Die Frage des Tages

Lügt die Presse? So könnt ihr es erkennen

Der Begriff „Lügenpresse" ist selbst eine Lüge. Das bedeutet natürlich nicht, dass Medien sich niemals irren; oder dass sie nicht auch einseitig, tendenziös oder parteilich berichten. Hier beschreibt der Journalist Rico Grimm, wie er in wenigen Minuten die Seriosität von Quellen checkt.

1. Wie plausibel ist das, was ich lese?
Wenn ein Bericht erzählt, dass heute früh ein Alien-Raumschiff vor dem Brandenburger Tor gelandet ist und Elvis Presley ihm entstieg, lese ich nicht weiter. Das ist augenscheinlich Quatsch. Aber sehr viele Texte im Netz wirken plausibel. Gerade das ist der Trick von Propaganda: Sie knüpft um einen kleinen wahren Kern ein regelrechtes Gestrüpp aus Verdrehungen, Auslassungen und Verfälschungen. Sehr kundige Menschen können dieses auf Anhieb entwirren; sie finden die winzigen Ungereimtheiten, die dem Text seine Glaubwürdigkeit rauben. Mit viel Zeit und Geduld kann sich jeder dieses Wissen erarbeiten, aber das kann Jahre dauern. Deswegen stelle ich mir nach dem Lesen des Textes zunächst eine andere Frage:

2. In welchem Umfeld erscheint der Artikel?
Es könnte sein, dass der Artikel, den ihr gerade begutachtet, eine positive Ausnahme war. Oder auch, dass das Team hinter der Nachrichtenseite oder dem Blog, den Ihr lest, gewöhnlich haarsträubende Artikel veröffentlicht und ihr nur die eine Perle in die Timeline gespült bekommen habt. Schaut euch um! Wenn die anderen Artikel auf der Seite völlig abwegige Themen behandeln, solltet ihr auch dem Artikel vor ihnen weniger trauen. Denn: Medien werden meist von einem festen Team gestaltet. Wenn die Mannschaft hinter dem Blog oder der Nachrichtenseite eine Vielzahl von unplausiblen oder auch unbewiesenen Informationen verbreitet, gibt es für den Leser keinen Grund mehr anzunehmen, dass der ursprünglich gelesene Artikel korrekt ist.

3. In welchem Medium?
Ich hatte eben das Team angesprochen, das hinter jedem Gemeinschaftsblog und jeder Nachrichtenseite steht. Wenn ich auf eine neue Quelle stoße, überprüfe ich, ob ich schnell und ohne größere Probleme erfahren kann, wer hinter der Seite steckt. Bei „Über uns“ oder „About“ sollten die Macherinnen und Macher erklären, welche Firma oder Organisation für ein Angebot verantwortlich ist. Das Impressum kann wertvolle Hinweise liefern. Auf der Homepage sollte wiederum auch stehen, wie die Firma oder Organisation aufgebaut ist und wem sie gehört. Drittens schaue ich nach, ob es Autorenseiten gibt, ob also die jeweiligen Autorinnen und Autoren mit ihrem echten Namen vorgestellt werden und ob deutlich wird, warum sie Expertise auf diesem Gebiet haben sollten. Das sind ganz grundlegende Informationen, die den Leser*innen nicht vorenthalten werden sollten.

4. Sind die Autor*innen ansprechbar?
Jemand erklärt euch etwas, lässt euch aber partout nicht selbst zu Wort kommen. Ist dieser Mensch unhöflich? Aber ja. Solltet ihr ihm alles glauben? Aber nein. Denn dieser jemand schließt von vornherein aus, dass ein anderer hinterfragen kann, was er oder sie sagt. Also schaut nach, ob die E-Mail-Adresse des Autors, der Autorin angegeben ist, ob die Leserinnen und Leser den Beitrag auf der Seite kommentieren können oder der Verfasser auf Twitter oder Facebook ansprechbar ist. Und schaut auch mal, wenn möglich, in die Kommentarspalte: Antwortet der Autor ab und zu auf Hinweise und Einwürfe? Stellt er sich Kritik?

5. Wie belegt ein Artikel seine Behauptungen und Fakten?
Darauf solltet ihr ganz genau achten. Woher eine Information stammt, ist eins der wichtigsten Merkmale, um ihre Güte einzuschätzen – sonst müsste ich diesen Artikel hier nicht schreiben. Wenn ein Beitrag keine Quelle zitiert oder verlinkt und gleichzeitig der/die Autor*in unbekannt beziehungsweise anonym ist, ist der Artikel wertlos. Schaut vor allem, wie und ob die Aussage aus der Überschrift belegt wird. Medienmacher*innen neigen dazu, dass „Knalligste“ in die Überschrift zu packen. Achtet dabei darauf, dass erstens überhaupt eine Quelle angegeben wird und was verlinkt wird – wenn überhaupt verlinkt wird. Und: Originaldokumente sind immer besser als Zweitquellen.

6. Werden Zusammenhänge, die nicht belegt sind, deutlich als Theorie oder Vermutung gekennzeichnet?
Das ist ein Kriterium, das man leicht übergehen könnte, weil es so unscheinbar ist. Aber wie der Autor oder die Autorin mit Unbewiesenem und Spekulationen umgeht, zeigt deutlich, ob da jemand sein Handwerk versteht – und es auch respektiert. Warum? Weil viele in den Nachrichtenredaktionen die ersten sein wollen, die etwas veröffentlichen. Das bringt ihnen Prestige und Aufmerksamkeit. Das ist auf der einen Seite gut, weil sie dadurch einen Ansporn haben, nach neuen Geschichten zu suchen. Das ist aber auch schlecht, weil sie verführt werden können, Dinge zu veröffentlichen, die sie besser nicht oder jedenfalls auf andere Art publiziert hätten. Wenn ein Autor also eine Information ganz deutlich als Theorie und Vermutung kennzeichnet, widersteht er starken persönlichen Anreizen. Er hat sich unter Kontrolle, er kann seine Arbeit reflektieren. Ein Qualitätsmerkmal.

7. Wie finanziert sich das Medium? Ist der Artikel vielleicht eine bezahlte Anzeige?
Seit Neuestem betreiben  auch viele deutsche Medien so genanntes Native Advertising. Das ist Werbung, die nicht als klassische Werbung daherkommt, sondern aussieht wie ein redaktioneller Beitrag. Derartige „Artikel“  müssen aber als Werbung gekennzeichnet werden! Oft steht dann oben oder unten auf der Seite „Sponsored Post“ oder „Mit Unterstützung von…“.

8. Recherchiert der Autor/die Autorin selbst?
Ein Schriftsteller hat die Freiheit, seiner Fantasie freien Lauf zu lassen. Ein Journalist kann das nicht. Er muss recherchieren und belegen. Deswegen ist die Detailtiefe oft ein gutes Zeichen. Wer nur bei anderen abschreibt, kann bestimmte Dinge nicht wissen und bleibt oberflächlich. Und wer sich Details einfach ausdenkt, kann sie im Zweifel nicht belegen. Also gilt: Je mehr (belegte) Details, desto glaubwürdiger ist ein Text. Aber nicht unbedingt besser. Denn man kann auch sehr viel schreiben, ohne etwas auszusagen. Doch das ist ein völlig anderes Thema.

9. Wie wird die Gegenseite dargestellt?
Viele Beiträge haben eine These. Das bedeutet, dass sie versuchen, einen bestimmten Zusammenhang her- oder einen bestimmten Blick oder eine bestimmte Interpretation eines Ereignisses darzustellen. Häufig finden gerade diese Artikel eine sehr weite Verbreitung. Das Problem: Oft sind sie recht einseitig recherchiert.

Damit meine ich nicht, dass beiden Seiten in dem Beitrag der gleiche Raum gegeben werden sollte. Das wird gern mit „Objektivität“ verwechselt, hat aber nichts damit zu tun. Sondern ich meine, dass die Autor*innen oft nicht den gleichen Aufwand betreiben, um am Ende beide Seiten korrekt darstellen zu können. Nur eine Recherche, die nach Objektivität strebt, führt dazu, dass jemand am Ende fair und aufrichtig die Argumente der Gegenseite darstellen kann. Ist das so, glaube ich ihm eher – auch, dass diese Argumente nicht stichhaltig sind.

Ein letzter Hinweis noch: Die Tipps, die ich hier gegeben habe, zielen alle auf Handwerkliches. Euch kann auch weiterhin ein Artikel unterkommen, der alle Tests mit Bravour besteht – und euch doch nicht gefällt. Dann muss aber nicht der Artikel unglaubwürdig oder die in ihm genannten Fakten falsch sein. Vielleicht ist der Autor oder die Autorin einfach anderer Meinung als Ihr.