Aktuelles

25.07.2016

Wir müssen zusammenrücken



Foto: Wolfgang Borrs

Sanem Kleff, Leiterin von Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage, über die Auswirkungen der jüngsten Gewalttaten auf die Arbeit im Bereich der Menschenrechtserziehung:

Beinahe stündlich erreichen uns Nachrichten über Gewalttaten von jungen Menschen in Deutschland: In Würzburg attackiert ein 17-Jähriger mit Axt und Messer Reisende eines Regionalzuges. In München läuft ein 18-Jähriger Amok. In Reutlingen ersticht ein 21-Jähriger Imbissverkäufer mit einem Messer seine Kollegin und in Ansbach sprengt sich ein 27-Jähriger mit einer Rucksackbombe vor den Toren eines Musikfestivals in den Tod.

Wir sind fassungslos und traurig. Wir trauern um die Opfer und sind mit unseren Gedanken bei den Hinterbliebenen. Und wir erkennen, es hätte jeden von uns treffen können. Das macht vielen Menschen Angst, gleichzeitig wollen wir das Grauenhafte verstehen. Wie konnte es zu diesen Taten kommen und wie hätten diese verhindert werden können?

Auch wir haben keine Antworten, aber eins ist sicher: Vorschnelle Schlüsse, die menschenfeindliche Ressentiments bedienen und Gruppen von Menschen pauschal zu Tätern machen, helfen ganz sicher nicht weiter.

So wurde sehr schnell allseits wahrgenommen: Alle Täter haben einen so genannten Migrationshintergrund (egal ob kürzlich selbst eingewandert oder ihre Eltern bereits vor Jahrzehnten) und familiäre Wurzeln in Ländern, die mehrheitlich muslimisch sind.

Wir dürfen nicht schlussfolgern, dass alle Jugendlichen mit Migrationshintergrund und/oder Muslime potentielle Massenmörder sind und auch nicht, dass jeder Gewaltakt, der von solchen ausgeht, einen islamistischen Hintergrund hat – so wie zu Beginn der Tat in München in den Medien gemutmaßt wurde.

Sehr ernst zu nehmen hingegen ist die psychische Verfassung der Täter. Bei allen gab es Hinweise auf psychische Probleme beziehungsweise befanden sie sich in der Vergangenheit oder aktuell in Behandlung. Auch Drogenmissbrauch ist ein weiteres ihrer gemeinsamen Merkmale. Es waren Jugendliche, die sowohl autoaggressiv sind/ waren, als auch ihre Aggressionen nach außen richten wollten: Suizidgefährdet und bereit zum Amok, also einen erweiterten Selbstmord zu begehen.

Angesichts der Taten sollten wir uns fragen: Wieso übersehen wir, wenn es einem Jugendlichen in unserem Umfeld psychisch nicht gut geht? Und tun wir das häufiger bei Jugendlichem mit einem Migrationshintergrund? Hätten Familie und Umfeld erkennen können, welche Bluttaten sich in den Köpfen dieser Jugendlichen anbahnten?

Die psychische Konstitution der jungen Täter rechtfertigt keine ihrer Taten, gibt uns aber einen Hinweis, worauf wir bei unseren Bemühungen, solche Taten zu verhindern, präventiv zu wirken, achten sollten. Je besser wir verstehen, was diese Jugendlichen zu Mördern werden ließ, umso eher können wirksame Gegenmaßnahmen gefunden werden.

Aufgrund der jüngsten Gewalttaten rücken alleinreisende (minderjährige) Geflüchtete als potentielle Tätergruppe in den Fokus. Richtig ist, dass davon auszugehen ist, dass diese Jugendlichen und jungen Menschen, die alle aus Kriegsgebieten flohen, sicher keine beschützte Kindheit verleben durften, sondern traumatisierenden Gewalterlebnissen ausgesetzt und mit dem Tod konfrontiert waren.

Sie benötigen unsere ganze Aufmerksamkeit und Fürsorge. Ihretwegen, damit sie einen Heilungsprozess beginnen können, und auch unser aller wegen, damit wir früh erkennen können, wenn die Psyche eines jungen Menschen in gewalttätige Bahnen gerät.

Viel zu oft entgeht uns, dass Mobbing kein Spaß ist, sondern die Psyche der Opfer zerstört. Wir unterschätzen die psychischen Folgen von Diskriminierung und Demütigungserfahrungen. Von Achtsamkeit ist heutzutage viel die Rede, aber wie achtsam sind wir tatsächlich unseren MitschülerInnen in der Klasse gegenüber?

Wir dürfen den Glauben an ein solidarisches Miteinander nicht verlieren. Eine Portion mehr an Zuwendung dem Nächsten gegenüber kann vielleicht schon ein positiver Schritt sein. Die Konsequenzen aus den furchtbaren Morden dürfen uns nicht auseinanderdividieren, sondern müssen uns weiter zusammenrücken lassen.