Klimawechsel in der Schule

Bundestreffen 2013


Das Courage-Netzwerk gegen Ideologien der Ungleichwertigkeit


Rund 150 MultiplikatorInnen und PädagogInnen der schulischen und außerschulischen Jugendarbeit aus ganz Deutschland nahmen an der Bundesfachtagung am 15. und 16. Mai in Berlin teil. Sie diskutierten über erfolgreiche Strategien und Maßnahmen aus dem Courage-Netzwerk zur Bekämpfung von Ideologien der Ungleichwertigkeit. Rund 20 ReferentInnen informierten in Workshops über Themen wie Rechtsextremismus in der Einwanderungsgesellschaft, Antisemitismus im Land der Vielfalt, Islamismus, Rassismus, Muslimenhass und Besonderheiten der Antidiskriminierungsarbeit an Berufsbildenden Schulen.

Qualifizierte Lehrkräfte


Zur Eröffnung sprach Petra Rosenberg, Vorsitzende Deutscher Sinti und Roma in Berlin, über den Antiziganismus als Herausforderung für die politische Bildung. Sie berichtete über sehr persönliche Erfahrungen mit Ressentiments, darüber, dass sie erst nach einem sehr langen Umweg studieren konnte. Und über die Ausgrenzungserfahrungen ihres Vaters Otto Rosenberg, der als einziger von elf Geschwistern Auschwitz überlebte und als Zeitzeuge vor Schulklassen sprach. Sie forderte, dass Kinder mit Migrationshintergrund als Bereicherung und nicht als Last empfunden werden sollten. Oft sei die Schule überfordert, so Rosenberg. Ihre Forderung: „Wir brauchen mehr qualifizierte Lehrkräfte, denn immer noch verbergen SchülerInnen ihre Identität aus Angst vor Diskriminierung.“

Bundesförderung

Sebastian Edathy, Vorsitzender des NSU-Untersuchungsausschusses, diskutierte über den Vertrauensverlust in den Rechtsstaat und in die Sicherheitsbehörden im Zusammenhang mit den Ereignissen rund um den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU). Er berichtete von der Arbeit des Untersuchungsausschusses und konstatierte drei Hauptgründe für das Versagen der Sicherheitsorgane: Erstens habe die Kommunikation zwischen den rund 36 Behörden auf Landes- und Bundesebene nur unzureichend bis gar nicht funktioniert. Zweitens gab es eine unverantwortliche Unterschätzung des gewaltbereiten Rechtsextremismus. Edathy: „Auch in Thüringen war man aufgrund der gesammelten Erkenntnisse sehr gut über die Gefährlichkeit informiert. Man hat die Informationen aber nicht weitergeben. Aber ein Verfassungsschutz, der nur zum Selbstzweck sammelt, hat in der Demokratie keine Legitimation.“ Und drittens: Menschen mit Ressentiments gegen Minderheiten dürften nicht bei Sicherheitsbehörden arbeiten. „Wenn an verantwortlicher Stelle jemand mit Migrationshintergrund gesessen hätte, wäre während der jahrelangen Ermittlungen bestimmt mal das Motiv Rassismus ins Gespräch gekommen“, resümierte Edathy. Er betonte aber auch: „Es gibt keine Indizien dafür, dass staatliche Institutionen bewusst weggeschaut oder den NSU unterstützt hätten.“ Edathy forderte, dass die Prävention nicht in den Hintergrund geraten dürfe. „Ich setze mich dafür ein, dass `Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage´ eine Bundesförderung erhält.“

Zusammenhalt ohne Vielfalt

Prof. Dr. Beate Küpper stellte Untersuchungen vor über den Zusammenhang von ökonomischen Abstiegsängsten in Zeiten der Finanz- und Eurokrise und der Entwicklung von Formen Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. So zeige sich am Umgang mit den Schwachen in der Gesellschaft, wie sozial das Gefüge insgesamt sei. Wenn eine Gruppe von Menschen regelmäßig für die Tat einzelner verantwortlich gemacht wird, beginnen soziale Normen zu erodieren. Küpper: „Um zu einer Gruppe zu gehören, reicht oft die bloße Annahme aus, jemand sei türkisch, jüdisch oder Roma“. Ein weiteres Ergebnis der Studie: Mit dem Alter steigt die Fremdenfeindlichkeit. „46 Prozent sind für einen Zusammenhalt ohne Vielfalt“. Die Abwertung von Muslimen sei, so Küpper, in Deutschland schlimmer als in den europäischen Nachbarländern. Und noch ein Ergebnis der Studie erschreckt: Wer sich von der Krise persönlich bedroht fühlt, hat stärkere Vorurteile. „Nicht arme Menschen sind rassistisch sondern die, die Angst vor Statusverlust haben“, erklärte Küpper.

Gesellschaftliche Ächtung

Am zweiten Tag der Konferenz empörte sich Kenan Kolat, Bundesvorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland, über "Krawattenrassisten" und konstatierte eine regelrechte Leugnungsaggression der deutschen Gesellschaft gegenüber dem Begriff Rassismus. Er forderte eine neue Rassismusdebatte und beklagte, dass es auch nach Bekanntwerden der NSU-Morde keinen gesellschaftlichen Ächtungsprozess gegeben habe. „Wo sind denn die Gewerkschaften? Wo sind die Kirchen? Wo sind die Wohlfahrtsverbände? Warum schaffen wir es nicht, eine Million Menschen auf die Straßen zu bekommen? Die türkische Gemeine kann das nicht alleine machen“, beklagte Kolat und forderte eine Bewegung von unten gegen den um sich greifenden Rassismus.

XENOS-Maßnahme

Hintergrund der Bundesfachtagung war das Ende der Förderung durch das Bundesprogramm XENOS „Informieren und Qualifizieren“. Von 2009 bis 2013 entwickelte die Bundeskoordination von „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ Materialien, Publikationen, mehrere Ausgaben der Schülerzeitung Q-rage und Fortbildungen zur Auseinandersetzung mit Ideologien der Ungleichwertigkeit in der Einwanderungsgesellschaft. Bundesweit nahmen über 3.500 Personen an 200 Fortbildungen teil.