Vorträge & Statements

Jeweils zum Auftakt der drei Veranstaltungstage standen Vorträge und Statements von Vertretern aus der Politik, Wissenschaft, den Gewerkschaften und der politischen Bildung.

Mittwoch, 25. Juni 2014

Eberhard Seidel, Sanem Kleff, (SOR-SMC)
Nathalie Schlenzka, (ADB)
Prof. Dr. Roland Roth

Sanem Kleff, Leiterin der Bundeskoordination, und Eberhard Seidel, Geschäftsführer, begrüßten mehr als 200 AktivistInnen: LehrerInnen und SozialpädagogInnen, KoordinatorInnen, außerschulische KooperationspartnerInnen, FördererInnen, VertreterInnen der Bundeszentrale für politische Bildung, die Vorsitzende des Hauptvorstands sowie der Berliner GEW. Zu Beginn stand ein Rückblick auf dem Programm. Auf zwölf Monate, in denen die Finanzierung der Geschäftsstelle durch die  Bundeszentrale für politische Bildung für die kommenden Jahre gesichert wurde, mit einem Themenheft zu Rassismus und einem Handbuch zu Schule & Islam zwei Veröffentlichungen produziert und in Bayern die ersten Regionalkoordinationen gegründet wurden, die kleinteiliger als eine Landeskoordination arbeiten – eine Herausforderung, die sich künftig, angesichts von über 1500 Schulen, öfter stellen dürfte.

 

„Folgen der Diskriminierung sind immens“


Nathalie Schlenzka vom Büro der Antidiskriminierungsbeauftragten des Bundes führte in „Diskriminierung im Bildungsbereich“ ein: So fühlte sich 2012 mit 23,7 Prozent bald jeder vierte Mensch mit Migrationshintergrund bereits in Schule oder Ausbildung diskriminiert; unter LSBTI-Menschen (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender und Intersexuelle) neun von zehn. „Diskriminierung an Schulen ist ein Thema“, so Schlenzka, „und die Folgen sind immens: für Motivation, Selbstwertgefühl, Leistung und damit für Bildungserfolg und Lebenschancen.“ Ihre Beseitigung beginne damit, diskriminierende Maßnahmen – vom Kopftuchverbot für Schülerinnen bis zum fehlenden Nachteilsausgleich für Schüler mit Behinderungen oder Sprachproblemen – ebenso zu erkennen wie Zuschreibungen an ethnische oder soziale Herkunft (das Klischee von dem fleißigen vietnamesischen Mädchen und dem machohaften türkischen Jungen zum Beispiel) oder fehlende Diversität im Lehrerzimmer. Auch sei Diskriminierung an der Schule von der Uno wie von Schulgesetzen verboten – ihre Meldung aber nicht überall beliebt. Schlenzka forderte die Einrichtung unabhängiger Beschwerdestellen und mehr Empowerment von SchülerInnen. Und: „Schulen ohne Rassismus zeigen eindrucksvoll, wie Diskriminierung begegnet und ein starkes Netzwerk geschaffen werden kann“.

„Anerkennungskultur für Engagierte“


Roland Roth, Magdeburger Politikwissenschafts-Professor, folgte mit einem Referat über „Gelingensbedingungen erfolgreichen zivilgesellschaftlichen Handelns“. Aktive Bürgerschaft entwickle sich durch Selbstwirksamkeit. Was banal klinge, sei längst nicht Alltag: So hätten lediglich 14 Prozent der SchülerInnen das Gefühl, in der Schule etwas zu sagen zu haben; in der Kommune noch weniger. Momente gemeinsamen Handelns seien ebenso die Ausnahme wie die Übernahme von Verantwortung für eine Einrichtung! Dass es Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage gelungen sei, Schülern Verantwortung zuzutrauen und Transparenz für Normverstöße herzustellen, sei ein Verdienst. Roth appellierte, für eine Anerkennungskultur für Engagierte zu sorgen, nicht nur durch den Schulleiter, sondern auch durch kommunale Verantwortliche wie Bürgermeister. Er rief auf, von Schulen zu Städten ohne Rassismus zu kommen (die ersten gibt es bereits, die Red.) und so die Erfahrungen von Selbstwirksamkeit auszuweiten. Und er machte die Herausforderung eines Spagats deutlich: „Sie brauchen Professionalisierung und Geschäftsführung – und ein Netzwerk, das Bewegungscharakter hat! Um eine Initiative von SchülerIinnen zu bleiben, brauchen Sie immer auch Distanz.“

Auftakt zum 26. Juni 2014

Emine Demirbüken-Wegner,(CDU)
Marlis Tepe, (GEW)
Thomas Krüger, (BpB)


Den zweiten Tag leitete Emine Demirbüken-Wegner, Präsidiumsmitglied der CDU, mit einem Statement zu Menschenrechtserziehung ein. Weltweit würden Menschenrechte bis heute negiert, mit Füßen getreten oder schlicht nicht gekannt. Die Institution Schule sei in der Vermittlung von „Wissen, Bewertung und Handlungsbereitschaft“ unverzichtbar; allen drei Strängen würde das „eindrucksvolle Wirken für ein respektvolles und gewaltfreies Miteinander“ von Schule ohne Rassismus folgen. Wissen, betonte Demirbüken-Wegner, sei besonders entscheidend, um das breite Spektrum der Diskriminierungen – von Homophobie über Rassismus bis zu Deutschenfeindlichkeit – erkennen und unterscheiden zu können.


Marlis Tepe
, Bundesvorsitzende der GEW, die Schule ohne Rassismus –Schule mit Courage seit 2001 unterstützt, konstatierte, Menschenrechte seien in fast allen Schulgesetzen verankert und auch die Kultusministerkonferenz habe sich mehrfach mit Menschenrechten, interkultureller Bildung und zuletzt Inklusion befasst; dennoch sei die heutige Schule exklusiv: „Es gibt Jugendliche, die es schwerer haben zu Bildung und Ausbildung zu kommen als andere.“ Die GEW trete dafür ein, in allen Bereichen für mehr Menschenrechtsbildung auch dadurch zu sorgen, dass pädagogische Mitarbeiter besser qualifiziert und mit mehr Zeit ausgestattet würden. Auch die „Schule für alle“, in der alle gemeinsam lernen, bleibe trotz einiger Rückschläge ein Ziel.

 

„Demokratie ist kein Erbgut“


Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung (BpB), führte in „Ideologien der Ungleichwertigkeit und politische Bildung“ ein: „Demokratie ist kein Erbgut“, so Krüger, „sie muss immer wieder erarbeitet werden.“ Zur Verdeutlichung nannte er Beispiele: Wenn „Jude“ immer noch ein Schimpfwort ist und „Schwuler“ als Synonym für Schwäche fungiert oder Zuwanderer aus Bulgarien oder Rumänien mit überlieferten antiziganistischen Stereotypen beschrieben würden, würden die immer selben jahrhundertealten Bilder reproduziert. Zudem seien Ideologien der Ungleichwertigkeit allerorten präsent; „im Bildungsbürgertum, im Altersheim und auf dem Schulhof.“ Aufgabe politischer Bildung sei, einen Kontrapunkt zu setzen; ein Bemühen, das längst nicht immer erfolglos sei: Die zunehmende Gleichberechtigung der Geschlechter sowie Akzeptanz von sexueller Vielfalt machten Mut. Schule ohne Rassismus ermutigte er, die „großartige Arbeit in einem riesigen Netzwerk“ fortzusetzen und weiter der Idee zu folgen, „Ideologien der Ungleichheit einzudämmen und dahin zu kommen, dass Vielfalt ein Bonus und ein hohes Gut ist.“ Dass von der Schule keine Bewegung ausgehen könne, sei ein „kapitaler Irrtum“: „Sie ist eine stationäre Einrichtung der Persönlichkeitsentwicklung. Jugendliche können unmittelbar erreicht werden.“ Dass es 2013 gelungen sei, Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage mehr Planungssicherheit zukommen zu lassen, sei erfreulich: „Sie können sicher sein, dass Sie die Bundeszentrale, so gut es geht, weiter unterstützt.“

Auftakt zum 27. Juni 2014

Claudia Schanze, (Kulttusministerium Niedersachsen)
Dr. Karamba Diaby, (SPD)
Hanne Wurzel, (bpb)

„Das Glas ist halb voll“


Dr. Karamba Diaby, SPD-Politiker und MdB aus Sachsen-Anhalt, eröffnete mit den Worten „Das ist für mich ein Heimspiel“ den Tagungstag und ließ in seinem Vortrag „Denke ich an Deutschland – 25 Jahre nach dem Fall der Mauer“ die Zeit seit der Wende Revue passieren. Dieser „Zeit der Neugier, Umbrüche und Euphorie“ folgten Jahre, die Mölln, Solingen und Hoyersverda brachten. Ereignisse, die „sich in unser aller Gedächtnisse einbrannten“, so Diaby weiter. Diaby wies darauf hin, dass auch heute noch der Begriff Rassismus und auch die Diskussionen um diesen Begriff in der Gesellschaft tabuisiert seien. Aktuell setzt sich Diaby für die Streichung dieses Begriffes aus dem Grundgesetz ein und stößt dabei mit seinem Engagement nicht selten auf Widerstand. „Doch wie können wir überzeugend sagen, dass es keine Rassen gibt und haben den Begriff gleichzeitig im Grundgesetz stehen?“ Trotz Kritik an gesellschaftlichen Zuständen appelliert der Politiker mit einer positiven Botschaft an die ZuhörerInnen, stets auch selbst aktiv zu werden: „Gleichwertigkeit und gutes Miteinander fallen uns nicht ohne weiteres in den Schoß.“ Von der Abschaffung des Optionsmodells im Staatsangehörigkeitsrecht spricht er als Etappensieg. Auch wenn es für viele zu spät sei, so würden 470.000 Jugendliche davon profitieren. „Deutschland erkennt endlich seine Kinder an und das Glas ist nicht halb leer sondern halb voll. “, so Diaby. Anlehnend an die Zeilen aus dem Gedicht von Heinrich Heine verabschiedete er sich mit den versöhnlichen Worten: „Denk ich an Deutschland in der Nacht, hat mich nicht um den Schlaf gebracht.“

Claudia Schanz vom Kultusministerium in Niedersachsen sprach in ihrem Vortrag über Diversity im weitesten Sinne. Bei den Herausforderungen eines diversen Schulprogramms betonte sie besonders den Aspekt der Bildungsgerechtigkeit und der Öffnung des Systems zur Förderung von Multilingualität. Dabei sei bei der Gestaltung von Reformen vor allem wichtig, dass die Eltern mit ins Boot geholt werden, „ohne ihnen die Verantwortung zu übertragen“, so Schanz. Auch appelliert sie an den Bildungsauftrag der Lehrer, der ihrer Meinung nach über die fachliche Qualifizierung hinaus geht und verlangt „für höhere Bildungsgerechtigkeit, die entsprechenden Strategien gegen institutionelle Diskriminierung“. Doch um die entsprechenden bildungspolitischen Rahmenbedingungen zu schaffen, sei vor allem eins notwendig: „Sich die SchülerInnen, die vor uns sitzen, auch näher anzuschauen.“

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Alle Fotos auf dieser Seite von: Aris Papadopoulos/ bpb