Rassismus gegen Sinti & Roma

Aus dem Handbuch Lernziel Gleichwertigkeit

"Zigeuner" klauen, sind dreckig, wollen nicht arbeiten, betteln stattdessen und ziehen mit dem Wohnwagen durch Europa. Gute Musik spielen können sie aber. So oder so ähnlich lauten die Vorurteile in einer durchschnittlichen Schulklasse, wenn die Rede auf Sinti und Roma kommt.

Offener oder latenter Rassismus gegen Sinti und Roma, verbindet SchülerInnen unabhängig davon, ob ihre Eltern aus der Türkei, aus Polen, arabischen Ländern oder Deutschland kommen. Keine Minderheit stößt in Deutschland auf so viel Ablehnung wie Sinti und Roma. Dabei haben die meisten Menschen, deren Feindseligkeit sich gegen diese richtet, gar keinen Kontakt zu dieser Minderheit. Ihre Vorstellungen sind vor allem geprägt von jahrhundertealten Stereotypen sowie dem Bild, das Medien verbreiten.

Während der nationalsozialistischen Diktatur führte die Diskriminierung der als „Zigeuner“ ausgegrenzten Menschen zum Völkermord. Mehr als 200.000 Morde an europäischen Sinti und Roma sind belegt, manche Historiker und Genozidforscher gehen gar von etwa 500.000 Opfern aus.

Wer sind Roma und Sinti?


Bevor wir weiter über Erscheinungsformen der Sinti- und Romafeindlichkeit reden, möchten wir kurz klären, wer die Roma und Sinti sind:

Sinti wie Roma sind Nachkommen einer ursprünglich aus dem Norden Indiens stammenden Bevölkerungsgruppe. Viele, aber längst nicht alle Roma ließen sich auf dem Weg nach Westen und auf der Suche nach einem menschenwürdigen Leben zunächst in osteuropäischen Ländern nieder. Heute bilden sie die größte Minderheit und die wohl mit Abstand heterogenste Bevölkerungsgruppe in ganz Europa. Die in Deutschland seit Jahrhunderten beheimateten unter ihnen sind Sinti.

Die Frage, wie viele Roma in Europa leben, ist schwer zu beantworten; viele Länder erfassen ihre Minderheiten statistisch nicht, auch Deutschland nicht. Die geschätzten Zahlen schwanken zwischen acht und zwölf Millionen Romnja (Frauen) und Roma (Männer). Die höchsten Anteile haben Rumänien, Bulgarien, Spanien, Ungarn, die Slowakei und Tschechien. Die Roma in Europa unterscheiden sich durch verschiedene Sprachen, Religionen und Gewohnheiten.

Überall in Europa werden Sinti und Roma diskriminiert. In Deutschland leben seit 600 Jahren Sinti. Nach Angaben des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma bezeichnet Sinti die in West- und Mitteleuropa beheimateten Angehörigen der Minderheit, Roma diejenigen ost- und südosteuropäischer Herkunft.

Nach jüngsten Schätzungen haben zwischen 80.000 und 120.000 Sinti und Roma die deutsche Staatsbürgerschaft. Als anerkannte nationale Minderheit stehen sie unter dem besonderen Schutz des Staates. Neben Deutsch sprechen sie als zweite Muttersprache Romanes. In den jeweiligen Heimatländern der Sinti und Roma entwickelten sich im Lauf der Jahrhunderte unterschiedliche Varianten des Romanes.

Über Jahrhunderte wurden Sinti und Roma politisch, wirtschaftlich und kulturell marginalisiert, diskriminiert und verfolgt. Ein Überleben war nur in Kleingruppen möglich. Dies ist ein entscheidender Grund für die bis heute bestehende geografische Verstreutheit. Unter extrem schwierigen Bedingungen fiel und fällt es den meisten Betroffenen schwer, politisch-ökonomische Strukturen aufzubauen, die ihnen eine Chance auf Teilhabe an politischer und wirtschaftlicher Macht ermöglichen.

Kein glücklicher Begriff

Wenden wir uns zunächst für einen Moment einem Begriff selbst zu, der uns leicht über die Lippen geht. Tatsächlich ist "Antiziganismus" ein vergleichsweise junger und eher unglücklicher Begriff für die Ablehnung und den Hass gegen Sinti und Roma durch die Mehrheitsgesellschaft. Unglücklich deshalb, weil er auf „Zigeuner“ rekurriert – ein Begriff, der die ganze Palette an Stereotypen und Vorurteilen gegenüber selbigen transportiert. Der Begriff Zigeuner ist eine bis ins Mittelalter zurückreichende Fremdbezeichnung durch die Mehrheitsbevölkerung und wird von der Mehrheit der Sinti und Roma als diskriminierend abgelehnt.

"Antiziganismus" ist eine eigenständige Form des Rassismus. Um ihm wirksam entgegenzutreten, muss streng getrennt werden zwischen der "antiziganistischen" Vorstellung der Mehrheitsgesellschaft, die sich in vielerlei Hinsicht ihre „Zigeuner“ zusammengebastelt hat, und den tatsächlichen Menschen.

Zu den in Deutschland lebenden gehören mehrere Gruppen, die sich grob wie folgt unterscheiden lassen: in seit dem Mittelalter ansässige Sinti; Ende des 19. Jahrhunderts eingewanderte Roma; in den1950er-Jahren zugezogene und ursprünglich in Rumänien ansässige Kalderasch; seit den 1960er Jahren aus dem damaligen Jugoslawien eingewanderte „Gastarbeiter“-Roma. Sie alle sind – wie auch die Manusch in Frankreich, die Kalé in Spanien oder die Roma-Gruppen Osteuropas – vom Stereotyp des „Zigeuners“ betroffen.

Fallen Stereotype über und Lebensverhältnisse von Roma doch einmal zusammen, sind dafür häufig die Auswirkungen des Antiziganismus selbst verantwortlich. Dies gilt gleichermaßen für hohe Arbeitslosigkeit, wenig Bildung und die bedrückende Armut mancher Roma-Familien.

An dieser prekären Situation wird sich so lange nichts ändern, wie die Mehrheitsgesellschaft meint, die miserablen Lebensbedingungen entsprächen dem Naturell oder der Kultur der Roma.

Die Macht der Bilder

Welche Folgen von den Medien verbreitete "antiziganistische" Bilder haben können, zeigten im Herbst 2013 Berichte über Fälle von Kindesentzug durch Jugendschutzbehörden in Griechenland und Irland besonders deutlich. Die Behörden begründeten ihr Handeln damit, die in staatliche Obhut genommenen Kinder seien ihren Eltern von den Roma-Familien gestohlen worden. Anlass war eine biologistisch-rassistische Vorstellung: die Kinder hatten helle Haut und blaue beziehungsweise grüne Augen; Polizisten wie Behördenmitarbeiter hatten sich augenscheinlich nicht vorstellen können, dass Roma so aussehen können.

Nicht nur in Griechenland und Irland, sondern auch in Deutschland und anderswo griffen die Medien das uralte Stereotyp vom „Kinder stehlenden Zigeuner“ sofort auf: Ohne Prüfung der Beweislage wurde verbreitet, die Kinder seien „offensichtlich keine Roma-Kinder“. Auf die Idee, einmal zu fragen, warum in den Roma-Lagern überhaupt „Routinekontrollen“ durchgeführt werden, kam niemand. Befeuert von der Behauptung einer griechischen Kinderhilfsorganisation, dass auch im Norden Europas viele Kinder verschwänden, weil sich blonde Kinder zum Betteln besonders gut eigneten, äußerten viele Journalisten unwidersprochen die Hoffnung, dass zehntausende Eltern vermisster Kinder nun möglicherweise in einem Roma-Lager fündig würden.

Zu den sich am hartnäckigsten haltenden "antiziganistischen" Klischees gehört die Vorstellung, „Zigeuner“ seien ein umherziehendes Volk. Man könnte denken: eigentlich eine anhand historischer Fakten schnell zu widerlegende Vorstellung. Tatsächlich leben viele Sinti und Roma überwiegend sesshaft. So wohnten in Preußen schon im 19. Jahrhundert Sinti und Roma meist am gleichen Ort zur Miete oder im eigenen Haus: manche in ärmlichen, andere in bürgerlichen Verhältnissen.

Aber die Klischees über Sinti und Roma in unseren Köpfen sind häufig stärker als Fakten und kritische Reflexion. So beschreiben selbsternannte ExpertInnen in preisgekrönten Büchern die „Romvölker“ als Nomaden, Verfolgte und marginalisierte Fremde, die nie in den „Kulturvölkern“ Europas angekommen wären. Auch wenn manche dieser Autoren wohlmeinend für Verständnis für angeblich unter Roma besonders verbreitete Verhaltensweisen wie Betteln und Stehlen werben, da sie den sozialen Verhältnissen geschuldet sind: Immer besteht die Gefahr, dass solche Erklärungsmuster unsere Wahrnehmung über Sinti und Roma als freizügige, arme, naturverbundene und kriminelle Minderheit prägen. So werden Verfehlungen einzelner Menschen oder Gruppen zu Eigenschaften einer Minderheit ethnisiert.

Was kann Schule tun?

Die Schule spielt eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, Rassismus und Feindlichkeit gegen Sinti und Roma zu bekämpfen, die Partizipation von Sinti und Roma zu ermöglichen und gemeinsam das Bild, das wir uns von Roma machen, zu ändern. Die meisten Sinti- und Roma-Familien treten der Schule mit einer gehörigen Portion Skepsis entgegen. Die Erinnerung daran, dass ihnen zur Zeit des Nationalsozialismus der Schulbesuch verboten war, ist heute noch präsent. Umso wichtiger ist es, Roma-Kinder nicht in separate Klassen oder Förderschulen abzuschieben, sondern in den gemeinsamen Unterricht aufzunehmen. Wichtig ist dabei auch, zu wissen: Angesichts der massiven gesellschaftlichen Ablehnung sind wir noch weit davon entfernt, dass Sinti und Roma sich in ihrer Umgebung zu ihrer Herkunft bekennen können, ohne gravierende Nachteile zu erfahren.

Roma-Kinder und -Jugendliche wollen nicht auf ihre ethnische Herkunft reduziert werden. Diese ist nur ein Teil ihrer Persönlichkeit. Sie haben die gleichen Bedürfnisse wie alle anderen Kinder und Jugendlichen: nach Anerkennung und Respekt, Aufwachsen in einem stabilen Umfeld, Möglichkeiten, ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen in die Hand zu nehmen, ein positives Selbstkonzept zu entwickeln und ihre Kultur und Sprache zu pflegen. Sie sind Mädchen oder Jungs, die Fußballfans sind oder lieber ein Instrument spielen, mehr oder weniger gern zur Schule gehen, berufliche Wünsche haben und vielleicht einer Religion angehören.

Warum Rassismus gegen Sinti und Roma Thema der Courage-Schulen sein sollte, haben SchülerInnen der Gesamtschule im niedersächischen Rastede zutreffend formuliert: „Der Antiziganismus fällt in den Verantwortungsbereich von uns Nicht-Sinti, von uns Nicht-Roma. Der Antiziganismus betrifft die Sinti und Roma, aber wir sind es, die den Sinti und Roma den Eintritt in das Menschsein nicht gestatten. Zum Nachteil der Sinti und Roma und zum Nachteil von uns allen. Denn dadurch demontieren wir die Demokratie und die Zivilgesellschaft. Deshalb sind wir es auch, die für eine Verbesserung verantwortlich sind.“