Ideologien der Ungleichwertigkeit

Die erste Workshop-Phase konzentrierte sich auf die Frage, wie Ideologien der Ungleichwertigkeit die Gesellschaft in ein „Ihr“ und „Wir“ spalten und welche  aktuellen Herausforderungen sich in Handlungsfeldern des Courage-Netzwerks stellen.

Wie groß die Probleme mit, aber auch das Interesse an 2014 erstarkten Bewegungen sind, wurde in „Rechtspopulismus – AFD, Pro-Bewegung und Pegida“ deutlich. In der Vorstellungsrunde erklärten viele, Jugendliche hätten viele Fragen, die man schwer beantworten könne, weil man die Szene und insbesondere ihre Nähe zu rechtsextremen Gruppen nicht einschätzen könne. Ein Pädagoge berichtete zudem von Eltern, die nicht wollten, dass ihre Schüler mit Flüchtlingen Kontakt bekämen – was zu der Annahme führte, die „Schamgrenze“ für rechtspopulistische  Äußerungen sei massiv gesunken. Sebastian Friedrich, der die Bewegung als Publizist beobachtet, bestätigte das. Die Frage „Wie konnten die so schnell groß werden?“ ließe sich allerdings mit einem Blick auf die Daten von Andreas Zick beantworten: Außer den vielen, die Ausländer, Muslime, Sinti und Roma, Arbeits- und Obdachlose abwerteten, wünsche sich auch jeder dritte mehr Mut zu Nationalgefühl – und mehr als jeder zehnte einen Führer. Das zu kanalisieren sei AfD wie Pegida gelungen; und zwar erstmals, indem auch die Mittelschicht gewonnen wurde. Friedrich riet, das bürgerlich-rechte Spektrum ganzheitlich zu betrachten: die politischen Vorstellungen von Prominenten wie Eva Herman und Thilo Sarrazin oder Medien wie der Junge Freiheit und PI-News würden in der AfD und bei Pegida gebündelt. In der Folge würde für so unterschiedliche Formate wie den „Marsch für das Leben“ über die Demonstrationen gegen den baden-württembergischen Bildungsplan bis zu Protesten gegen Flüchtlingsunterkünfte und Moscheebauten mobilisiert. Während es der AfD als eine „Art Motor“ glücke, viele dieser Strömungen in sich aufzunehmen, so Friedrich, gäbe es zwischen den Pegida-Ablegern viele ideologische Unterschiede; längst nicht alle seien so bürgerlich wie das Dresdner Original.

In dem Workshop "Rechtsextremismus 2015" nahm der Hamburger Journalist Andreas Speit die (zuweilen sehr fließenden) Grenzen zwischen Rechtspopulismus und Rechtsextremismus in den Blick und sprach von „Entgrenzungstendenzen“.  So hätten mehrere führende Mitglieder der AfD der von dem Verleger Dietrich Munier herausgegebenen Zeitschrift „Zuerst“, die es an jedem Bahnhofskiosk gäbe und der dennoch zu Recht Nähe zum rechtsextremen Milieu attestiert würde, Interviews gegeben. Auch Lesertreffen gerieten zu rechtsintellektuellen Szenetreffen mit 400 Leuten; bei der Sonnwendfeier von Munier im Jahr 2012 sei auch der bekennende Holocaust-Leugner Ernst Zündel aufgetaucht, ganz offensichtlich mit Einladung. Dass dies bekannt wurde, sei ein weiterer Beweis dafür, wie wichtig investigative Recherche in dem Bereich ist. Die klassisch rechtsextreme Szene bezeichnete Speit als weit zersplitterter als zu Zeiten der NPD-Dominanz. Beruhigend sei das nicht, ebensowenig wie die Tatsache, dass die AfD „salonfähiger“ sei als rechtsextreme Parteien. Durch Pegida und Afd erlebe man eine „rassistische Befeuerung in der Mitte der Gesellschaft“, die politische Erfolge feiere: so bei der Neubewertung von Ländern, in denen viele Sinti und Roma leben, als sichere Herkunftsstaaten durch den Bundestag 2014. Gewaltbereite fänden zudem zunehmend eine neue Heimat in der „Mischszene zwischen Hooligans und Rockergruppen“, am deutlichsten gesehen beim sogenannten Hogesa-Aufmarsch (Hooligans gegen Salafisten) in Köln 2014.

Unter dem Titel "Salafismus – eine Jugendbewegung mit Zukunft?!" verwies Ahmet Şenyurt darauf, dass die Jugendlichen, die es nach Syrien und in den Irak ziehe, „Kinder dieser Gesellschaft“ seien. Seiner Beobachtung nach handle es sich längst nicht bei allen um desintegrierte Jugendliche. Viele hätten eine bewusste Entscheidung getroffen, erklärte der Kölner Fernsehjournalist, nach dem Motto: „Ich habe Geld, Sicherheit, eine Frau, eine Waffe und ich kämpfe für das Richtige.“ Nicht zu unterschätzen sei auch, das der selbsternannte Islamische Staat muslimischen Jugendlichen eine „Karriere im Staat“ ermögliche. Dass deutsche Jugendliche vor Ort auf tausende akademisch gebildete Gleichgesinnte, beispielsweise aus Tunesien, träfen, verschlimmere die Lage.  Auf die für Pädagogen nahe liegende Frage „Woran erkenne ich, dass meine Schüler sich radikalisieren?“ erwiderte er: „Wenn Jugendliche anfangen, zu missionieren oder Mädchen unterdrückt werden, muss man eingreifen. Aber nicht, wenn jemand betet oder nicht mehr malt.“ Zudem warnte Şenyurt davor, sich von radikal muslimischen Schülern in theologische Debatten verwickeln zu lassen: „Mein Anknüpfungspunkt ist politischer Extremismus, nicht der Koran. In der politischen Debatte kann ich mich austauschen.“ Die Rolle religiöser Vertreter, beispielsweise von Imamen, sei ohnehin nicht überzubewerten. Hinter dem Verhalten, Schüler auf Religion zu reduzieren, stecke auch ein politisches Konzept: „Viele würden gern glauben: Wenn wir den Islam integriert haben, haben wir auch kein Problem mehr mit den Muslimen.“

Im Workshop „Geschlechterrollen im Wandel“ zeigte der Soziologe und Publizist Andreas Kemper aus Münster Netzwerke auf, die das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung in Frage stellen, von Männern dominierte Strukturen stärken und die Emanzipation von Frauen zurückdrängen. Kemper berichtete von seinen Recherchen unter anderem zur „Gesellschaft zum Schutz von Tradition, Familie und Privateigentum“, die von „klerikal-aristokratischen Kreisen“ getragen sei. Personen wie Beatrix von Storch – 2014 als Kandidatin der AfD ins Europäische Parlament gewählt – machten dort ihren Einfluss geltend, um Zustände „wie im Mittelalter“ zu schaffen. Ob das nicht unbedeutende Randgruppen seien, fragte ein Teilnehmer. Nein, sagte Kemper, sie seien extrem einflussreich, die „Europäischen Konservativen und Reformer“ die drittgrößte Fraktion im Europäischen Parlament. Zum Beispiel habe sie verhindert, dass der sogenannte Estrela-Bericht, in dem es unter anderem um das Recht auf Abtreibung und einen Sexualkunde-Unterricht ohne Tabus und Diskriminierung und ohne dass die Eltern zustimmen müssen, gehe, nicht fortgeschrieben werde. Die Netzwerke hinter dieser Politik würden zwar nur von wenigen Menschen getragen; diese verfügten aber über große Ressourcen und erweckten den Anschein, eine große Bewegung stehe hinter ihnen.

„Antisemitismus“ war Thema eines Workshops mit Rosa Fava, Erziehungswissenschaftlerin und Bildungsreferentin aus Berlin. Schon in der Vorstellungsrunde wurde klar, wie viele Perspektiven es auf dieses Thema gibt. Ein Lehrer, der an einer Schule mit 80 Prozent Muslimen unterrichtet, erzählte von einem stark antisemitischen Klima und Verschwörungstheorien, die bis heute rund um die Anschläge vom 11. September kursieren. Andere berichteten von Problemen mit der rechten Szene, die Antisemitismus vor allem in Bezug auf Deutschland propagiert; wieder andere haben „Holocaust Education“ als Schwerpunkt. Und noch ein anderer sagte: „Meine Schüler können sich aktuellen Antisemitismus gar nicht vorstellen. Sie meinen, das sei fern für uns.“ Ein großer Teil des Problems sei, dass sich jedeR sich etwas anders darunter vorstelle, sagte Rosa Fava. Sie hatte eine „Arbeitsdefinition Antisemitismus“ mitgebracht, um die TeilnehmerInnen ins Gespräch zu bringen. Über Antisemitismus zu reden sei schon Teil der Lösung. Fava erzählte von ihrer Arbeit in der Gedenkstätte Neuengamme bei Hamburg, in der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus und im Jüdischen Museum in Berlin. Ihr sei wichtig, die eigene Position und den eigenen Hintergrund einzubeziehen.  SchülerInnen brächten ihr Wissen mit, sie als Pädagogin aber auch. So reagiere sie heftig, wenn jemand „Du Jude“ sagt – weil sie geprägt sei vom Leben in dem Land, das die Todesfabriken gebaut hat.  Und sie skizzierte, wie sich die Situation in Deutschland jüngst zugespitzt hat. Bei Demonstrationen während des Krieges in Gaza Ende 2014 wurden antisemitische Parolen gerufen, die Anschläge von Paris und Kopenhagen prägen das Klima. Vieles sei wieder sagbar geworden. Diejenigen, die mit Gewalt agieren, täten das vor dem Hintergrund einer Mitte, die ihre Positionen mitträgt. Um so wichtiger sei, die Multiplikatoren zu stärken.

Im Workshop „Wie uns Rassismus heute begegnet“ zeigte die Filmemacherin Mo Asumang Ausschnitte aus ihrem Film „Die Arier“. Darin konfrontiert sie Rassisten mit ganz schlichten Fragen. So möchte sie von einem Mitglied des Ku-Klux-Klan wissen, was er gegen Schwarze habe. Der Film zeigt sie, als Frau mit dunkler Haut, neben dem Mann in seiner Kutte mit Gesichtsmaske; der Zuschauer hört sie mit ruhiger, freundlicher Stimme fragen. Mo Asumang beschrieb ihren Ansatz, aktiv das Gespräch zu suchen, auch mit Rassisten. Die Provokation der Gegenseite funktioniert, sagte sie, das sei ein unglaublich ausgeklügeltes System. Ihr Weg sei, nicht darauf einzusteigen und nicht auf das Gegenüber fixiert zu sein: „Wenn man sich die ganze Zeit auf jemanden konzentriert, den man verändern will, ist man total verloren“. Sie habe stattdessen bei sich angefangen; statt auf Hass mit Hass zu antworten, das Gespräch gesucht. Mo Asumang tourt mit einer Kurzfassung des Films durch die Schulen und ist fasziniert von den Reaktionen. Die erste Frage sei immer, ob sie keine Angst gehabt habe. Ihre Antwort: Sie habe bewusst die Bilder von Rassismus aus dem Kopf geschoben und geschaut, wer ihr da gegenüber stand: „Was sagt der Mensch? Was sehe ich?“ Beim Ku-Klux-Klan sah sie zum Beispiel einen Mann, der sein Gesicht nicht zeigt, der sich versteckt. Aus Angst? Auch an den Schulen sucht sie das Gespräch – und setzt sich auch dort bewusst zu jenen, die sie als Rassisten identifiziert. Die Langfassung des Films ist über die Bundeszentrale für politische Bildung zu beziehen.

Am Abend wurden die Themen der Workshops in einem World Cafe – in sechs Runden, pro Workshop eine Runde – noch einmal aufgegriffen: Dabei erhielten jene, die sich für ein anderes Thema entschieden hatten, Gelegenheit, sich in zwei weiteren Themen fortzubilden und auszutauschen.

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Autorinnen der Tagungsdokumentation: Jeanette Goddar und Cornelia Gerlach
Alle Fotos auf dieser Seite von: Aris Papadopoulos/ bpb