Pädagogische Methoden

Am Nachmittag des 26. Juni 2014 standen in den Workshops pädagogische Methoden im Mittelpunkt. Was hat sich bei der Auseinandersetzung mit den Themenfeldern des Courage-Netzwerkes bisher bewährt und wo kann man ergänzende Arbeitsmethoden erschließen?

Im Workshop „Film in der pädagogischen Arbeit – Produzieren und rezipieren“ erklärte Martin Ganguly, dass niemand ein Filmemacher sein muss, um Filme erfolgreich analysieren zu können. Auch würden sich entgegen unserer Vorurteile SchülerInnen nicht nur von Action, Special-Effects und flachen Inhalten unterhalten lassen, so Ganguly. Am Beispiel von je zweiminütigen Ausschnitten aus der Originalverfilmung des Literaturklassikers Oliver Twist und des Filmremake wurde in der Gruppe die Wirkung von Kameraeinstellungen, die Rolle der Filmfarbe und anderen filmischen Stilmitteln diskutiert. Da sich mit der Methode Film nahezu alle Themen erarbeiten lassen, eignet sich diese Methode besonders bei der Arbeit mit Jugendlichen.

Eine Herausforderung hingegen ist das Thema Islamismus. Dr. Jochen Müller von ufuq.de erklärt im Workshop „Dialog statt Sanktionen - Umgang mit Islamismus an der Schule“, dass Dialog ein Prozess ist, der aus vielen kleinen Gesprächen bestehen kann. Müller legte Wert auf die Feststellung, dass Dialog nicht unbedingt eine Methode sei, sondern eher eine Haltung. Wichtig sei, dass zunächst PädagogInnen die Schülerperspektive verstehen. Zum Beispiel, dass viele das Bedürfnis haben, die Tradition und Sprache ihrer Eltern zu bewahren, was natürlich noch kein Problem darstellt und nichts mit Islamismus, Parallegesllschaft oder Integrationsunwilligkeit zu tun hat.  Auch müssten LehrerInnen, so Müller, ihre SchülerInnen nicht beim Verfassungsschutz denunzieren nur weil sie möglicherweise die eine oder andere problematische Position in einer Diskussion äußern. Man müsse in der Schule eben auch Raum für Gespräche und Austausch zulassen, was für viele PädagogInnen allerdings ein Problem darstellt, da Zusatzqualifikationen und Engagement oft von der privaten Zeit der PädagogInnen abhängig sind. Ein flammendes Plädoyer hält ein Lehrer aus Nordrhein-Westfalen und appelliert an seine KollegInnen, sich an ihren Bildungsauftrag zu erinnern, der über die Vermittlung von Fachwissen hinausreicht. „Dennoch darf sich keiner in Rettungsfantasien verlieren“, meint Eberhard Seidel, Moderator des Workshops, und weist daraufhin, dass bei Überforderung mit dem Thema Hilfe bei entsprechenden Fachleuten gesucht werden sollte.

Fernab von verbalen Methoden widmeten sich Wolfgang Brust und Sevgi Kahraman-Brust im Workshop „Mach doch (k)ein Theater“ dem Darstellenden Spiel als Methode. Die ReferentInnen stellten verschiedene Methoden wie das „Biographisches Theater“ vor, in dem die ProtagonistInnen eigene Lebenserfahrungen und die ihrer Familien einbringen können. Insgesamt stoßen Theatermethoden bei Jugendlichen auf viel Interesse. So haben SchülerInnen der Schwerte-Gesamtschule ein Bühnenstück konzipiert und vorgeführt, in dem anhand von kurzen Szenen Symbole von Rechtsextremen erklärt wurden.

Unter dem Titel „Courage im Netz – Neue Medien im Kampf gegen Ideologien der Ungleichwertigkeit“ stellte Lucia Bruns von der Amadeu Antonio Stiftung das NoNaziNet vor. Sie rief dazu auf, auch im vermeintlich anonymen Internet couragierter aufzutreten und nichts unkommentiert stehenzulassen, auch dort Gegenwehr zu organisieren und nicht nur auf Facebook, sondern auch im echten Leben Menschen anzusprechen, die, absichtlich oder versehentlich, Nazi-Seiten liken. Nur so könne man mit der Tendenz, dass sich rechte Neigungen im Netz enthemmter Bahn brächen als außerhalb, brechen. 

In „Beats für die Vielfalt – Musik als Ausdrucksmittel“ erklärte Kutlu Yurtseven, Rapper der Kölner Microphone Mafia die Hip-Hop-Kultur: Wo kommt der Beat und das Scratchen her, woher die Reimform? Yurtseven, der selbst Rap-Workshops an Schulen durchführt, empfahl Rap für „jeden Unterricht, der mit Sprache zu tun hat“ als gute Einstiegsmethode für die Arbeit mit Texten: „Er schafft einen neuen und interessanteren Zugang zur Sprache.“ Die Arbeit mit Musik und Tanz böte zudem – und zwar vor allem Mädchen – eine Chance zur Steigerung des Selbstwertgefühls. Auch empfahl er Texte nichtkrimineller, nicht frauenverachtender Rap-Gruppen zur Bearbeitung im Unterricht (Advanced Chemistry, Blumentopf) und gab Tipps, wie auch gewalttätige Rap-Texte thematisiert werden können. Jemandem wie dem als Gangsta-Rapper gescheiterten Deso Dogg, der heute in Syrien kämpft, empfahl er nicht zu viel Bedeutung beizumessen: „Das ist den Jugendlichen zu krass. Die wollen nicht in den Krieg.“

Unter dem Titel „Visualisierung im Raum – Ausstellungen gestalten“ führte Gabi Rohmann vom Berliner Archiv der Jugendkulturen in das gleichnamige Thema ein. Das Archiv macht selbst Ausstellungen: von „Fanzines – Do it yourself“ über „Holocaust im Comic“ bis zu „50 Jahre Bravo“. Erstere, so Rohmann, eigneten sich auch zur Umsetzung an der Schule; darin könnten sich Jugendliche mithilfe eigener Texte, Bilder oder Collagen authentisch mitteilen. Unter dem Motto „Der z/weite Blick“ wurde ein Weg vorgestellt, Diskriminierungen in Jugendkulturen zu bearbeiten. Darin wurden Mitglieder der Szenen gebeten, Zeichnungen zu Ideologien der Ungleichwertigkeit zu erstellen – von Antiziganismus bis zu Homophobie. Rohmann attestierte auch, dass viele der Ausstellungen für Schulen zu teuer seien; möglich sei aber, Kooperationspartner vom Präventionsrat bis zu den Landeszentralen für politische Bildung zu bemühen.

Über „Biographisches Lernen im Courage-Netzwerk“ sprach Lorenz Hippe vom Bundesverband Theaterpädagogik e. V. Mithilfe eigener oder anderer Lebensgeschichten ließen sich Diskriminierungen so thematisieren, dass Grenzziehungen zwischen „Wir“ und „Die“ aufgelöst würden – wenn Jugendliche beispielsweise verstünden, dass sie neben vielen Unterschieden auch viel Gemeinsames haben. Als Methoden, so Hippe, eigne sich „Biographisches Schreiben“ ebenso wie „Biographisches Theater“. Er stellte verschiedene Module vor und schickte die Gruppe auch in den Praxistest: Unter dem Motto „Entscheidungen treffen“ setzten sie sich allein oder in Gruppen zusammen und verfassten kleine Texte, die sie anschließend präsentierten.

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