
Von Daniel Olivares-Gomez
Hennigsdorf, eine Kleinstadt in Brandenburg. Auf dem Schulhof des Puschkin-Gymnasiums herrscht Aufregung und großes Durcheinander. Spürhunde suchen am Eingang des Schulgebäudes nach Sprengstoff. Gleichzeitig lauschen über 100 Schüler einem Konzert der Band "Jennifer Rostock". Der Grund der Aufregung: Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier hat sich angekündigt, um die CD "Starke Stimmen gegen rechts" vorzustellen.
Die SchülerInnen bereiten Steinmeier einen jubelnden Empfang. Der bedankt sich artig und betont: Er käme gerne an eine Schule, die für ihre Zivilcourage ausgezeichnet wurde. Tatsächlich ist das Puschkin-Gymnasium in Hennigsdorf schon seit knapp zwei Jahren eine "Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage". Ein Leuchtturm in einer Stadt, die immer wieder negative Schlagzeilen macht.
So gibt es in der Stadt einen "Szene-Laden" der rechtsextreme und zum Teil verbotene Musik vertreibt. Und im Februar dieses Jahres wurde eine junge Frau, die sich gegen Rechtsextremismus engagiert, von zwei Männern zu Boden geschlagen und getreten. Nicht selten wird bei solchen Übergriffen weggesehen. SchülerInnen des Puschkin-Gymnasiums haben die Situation der Stadt bereits vor einem Jahr in einem
Beitrag für "Radio Q-rage" geschildert.
Aber heute herrscht ein anderer Sound in der Stadt. "Jennifer Rostock" bereitet dem Minister einen lauten, musikalischen Empfang. Die Schulsprecherin Maria und der Schulsprecher Stefan führen den Minister durch eine Ausstellung, die rechte Schmierereien und Parolen zum Thema hat. Sie erläutern dem hohen Besuch, wie sich die Jugendlichen im Alltag engagieren: Zum Beispiel mit gemeinsamen Sportprojekten mit Asylbewerbern und Patenschaften für ein Kind in Afrika. Steinmeier ist beeindruckt und verteilt Lob: "Nie wieder Faschismus! Das muss ein zentrales Element auch für die Zukunft bleiben. Und ich verstehe euer Engagement so, dass ihr genau dafür eintretet. Und dafür mein herzlicher Dank!"
Auf der vorgestellten CD "Starke Stimmen gegen Rechts – Demo(kratie) Tape" sind 18 populäre deutsche Bands, darunter auch Seeed und die Toten Hosen vertreten. 50.000 Exemplare wurden produziert. Herausgegeben wurde die CD von dem Verein "Gesicht zeigen! Für ein weltoffenes Deutschland", "Mut gegen rechte Gewalt", "Blick nach Rechts", dem jüdische Museum Berlin, sowie der "Amadeu-Antonio-Stiftung" und der deutsche Musikindustrie.
Mit Tracks wie "www.hitler.de" von Jan Delay oder "Respecness" von Seeed möchten die Bands den Themen Rassismus und Zivilcourage mehr Aufmerksamkeit schenken. Dies ist auch nötig, schaut man auf die Statistiken. Nach einer Umfrage vom Meinungsforschungsinstitut Emnid wählen rund 12 Prozent der Wähler zwischen 18 und 30 Jahren rechtsextreme Parteien. Es ist bekannt, dass die rechte Szene Musik als wichtiges Lockmittel benutzt, um bei Jugendlichen Interesse zu erregen und Anhänger zu gewinnen. Ziel der Initiative ist es, Rechtsextreme und der NPD Schulhof-CD nicht kampflos das Feld zu überlassen.
Zivilcourage war auch das Thema in der 15-minütigen Podiumsdiskussion, die nach der Präsentation der CD stattfand. Dabei konzentrierten die Beteiligten sich auf die Frage, ob Zivilcourage lernbar sei. Zu einem klaren Ergebnis kamen die Diskutierenden zwar nicht, Steinmeier brachte es jedoch mit Willy Brandts Worten auf dem Punkt: "Wo die Zivilcourage keine Heimat hat, reicht die Freiheit nicht weit."
Die CD "Starke Stimmen gegen rechts!" könnt ihr unter www.mut-gegen-rechte-gewalt.de bestellen.