren Sie anstelle der Lehrerin?" Die Antworten der Podiumsteilnehmer sind vielfältig.
Die Ministerin möchte klären "wie weit das Bilderverbot geht", die Lehrerin "die Fragestellung pädagogisch nutzen", die Autorin "einen möglichen islamistischen Hintergrund prüfen" und die Wissenschaftlerin den "Ball flach halten". Im wirklichen Leben hat die Kunstlehrerin die Schulbehörde um Rat gebeten.
100 gute Beispiele
Mangelnde Sprachkenntnisse, Prügeleien, die Weigerung muslimischer Eltern, ihre Kinder an Klassenfahrten oder Schwimmunterricht teilnehmen zu lassen - die Verunsicherung bei Lehrern und Eltern ist groß. Derzeit lernen etwa 700.000 Schülerinnen und Schüler muslimischen Glaubens an deutschen Schulen. Mit der Initiative "Voneinander Lernen. Praxisforum Schule und Islam" haben die Hamburger Körber-Stiftung und die Kultusministerkonferenz der Länder Pädagogen dazu aufgerufen, ihre Erfahrungen im Schulalltag zu schildern und Konzepte für die interkulturelle Verständigung vorzustellen.
"Eine erfolgreiche Integration ist keine Einbahnstraße, sondern eine wechselseitige Angelegenheit mit der Bereitschaft zur Selbstreflexion und Veränderung", sagte KMK-Präsidentin Ute Erdsiek-Rave zur Eröffnung der Tagung. Dafür gäbe es 100 gute Beispiele an den Schulen. Vor der Diskussion der Beispiele mussten die Tagungsteilnehmer aber erst den Schock der jüngsten Allensbach-Umfrage verarbeiten, in der es heißt: "Angesichts des diffusen Gefühls der Bedrohung und der vermuteten Intoleranz des Islam sinkt die Bereitschaft der Deutschen, ihrerseits Toleranz gegenüber dem muslimischen Glauben zu üben".
"Islam wird vorgeschoben"
Sanem Kleff, Lehrerin und Herausgeberin des Buches "Islam im Klassenzimmer" wundert sich nicht über das Umfrageergebnis. "Der Islam ist heute doch selbst in Klassenzimmern präsent, in denen es keinen einzigen Muslimen gibt. Die migrations-politische Diskussion ist völlig auf dieses Thema verengt worden." Nach Ansicht der streitbaren Pädagogin werden mit dem Etikett "Islam" heute viele Probleme versehen, die völlig andere Ursachen haben.
"Wenn ein Kind nicht mit auf die Klassenfahrt darf, fehlt möglicherweise das Geld. Wenn es nicht zum Schwimmunterricht darf, kann die Stammestradition dahinter stecken und die mangelhaften Deutschkenntnisse liegen vielleicht am schlechten Unterricht." Das eigentliche Problem sei in den meisten Fällen die soziale Lage und das schlechte Bildungsniveau der Kinder von Migranten.
Öffnung zum Stadtteil
Diese Probleme kennt auch die Lehrerin Hiltrud Kneuer aus dem Hamburger Brennpunkt-Stadtteil Veddel zur Genüge. Um zu erfahren, welche Rolle der Islam im Alltag von Jugendlichen tatsächlich spielt, führte ihre Schule mit Unterstützung von Sanem Kleff einen "Open Space" durch, bei dem die Teilnehmer selbst die Tagesordnung bestimmen. "Der ganze Kiez war eingeladen, Nachbarn, Eltern, Geschäftsleute und Quartiersmanager." Zur Sprache kamen nicht Kopftuchstreit und Ehrenmord, sondern Sexualität, Freundschaft, Familie und Nachbarschaft.
Öffnung zum Stadtteil, Projektarbeit und die Bildung von Netzwerken - diese Stichworte charakterisieren viele gelungene Praxisbeispiele. "Das wirkt heute immer noch nach", sagt Hiltrud Kneuer. Für die Eltern ist die Schwelle zur Schule niedriger geworden und die Schüler kommen mit ihren Problemen eher zu uns." Ähnliche Erfahrungen hat Nurgül Altuntas an ihrer Schule in Wiesbaden gemacht. Seitdem sie einen offensiven Dialog mit den Eltern führt, bei Hausbesuchen und im neu gegründeten Schulcafe, ist auch das Verhältnis zu den Schülern besser. "Sogar mit den Jungs kann ich jetzt gut arbeiten. Für die bin ich inzwischen eine Respektperson."
"Was willst du denn?"
Viele Lehrerinnen haben große Probleme im Umgang mit muslimischen Jungen. "Du hast mir gar nichts zu sagen", heißt es oft. Nach Ansicht von Sanem Kleff hat auch das Frauenbild dieser Jugendlichen meistens nichts mit dem Islam zu tun, sondern eher mit Stammestraditionen. "Dazu kommt wie bei den deutschen Jungs eine rambo-mäßige Proll-Kultur. Umso schwächer sie sich fühlen, umso stärker geben sie sich. Wenn sie darauf angesprochen werden, rechtfertigen sie sich eben mit dem Islam."
"Wir müssen die gesamt Biografie der Jugendlichen anerkennen, die Sprache, die Kultur und die Religion," sagt Sanem Kleff. Der Islamunterricht sei dabei nur ein Mosaiksteinchen. Die Länder sind sich einig, dass zum Auftrag der Schule auch die schulisch-religiöse Bildung von Schülern muslimischen Glaubens gehört. In Bayern, Baden-Würtemberg, Berlin, Niedersachsen und Reinland-Pfalz gibt es bereits Islamunterricht, Scheswig-Holstein plant die Einführung 2007. Darüber hinaus erteilen Berlin, Bremen und Nordrhein-Westfalen religionskundlichen Unterricht mit Einbeziehung aller Weltreligionen. "Für die Bildungspolitiker ist es nicht einfach, geeignete Ansprechpartner zu finden, da der Islam keine Amtskirche hat", so Ute Erdsiek-Rave.
Alle Bemühungen interkultureller Verständigung sind nach Ansicht von Sanem Kleff ohnehin vergeblich, wenn das Hauptproblem nicht gelöst werde: die mangelnden Sprachkenntnisse. "Aber die Sprachvermittlung an Schüler aus Migrantenfamilien ist ja noch nicht einmal Teil der Lehrerausbildung."

