Auf dem Weg zum republikanischen Wir

In der zweiten Workshop-Phase wurden diese Themen vertieft und umgesetzt.

So griff der Workshop „Wie die gesellschaftliche Mitte ihre Vorrechte verteidigt“ die Diskussion um den Vortrag von Borstel auf. „Reden oder nicht reden“, hieß auch hier wieder die Frage. Dies wurde im Workshop heruntergebrochen auf die konkrete Situation in der Klasse oder Gruppe. Es gab starke Stimmen dafür, zu einzelnen Schülern einen direkten Draht aufzubauen. So bekäme man mit, was diese denken. Natürlich sei oft schwer auszuhalten, was in diesen Köpfen steckt. Aber dies zu kennen sei Voraussetzung, um etwas zu ändern. Aber was tun, wenn ein Schüler im T-Shirt der „Hooligans gegen Salafisten“ im Unterricht erscheint? Ein Workshop-Teilnehmer schlug vor,  zu bitten, das T-Shirt auszuziehen oder zumindest die Jacke zuzumachen – „weil da meine persönliche Grenze überschritten ist.“

In einem Rollenspiel wurden die Fallstricke des argumentativen Ansatzes deutlich. Borstel übernahm gekonnt die Rolle des Rassisten, der locker jedes noch so überzeugende Argument umdrehte, entkräftete und den Überzeuger so mächtig unter Druck setzte – mit Sätzen wie „Die zahlen Tausende, um hier in die soziale Hängematte zu kommen.“ Oder „Die sollen nicht sterben, die sollen einfach nur ihr Land in den Griff kriegen.“ Nach dem Ende des Argumentations-Trainings sagte Borstel: „Ein mutiger Versuch. Aber das geht nie gut!“ Der Grund, warum Menschen eine bestimmte Position einnehmen, sei in ihnen selbst begründet. Erst wenn man die Ängste, die sie umtreiben, ernst nähme,  könne man zur Person vordringen. Was sind ihre Themen? Statusverlust? Verlust der Etabliertenvorrechte? Borstel plädierte dafür, in solchen Gesprächen entspannt zu bleiben. Wenn der Schüler etwas von dem Gesagten annimmt, ist es gut. Wenn nicht, dann eben nicht. Dann hat man es wenigstens versucht.  In seinem Schlusswort sagte Dierk Borstel, dass es kein Patentrezept für solche Gespräche gebe. JedeR müsse einen individuellen Stil finden. Er selbst habe gute Erfahrungen damit gemacht, mittendrin überraschend die Ebene zu wechseln und zum Beispiel die tollen Turnschuhe zu loben. Manchmal öffne sich dann ein Fenster, und der andere werde als Mensch sichtbar. Manchmal auch nicht. Dann sei der Rassist seine Parolen losgeworden, aber nicht ohne Widerspruch.

Im Workshop „Ideologien der Ungleichwertigkeit im Netz“ informierte die Journalistin Simone Rafael von der Amadeu-Antonio-Stiftung über Internet-Aktivitäten der rechten Szene. Diese verbreiteten ihre Ideen über viele verschiedene Einfallstore – gegen Kindesmissbrauch, zur Umwelt oder für mehr Tierschutz bis hin zu „Nein-Zum-Heim“-Seiten, die den Protest gegen Flüchtlingsunterkünfte aufgreifen. Verblüffend sei, wie sehr die Ästhetik mancher rechter Gruppen den Auftritten der linksautonomen Szene ähnlich sieht. Autonome Nationalisten übernähmen die Darstellungsformen und wandelten sie um. Parolen wie „Reclaim the Streets“, aber auch Hiphop, der ja unter schwarzen Jugendlichen entstanden sei, würden übernommen, wo es in den Kram passt. Simone Rafael zeigte auch, wie sich mit Hilfe von Analysetools, die sonst im Marketing eingesetzt werden, zeigen lässt, wie Internet-Seiten mit einander verbunden sind. Die gleichen Inhalte tauchen oft in unterschiedlichem Gewand auf – die AfD gibt sich seriös, die NPD bedient die radikalere Klientel. Blogs wie „PI – Politically Incorrect“ oder die Seiten des Kopp-Verlags bieten weitere Bausteine, aus denen sich das rechte Weltbild speist. Wo diese Seiten nicht offen demokratiefeindlich und gewaltbereit sind, sei es schwer, gegen sie vorzugehen, sagte Simone Rafael.

„Der bedrohte Mann – ausgrenzende Genderdebatten“
war ein Workshop überschrieben, der zeigen sollte, wie homophobe und frauenfeindliche Debatten eine Renaissance erfahren. Melike Çınar vom Bundesverband der AWO skizzierte die Grundlagen der Diskriminierung. „Wir alle haben Identitäten, die aus ganz vielen Sektoren bestehen“, sagte sie, „das merken wir immer erst, wenn wir irgendwo nicht dazu gehören.“ Sie bat die TeilnehmerInnen, sich jeweils zu zweit Fragen zu beantworten. Die erste hieß: „Wann hast du gemerkt, dass du heterosexuell bist?“ Kichern. Grübeln. Überraschend offene Worte. Heterosexuelle werden so etwas nie gefragt, sagte Çinar. Sie betonte den ausgrenzenden Charakter dieser Art Sätze. Die Frage, ob es an ihrer Schule mindestens drei geoutete SchülerInnen oder LehrerInnen gebe, wurde nur von einem Teilnehmer bejaht. Homosexualität sei nicht Teil der Repräsentanz an den Schulen, sagte Melike Çinar. Sie empfahl, Kinder, die nicht konform sind, zu stärken. Und es könne einen positiven Effekt haben, wenn Lehrer sich outen.

Detlef Mücke
von der AG Schwule Lehrer der GEW Berlin erzählte aus seiner Praxis als offen schwuler Lehrer in Berlin-Neukölln. Offen homosexuell lebende Lehrer könnten Rollenmodelle für SchülerInnen sein, dass es Konflikte und Reibereien gebe, gehöre zur Identitätsbildung dazu, sagte er. Mücke skizzierte die Entwicklung in Deutschland von den Anfängen der Sexualkunde im 19. Jahrhundert bis zur Pluralisierung der Lebensformen in der Gegenwart und dem Widerstand dagegen, der zurzeit gerade in klerikal-konservativen Kreisen wieder lauter wird. In Schule und Unterricht gelte es noch etliche Hürden zu nehmen. So müsse die gelebte Vielfalt in Lehrplänen wie Schulprogrammen verankert und in Schulbüchern sichtbar werden. In der Aus- und Fortbildung von LehrerInnen müssen diese Themen stärker präsent werden; es brauche mehr Aufklärungsprojekte. Zwischen den einzelnen Bundesländern gebe es in allen diesen Bereichen große Unterschiede. Melike Çinar forderte zudem, „LGBTIQ“ ( lesbian, gay, bi, trans, inter, queer) verstärkt als Bürgerrechtsbewegung wahrzunehmen und nicht nur über die gesundheitliche Aufklärung zu transportieren.

Unter dem Titel "Wie die Mehrheit Minderheiten ausgrenzt" berichtete Petra Rosenberg, Sprecherin der Deutschen Sinti und Roma Berlin, Erschütterndes aus dem Schulalltag: Dass Sinti- und Romakinder bloßgestellt oder grundlos auf die „Sonderschule“ überwiesen würden und/oder Schulen sich weigerten, diese Kinder aufzunehmen, sei ein „bundesweites Problem“. Regelmäßig stellten sich weder Lehrer noch Direktoren dem Gespräch mit Eltern oder Großeltern. Auch sie selbst, erzählte Petra Rosenberg, sei so frustriert worden von den Diskrimierungserfahrungen, dass sie die Schule ohne Abschluss verlassen habe und erst als Erwachsene alle Abschlüsse bis zum Abitur nachgemacht habe. Den Lehrern, von denen sie wisse, dass sie „mit vielem allein gelassen werden“, bot sie Unterstützung an. Esther Quicker, Buchautorin und Romanistin, unterfütterte den Bericht mit Zahlen, laut denen Sinti und Roma jene Gruppe in Deutschland sind, denen „am wenigsten Sympathie entgegengebracht wird“. Und über die man bis heute nichts außer Klischees kenne: „Zigeuner“, ein „fahrendes Volk“, bei dem es viel um „Musik“, „Geselligkeit“, „Tanzen“ gehe. Selbst viele aktuelle Bücher anerkannter Experten kämen nicht ohne diese Stereotype aus. Um der auch bei der Diskussion deutlich werdenden Unwissenheit und Unsicherheit etwas entgegenzusetzen, hatte sie eine fünfseitige Literaturliste mitgebracht.

Für viele überraschend wurde es in dem Workshop unter dem Titel „Religiöse Zugehörigkeit und Ausgrenzung“. Daniel Alter, Rabbiner und Antisemitismusbeauftragter der Jüdischen Gemeinde Berlin und Ender Çetin, Vorsitzender der Sehitlik-Moscheegemeinde Berlin erzählten, wie sie gemeinsam in Berliner Schulen gehen und schon das für einen „Kulturschock“ nicht zuletzt unter muslimischen Schülern sorge. „Was, ihr redet miteinander?“ heiße es immer wieder. Gemeinsam spreche man mit Schülern darüber, dass Antisemitismus – Daniel Alter spricht lieber von „Judenhass“ – erstens eine gefährliche Ideologie und zweitens nicht muslimisch sei. Daniel Alter machte kein Hehl daraus, dass zwar bundesweit jeder vierte latent und rund fünf Prozent antisemitisch seien, die Werte in der arabisch-muslimischen Community allerdings noch weit höher seien. Dazu trügen türkisch-nationalistische Filme wie „Das Tal der Wölfe“, der sich massiv antisemitischer Bilder bediene, bei, aber auch (teils verbotene und trotzdem empfangbare) Medien von Hisbollah und anderen am Nahostkonflikt Beteiligten. Zu schlechter Letzt gebe es Moscheen, die problematische Inhalte predigen. Mit Jugendlichen zu arbeiten, die dort hingingen, sei, vorsichtig gesagt, „hoch schwierig“. Ender Çetin machte zudem auf eine wachsende Muslimfeindlichkeit aufmerksam und bedauerte, dass einschlägige Straftaten – anders als antisemitische – nicht gesondert erfasst würden. Viele muslimische Jugendliche seien zudem stärker von „Protestidentität“ als von „Religiösität“ beseelt. Weil sie auch nicht mehr vom Islam verstünden als weite Teile der Bevölkerung („Manchmal brauchen wir ein ABC des Islam“) sei wichtig, dass Moscheevertreter – wie Vertreter anderer Religionen – an die Schulen kämen: „Moscheen können vieles bewirken, was Lehrer und Jugendzentren nicht bewirken können“. Leider wollten, in Berlin noch mehr als anderswo, Schulen mit Religion oft nichts zu tun haben. Die Lehrkräfte wiederum berichteten von großer Unsicherheit, mit welcher Moschee zu arbeiten sei und mit welcher nicht; auch schlechte Erfahrungen wurden gemacht.

Unter dem Titel „Identitätsangebote im neuen Deutschland“ entkräftete Klaus Farin, Leiter des Verlags Archiv der Jugendkulturen in Berlin und Autor eines aktuellen Buches über die umstrittene Band Frei.Wild. deren Reputation als rechtsextrem. Zeilen wie „Das ist das Land der Vollidioten. Die denken, Heimatliebe ist Staatsverrat“ seien nur vor dem Hintergrund der Herkunft der Musiker zu verstehen: den Südtirolern sei das Sprechen der deutschen Sprache nun einmal im italienischen Faschismus verboten und anschließend bis in die 70er-Jahre tabuisiert worden. Als Linker könne man mit einer „konservativen Band“ zwar Probleme haben; sie in die rechte Ecke zu stellen, führe allerdings zu einer „self-fulfilling prophecy“: „Wenn man Jugendlichen sagt, die sind rechts, dann sind die auch irgendwann rechts.“ Tatsächlich, so Farin, habe Frei.Wild. – jedenfalls nach eigener Aussage ihm gegenüber – auch schon der Neonazi-Aussteiger-Initiative Exit 50.000 Euro zur Unterstützung angeboten. Die PädagogInnen, von denen viele an ihren Schulen von der ein oder anderen Seite mit der Band konfrontiert werden, waren baff: „Ich bin mit ganz anderen Erwartungen hier reingekommen. Warum zieht die Gegenseite sich so an denen hoch?“ Farin erklärte, wer sich für die Realität interessiere,  müsse „die Eindeutigkeit aufgeben“; das gefalle nicht jedem und sei kompliziert: „Auch die Böhsen Onkelz, die seit neun Jahre nicht mehr auftreten, werden ja immer weiter als böse rechte Band dargestellt.“ Ebenso könne man einmal fragen: Warum arbeitet man sich eigentlich lieber am Neonazi ab als an dem ebenso rassistischen Nachbarn?

Am Nachmittag wurden die Workshops wiederholt – und abends mit rund 200 Gästen der 20. Geburtstag von Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage festlich begangen.

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Autorinnen der Tagungsdokumentation: Jeanette Goddar und Cornelia Gerlach
Alle Fotos auf dieser Seite von: Aris Papadopoulos/ bpb