Vorträge & Statements

Jeweils zum Auftakt der drei Veranstaltungstage standen Vorträge und Statements von Vertretern aus der Politik, Wissenschaft, den Gewerkschaften und der politischen Bildung.

Mittwoch, 6. Mai 2015

Sanem Kleff
Eberhard Seidel
Prof. Dr. Andreas Zick


Sanem Kleff
, Leiterin, und Eberhard Seidel, Geschäftsführer der Bundeskoordination, begrüßten rund 250 Lehrer*innen und Sozialpädagog*innen, Koordinator*innen, Kooperationspartner sowie Vertreter der Bundeszentrale für politische Bildung zur zeitgleich mit dem 20-jährigen Jubiläum stattfindenden Bundesfachtagung. Bereits im Vorfeld habe das Motto „Das neue Wir in Deutschland – Lernziel Gleichwertigkeit“ zu Debatten geführt, erzählte Sanem Kleff. Dabei wolle sich Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage (SOR-SMC) nicht der Volkstümelei hingeben, sondern schlicht „die Definition dessen, was deutsch ist, nicht immer anderen überlassen“. Tatsächlich seien wir alle das Volk – jenseits von Ab- und Ausgrenzungsphantasien, wie sie sich bei Demonstrationen in Dresden und anderswo präsentierten. Danach fragt auch der Titel der diesjährigen Netzwerkzeitung Q-rage – „Wer ist das Volk“. Der Frage, welche in einer gemeinsamen Republik die gemeinsamen Werte seien,  wolle man sich an drei Tagen widmen: Zunächst sollten Ideologien der Ungleichwertigkeit in ihren aktuellen Erscheinungsformen diskutiert, dann daraus folgende pädagogische Herausforderungen erörtert und zum Schluss die besonderen Konsequenzen für das Netzwerk betrachtet werden.

Andreas Zick
, Leiter des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Uni Bielefeld, verband in seinem Vortrag die Frage nach dem „Neuen deutschen Wir“ (so hatte es auch der Rat der Migration zu Jahresbeginn genannt) mit jener, was das Courage-Netzwerk zu seiner Bildung beitragen könne. Statt auf Gemeinsamkeiten machte er zunächst auf das Ausmaß der Polarisierung in der Gesellschaft aufmerksam. Laut von seinem Institut durchgeführten Umfragen zur „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ wünsche sich zum Beispiel mehr als jeder dritte eine stärkere Willkommenskultur in Deutschland – die nahezu ebensoviele ablehnten. Auch von der Front der gängigen Abwertungsdimensionen konnte er nichts Beruhigendes vermelden; ergänzend machte er auf einen seit 2011 steigenden Anstieg des Glaubens an so genannte Etabliertenvorrechte aufmerksam; das sind jene, die davon ausgehen, dass, wer schon länger da ist, „in einem Wohnhaus oder in einem Land“, mehr Rechte hat. Ebenso nehme die Haltung zu: „Wir sind keine Rassisten. Wir wollen nur auch mal wieder vorn stehen“. Zusammengehalten würden die verschiedenen Abwertungen (von Antisemitismus und Islamfeindlichkeit über Sexismus, Homophobie zu Abwertung von Obdachlosen) von der Annahme, dass manche Gruppen mehr und andere weniger wert seien, also von Ideologien der Ungleichwertigkeit.

Da setzt auch die Arbeit von Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage an. „Räume zu schaffen, in denen diese Dynamik zur Sprache kommen kann“, sei eine „geniale Idee“ gewesen, erklärte Zick. Das „Neue Wir“ könne nur eins sein, das „Demokratie versteht“; Schulen spielten dabei eine zentrale Rolle: „Bildung schützt vor Abwertung. Lange in der Schule bleiben hilft.“ Und: „ G8 hilft nicht.“ Einerseits. Andererseits schlage sich Bildung auch nicht immer nieder, beispielsweise nicht bei der Islamfeindlichkeit: Auch unter Studierenden mochten in Umfragen nur zwei (!) von hundert muslimfeindlichen Einstellungen nicht zustimmen, erklärte Zick.

Wichtiger als Empathieförderung und Perspektivübernahme – beide in der Pädagogik bewährt und respektiert – ist für Zick, Schulen zu Orten werden zu lassen, an denen Nonkonformismus möglich ist und gelebt wird: also beispielsweise zu widersprechen, wenn jemand >Asis< sagt, Ambivalenzen auszuhalten und in wichtigen Situationen Nein zu sagen. Eine weitere in Bielefeld (von seinem Kollegen Rainer Dollase) festgestellte Erkennnis lautet: Wo Schüler das Gefühl haben, der Lehrer beachtet sie, werten sie weniger ab und können Konflikte besser regulieren. Zu guter Letzt hoffte er, dass es in 20 Jahren geglückt sei, „von einer Schule ohne Rassismus mit Courage zu einer Schule der Gleichwertigkeit zu kommen.“

Auftakt zum Donnerstag, 7. Mai 2015

Thomas Krüger
Prof. Dr. Dierk Borstel
Sanem Kleff; Dierk Borstel


Der Donnerstag stand unter der Frage, welche Hürden zu überwinden sind, um den gesellschaftlichen Strömungen, die auf ein trennendes „Ihr“ und „Wir“ zielen, das Leitbild des „Neuen deutschen Wir“  entgegenzustellen.

Erster Vortragender war Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb). In einer kleinen Rückschau betonte Eberhard Seidel, dass Krüger sein Amt in just jenem Jahr angetreten hat, das auch für SOR-SMC eine Zäsur brachte, nämlich 2000. Nach einem Anschlag auf eine Synagoge in Düsseldorf hatten führende Politiker zum „Aufstand der Anständigen“ aufgerufen. Erstmals nahm der Staat Geld in die Hand, um zivilgesellschaftliche Organisationen in diesem Bereich zu stärken. Seidel dankte der bpb, dass sie SOR-SMC seither die Treue gehalten hat – für eine Behörde sei es gewiss nicht immer einfach, es mit einer Organisation wie SOR-SMC auszuhalten. Wegen ihres Nonkonformismus, aber auch wegen der Tatsache, dass Handlungsfelder wie Islamismus, sexuelle Vielfalt und Rechtsextremismus in der Einwanderergesellschaft bereits zum Thema gemacht wurden, als in der breiten Öffentlichkeit noch kaum jemand darüber reden wollte.

Thomas Krüger
gratulierte zum 20jährigen Jubiläum. Es sei wichtig, Jugendliche zu gewinnen, sich klar gegen menschenfeindliche Positionen zu engagieren, unterschiedliche Positionen auszuhalten und in Dialog zu bringen. „Die Zivilgesellschaft wird auf den Pausenhöfen getestet“, sagte Krüger und mahnte, diesen sozialen Raum auch in Zukunft ernst zu nehmen. Manche wollen nicht verstehen, dass sich das Land, in dem sie leben, verändert. Die Welt werde zunehmend widersprüchlich und schwer zu durchschauen. Verdrängen, Wegschauen, Ausschließen sei da der falsche Weg.

Und: Auch bei der bpb habe ein Umdenken eingesetzt. Es sei wichtig, die politische Bildung auch an Orte zu tragen, wo die Bildung nicht vorausgesetzt wird, und sie für jede Zielgruppe neu zu buchstabieren. Papier zu bedrucken gelte als große Stärke der bpb; inzwischen entwickle sie aber zunehmend multimediale Formate. Er nannte die Serie „Zeit für Helden“, die gemeinsam mit dem „politikfreiesten Sender der Republik“, RTL2, entstand. Hier wird die Ausgrenzung zum Thema. Die Quote lag über dem Durchschnitt des Senders. Ein anderes Beispiel sei das Youtube-Projekt „Hey Mr. Nazi“, das innerhalb von gut drei Wochen vier Millionen Abrufe erzielt hat und online eine enorme Resonanz hatte. Krüger wünschte sich, dass der „öffentliche Raum in der politischen Bildung eine neue Rolle bekommt“. In den vergangenen Jahren hätten die Schulen einem Götzen gefrönt, nämlich Pisa, und Sprachen und Mathematik gefördert. Hier sei ein Umdenken dringend nötig. Vielfalt zu verstehen und ihr gerecht zu werden setze Fertigkeiten voraus, die entwickelt und gestärkt werden müssen. Was wir brauchen, um der heterogenen Gesellschaft gerecht zu werden, sei ein multiperspektivischer Ansatz, sagte Krüger.

Dierk Borstel
, Professor für Politikwissenschaften an der FH Dortmund, griff den Faden in seinem Vortrag „Strategien gegen demokratiefeindliche Bewegungen in Ost und West“ auf. Er hat lange in Vorpommern gearbeitet, ist ehrenamtlicher Vorsitzender des Vereins „Community Coaching“ und Mitglied der Weinheimer Gespräche, wo Konsequenzen aus der Forschung zur gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit diskutiert werden. Auf der Suche nach Berührungspunkten zwischen den verschiedenen Gruppen in der Gesellschaft komme der Schule besondere Bedeutung zu, sagte Borstel. „Zu Ihnen kommen ja alle. Es kann gut sein, dass da die Brückenköpfe sind.“ Wichtig sei, immer wieder zu überlegen, wo die gesellschaftlichen Konfliktlinien verlaufen. Rassismus sei manchmal nur die sichtbare Phase. Der Konflikt beginne früher und oft auch woanders, zum Beispiel bei einem Blumenbeet, das einige mit viel Liebe und Sinn für Ordnung angelegt haben und andere einfach als Trampelpfad nutzen. Wenn man erst interveniert, wenn die Barrieren schon hochgefahren sind, werde es schwierig. Es gelte, solche konkreten Handlungsfelder zu identifizieren und in Handlung zu übersetzen.

In Gesprächen mit Aussteigern hört Borstel immer wieder den Satz: „Die Lehrer waren hoffnungslos mit uns überfordert.“ Salafisten und andere radikalisierte Jugendliche würden von einer Schule an die andere verschoben, ohne dass jemand in den Diskurs mit ihnen einsteige. Reden oder nicht reden sei die Frage, sagte Borstel: „Wenn wir sie für die Demokratie gewinnen wollen, ist das ein langer Prozess.“ Wer das Gespräch suche, werde zudem selbst abgestempelt, nach dem Motto: Der redet ja mit Nazis/Salafisten/... . Borstel betonte, dass es bei den Gesprächen nicht darum gehe, zu überzeugen. De-Radikalisierung beginne in der Kommunikation, die es vermag einen Funken Zweifel zu säen. Erst dann kämen Szenarios für den Ausstieg ins Spiel. In der Diskussion ging es immer wieder darum, dass auch Schule ein Ort sein kann, der seine demokratischen Potentiale dort einbringt, wo es wehtut – an Standorten, aus denen sich die Öffentlichkeit längst zurückgezogen hat; in ländlichen Gebieten, wo alle Engagierten wegziehen; in die Peripherie, wo das Schild „Schule ohne Rassismus“ übersprüht wird.

Podiumsdiskussion, Freitag 8. Mai 2015

Breschkai Ferhat, Neue deutsche Medienmacher
Van Bo Le-Mentzel, DeutschPlus
Adriana Lettrari, Netzwerk 3te Generation Ost


„Wer wirkt mit am neuen Deutschland?“


Unter diesem Titel startete die erste Diskussion am Freitag, auf dessen Podium Breschkai Ferhat von den Neuen deutschen Medienmachern, Van Bo Le-Mentzel von DeutschPlus und Adriana Lettrari von Dritte Generation Ost saßen.

Der Moderator Eberhard Seidel eröffnete mit der Frage: „Was ist für Sie deutsch?“ Breschkai Ferhat, vor 51 Jahren in Berlin geboren, sagte: „Wir sind alle deutsch. Aber wie bekommen wir dieses Gefühl in den politischen Diskurs und in die Köpfe?“ Das gemeinsame Verständnis vom Deutschsein müsse jeden Tag neu erarbeitet werden. Adriana Lettrari brachte die Frage „Wer redet für wen?“ ein: Wer repräsentiert auf Podien und im Fernsehen, wer ist berechtigt zu definieren? „Das neue Deutsche ist die Emanzipation, selber Entscheidungen darüber zu treffen, was deutsch ist.“  Breschkai Ferhat warb für ein „Glossar mit Formulierungshilfen“ der Neuen deutschen Medienmacher. Der Begriff „Fremdenfeindlichkeit“ komme darin zum Beispiel nicht gut weg: Von „Fremden“ zu reden sei anmaßend und die Perspektive des Rassisten.

Zwei Buchstaben dagegen waren für den Rest des Tages in aller Munde: „MH“ – kurz für Migrationshintergrund. „Wir haben auch Mut zum Unkorrekten“, ermunterte Eberhard Seidel die Anwesenden. Niemand solle aus Angst, die unpassenden Begriffe zu verwenden, davor zurückschrecken sich zu äußern. Van Bo Le-Mentzel setzte bei den Strukturen der Macht an. Die Art, wie wir regieren und wirtschaften, sei der Nährboden für Rassismus – das permanente Ranking, im Wettbewerb stehen, konkurrieren. Er plädierte für grundlegend andere Formen des Wirtschaftens, zum Beispiel über Crowdfunding. Auch Nachrichten könne man mit Hilfe des Internets verbreiten, ohne große Verlage: „Wir, das Volk, können ein Vorbild sein für die Regierenden.“

Aus dem Publikum kam die Frage nach der Angst vor dem Fremden. „Ich muss das respektieren“, antwortete Breschkai Ferhat, „Aber wer geht mit meinen Ängsten um?“ In der Schlussrunde bat Eberhard Seidel um Vorschläge, wie das neue deutsche Wir an Schulen gestärkt werden kann. Breschkai Ferhat plädierte dafür, die Schulformen mehr zu mischen und in die Stadtteile zu öffnen. Adriana Lettrari erzählte von gelungener Kommunikation über die Familiengeschichten an Schulen, angestoßen durch Familienbilder. Und Van Bo Le-Mentzel machte Mut zur Offenheit: „Wenn jemand einen Gedanken äußert, der überhaupt nicht mit deinem Denken übereinstimmt – gib ihm eine Chance und schau, was passiert.“

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Autorinnen der Tagungsdokumentation: Jeanette Goddar und Cornelia Gerlach
Alle Fotos auf dieser Seite von: Aris Papadopoulos/ bpb