Zukunftslabor

Bundestreffen 2012


Am 9. und 10. Mai 2012 fand das Zukunftslabor von "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" in Berlin statt. Eingeladen waren Multiplikatoren des Netzwerks, um über die Frage zu diskutieren: Welche Ziele, Wege und Strukturen braucht das stetig wachsende Courage-Netzwerk, um die innovative und zeitgemäße Arbeit gegen jede Ideologie der Ungleichwertigkeit nachhaltig fortsetzen zu können? Auf der Eröffnungsveranstaltung sprachen Barbara John, als Ombudsfrau der Bundesregierung für die Angehörigen der NSU-Opfer, und der Direktor des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld, Wilhelm Heitmeyer, über alltäglichen Rassismus und Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit.

Briefe an die Angehörigen
"Die Angehörigen mussten zusammenfegen, was vom Leichnam noch übrig war". Mit drastischen Worten schilderte Barbara John die Situation der Angehörigen der Opfer der rechtsextremistischen Morde. "In der ersten, teuflischen Zeit, als sie Unterstützung brauchten, bekamen sie sie nicht." so John. Im Gegenteil. Die Politik sprach von Ausländerkriminalität, die Polizei vermutete Bandenkriege. Doch auch nach dem Bekanntwerden der rechtsextremistischen Täter blieb die Erschütterung in der Gesellschaft aus: "Die Familien wollen, dass sich die Gesellschaft ändert, dass Gewalt und Rassismus ein Ende finden." John konstatierte: "Fremdenhass vererbt sich nicht - Menschenfeindlichkeit ist ein Produkt unserer Gesellschaft. Wir haben der NSU einen Platz in unserer Gesellschaft gelassen". Barbara Johns Vorschlag für das Courage-Netzwerk: "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" soll sich mit den Familien in Verbindung setzen. John berichtete, dass sie bisher einen anteilnehmenden Brief aus Nordrhein-Westfalen an die Familien weitergeleitet hat. "Doch das ist mir viel zu wenig: Ich wünsche mir tausende solcher Briefe, geschrieben von Courage-SchülerInnen an die Familien der Opfer." Ihre Botschaft: Courage-Schulen sind das Fundament für eine antirassistische, antidiskriminierende Gesellschaft.

Kapitalistische Bewertungskriterien

Mit welchen Schwierigkeiten LehrerInnen auf diesem voruteilsbewussten Weg konfrontiert sein können, erläuterte Wilhelm Heitmeyer, Initiator der Studie zur Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit. So sei es eine doppelte Herausforderung, Antidiskriminierungs- und gleichzeitig Anerkennungsarbeit an den Schulen zu leisten. Seine provokative Frage: "Ist Schule überhaupt in der Lage zu integrieren, oder gibt es nicht doch große Probleme in der Anerkennung?" In der Studie untersuchte Heitmeyer unterschiedliche Abwertungsverläufe, etwa von Obdachlosen, Homosexuellen, Muslimen, Sinti und Roma oder Langzeitarbeitslosen. Vor allem die Abwertung der Langzeitarbeitslosen habe in den letzten Jahren drastisch zugenommen. "Gerade bei den Jüngeren kommen die Langzeitarbeitslosen unter die Räder - kapitalistische Mechanismen wie Verwertbarkeit, Nützlichkeit und Effizienz sind offenbar Bewertungskriterien für Menschen geworden", so Heitmeyer. Und noch ein Ergebnis erstaunt: So seien die Umfragewerte für Islamophobie und Etabliertenvorrechte über die Jahre gleich geblieben. Heitmeyer: "Das bedeutet, das der Bildungsfaktor hier nicht greift - die statistischen Werte existieren unabhängig vom Bildungsniveau". Den anwesenden Pädagoginnen riet Heitmeyer, "Gleichwertigkeitserlebnisse" und "Anerkennungsprozesse" zu schaffen. "Sie müssen nach Stärken fahnden, statt nach Schwächen zu suchen." Und: "Belehrung kommt gegen Erfahrung nicht an." Dabei sei zwischen Städten und ländlichen Gebieten stark zu unterscheiden. "Auf dem Land ist der Konformitätsdruck viel höher als in der Stadt." Das Problem seien nicht die heterogenen sondern die homogenen Gruppen. Und Heitmeyer präzisierte: "Am schlimmsten ist es in den Fußballstadien, denn das sind die Orte, in denen Abwertung Normalität ist."

Antirassistische Präventionsagentur
"Unser Ziel ist der Klimawechsel an Schulen", mit diesen Worten warb die Leiterin von "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage", Sanem  Kleff, für Zukunftsideen. Eine wichtige Voraussetzung dafür sei aber auch die Atmosphäre innerhalb der Schule: "Wenn sich der Schulleiter nicht mit dem Co-Schulleiter versteht, funktioniert wahrscheinlich auch die SchülerInnenvertretung nicht optimal."

An der anschließenden Podiumsdiskussion über Werte und neue Wege des Courage-Netzwerks nahmen neben Barbara John und Wilhelm Heitmeyer auch Ulrich Dovermann von der Bundeszentrale für politische Bildung und der Politik- und Islamwissenschaftler Michael Kiefer teil. Ulrich Dovermann betonte, wie wichtig die öffentliche Präsenz des Netzwerks ist. Seiner Ansicht nach sei "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" noch zu leise - es müsste häufiger in den Leitmedien auftauchen". Und auch die Finanzierung sei, so Dovermann, ein großes Problem: "Es kann nicht sein, dass man mehr Zeit mit Förderanträgen als mit Inhalten verbringt." Und Michael Kiefer argumentierte in Barbara Johns Richtung: "Die Schule ist der wichtigste soziale Ort, an dem Rassismus-Prävention stattfinden kann."

Zum Ende des ersten Tages des bundesweiten Fachtreffens beschrieb Barbara John ihr "Zukunftsprojekt": "Schule ohne Rassismus ist für mich die Präventionsagentur der Bundesrepublik Deutschland gegen Ungleichheitsdenken."

Wege und Ziele

Nachhaltigkeit, Qualifikation und Kommunikation – so lauteten die Schlagwörter des Zukunftslabors. Während der zweitägigen Veranstaltung in der Berliner Pumpe diskutierten Pädagogen, Politiker und Fachreferenten in drei aufeinander aufbauenden Panels mit insgesamt 18 Workshops. Am ersten Tag informierten sich die TeilnehmerInnen über ausgewählte Themenfelder wie Antisemitismus, Homophobie, Gender sowie Rassismus und berieten sich über unterschiedliche Methoden und Vermittlungsinstrumente wie Theater, Illustration und Musik. Am zweiten Tag ging es dann um die Herausforderungen für das Netzwerk: Wie kann es etwa gelingen, die Akteure an Schulen zu qualifizieren, wie können wir belastbare Kommunikationsstrukturen zwischen allen Akteuren etablieren und nach außen darstellen und wie gelingt der Transfer von „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ in die Regelsysteme? Auch die nachhaltige Entwicklung des Netzwerks in finanzieller Hinsicht wurde kreativ diskutiert.

Nachhaltigkeit

Auf den anschließenden Plena gab es diverse Ideen zur Nachhaltigkeit des Netzwerkes: So sollte das Engagement für „Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage“ ins Zeugnis aufgenommen werden. Und auch die PädagogInnen sollten von ihrem Einsatz fürs Netzwerk profitieren, zum Beispiel mit Stundenabordnungen für LehrerInnen, die sich für die Menschenrechtserziehung stark machen. Das Engagement könnte auch in einer Beurteilung in der Personalakte vermerkt werden.

Kommunikation

Viele PädagogInnen wünschten sich Best-practice Beispiele etwa zur Aktivierung von SchülerInnen. Es gab die Idee, Alumni-Netze zu etablieren, regelmäßig zu Landes- und Regionaltreffen einzuladen und eine zuverlässige Kommunikationsstruktur aufzubauen. Sanem Kleff: „Partizipation ist das Ziel, Kommunikationskompetenz ist das Fundament. Das kann man auch am Engagement der SchülerInnen sehen. So wirken viele Akteure des Netzwerks auch aus den Schulen heraus: Bremen, Quedlinburg, Holzwickede und Rheine sind zum Beispiel "Städte ohne Rassismus.“

Qualifizierung

Um SchülerInnen und LehrerInnen standortnah fortbilden und qualifizieren zu können, werden zur Zeit Regionale Koordinierungsstellen in den einzelnen Bundesländern aufgebaut. „Es ist uns im Sinne von Management Diversity sehr wichtig, dass sowohl die Landes- als auch die Regionalkoordinationen unterschiedliche Träger haben“, betonte Sanem Kleff, Leiterin von „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“. Auch gebe es viele, sehr gute Qualifizierungsangebote von Kooperationspartnern, etwa vom Deutschen Entwicklungsdienst oder vom Antifaschistischen Pressearchiv (apabiz), die aktiv genutzt werden können.

Zukunftsideen

In der abschließenden Podiumsdiskussion mit Sanem Kleff, Norbert Hocke vom Hauptvorstand der GEW, Dierk Borstel von der Universität Bielefeld und Reinhold Reitschuster von der Berliner Senatsverwaltung für Bildung ging es um die Ergebnisse des Zukunftslabors und ihre Bedeutung fürs Courage-Netzwerk. Dierk Borstel wies auf die wichtige Funktion der Schule für die Rechtsextremismus-Prävention hin und konstatierte: „Die Ideologie der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit beginnt schon bei der Ökonomisierung des Sozialen.“ Norbert Hocke schloss sich an und erweiterte die Definition um die Ökonomisierung der Bildung. Sanem Kleff plädierte für eine Aufwertung der Arbeit der Pädagogen: „Eigentlich müsste es so sein: Je kleiner die Kinder, desto besser die Ausbildung und die Bezahlung der PädagogInnen. Das Gegenteil ist der Fall – und muss verändert werden.“ Und Reinhold Reitschuster machte sich für die gesellschaftswissenschaftlichen Fächer in der Schule stark: „Die MINT-Fächer sind wichtig – aber sie dürfen nicht zu Lasten vom Politikunterricht gehen.“ Einig waren sich alle Diskutanten, dass die Ausbildung von PädagogInnen nachhaltig reformiert werden müsse und die Trennung zwischen ErzieherInnen und LehrerInnen nicht mehr zeitgemäß sei.



Die abschließende Frage kam nicht direkt vom Podium, sondern vom sechsjährigen Sohn von Dierk Borstel:  „Was ist eigentlich eine gute Schule?“ Antworten gibt es möglicherweise beim nächsten Zukunftslabor.