Titelverleihung am: 28.01.10

Gießener Anzeiger: Lebensgeschichte in Aula präsentiert

Kategorie: Pressespiegel

 

Zeitzeugin berichtete über Zwangsarbeit in Deutschland. Die Theo-Koch-Schule ist seit vielen Jahren "Schule ohne Rassismus" und beschäftigt sich auch mit der Thematik des Dritten Reiches.

(gw). Am 65. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar 1945 fand in der Aula der Theo-Koch-Schule eine Gedenkveranstaltung statt. Im Mittelpunkt der Veranstaltung standen die Zwangsarbeiter im Dritten Reich, deren Leben und Leiden.

 

Hierzu hatte Schulpfarrerin Ilse Staude Dr. Ekaterina Ljülkina aus Minsk eingeladen. Die 1926 in Weißrussland geborene heutige Sprecherin ehemaliger Zwangsarbeiter hatte als junges Mädchen selbst die Verschleppung nach Deutschland erlebt. Hier angekommen, wurde sie zur Zwangsarbeit verpflichtet. In den vergangenen Jahren hatte sie die Grünberger Gesamtschule bereits dreimal besucht. Der Besuch wurde in diesem Jahr von der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" Berlin durch die Übernahme der Flugkosten ermöglicht.

 

Die Theo-Koch-Schule ist seit vielen Jahren "Schule ohne Rassismus". Sie beschäftigt sich seit längerem mit der Thematik des Dritten Reiches. Die Klasse 10a hatte mit ihrem Lehrer Rainer Berger das Konzentrationslager Breitenau, südlich von Kassel, besucht, in dem auch viele Zwangsarbeiter leben mussten. Aus der Exkursion ist eine Plakatausstellung entstanden, die anlässlich der Gedenkveranstaltung eröffnet wurde. Ekaterina Ljülkina wurde Anfang der 1940er Jahre als junges Mädchen nach Deutschland verschleppt und überstand den Krieg unter den unmenschlichsten Bedingungen. 1945 konnte sie nach Minsk zurückkehren. Obwohl die Zwangsarbeiter in Deutschland unvorstellbares Leid erlitten haben, begegnete man ihnen in der Heimat wiederum mit Misstrauen. Sie wurden im doppelten Sinn Opfer. Einmal Opfer Hitlers und danach Opfer Stalins.

 

An zahlreichen Einzelschicksalen dokumentierte die Referentin die Situation der Zwangsarbeiter. Hunger und ständige Angst um ihr Leben prägten ihren Alltag. Sie erlebten die Grausamkeiten des Faschismus, aber auch immer wieder im Einzelfall Hilfe und Unterstützung von mitfühlenden Deutschen, die dadurch nicht selten selbst ihr Leben riskierten. Um die Einzelschicksale vieler Zwangsarbeiter deutlich zu machen, berichtete Ljülkina immer wieder aus ihrem Buch "Der Krieg und die verlorenen Jahre". Bisher gibt es das Werk nur auf russisch, eine deutsche Ausgabe ist aber geplant.

 

Heute hegt die Referentin keinen Groll mehr gegen Deutschland. Die Deutschen heute seien andere als damals. Nach ihrer Rückkehr in ihre Heimat konnte sie durch glückliche Umstände Biologie studieren. Vielen ehemaligen Zwangsarbeitern wurde Schule und Ausbildung verweigert.

 

Ilse Staude wies darauf hin, dass bis heute die Entschädigung für Zwangsarbeit unbefriedigend ist. Zwar wurden in den vergangenen Jahren rund 3000 Mark an die Opfer gezahlt. Die Summe stehe aber in keinem Verhältnis zu dem, was die Betroffenen erlitten haben.

 

Da die Referentin nur russisch spricht, mussten ihre Ausführungen übersetzt werden. Diese Aufgabe übernahm Dinara Najmutdinova, eine Schülerin der 11. Klasse.

 

Quelle: Gießener Anzeiger



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