Das lernende Netzwerk

Kommunikationskompetenz im Courage-Netzwerk

Fotos: Aris Papadopoulos

Kommunikation ist das A und O jeder Aktivität im Rahmen von Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage. Ohne sie läuft nichts. Die Fähigkeit, konstruktiv und bewusst zu kommunizieren, ist vom ersten Tag an gefragt. Wählt die Aktivengruppe, die ihre Schule zu einer Courage-Schule machen möchte, einen falschen – beispielsweise einen moralisierenden oder unverständlichen – Ton, wird sie ihre MitschülerInnen nicht erreichen oder sogar verprellen. Die Initiative droht so bereits am Start zu scheitern. Ganz anders wird es sein, wenn es den Aktiven gelingt, den Rest der Schule durch klare, überzeugende Argumentation, überraschende, fantasievolle Aktionen sowie eine freundliche, leidenschaftliche Ansprache mitzureißen.

Die Bundeskoordination fördert und unterstützt die Kommunikationskompetenz und -strategien von Kindern und Jugendlichen in vielfältiger Weise. Materialien wie die ‚Start-Info‘ oder ‚Zehn Schritte zu einer Courage-Schule‘, die wir in Kapitel 2 vorgestellt haben, geben wichtige Tipps und Hinweise, wie eine Erfolg versprechende Ansprache aussehen sollte. Und dies nicht nur, wenn es im ersten Schritt darum geht, die Aufnahme in das Netzwerk zu erreichen.

Unterschiedliche Empfänger

Nach der Titelverleihung sind intensiver Austausch und eine enge Zusammenarbeit zwischen unterschiedlichsten Menschen erst recht notwendig. Um eine Courage-Schule mit Leben zu füllen, müssen Aktionen und Projekttage geplant und durchgeführt werden. Das fordert die aktiven SchülerInnen an jeder Schule heraus. Für sie gilt, sich in einem demokratischen Prozess auf Themen zu einigen und gemeinsam Aktionen in die Tat umzusetzen. Das ist leichter gesagt als getan. Denn sie müssen sich nicht nur mit den MitschülerInnen aus ihrer Klasse auseinandersetzen, sondern auch mit jenen in anderen Klassen, mit älteren wie mit jüngeren. Wie aber erklärt man ein Anliegen so, dass die Schüler in der siebten Klasse es verstehen und die ZehntklässlerInnen sich nicht langweilen? Wie den richtigen Tonfall gegenüber LehrerInnen, SekretärInnen, HausmeisterInnen finden? Wie verhandle ich mit Elternvertretern, oder dem Förderverein, der den Aktionstag finanziell unterstützen soll? Wie mit außerschulischen Kooperationspartnern, den Paten und nicht zuletzt mit Referenten, die Vorträge und Workshops im Rahmen eines Aktionstags halten?

All diese Akteure wollen in einer angemessenen Form angerufen, angemailt, von Angesicht zu Angesicht angesprochen und mit vielen verschiedenen Informationen versorgt werden. Das heißt: Für die Durchführung von Projekten ist eine hohe Organisations- und Kommunikationskompetenz der SchülerInnen gefragt. Im Rahmen der Courage-Aktivitäten lernen sie sehr schnell, dass LehrerInnen in der Regel nicht so angesprochen werden möchten wie der Kumpel aus der Parallelklasse. Auch Sponsoren werden in aller Regel nicht gewonnen, wenn man nur auf Facebook oder Whatsapp um sie wirbt. Erfolg versprechender ist in diesem Falle vielleicht ein offizieller, konventioneller Brief, in dem das Anliegen und die Bitte um Unterstützung dargestellt werden. Aber wie formuliert man einen solchen Brief? Welche Ansprache passt zu wem? 



Individuelle Ansprache

Es gibt keine standardisierte Form, die vorgibt, wer am besten in welcher Form angesprochen werden sollte. Natürlich hängt dies immer von der konkreten Situation und den individuellen Eigenheiten der Gesprächspartner ab. Folgende Fragen können aber dabei helfen, eine Antwort zu finden:

  • Welches Ziel möchte ich erreichen?
  • Mit wem sollte ich mich austauschen, ob das Ziel realistisch ist?
  • Mit wem möchte ich gemeinsam das Ziel erreichen?
  • Wie spreche ich diejenigen an, mit denen ich das Ziel erreichen möchte? Reicht ein persönliches Gespräch? Oder sollte das Anliegen schriftlich formuliert werden? Bedarf es einer Versammlung? 
  • Wodurch unterscheiden sich die Gruppen, die ich ansprechen möchte? Gibt es etwas, was ich bei der Ansprache beachten muss? Kommen sie aus einer anderen Generation, aus einer anderen sozialen oder kulturellen Gruppe? Verstehen die Angesprochenen die von mir benutzte Sprache?
  • Welches Medium der Ansprache wähle ich? Soziale Medien, persönliche Ansprache, Brief? Welche Barrieren errichte ich möglicherweise durch mein Kommunikationsverhalten; schließe ich dadurch unter Umständen wichtige Gruppen aus?

Kommunikation innerhalb der Schule

In jeder einzelnen Schule kommen wir nur durch gelungene Kommunikation auf einen Nenner und werden handlungsfähig. Oft aber fehlt es an einer gelingenden Kommunikationskultur in der Schule. Und sagen wir es offen: an dieser Situation sind alle beteiligt. Im Lehrerzimmer verhindert eine Gruppenbildung die produktive Auseinandersetzung mit aktuellen Fragen im Kollegium, auf dem Schulhof stehen die SchülerInnen in ihren Cliquen in verschiedenen Ecken, die Schulleitung ist für alle kaum ansprechbar. Diesen Zustand, der jeden Austausch untereinander und jedes gemeinsame Handeln verhindert, gilt es zu verändern. Es ist ein lohnendes Ziel für alle, Wege zu finden, welche die Kommunikationsmöglichkeiten unter den Schulmitgliedern ausbauen und verbessern. Das Miteinander-Sprechen kann in Workshops zum Ausbau der Kommunikationsfähigkeit gezielt gefördert und erlernt werden. Voraussetzung dafür ist, dass alle miteinander in einen Austausch treten wollen, dass sie ein Interesse daran haben, ihre Gedanken, Wünsche und Gefühle den anderen mitzuteilen.

Eine Klasse kann sich Regeln setzen, und regelmäßige Zeiten einplanen, um das offene Gespräch zu stärken. Eine Reihe von Kooperationspartnern des Netzwerks bieten Workshops mit Argumentationstrainings an. Auch Diskutieren will gelernt sein. Die Klasse ist ein gutes Übungsfeld dafür; der Themenvielfalt sind keine Grenzen gesetzt. 


Außerdem könnt ihr euch bei Landes- und Aktiventreffen mit VertreterInnen anderer Courage-Schulen über geeignete und bewährte Strategien der Kommunikation austauschen. Nutzt diese Gelegenheit! – von Menschen, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen wie ihr könnt ihr am meisten lernen.


Eure Ideen und Meinungen brauchen auch nicht immer mit gesprochenen oder geschrieben Worten vermittelt zu werden: Auch wortlose, also nonverbale, Kommunikationsformen können zum Einsatz kommen. 

Ein Blick über den Tellerrand

Auf der Ebene des Courage-Netzwerks gelten im Prinzip dieselben Argumente wie in der einzelnen Schule. Ein bundesweites Netzwerk von rund 2.000 Schulen mit mehr als einer Million SchülerInnen und Tausenden LehrerInnen, dem Hunderte Kooperationspartner, Dutzende Landes- und Regionalkoordinationen sowie rund 2.000 PatInnen angehören, muss untereinander kommunizieren, um gemeinsame Anliegen zu formulieren, passende Handlungsansätze für Menschenrechtsbildung zu entwickeln und eine gemeinsame Ientität herauszubilden. Denn nur wenn es gelingt, nicht nur auf der Ebene der Schule, sondern an allen Schulen das gleiche Anliegen zu verfolgen und eine gemeinsame Identität zu entwickeln, können wir mit Fug und Recht von einem bundesweiten Netzwerk sprechen. 


Das ist leichter gesagt als getan. In ihrem Alltag bewegen sich SchülerInnen, LehrerInnen, PatInnen, Kooperationspartner, KoordinatorInnen und Förderer in unterschiedlichen Welten, mit sehr heterogenen Werten und Öffentlichkeiten. Auch die Lebenswelten der SchülerInnen unterscheiden sich erheblich: Es ist ein Unterschied, ob sie in einem Dorf in der Sächsischen Schweiz oder im Gallus-Viertel in Frankfurt am Main leben und aktiv sind.


Um bei aller Vielfalt das Gemeinsame nicht aus den Augen zu verlieren hat die Bundeskoordination Leitlinien und Publikationen sowie Veranstaltungsformate entwickelt, die sicherstellen, dass das Projekt in ganz Deutschland nach den gleichen Grundprinzipien arbeitet. Das nennt sich Corporate Identity. Zu ihr gehören unter anderem das Netzwerk-Logo sowie die gemeinsame Veröffentlichung von Anliegen und Botschaften.

Ein Wort zur Öffentlichkeitsarbeit 

Genügt es uns eigentlich, wenn wir nur Gutes tun? Oder möchten wir auch, dass es wahrgenommen und darüber geredet wird? Sicher ist, dass es dem gemeinsamen Anliegen nützt, wenn viele davon erfahren. Aus diesem Grund hat Öffentlichkeitsarbeit einen wichtigen Stellenwert. Gerade wenn die engagierten SchülerInnen über ihre Schule hinaus an der demokratischen Ausgestaltung ihrer Gemeinde oder Stadt mitwirken wollen, ist es unerlässlich, dass sie für ihre Anliegen werben, indem sie ihre Aktivitäten in die breite Öffentlichkeit kommunizieren. 


Glücklicherweise erhält die Arbeit der Courage-Schulen in der Regel viel Aufmerksamkeit. Das gilt vor allem in kleineren oder mittleren Städten. Hier sind die Medien in ihrer Berichterstattung meist offener für das gesellschaftspolitische Engagement von SchülerInnen als in Großstädten. Jährlich erscheinen mehrere Hundert Zeitungs-, Rundfunk- und Fernsehbeiträge, die über Projekte einzelner Courage-Schulen berichten. 


Allein auf das Interesse von JournalistInnen verlassen sollten wir uns aber nicht. Denn auch die wohlwollendste Berichterstattung unterliegt Zyklen des Interesses sowie tagesaktuellen Schwerpunktsetzungen. So kann es passieren, dass eine monatelang vorbereitete Aktion von SchülerInnen am Ende gar nicht erwähnt wird, weil just an diesem Tag andere Meldungen in den Vordergrund drängten. 


Um die Berichterstattung nicht von Zufällen abhängig zu machen sind viele Schulen dazu übergegangen, ihre Aktivitäten selbst zu dokumentieren. Das kann in Form einer Schülerzeitung, von Schulradio, einer Homepage, einer Facebook-Seite oder Dokumentationen auf Youtube geschehen. Die Bundeskoordination unterstützt dies, indem sie der Förderung der Medienkompetenz von Schülerinnen und Schülern einen hohen Stellenwert einräumt. Sie organisiert zum Beispiel Schreibwerkstätten, Fotoworkshops und Zeitungs- sowie Radioseminare.



Auszug aus dem Handbuch "Lernziel Gleichwertigkeit"