Die Frage des Tages

Wie wollen wir zusammenl(i)eben?

"Is there no sex in Kreuzberg?" -
Ein Theaterstück des Berliner
Hermann-Hesse-Gymnasiums
Fotos: Wolfgang Borrs

Noch vor hundert Jahren war die Frau in Deutschland ein entmündigtes Wesen. Frauen durften weder wählen, noch eigenständig Geschäfte abwickeln, noch sexuell selbstbestimmt leben. Sie waren dem Mann unterworfen, und in Preußen wurde das Frauenstudium erst im Jahr 1908 allgemein zugelassen. Heute sind über 50 Prozent der Hochschulabsolventen Frauen. Frauen sind inzwischen nicht nur besser gebildet als Männer, sie ergreifen auch zunehmend die Macht – als Chefinnen, Universitätsprofessorinnen, Moderatorinnen und als Kanzlerin.

Kein Wunder, dass Viele davon überzeugt sind: Deutschland ist ein modernes Land, eine Geschlechterdemokratie, in der es zwischen Mann und Frau nicht nur fair, sondern auch gerecht zugeht. Wenn die Gleichberechtigung der Frau hierzulande überhaupt noch bedroht und in Frage gestellt wird, dann, so scheint es, durch Migranten, die andere Geschlechterrollen als die Mehrheit leben und sich so der Integration in ein emanzipiertes Deutschland verweigern.

Sexualisierte Integrationsdebatten

In Fortbildungsveranstaltungen für Pädagog*innen werden variantenreich die Fragen gestellt: „Warum sind die Frauen aus der Türkei so rückständig? Warum sind die muslimischen Männer so machohaft und verhalten sich so respektlos gegenüber emanzipierten deutschen Frauen?“

„Integriert euch, ihr ausländischen, zugezogenen und muslimischen Männer! Werdet endlich wie wir!“ lautet die zentrale Forderung der Mehrheitsgesellschaft. Sie ist problematisch, denn sie konstruiert ein trennendes Ihr und Wir. Die offene Ablehnung und Abgrenzung gegenüber dem „Anderen“, den „Fremden“ wird heute nicht mehr mit offen rassistischen Argumenten begründet, sondern zunehmend häufiger mit dem Rückgriff auf die angebliche Rückständigkeit der Zugewanderten  im Geschlechterverhältnis. Die Integrationsdebatte wird sexualisiert.

„Integriert Euch!“ Die so Angesprochenen verstehen die Forderungen, die an sie gestellt werden, sehr gut: Sie sollen nicht ehrenmorden, ihre Frauen gut behandeln und ihre Töchter nicht mit Zwang verheiraten. Viele können mit diesen Appellen aus der Mehrheitsgesellschaft allerdings nichts anfangen. Die meisten Migrantenfamilien standen bereits in ihren Herkunftsländern solchen aus archaischen Stammeskulturen stammenden Traditionen verständnislos gegenüber. Und nicht wenige Migrant*innen aus den rückständigsten Regionen Anatoliens, Siziliens, des Balkans und Andalusiens haben genau aus diesen Gründen bereits vor Jahrzehnten ihre Heimatdörfer verlassen.

Gestritten wird also darüber, was sich als Frau und Mann gehört, und was zwischen den Geschlechtern geht und was nicht. Diese Diskussion ist zu begrüßen. Sie wird im Courage-Netzwerk seit Jahren intensiv geführt .

Was wünscht die Mehrheit?

Vielen Migrant*innen und ihren Kindern, auch das zeigt die Praxis der Bundeskoordination, wird nicht so recht klar, was die Mehrheit wünscht, wie sie denn nun werden und in welche Richtung sie sich verändern sollen. Denn bei näherer Betrachtung stellt sich für sie sehr schnell heraus, dass der verheiratete Bäcker aus Brandenburg, der schwule, konfessionslose Banker aus Düsseldorf, der ledige, katholische Landwirt aus Niederbayern, die in zweiter Ehe lebende protestantische Rentnerin aus Leipzig und die geschiedene, esoterische und alleinerziehende Mutter aus Berlin ganz Unterschiedliches meinen, wenn sie fordern: „Integriert Euch!“

In heterogenen und vielfältigen Gesellschaften wie Deutschland eine ist, prallen Ungleichzeitigkeiten und sehr unterschiedliche moralische Standards und Sozialmilieus aufeinander. Stadt-Land, Nord-Süd, Ost-West, religiös-nichtreligiös, jung-alt, arm-reich, gebildet-ungebildet etc. Das ist nicht erst seit Beginn der Arbeitsmigration und der Ankunft einer größeren Zahl von „Ausländern“ so, sondern war seit Gründung des deutschen Reiches im Jahr 1871 niemals anders. In mühsamen und komplizierten Prozessen musste und muss deshalb stets aufs Neue ausgehandelt werden, was die gemeinsamen Umgangsformen und Rechtsnormen sind.

Diese Klärungsprozesse können sich über Jahrzehnte hinziehen, wie die Debatten um das Recht auf Schwangerschaftsabbruch, die Straffreiheit von Homosexualität, die rechtliche Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften und die sexuelle Selbstbestimmung oder die Strafbarkeit von Vergewaltigung in der Ehe zeigen. Und abgeschlossen ist diese Diskussion eigentlich nie. Auch wenn die Gesellschaft sich zum Beispiel auf die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften geeinigt hat, ist niemand gezwungen, Homosexualität persönlich moralisch gut finden – auch das gehört zur individuellen Freiheit. Nur eines ist eben nicht mehr erlaubt: Niemand darf von nun an wegen seiner sexuellen Orientierung diskriminiert werden – auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt, im Straf- und Erbrecht und vielem mehr.

Diese komplizierten Aushandlungsprozesse verlaufen selbst in den verschiedenen Ländern Europas sehr unterschiedlich. Die gesetzlichen Grundlagen zu Fragen der Familie, Emanzipation und sexuellen Selbstbestimmung als auch Einstellungen zu Fragen der Moral selbst in benachbarten Ländern wie die Schweiz, Österreich und Polen unterscheiden sich bisweilen fundamental. Und die Enthüllungen von jahrzehntelangen körperlichen Misshandlungen, sexuellem Missbrauch und Vergewaltigung von Kindern und Jugendlichen in katholischen Internaten und Knabenchören, evangelischen Heimen, sozialistischen Erziehungsanstalten der DDR und reformpädagogischen Institutionen wie der Odenwaldschule zeigen: die Mehrheitsgesellschaft tut gut daran, Probleme der Geschlechterbeziehungen und der sexuellen Selbstbestimmung nicht nur auf „die Anderen“ zu projizieren und am Beispiel muslimischer Familien zu diskutieren. Das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung und die körperlich Unversehrtheit kann in allen Schichten, Milieus unabhängig von Herkunft, Religion und Einkommen mit Füßen getreten werden.

Niemanden sollte verwundern, wenn kulturelle Traditionen, individuelle Verhaltensweisen und moralische Werte der Neubürger sich nicht immer nahtlos in die gewünschten Standards, auf die sich die Mehrheit der Gesellschaft zu einem bestimmten Zeitpunkt geeinigt hat, einfügen. Akkulturation – das Hineinwachsen in ein neues kulturelles Umfeld und ein neues Rechtssystem, ist ein spannender, mitunter aber auch ein schmerzhafter Prozess. Er verlangt Menschen vieles ab, sie müssen sich von Altvertrautem verabschieden und sich neuen Werten stellen. Das alles ist nicht nur Stoff für spannende Holly- und Bollywoodfilme, sondern auch eine Herausforderung für die Antidiskriminierungsarbeit an den Courage-Schulen.

Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage fördert die intensive Kommunikation unter Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund und ihre gemeinsame Suche nach verbindlichen Werten. Denn langfristig kann die gesellschaftliche Integration nur dann erfolgreich gelingen, wenn sich sowohl die Minderheiten als auch die Mehrheit, die sich jeweils aus zahleichen unterschiedlichen Milieus zusammensetzen, auf ein paar unverrückbare Grundlagen einigen, beispielsweise auf die Gleichberechtigung von Mann und Frau und die sexuelle Selbstbestimmung.

Sanem Kleff, Eberhard Seidel