Gesellschaftliche Herausforderungen

Am ersten Tag ging es in sieben Workshops um die gesellschaftlichen Herausforderungen und Realitäten, denen sich das Courage-Netzwerk bei seinem Engagement gegen alle Ideologien der Ungleichwertigkeit stellen muss.

Im Workshop „Rechtspopulisten und Rechtsextreme – Eine Herausforderung für Europa“ informierte der Hamburger Journalist Andreas Speit über Ursachen und Hintergründe des Erfolgs rechtsextremer und rechtspopulistischer Parteien in Europa. Die Bereitschaft der Rechtsaußen-Parteien zur Kooperation untereinander sei gegenüber der Vergangenheit gestiegen. Gemeinsam seien diesen Parteien die vier ‚Neins’ – "EU, Migranten, Pluralität und der Islam“,  die Zustimmung in der breiten Bevölkerung finden. Die Themen der Rechten kämen direkt aus der Mitte unserer Gesellschaft, betonte Speit. Ein Beispiel sei die jüngste Volksabstimmung gegen Einwanderung in der Schweiz.

Auch müsse man „Modernisierungen“  zur Kenntnis nehmen. Rechtsextreme Gruppen wie der Front National aus Frankreich oder UKIP aus Großbritannien argumentieren nicht mit dem biologistischen Rassismus und grenzten sich so von klassischen Neonazis ab. Der Begriff Rasse wird bei diesen Parteien durch den Begriff Ethnokultur bzw. Ethnopluralismus ersetzt, was im Ergebnis bedeutet: Andere (Ethno)kulturen werden akzeptiert, aber bitte nicht in Frankreich oder Großbritannien sondern in ihren Herkunftsländern. Auch die „Identitäre Bewegung“, ursprünglich in Frankreich gegründet, bezieht sich auf den Ethnopluralismus. In Deutschland hat sich die „Identitäre Bewegung“ im Oktober 2012 als Facebook-Gruppe gegründet. Sie hat vor allem Jugendliche zur Zielgruppe hat und agiert europaweit im Internet.

Im Workshop „Nicht alles wird besser – Die Rückkehr der No-Go-Areas“ sprachen Danilo Ziemen vom Netzwerk für Demokratie und Courage Sachsen und Michael Nattke vom Kulturbüro Sachsen e.V, über das Comeback von „Freien Kameradschaftsszenen“ in Sachsen. Diesen gelinge es, wenn auch nur für begrenzte Zeit, Angsträume zu schaffen, in denen der Rechtsstaat praktisch nicht existiert. Ein Video des Fackelzugs am 30. April 2013, der Walpurgisnacht, in Bautzen veranschaulicht das Problem: Maskierte Männer laufen unangekündigt mit Fackeln durch die Innenstadt und skandieren rassistische und gewaltverherrlichende Parolen. Das Verbot solcher Aktionen sei schwer zu bewerkstelligen, da sie als Flashmob-Aktionen gar nicht oder mit geringem zeitlichen Vorlauf angekündigt werden und nur wenige Minuten dauern. Zudem fehlen der Polizei in den neuen Bundesländern meist die entsprechenden Ressourcen für Prävention und Abwehr. Gefilmt und ins Netz gestellt erreichen solche Aktionen allerdings eine breite Zielgruppe.

Um Nazis im Netz ging es auch im Workshop „Medienhype oder bittere Realität? Nazis in den sozialen Netzwerken“. Hier wurde deutlich, dass hinter Themen wie  „Tier & Umweltschutz“ oder „Sexuellem Missbrauch von Kindern“ rechte Akteure stecken können. Simone Rafael von der Amadeu Antonio Stiftung erläuterte, dass auf Facebookseiten unter dem Deckmantel von „Schwarzem Humor“ oder Meinungsfreiheit rassistische Bilder und Aussagen verbreitet werden - und das nicht nur von Nazis, sondern auch von Unwissenden, die sich der Tragweite ihrer Postings nicht bewusst sind. Welche Auswirkungen fehlendes Problembewusstsein und fehlende Medienkompetenz haben, veranschaulicht ein Shitstorm, der über ein junges Mädchen einbrach. Sie hatte während des Fußballspiels Ghana-Deutschland bei der Fußball-WM in Brasilien eine rassistische Äußerung getwittert, sich aber später dafür entschuldigt -zu spät um den Shitstorm zu vermeiden. Allerdings gebe es im Netz auch positive Beispiele von Solidaritätsaktionen.

Unter dem Titel „Muslimfeindlichkeit – Wenn Religionskritik zu Rassismus wird“, lotete Michael Kiefer von der Uni Osnabrück die Grenzen legitimer Kritik am Islam aus und machte deutlich, wo die Grenze zur Muslimfeindlichenkeit überschritten werde: beispielsweise durch sprachliche Bilder (Kameltreiber, Muselmanen), Pauschalisierung oder Alarmismus („Das Kopftuch ist die Flagge der Islamisierung“, „Tsunami der Islamisierung“) oder unzulässige Verallgemeinerungen (Marokkaner klauen Autos). Grundsätzlich sei das Sprechen über Islam wie Islamismus nicht nur erlaubt, sondern nötig, auch an Schulen: „Wenn sich, wie geschehen, 14 ehemalige Hauptschüler aus Dinslaken nach Syrien absetzen, muss das bearbeitet werden."


In „Dschihadisten und Salafisten – Die Schule als Rekrutierungsfeld“ stellte Claudia Dantschke (Zentrum Demokratische Kultur ) das Feld der salafistischen Strömungen vor: von jenen, die um Nachwuchs werben, aber Gewalt ablehnen, bis zu Dschihadisten. Deutlich wurde, wie fließend der Übergang ist – und dass jugendliche Dschihadisten in der Regel diverse Vorstufen durchlaufen. Sie machte auch deutlich, wen Salafisten ansprechen: Jugendliche aller Herkünfte und Sozialisationen mit gewisser Labilität und auf der Suche nach einem Wahrheitsanspruch – angelockt durch Versprechungen wie: "Ich habe die einzig richtige Islaminterpretation und komme ins Paradies." Und sie wies darauf hin, wie präsent – anders als al-Qaida – die Terrorgruppe Isis in sozialen Medien in Deutschland ist. Und dass der Wille, eine parallele Bildungsstruktur zu schaffen, auch unter Salafisten bestehe.

In „Rechtsextremismus in der Einwanderergesellschaft“ stellte Martina Ortner (Fachinformationsstelle Rechtsextremismus, München) Erkenntnisse über extrem rechte Gruppen italienischer, kroatischer, ukranischer und anderer Herkunft vor. Debattiert wurde, welche anderen Gründe als von den Eltern oder einem selbst aus Herkunftsländern mitgebrachte Haltungen es für deren Zulauf gäbe: vor allem die durch das Gefühl von Desintegration hervorgerufene Selbstethnisierung.

In „Ost- und Westdeutschland – Fremde Schwestern, fremde Brüder?!“ wurde mit Birgit Broszeit, AG In- und Ausländer Sachsen, diskutiert. Hier wurde deutlich, wie viel über alle möglichen Diskriminierungen gesprochen wird und wie wenig über deutsch-deutsche Vorurteile. Nach einem teilweise heftigen Schlagabtausch war man sich einig, dass „unter Deutschen offenbar diskriminiert werden darf“, ohne dass dieses benannt wird. Beklagt wurde, dass es nach wie vor keine einschlägige Debatte gäbe; auch, weil das immer an die eigene Biographie rühre, nämlich, wie der jeweilige Pädagoge (in Ost oder West) die Wende erlebt habe, welche Erwartungen und Enttäuschungen es gab. Es fehle auch im 25. Jahr des Mauerfalls an pädagogischen Formaten.

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