Themen des Courage-Netzwerkes

Am zweiten Tag wurden in den Workshops aktuelle Themen, die das Courage-Netzwerk beschäftigen, bearbeitet:

Besonders großen Zulauf hatte der Workshop „Flucht & Asyl – Ein Thema im Klassenzimmer und in der Schule“, in dem Marko Schmidt, Jurist und Berater vom Sächsischen Flüchtlingsrat, zunächst einige Zahlen und Fakten präsentierte. Von den 50 Millionen Menschen, die derzeit auf der Flucht sind, suchen lediglich 130.000 Asyl in Deutschland. Für mindestens die Hälfte aller TeilnehmerInnen des Workshops ist Flucht und Asyl ein Thema am Arbeitsplatz und fast alle haben in ihrem Wohnumfeld ein Asylbewerberheim. Erklärt und diskutiert wurde das Dublin-Verfahren, das prüft, welcher Staat für einen Asylsuchenden zuständig ist, sowie die Rolle von Frontex, der europäischen Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen der EU. Schmidt betonte, dass die Ressentiments gegen Flüchtlinge oder bestimmter Gruppen wie Sinti und Roma in den letzten zwei Jahren zugenommen haben. Diese Tendenz widerspreche den Studien, die einen Rückgang rechtsextremer und rassistischer Einstellungen ermittelten.

Der Workshop „Antiziganismus – Herausforderungen für die politische Bildung“ thematisierte den pädagogischen Umgang mit diesem brisanten Thema. Roma sind mehrfach von Diskriminierungsmechanismen betroffen, zum einen aufgrund ihrer Herkunft und zum anderen aufgrund ihrer sozialen Stellung. Selbst in so genannten Qualitätsmedien wird zum Beispiel Armutseinwanderung mit der Einwanderung von Roma aus EU-Staaten wie Bulgarien und Rumänien gleichgesetzt. Das verstärkt das Stereotyp, Roma seien arbeitsunwillig. Die Arbeit mit Positivbeispielen (quasi als Gegenbeweis des Klischees) sei aber nicht sehr wirksam, denn  „Rassismus ist ein geschlossenes Weltbild“, so der Referent Markus End. An Schulen empfiehlt der Politikwissenschaftler daher die Aufarbeitung von Stereotypen und Vorurteilsstrukturen im Allgemeinen, ohne den konkreten Bezug auf bestimmte Menschengruppen.

Konkrete Bezüge hingegen versuchte Veronika Nahm im Rahmen ihrer Arbeit beim Anne-Frank-Zentrum in Berlin herzustellen. Im Workshop „Antisemitismus – Biographie, Erinnerungskultur und Migration“ erläutert sie, dass es wichtig sei, Verbindungen zwischen Orten und Ereignissen herzustellen, andernfalls würde sich Jugendlichen der Sinn und Zweck von Gedenkstätten nicht erschließen, wie zum Beispiel die von Anne Frank, die selbst nie in Berlin gelebt hat. Bezüge, wie die Tatsache, dass sich im 17. Jahrhundert auf der Oranienburgerstraße in Berlin (ehemaliger Standort des Anne-Frank-Zentrums) jüdisches Leben und jüdische Kultur gründete oder dass die beiden besten Freundinnen von Anne Frank aus Berlin stammen, würde den Zugang für das Thema erleichtern.

In „Homophobie – Akzeptanz sexueller Vielfalt“ stellte Stefan Müller von der Berliner Beratungsstelle Mann-o-Meter einen mehrstufigen Coming-Out-Prozess und den mit ihm verbundenen „Minderheiten-Stress“ vor. In dem Workshop war viel Platz für Reflexion eigener Erfahrungen: Wie geht es mir als Pägagogen, wenn mich ein schwuler Mann anflirtet? Wie steht man seinem eigenen Outing gegenüber? Ist es leichter, das Thema Homophobie anhand von Texten abzuarbeiten, als in der großen Runde, die immer auch an die eigene Identität geht?

Unter dem Titel „Islamismus – Anziehungskraft für Jugendliche und Präventionsstrategien“ stellte der Kölner Journalist Ahmet Senyurt die Bandbreite islamischer Vereine in Deutschland vor – von der mit dem türkischen Religionsministerium verbundenen DITIB über die nationalistischen Grauen Wölfe bis zu islamistischen Gruppen, die etwa ein Prozent deutscher MuslimInnen ansprächen. Eine Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus sei dringend geboten. Senyurt führte die Debatte vom Vortag, warum radikale Gruppen für manche so attraktiv sind, fort. „Anders als die Imame der DITIB sprechen sie die Sprache der Jugendlichen.“ Sie verfügten über „mehrheitlich im Westen sozialisierte und in ihrer Propaganda hochmoderne politische Kader“ – denen zu leicht das Feld überlassen werde: „Ich kenne Quartiere, da machen Salafisten mehr Jugendarbeit als Kommunen.“ Sie müssten auch gar nicht vor Ort sein: „Wenn ein Jugendlicher in Deutschland Probleme mit der Polizei hat, twittert er nach Syrien und bekommt Antwort.“ Senyurt mahnte zudem, die Integrationsdebatte zu entkonfessionalisieren: „Wir brauchen gut ausgebildete Sozialpädagogen – mit muslimischem Hintergrund oder ohne.“

Stark persönlich wurde die Debatte über „Aktuelle Erscheinungsformen von Rassismus und wirksame Präventionsstrategien“ geführt. Nach einer Darstellung des Rommelspacherschen Modells rassistischer Diskursanalyse wurden Stereotype beschrieben, wie sie auch in den Schulalltag Einzug halten können – wenn es beispielsweise heißt, Südländer könnten kochen, folglich könnten sie gut bei Festen mitmachen; ob sie sich aber an demokratischer Schulentwicklung beteiligen könnten, sei doch fraglich. Zehranur Aksu von der Jugendbildungsstättebi Unterfranken und Stefan Lutz-Simon (Landeskoordinator Bayern) stellten heraus, dass jeder – ob positiv oder negativ – von Rassismus betroffen sei; Gedanken machten sich meist nur die negativ Betroffenen. Die Frage sei nicht „Bin ich rassistisch?“, sondern „Wann und wo bin ich rassistisch?“

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