30.05.06

Frankfurter Rundschau: Gegen "rechte" Gewohnheiten

Von: JEANNETTE GODDAR

Das Runge-Gymnasium in Oranienburg kämpft als "Schule ohne Rassismus" gegen Rechtsextreme und Mitgliederschwund

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Der Schulleiter staunte nicht schlecht, als zwei Mädchen an seine Tür klopften und erklärten:" Herr Seidler, wir sind gegen Rassismus und wir werden durch die Klassen gehen und Unterschriften sammeln." Gesagt, getan, machten sich die beiden auf den Weg, treppauf und treppab. Schnell gab es Mitschüler, die mitsammelten, und nur wenig später lud das Runge-Gymnasium zu einem Fest. 75 Prozent der Schüler und 85 Prozent des Personals vom Lehrer bis zum Hausmeister hatten unterzeichnet. Intoleranz und Rassismus sollten in ihrer Umgebung keinen Platz mehr finden. Zur Anerkennung durfte sich die Bildungsstätte "Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage" nennen. So steht es auf einem Schild auf dem Schulhof geschrieben. Das Runge- Gymnasium überzeugte auch einen prominenten Paten, dem die Schüler bis heute Bericht erstatten: Michael Blumenthal, Direktor des Jüdischen Museums in Berlin.

 

Das war im Juni 2002. Seit fast vier Jahren gilt das Gymnasium im brandenburgischen Oranienburg offiziell als "rassismusfrei" und kann in der Tat auf eine beeindruckende Liste einschlägiger Aktivitäten verweisen. Aus der Unterschriftensammler-Truppe wurde eine 22-köpfige"AG gegen Rechts", die Antifa- Aktiven in nichts nachstand, auch nicht in ihrem Willen, sich nichts vorschreiben zu lassen:"Wir arbeiten ohne Lehrer ... Ein Lehrer stellt auch immer, mehr oderweniger, eine Autoritätsperson für Schüler dar und diese können sich unter Druck gesetzt fühlen" heißt es in der Selbstdarstellung der AG. Diese beteiligt sich an Demonstrationen gegen NPD-Aufmärsche wie an Gedenkveranstaltungen für Opfer nationalsozialistischer und rechter Gewalt; sie ist Mitorganisator der jährlichen Antirassismus-Demonstration in Oranienburg und eines Rockkonzerts gegen Rechts mit bis zu 400 Gästen.

 

Die Runge-Schüler sind, auch außerhalb der AG, Dauergäste der nahe gelegenen Gedenkstätte Sachsenhausen: Auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers, wo zwischen1936und1945 200000 Menscheninhaftiert waren und Zehntausende getötet wurden oder an Hunger starben, versuchen Schüler die Geschichte aufzuarbeiten. Sie absolvieren Praktika, recherchieren das Leben einzelner Inhaftierter, besuchen Angehörige von Verstorbenen oder Überlebende. Ein Film und eine Ausstellung sind bereits entstanden. Vor wenigen Wochen wurden in Oranienburg zehn "Stolpersteine" in die Erde gelassen. Auf zehn mal zehn Zentimeter großen Betonquadern wird mit dem Schriftzug "Hier wohnte ..." an das Schicksal von Deportierten erinnert. Die Steine entwarf ein Kölner Künstler, Runge- Schüler recherchierten und sammelten Spenden.

 

Eine, die all das vorantreibt, ist Madleen Knauth, 17, und fast von Beginn in der AG gegen Rechts. Mit ihren langen blonden Haaren und dem schultreuen "Runge-Gymnasium"- Kapuzenpulli sieht sie nicht wirklich wie eine Antifa-Aktivistin aus. Und so begreift sie sich auch nicht. "Wir sind eine Schulinitiative und wollen möglichst viele einbeziehen", sagt sie. "Dazu gehört, dass man konsensfähig bleibt und nicht polarisiert." Weitere Mitschüler zu gewinnen, ist im Moment wichtiger als je zuvor. Nach Jahren der Begeisterung kämpft die AG ums Überleben. Aus 22 Aktiven sind in den vergangenen Monaten vier geworden. Die anderen? Ausgeschult, mit dem Abi beschäftigt – oder gelangweilt abgesprungen. "Rechtsextremismus hat gerade keine Konjunktur", sagt die Elftklässlerin, und dann, ganz aufrichtig und gar nicht zynisch, "solange nicht gerade etwas in Oranienburg oder Umgebung passiert, ist es schwer, Leute zu motivieren. Immermehr fragen: Was hat das mit uns zu tun?"

 

Nun ist es in Oranienburg zwar ruhiger als Mitte der 90er-Jahre, als vor allem das ehemalige KZ-Gelände immer wieder von Rechtsextremen heimgesucht wurde, aber doch nicht ganz ruhig. Seit Oktober 2005verzeichnet die Statistik des Vereins"Opferperspektive" einen Überfall auf einen Kameruner und eingeschlagene Scheiben bei einem Asia-Imbiss. Aber selbst wenn man mit Madleen spricht wird deutlich, wie wenig sich die Gewöhnung an solche"Vorfälle" in einer Kleinstadt, wie es sie in Brandenburg zigfach gibt, vermeiden lässt. Dass die Freundin ihres Bruders, eine junge Chinesin, nicht allein auf den Bahnhof kann, und eigentlich auch nicht ins Schwimmbad, auf die Bowling-Bahn und ins Erlebnis- Center, ist ein Zustand, den die 17-Jährige nie anders kannte – oder jedenfalls nur schlimmer und nie besser. Auch die Frage, ob eine "Schule ohne Rassismus" auch auf Anfeindungen stoße, beantwortet sie zunächst mit "Nein". Und erzählt zehn Minuten später, dass die NPD-Aufkleber auf dem "Ohne-Rassismus"-Schild am Schulgebäude regelmäßig erneuert würden.

 

"Es gibt halt immer Bekloppte", sagt sie. "Aber immerhin haben wir das Schild rausgehängt. Andere Schulen tun es in den Flur." Das Raushängen-Lassen ist auch Sinn und Zweck der Veranstaltung. 278-mal hat die Bundeskoordination der "Schulen ohne Rassismus" in den vergangenen Jahren das gleichnamige Prädikat verliehen. Aber nicht, sagt die Projektleiterin Sanem Kleff, "damit Schüler und Lehrer einen schönen Titel bekommen und sich dann beruhigt zurücklehnen". "Schule ohne Rassismus" soll nicht nur Name, sondern Auftrag sein: Schüler wie Lehrer verpflichten sich – und zwar auf Dauer –, tätig zu werden, wenn sie Diskriminierung beobachten. Und Diskriminierung gibt es überall.

 

Auch wenn die 278 Schulen nicht wöchentlich überprüft werden, bleibt die Berliner Zentrale nicht untätig, wenn es Anlass zur Sorge gibt. Jüngst war ein solcher ausgerechnet die ZDF-Dokumentation "S.O.S. Schule". Am Beispiel der Berliner Pommern- Schule wollten die Autorinnen demonstrieren, dass positive Veränderung auch an einer Hauptschule möglich ist und brachten zu diesem Zweck gleich zwei Sozialarbeiter mit. Als dann vor laufender Kamera beschlossen wurde, einen homosexuellen Schüler nach seinem Selbstouting an einer anderen Schule unterzubringen, weil seine Sicherheit nicht gewährleistet werden könne, klingelten bei Sanem Kleff erst das Telefon und dann alle Alarmglocken. Die Pommern- Schule ist ebenfalls "Schule ohne Rassismus". "Sie hat sich verpflichtet, zu integrieren und nicht auszugrenzen!", empört sich Kleff.

 

Ein Gespräch mit der Schulleitung steht aus. Aber ist es überhaupt der Auftrag von Schule, sich politisch zu engagieren, im Klassenzimmer, im Schulgebäude, in der Kommune? Schulleiter Uwe Seidler hat daran nie Zweifel gehabt: "Wenn ich im Grundgesetz lese, dass Menschenrechte unverletzlich sind, halte ich es durchaus für meinen Auftrag, das zu transportieren."     

 

Schule ohne Rassismus

Mindestens 70 Prozent aller am Schulbetrieb Beteiligten müssen unterschreiben, sich langfristig gegen Gewalt, Diskriminierung und Rassismus einzusetzen. Im Idealfall geht die Initialzündung von den Schülern selbst aus. Häufig aber engagieren sich zunächst die Lehrer. Bundesweit gibt es 278 "Schulen ohne Rassismus". Etwa 70 stehen auf der Warteliste. Ende des Jahres soll die Finanzierung aus Bundesmitteln allerdings auslaufen.

 



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