Fußball soll es richten

Malik Fathi bei der Titelverleihung der Wilma Rudolph Gesamtschule in Berlin am 8.5.2006 Foto: Metin Yilmaz

Eröffnung der Ausstellung "Kicker, Kämpfer und Legenden - Juden im deutschen Fußball". Foto: Fabian Lohmann

Hertha-Kicker Malik Fathi unterstützt das Oberstufenzentrum Oberhavel bei seinem schwierigen Weg zu einer SOR-SMC.

 

Die Aula ist rappelvoll. Die Schüler drängen sich um einen jungen Mann im Trikot von Hertha BSC. Fotohandys werden gezückt, Autogrammwünsche lauthals geäußert. Malik Fathi, Linksverteidiger des Bundesligaclubs, besucht das Oberstufenzentrum Oberhavel. Der prominente Besuch eröffnet die Ausstellung „Kicker, Kämpfer und Legenden – Juden im deutschen Fußball“.

 

Das Oberstufenzentrum Georg Mendheim im Landkreis Oberhavel, nördlich von Berlin gelegen, ist eine besondere Schule. Zum einen gibt es drei Standorte, zwei in Oranienburg, in nächster Nähe zum ehemaligen KZ Sachsenhausen und einen in Zehdenick, rund 40km entfernt. Doch nicht nur räumlich gesehen ist die Schule unterteilt. Neben einer gymnasialen Oberstufe beherbergt sie eine Fachoberschule und einen Berufsschulteil. Insgesamt besuchen mehr als 2700 Schüler das OSZ. Die Schule ist gerade auf dem Weg, Schule ohne Rassismus zu werden.

 

Warum strebt die Schule den Titel an? „Es gibt keine rechtsextremistischen Vorfälle“ sagen die Schüler auf Nachfrage, obgleich Oranienburg durchaus bekannt für seine rechtsextreme Szene ist. Doch Dieter Starke, der Schulleiter des Oberstufenzentrums (OSZ) stellt klar: „Dumme Sprüche, die gibt’s bestimmt, die gibt’s ja überall. Etwas anderes zu behaupten, wäre unehrlich“. Es gibt noch einen anderen Grund für sein Engagement: „Es hat mich einfach geärgert, dass mir alle erklärt haben, dass eine berufsbildende Schule es nicht schafft, SOR-SMC zu werden. Es ist kompliziert, aber man kann nicht sagen, dass das nur etwas für die klassischen Gymnasien ist.“

 

Die Größe und die räumliche und strukturelle Teilung der Schule macht es nicht leicht, so ein gemeinsames Projekt durchzuführen. Vor zwei Jahren ist ein erster Anlauf wegen zu geringer Beteiligung gescheitert. Da die Berufsschüler nur wenig Zeit an der Schule verbringen, ist es nicht so einfach, sich mit der Schule identifizieren.

 

Aber Malik Fathi hat keine Probleme, die Jugendlichen zu mobilisieren. Sofort hat er einen guten Draht zu den Schülerinnen und Schülern. Als Sohn eines türkischen Vaters und einer deutschen Mutter kann der Linksverteidiger über eigene Erfahrungen mit Rassismus im Fußball erzählen.

 

Der Kicker – gegründet von einem jüdischen Fußballpionier

„Die Ausstellung „Kicker, Kämpfer und Legenden – Juden im deutschen Fußball“ erinnert an die Verdienste von Juden im deutschen Fußball“, so Martin Lange. Martin ist Schüler am Oberstufenzentrum und in der „AG Courage“ aktiv.

 

Gemeinsam mit anderen hat er  Ausstellung des Zentrum Judaicum in Berlin auf ihre Schülertauglichkeit getestet. „Es ging auch darum, ob man sich für Fußball interessieren muss um diese Ausstellung nachvollziehen zu können, aber da haben wir gesagt, dass man von Fußball keine Vorahnung haben muss, um sie anzusehen“, erklärt der 18-Jährige Bastian Heine.

 

Die Ausstellung informiert über die Rolle jüdischer Fußballer und Funktionäre in der Entstehungszeit des Fußballs. Vorgestellt werden Fußball-Pioniere wie Walther Bensemann, der den Fußball am Ende des 19. Jahrhunderts von England nach Deutschland brachte und 1920 den „Kicker“ gründete, der bis heute wichtigsten Fußballzeitschrift. Mit Fotos und Texten zu aktuellen rassistischen Beschimpfungen von Fans wird schließlich gezeigt, dass Rassismus im Fußball nach wie vor ein großes Problem ist.

 

Nur mit Mühe kann sich Malik Fathi an diesem Vormittag aus dem Kreis der Schülerinnen und Schüler lösen. Er muss schnellstens zum Training. Kommt er zu spät, droht ihm eine Geldstrafe. Es ist nicht sein letzter Besuch an der Schule. Fathi verspricht, die Patenschaft zu übernehmen, sollte die Schule es schaffen, zu einer SOR-SMC zu werden. „Es war gut, dass die Schüler merkten, dass ihm das Projekt wirklich wichtig ist“, meint Ulrike Neumann, leiterin der gymnasialen Oberstufe, nachdem sich die Aufregung um den besuch des Hertha-Kickers gelegt hat.

 

Aber nicht nur Fußball und Rassismus beschäftigt die Schüler. Einige von ihnen begaben sich vor kurzem auf die Spuren der Häftlinge des KZs Sachsenhausen. Kurz vor Kriegsende lagerten sie auf ihrem Todesmarsch Richtung Schwerin für einige Tage in einem Waldstück nahe Wittstock. Während des einwöchigen Projektes entstand in Kooperation mit der DBG Jugendbildungsstätte Flecken-Zechlin der Film „Ein Weg – Tausend Schicksale“ über das Leiden der Gefangenen. Anhand der Fundstücke im Waldstück und Interviews mit Zeitzeugen wird ihr mörderischer Marsch dokumentiert.

 

Ariane, eine der beteiligten SchülerInnen, beschreibt ihre Empfindungen angesichts der bestialischen Foltermethoden der SS-Wachen: „Ich finde es einfach unvorstellbar, Menschen so einen Schmerz zuzufügen“. „Heven shalom“ singt eine Gruppe von Schülern nach der Filmvorstellung, „Wir wollen Frieden für alle“.

 

Nicht nur in die nahe gelegenen Gedenkstätte Sachsenhausen, auch zu anderen ehemaligen KZs werden Projektfahrten unternommen. Zum Beispiel nach Auschwitz und Theresienstadt.

 

Täter und Opfer – Ein etwas anderes Zeitzeugengespräch

Regelmäßig finden an dem OSZ Gespräche mit Zeitzeugen statt. Mit Artur Radvansky, einem Holocaustüberlenden der seinen Leidensweg veröffentlicht hat, gibt es bereits eine langjährige Zusammenarbeit. Besonders eindrucksvoll war ein Gespräch im Rahmen des „One by one“-Projekts. Bei diesen Gesprächen wird ein Vertreter der Täterseite mit einem Überlebenden der Opfer zusammengeführt. Die 30 Koch-Azubis, die an der Diskussion teilnahmen, waren von dem Gespräch gefesselt. „Die haben sich total geöffnet“ so der Schulleiter. Als Einführung hatten beide einen Koffer voller Gegenstände aus der NS-Zeit mitgebracht. Das Gespräch dauerte mehr als vier Stunden, obwohl es nur für eine Doppelstunde geplant war.

 

Im November begleiteten Schüler des OSZ amerikanische Rabbinern bei ihrem Besuch des KZs Sachsenhausen. In Zusammenarbeit mit dem Zentrum Judaicum entstand dabei eine Radiosendung. Auch an dem Stolperstein-Projekt des Künstlers Gunter Demnig, der mit Gedenktafeln im Boden vor den Wohnorten an die Opfer der NS-Zeit erinnert, haben sich SchülerInnen mit Recherchen beteiligt.

 

Ein „Überdruss“ am Thema Nationalsozialismus ist am OSZ nicht zu spüren. Auf dem Berufsschullehrplan war das Thema bis vor kurzem nicht vorhanden, das hat die Schule nun geändert. Alle Veranstaltungen finden auf freiwilliger Basis statt und auch die Berufsschüler werden von ihren Ausbildungsunternehmen dafür freigestellt. An anderen Schulen winken Schüler oft ab, wenn „schon wieder“ der Nationalsozialismus thematisiert werden soll. Die Ursache dafür liegt oft in der Herangehensweise, doch in Oranienburg und Zehdenick gibt es durch die lebensnahe Gestaltung und Interaktivität der Projekte keine Probleme.

 

Auffällig ist die gute Stimmung in der Schule. Die Schüler und Lehrer gehen offen und natürlich miteinander um. Vielleicht liegt darin auch das Geheimnis für die vielen Projekte mit guter Schülerbeteiligung, schließlich bedarf es neben engagierten Schülern auch immer Lehrern, die sich nicht davor drücken, ein Projekt durchzuführen, auch wenn es ein paar Stunden mehr an Arbeit bedeutet.

 

Es sollen nun verstärkt Unterschriften gesammelt werden, dafür sind auch weitere Besuche von Malik Fathi geplant. Bis zu den Sommerferien werden hoffentlich die 70 Prozent erreicht sein, um endlich den Titel SOR-SMC verliehen zu bekommen.

 

Fabian Lohmann


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