Die Frage des Tages

Wie können wir Mobbing an der Schule begegnen?

Von Michael Kiefer

Antisemitische Haltungen, Äußerungen und Handlungen stellen eine manifeste und komplexe Problemlage an Schulen dar.

Wie zahlreiche Berichte aus Schulen und Jugendeinrichtungen unmissverständlich nachweisen, gehören antisemitische Äußerungen und Handlungen an vielen schulischen Lernorten und in den angrenzenden Wohnquartieren zum Alltag. Die bislang durchgeführten Maßnahmen waren offenkundig nicht ausreichend oder nicht geeignet, um eine nachhaltige Eindämmung des Antisemitismus herbeizuführen. Dieser Sachverhalt bildet die derzeitige Ausgangssituation in nahezu allen pädagogischen Handlungsfeldern.

Der Antisemitismus ist in der Migrationsgesellschaft vielgestaltig.

Zeitgenössischer Antisemitismus zeigt sich in plural verfassten Gesellschaften in verschiedenen Phänotypen. Im Kern besteht er aus einem flexiblen Code an Verschwörungsnarrationen, die in verschiedenen religiösen, weltanschaulichen und kulturellen Kontexten aktiviert und mit anderen Erzählungen verbunden werden können. Die Typologie reicht von leicht erkennbaren Verschwörungsvorwürfen („jüdische Weltverschwörung“), die wesentlich dem klassischen Antisemitismus entstammen, über schuldabwehrende Erzählungen („es reicht“ oder „die Israelis nutzen den Holocaust aus“) bis hin zum israelkritischen Antisemitismus („Pseudostaat Israel“).

Antisemitische Narrationen sind insbesondere bei Jugendlichen häufig wenig kohärent.


Die angeführten Studien, aber auch zahlreiche Erfahrungsberichte aus der pädagogischen Praxis machen deutlich, dass antisemitische Äußerungen von Jugendlichen aus muslimischen Sozialisationskontexten häufig nicht mit einem geschlossen antisemitischen Weltbild einhergehen. Es handelt sich vielmehr um Kolportagen, die sich aus diversen Quellen speisen, die den Sprecherinnen und Sprechern häufig nicht oder nur in einem geringen Maße bekannt sind. Sie enthalten Widersprüche und werden mitunter mit falschen Informationen belegt.

Der Antisemitismus in der Migrationsgesellschaft ist in Schule und Jugendhilfe ein Problemfeld, das von allen Akteuren möglichst professionell bearbeitet werden sollte.


Zahlreiche antisemitische Vorfälle, insbesondere Beschimpfungen und Beleidigungen (zum Beispiel „du Jude“), die an schulischen Lernorten und Jugendhilfeeinrichtungen beobachtet werden können, werden offenbar nicht immer mit angemessenen pädagogischen Maßnahmen bearbeitet. Lehrkräfte verfügen nach eigenen Aussagen nicht immer über geeignete pädagogische Interventionsinstrumente, die eine angemessene Reaktion auf konfrontativ vorgetragene Aussagen ermöglichen. Eine weitere Ursache ist darin zu sehen, dass manche Lehrkräfte sich für den Umgang mit diskriminierenden oder verschwörungstheoretischen Äußerungen nicht zuständig fühlen. Doch antisemitische und diskriminierende Äußerungen müssen von allen Lehrkräften gleichermaßen ernst genommen werden, wenn sie erfolgreich pädagogisch bearbeitet werden sollen.

Pädagogische Maßnahmen, die sich in Jugendhilfe und Schule an junge Menschen mit verschiedenen religiösen, weltanschaulichen und kulturellen Hintergründen richten, müssen eine Zielgruppenspezifik aufweisen.

Die pädagogische Dekonstruktion antisemitischer Erzählungen kann nur dann gelingen, wenn sie die Erzählungen der Schülerinnen und Schüler vollständig aufgreift und die damit verbundenen Kontexte (beispielsweise Ereignisse im Verlauf der islamischen Geschichte oder gegenwärtige politische Konflikte) kritisch mitreflektiert. Hierbei besteht die Herausforderung darin, einen angemessenen Umgang mit der gegebenen Heterogenität zu finden. So hat die Thematisierung von Antisemitismus in einer internationalen Förderklasse (Berufskolleg) andere Prämissen und Gelingensbedingungen als ähnlich gelagerte Maßnahmen in Gymnasien oder Gesamtschulen. Denn in den internationalen Förderklassen finden wir derzeit viele junge Menschen aus arabischen Ländern, die in ihrem Bildungsverlauf häufig mit einer antisemitisch ausgerichteten Propaganda konfrontiert waren. Darüber hinaus bestehen oft gravierende Lücken im Wissen über den NS-Faschismus und die Shoa. Für die pädagogischen Teams in den internationalen Klassen stellt dieser Sachverhalt in fachlicher Hinsicht ein sperriges Handlungsfeld dar.

Die vorhandenen Formate in Schule und Jugendhilfe sind nicht ausreichend und erweisen sich nicht immer als wirksam.

Eine wichtige Prämisse für eine offene Auseinandersetzung ist Aycan Demirel von der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus zufolge, dass junge Menschen angstfrei ihre eigenen Narrative und Deutungsmuster einbringen können. Diese Prämissen sind an vielen schulischen und außerschulischen Lernorten nicht erfüllt. In den klassischen Unterrichtsformen steht häufig die Informationsvermittlung normierter Sichtweisen im Vordergrund, während Gespräche oft zu kurz kommen. Persönliche Erfahrungen können kaum einfließen und individuelle und selbstbestimmte Lernwege sind nicht immer ausreichend vorgesehen.
Nach Auffassung der Erziehungswissenschaftlerin Heike Radvan macht es zudem wenig Sinn, nach einer erfolgten antisemitischen Äußerung über „die Juden“ zu sprechen. Dies ist beispielsweise dann der Fall, wenn eine Lehrkraft auf den Vorwurf eines Schülers, es gebe eine „jüdische Weltverschwörung“, entgegnet, dass nicht jeder Jude imstande sei, Einfluss auf die US-amerikanische Politik zu nehmen. Die „antisemitische Differenzkonstruktion“ des Schülers erfahre bei dieser Vorgehensweise ungewollt eine Bestätigung. Wichtig sei aber gerade der Ausstieg aus der Differenzkonstruktion, der unter anderem durch eine universalistische Argumentation erfolgen könnte. Dies sei der Fall „wenn eine Pädagogin in Reaktion auf die Aussage, Juden seien gierig, darauf verweist, dass das Streben nach Wohlstand ein universelles und Gier allen Menschen zu eigen ist.“

Pädagoginnen und Pädagogen müssen im Umgang mit Antisemitismus aus- und weitergebildet werden.

Pädagogische Fachkräfte sind in schulischen und außerschulischen Handlungsfeldern nicht immer ausreichend informiert über Erscheinungsformen des Antisemitismus. Daher brauchen wir Maßnahmen, die für gegenwärtige Formen des Antisemitismus sensibilisieren. Ferner stehen ihnen offenbar nicht immer geeignete Instrumente und Methoden zur Verfügung, um antisemitischen Vorfällen angemessen begegnen zu können. Auch hier benötigen wir Qualifizierungsmaßnahmen. Verwiesen sei an dieser Stelle nur auf die Konzepte gewaltfreier Erziehung und der „Neuen Autorität“, die der israelische Psychologe Haim Omer entwickelt hat. So kann bei einer konfrontativen antisemitischen Bekundung eines Schülers das Prinzip des Aufschubs („Schmiede das Eisen, wenn es kalt ist“) durchaus hilfreich sein. Anstatt umgehend auf die Äußerung zu reagieren, kann eine Unterbrechung oder Aufschub („Ich habe gehört, was du gesagt hast und werde darauf zurückkommen.“) zur Deeskalation beitragen, ferner kann zwischenzeitlich Unterstützung eingeholt werden. Darüber hinaus benötigen pädagogische Fachkräfte Informationen zu möglichen Partnerinnen und Partnern, die in der konkreten Fallbearbeitung unter anderem aus Jugendhilfe, Gemeinde oder Polizei  hinzugezogen werden können.

Die Lehrpläne müssen erweitert werden, wenn sie den vielfältigen Erscheinungsformen des Antisemitismus in der Migrationsgesellschaft gerecht werden sollen.

Folgt man der jüngsten Darstellung des Unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus, sind im Unterricht „die historischen Kontexte, in denen Antisemitismus zum Thema wird, weiterhin das Mittelalter, die Aufklärung und überwiegend die nationalsozialistische Verfolgungspolitik, und in wenigen Fällen auch der Nahostkonflikt.“ Die Bearbeitung des Antisemitismus erfolgt also lediglich aus einer eingeschränkten Perspektive. So ist nicht nachvollziehbar, dass – trotz zahlreicher Problemanzeigen über israelbezogenen Antisemitismus seit der Al-Aqsa-Intifada im Jahr 2000 – der Nahostkonflikt und die Berichterstattung darüber kaum berücksichtigt werden. Der UEA findet daher für die Bearbeitung von Antisemitismus im Unterricht deutliche Worte: „Antisemitismus wird nach wie vor vielfach ausschließlich im Kontext des Nationalsozialismus thematisiert. So erscheint Antisemitismus als ein ausschließlich den Nationalsozialisten zuzuordnendes Phänomen, das 1933 quasi aus dem Nichts erschien und 1945 wieder verschwand.“

Eine vollständige Version des Textes könnt ihr im Baustein Antisemitismus und Migration von Michael Kiefer nachlesen.