Die Frage des Tages

Die Rechten und ihre Lieder - Ein Text von Thomas Hindrichs

Seit den 1960er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts lässt sich in Deutschland eine politische Bewegung ohne zumindest rudimentäre popmusikalische Bezüge kaum denken. Denn Popmusik steht als subkulturelle Praxis abseits des Mainstreams bis heute für „andere“ Lebens- und Gesellschaftsentwürfe als den von der Mehrheitsgesellschaft vertretenen. Die Idee allerdings, dass solche Popmusik damit zugleich auch links und/oder emanzipatorisch zu sein habe, lässt sich spätestens seit der Etablierung des Rechts-Rock während der 1980er-Jahre nicht mehr halten.

Umso bemerkenswerter ist nun, dass der – im weitesten Sinne – organisierte Rechtspopulismus in Deutschland, allen voran AfD und Pegida, weder über einen eigenen „Soundtrack“ noch über eine eigene Musikszene verfügen. Zwar hat Pegida das Fehlen von Musik offenbar als Mangel erkannt und gab 2015 eine eigene Hymne in Auftrag; mediale Aufmerksamkeit erreichte diese jedoch nur wegen ihrer eher abenteuerlichen Musikalisierung; als fester Bestandteil eines Pegida-Soundtrack hingegen konnte sie sich nicht etablieren.

Die AfD fällt in ihrer Außendarstellung noch dahinter zurück. Außer dem regelmäßigen Absingen der Nationalhymne und einer bemerkenswert vage gehaltenen Erwähnung von Musik als „Teil der deutschen Leitkultur“ im Grundsatzprogramm von 2016 kommt die Partei komplett unmusikalisch daher. Inwieweit die Erklärung des Rappers Bushido vom Mai 2016, künftig AfD wählen zu wollen, daran etwas ändern wird, bleibt abzuwarten. Rechtspopulistische Einstellungen und Haltungen sind jedoch weder notwendig an eine politische Organisationsform gebunden, noch sind sie ausschließlich bei AfD und Pegida zu finden, so dass es völlig verfehlt wäre, aus den genannten Beobachtungen den Schluss zu ziehen, es gebe keinerlei Verknüpfungen von Musik und Rechtspopulismus.

Allen Formen von Popmusik, die sich als subkulturelle Praxis abseits des Mainstream verstehen, wohnt prinzipiell eine „Wir-gegen-die“-Haltung inne, die spätestens dann als rechtspopulistisch zu bezeichnen ist, wenn das Wir erstens als homogene (Volks-)Gruppe aufgefasst wird und Die zweitens als nicht-zugehörig gekennzeichnet und als ungleichwertig herabgesetzt werden. Einstellungen wie Rechtspopulismus können sich auf allen Ebenen eines Popsongs – Musik, Text, Bild, Interpret*in, Inszenierung, Performance und Rezeption – äußern, sind jedoch unbedingt wechselwirksam und stets aufeinander bezogen zu begreifen. In Deutschland sind es in erster Linie zwei popmusikalische Genres, in denen sich rechtspopulistische Einstellungen finden lassen: Deutschrap und „neuer“ Deutschrock. Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass Deutschrap oder neuer Deutschrock per se rechtspopulistische Genres wären. Sondern dass nahezu alle Beispiele für rechtspopulistische Musik einem der beiden Genres zuordnen lassen.

Auf musikalischer Ebene wird in beiden Genres größter Wert auf den Aspekt des „Selbermachens“ gelegt. Im neuen Deutschrock steht der Do-it-yourself-Gedanke im Vordergrund, im Deutschrap gelten ausschließlich selbst angefertigte Beats und Samples sowie die musikalisch-technischen Fähigkeiten (Skills) als satisfaktionsfähig. Auf textlicher Ebene arbeiten beide Genres intensiv mit Wir-gegen-die-Konstruktionen, fassen das Wir als homogene Gruppe auf und setzen die anderen als ungleichwertig herab. Rechtspopulistisch ist das natürlich noch nicht.

Wir und die Anderen

Die Texte sind fast ausnahmslos aus einer Ich- oder Wir-Perspektive geschrieben, so dass der Eindruck entsteht, der Rapper oder Sänger (oder gleich die ganze Band) sei zugleich auch der Protagonist des Songtextes; aus der Perspektive Dritter wird dagegen so gut wie nie erzählt. Im neuen Deutschrock sehnt das Ich sich nach Freiheit, Selbstbestimmung, Treue – dass von den „anderen“ – ob Arbeitgeber, Staat, Medien oder „Gutmenschen“ – eingeschränkt werde. Einziges Lösungsangebot, das in diesen Texten gemacht wird, ist, dass das Ich sich gegen Die zur Wehr setzen muss.
Auch im Deutschrap erzählen die Texte überwiegend aus einer Ich-Perspektive. Hier geht es jedoch primär um eine Selbstpositionierung beziehungsweise Überhöhung des Ich, was entweder durch bloße Selbstbeschreibung geschieht oder – in Tradition des Battle-Rap – durch gleichzeitige Herabsetzung eines direkt angesprochenen Du: „Ich trenne die Spreu von dem Weizen, Jungs von den Männern, echte Gangster von den Bangern. Wem willst du was erzählen? Ich merk schon, was du planst, Du willst hier meinen Platz holen, ich nehm mir deinen Arsch“ heißt es beispielsweise in „Echte Männer“ von Fler (auf dem Album ‚Blaues Blut‘, 2013). Die Wilden Jungs wiederum wollen „Mit Vollgas durch die Wand“, denn „Die“ hätten „opportunistisch jedes Wort zerlegt, was wir sind und was wir nicht sind, wo diese Band politisch steht, was auch immer euch so ankotzt: Ihr könnt uns nicht verdrehen.“ (auf ‚Hasspirin‘, 2013). In dem Video gehören zur Ausstattung des Sängers unter anderem Bürostuhl und Bauhelm, wodurch seine Zugehörigkeit zur Wir-Gruppe der „einfachen Leute“ angezeigt wird; ein analoges Inszenierungskonzept findet sich im Video zu „Entschuldigung für nichts“ (2012) von Betontod, in dem ein KfZ-Mechaniker, eine Putzfrau und ein Verwaltungsangestellter, wiederum allesamt „einfache Leute“, in Szene gesetzt werden.

Mein Leben, Meine Regeln

Die Reihe dieser willkürlich herausgegriffenen Beispiele lässt sich für neuen Deutschrock wie für Deutschrap beliebig fortsetzen und sei hier nur exemplarisch verstanden – und doch: Obwohl der Aspekt „Wir- gegen-Die“ deutlich zu Tage tritt, sind diese Beispiele an sich nicht unbedingt rechtspopulistisch. Allerdings: Obwohl in derlei Songtexten „die Anderen‘“ auf je andere Weise als ungleichwertig herabgesetzt werden, läuft ihre Argumentation auf das gleiche hinaus: auf die Höherbewertung einer individuellen gegenüber einer gesellschaftlichen Gesetzgebung nach dem Grundsatz „Mein Leben, meine Regeln!“. Insofern finden sich hier zumindest Anknüpfungspunkte für Rechtspopulismus im Sinne einer „Konfrontation mit dem augenblicklichen Staat“.

Sobald jedoch Wir als homogenes Volk beziehungsweise Ich als dessen Sprecher bestimmt werde(n), ist dies zweifellos Rechtspopulismus. Als „Stabiler Deutscher“ (auf ‚Neue deutsche Welle 2‘, 2014) proklamiert der Rapper Fler eine „neue deutsche Welle“, denn „es gibt ’ne Menge, was hier falsch läuft in diesem Staat“, und überhöht sich selbst als der „erste Deutsche, der die Eier hat“, um sich vorgeblich den Respekt seiner migrantischen Peergroup zu sichern. Im Rückbezug auf sein Album ‚Fremd im eigenen Land‘ (2008) aktualisiert Fler hier das klassische rechtspopulistische Narrativ der Überfremdung, zumal Flers Deutschsein in seiner Natur liege. Wenn Deutschsein wiederum eine Frage der Natur ist, dann wird deutlich, dass Fler offenbar mit der Kategorie „Blutsvolk“ operiert – ein Aspekt, bei dem er sich in bemerkenswerter Art mit der Südtiroler Band Frei.Wild trifft.
ZÜ Ein Wort zu Frei.Wild

Die konsequente Besetzung des Themas Heimat gerät für Frei.Wild zu einer Art Alleinstellungsmerkmal innerhalb der neuen Deutschrockszene, wobei der Heimatbegriff bei Frei.Wild (im Vergleich zur volkstümlichen Musik) ein exklusiver, weil „andere“ ausschließender ist. Ob nun die „Feinde Südtirols in der Hölle schmoren sollen“ oder ob „unser kleines Volk stirbt“, wenn die „wahren Werte“ der Heimat nicht bewahrt und gegen ‚fremde‘ Einflüsse verteidigt werden: Stets werden „die Anderen“ aus dem Heimatkonzept ausgeschlossen und zugleich formuliert, dass das Wir sich gegen Die wehren müsste. Die Zugehörigkeit zur Heimat bestimmt sich bei Frei.Wild über genealogische Verwandtschaftsverhältnisse. In den einschlägigen „Heimat“-Songs der Band ist stets von Vätern, Kindern, Ahnen, Erbe und Wurzeln die Rede. Das ist schlechterdings völkisches Denken und erfüllt spätestens in Verknüpfung mit der fortwährenden Selbstinszenierung der Band als Opfer der Medien, der Linken und der „Gutmenschen“ (kurz: des „Establishment“) notwendige Bedingungen des Rechtspopulismus.

Ohnehin ist die Art der Inszenierung für Deutschrap wie auch für neuen Deutschrock elementar. Während bei ersterem traditionell die „Street Credibility“ im Vordergrund steht, erscheinen Deutschrockbands als „einfache Jungs von nebenan“. Beiden ist gemeinsam, dass die Interpreten sich als echt und authentisch inszenieren, so als ob zwischen realen Personen, Figuren auf der Bühne und Protagonisten der Songs keinerlei Unterschiede bestünden. Entsprechend werden nicht nur die Interpreten als besonders ehrlich und authentisch wahrgenommen, weil sie offenbar singen, was sie „wirklich“ denken; diese Eigenschaften werden auch den Inhalten der Songs zugeschrieben. Ob Von-der-Straße-für-die-Straße-Inszenierungen im Deutschrap oder Einfache-Leute-Inszenierungen im Deutschrock: In beiden Fällen lassen sich die so artikulierten Einstellungen auch als Ausdruck einer „Das-wird-man-ja-noch-sagen-dürfen“-Haltung und damit als Sprachrohr einer schweigenden Mehrheit verstehen, die – nach rechtspopulistischer Lesart – politisch nicht repräsentiert sei. Im speziellen Fall Frei.Wild bietet die inszenierte Authentizität zugleich jedoch auch die Chance zur Diskussion „fremdenfeindlicher“ Ressentiments.

Obwohl Philipp Burger als konzeptioneller Kopf von Frei.Wild trotz aller Kritik nach wie vor „überhaupt kein Problem“ mit völkischem Denken hat, hat sich die Band 2015 in einem Offenen Brief unmissverständlich von AfD und Pegida distanziert und jeglichen „fremdenfeindlichen“ Einstellungen eine deutliche Absage erteilt. Das ist selbstverständlich alles andere als widerspruchsfrei, doch möglicherweise ist das Feld des Rechtspopulismus in Deutschland auch wesentlich heterogener als dies die Denkfigur eines „homogenen Volkswillens“ suggeriert. Als Soundtrack von AfD oder Pegida ist Frei.Wild jedenfalls kaum noch vorstellbar. Bei etlichen anderen Deutschrappern und Deutschrockbands hingegen bleibt dies bis auf Weiteres unklar.