Das 'Neue Wir' im Courage-Netzwerk vereinbaren

Die Diskussionen in den abschließenden Workshops am Freitag kreisten um die Frage, wie sich das „neue deutsche Wir“ im Courage-Netzwerk verankern lässt.

Unter dem Titel „Wie lassen sich alte und neue Medien für die Antidiskriminierungsarbeit im Courage-Netzwerk nutzen?“ stellte Simone Rafael die Arbeit des Netzwerks gegen Nazis vor. „Überzeugte Nazis überzeugt man nicht, indem man bunte Bilder ins Netz stellt“, sagte sie. Wohl aber könne man das Netz nutzen, um zu diskutieren und eine aktive Community mit Informationen zu versorgen. Allerdings müssten die Angebote gepflegt und regelmäßig aktualisiert werden, um Erfolg zu haben. TeilnehmerInnen berichteten, Cybermobbing sei an Schulen ein wichtiges Thema. Eine erzählte, dass bei ihnen SchülerInnen  zu Medienscouts ausgebildet werden –  die dann im Sinne der Peer Education Konflikte entschärfen könnten. Eine andere Teilnehmerin stellte dar, wie sie mit ihrer Klasse eine Woche Handyfasten betrieb  – und selber feststellen musste, dass sie nicht durchhalten konnte. Es sei aber gelungen, feste Regeln für den Umgang mit dem Handy an der Schule zu etablieren. Deutlich wurde: In Bezug auf Social Media fühlen sich viele LehrerInnen überfordert. Die Jugendlichen haben sie da längst überholt; was sie wissen müssen, bringen sie sich selbst bei. „Da kippen die üblichen Hierarchien“, sagte Stefan Lutz-Simon von der Landeskoordination Bayern. Deshalb sei wichtig, medienpädagogische Impulse zu nutzen.

„Lernziel Gleichwertigkeit“  heißt das neue Handbuch von SOR-SMC für die Sekundarstufe.  Sanem Kleff stellte es vor. Äußerlich präsentiert es sich als Ordner mit 220 Seiten – und Platz, ihn in der praktischen Arbeit weiter zu füllen. Enthalten ist die Erläuterung der Arbeitsweise aller Akteure im Netzwerk und deren Zusammenspiel – vor allem aber die dahinter stehende Philosophie. Sanem Kleff betonte, dass das Netzwerk ohne starre Vorgaben arbeite, sondern sich an der Lebenswirklichkeit der Beteiligten und am Bedarf orientiere. Freiwilligkeit sei von entscheidender Bedeutung. Die einzelnen Gruppen bestimmen selbst, welches Thema sie zu welchem Zeitpunkt und mit welchen Methoden angehen. Das Handbuch sei ein Mitmachbuch, das die Grundlagen dafür lege.

Die wesentlichen Leitgedanken von Netzwerk wie Handbuch stellte Sanem Kleff noch einmal vor: Alle Ideologien der Ungleichwertigkeit haben die gleiche Binnenstruktur – immer geht es um eine Defintition von Wir und Ihr, um Phantasien von Über- und Unterlegenheit. Und immer gebe es exkludierende Mechanismen. So wichtig es sei, die Ideologien der Ungleichwertigkeit gemeinsam in den Blick zu nehmen, sei es aber auch, sie einzeln zu kennen. Deswegen werden einzelne Themenfelder in ihrem Spezifischen angeschaut, insbesondere die historischen Hintergründe und ihre besonderen Eigenarten wie auch Formen der Diskriminierung. Eine Teilnehmerin merkte hier kritisch an, dass im Handbuch von körperlichen Behinderungen die Rede sei und empfahl, künftig besser mit dem Begriff Leib zu arbeiten, der auch von Betroffenengruppen verwandt werde. Kleff betonte, wie wichtig die exemplarische Arbeit an Biografien für einen multidimensionalen Prävention sei: „Alles kann nur gelingen, wenn wir von bereits vorhandenen Erfahrungen ausgehen.

Wie das praktisch umgesetzt werden kann, zeigte Patrick Siegele, Direktor des Anne-Frank-Zentrums in Berlin. Angeregt durch die Zusammenarbeit mit den Niederlanden hat das Zentrum überlegt, wie politische Bildungsarbeit sich in einem Einwanderungsland verändern muss – angefangen davon, dass heute im Eingang des Zentrums der Name auch auf arabisch und hebräisch zu lesen ist. In der dortigen Ausstellung werden Jugendliche eingeladen, darüber nachzudenken, wie, wann und wo sie selbst Diskriminierung erfahren – und diese Erfahrung mit der Biografie von Anne Frank in Bezug zu setzen. Für die dazugehörige Wanderausstellung „Deine Anne. Ein Mädchen schreibt Geschichte“ werden Jugendliche als Guides ausgebildet Sie führen andere Jugendliche durch die Ausstellung, die auch an Schulen wandert. Anne-Frank-Botschafter werden dabei unterstützt, in ihren Kommunen Projekte umzusetzen. Es gehe darum, Vielfalt anzuerkennen und wertzuschätzen, sagte Siegele und lud dazu ein, diese Angebote zu nutzen.

Im Workshop „Prävention – Selbstwert stärken und Identität reflektieren“ stellten Sophia Oppermann von „Gesicht zeigen“ und Samy Charchira vom Landesvorstand des DPWV in NRW ihre Arbeit vor. Gesicht zeigen! ermutigt Menschen, aktiv zu werden gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus und rechtsextreme Gewalt; Sophia Oppermann hatte kleine Ausweise mitgebracht, die Jugendliche als Change Agents ausweisen. „Jeder kann etwas ändern. Ich auch“, steht darauf. Mit Passbild, Namen und Unterschrift versehen sind sie eine Art Selbstverpflichtung, aktiv zu werden.  Samy Charchira stellte das Projekt „Ibrahim trifft Abraham“ vor, das bis 2013 in Düsseldorf neue Formate der Bildungsarbeit für Jungen aller Herkünfte umsetzte. Es gebe sehr wenige reine Jungenprojekte, sagte er, obwohl Jungen in besonderem Maße von Konflikten betroffen seien. Ihm sei wichtig, dass sich jeder in seinem Klassenverband nicht als Christ, Jude, Muslim oder sonstwas definiere, sondern es ein Wir gebe. „Zu diesem – erweiterten – Wir gehören auch andere, die nicht meinen Vorstellungen entsprechen“, sagte Samy Charchira. Zum Abschluss lud Sybille Oppermann alle zu einem Spiel ein. Sie verteilte Positionen im Raum und warf den ersten Satz in die Runde: „Die Deutschen trinken alle nur Bier.“ Was ist das? Quatsch? Ein blödes Vorurteil? Oder im Grunde nichts als die Wahrheit? Spickzettel gab es dazu. Das Spiel schärfe die Sinne für Vorurteile, sagte Oppermann. Es ist über Gesicht zeigen! zu bestellen.

Unter dem Titel "Nachhaltigkeit" wurde diskutiert, wie an einer Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage, an der naturgemäß die Schüler, häufig aber auch die engagierten KollegInnen eines Tages weggehen, langfristiges Engagement verankert werden kann. Andrea Rauch, Landeskoordinatorin Brandenburg, hatte eine Reihe Tipps parat: Beispielsweise, jedes Jahr neue Schüler zu gewinnen; in Brandenburg finde jedes Jahr eine gezielte Ansprache der neu an die Schule gekommenen Klassen statt. Gut sei auch, die Unterschriftensammlung regelmäßig  zu wiederholen, um das Interesse zu erhalten und das Prinzip der Peer Education  zu verankern. Auch Zertifikate für Aktive, ein fester Platz des Leitbildes an der Schule, die Einbeziehung der schulischen Gremien sowie das gezielte Vorstellen des Projekts am Tag der offenen Tür hätten sich bewährt. Samira Mahmud von der Landeskoordination Berlin riet, bei schulischen Aktionen deutlich zu machen, dass diese von einer Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage veranstaltet werden und beispielsweise Transparente aufzuhängen. Auch den KollegInnen in den Schulen empfahl sie die regelmäßige Kommunikation über das Thema. Von den TeilnehmerInnen wurde darauf verwiesen, dass es dringend eines festen zeitlichen Rahmens bedürfe. Einige berichteten, die Aktivengruppe träfe sich „dienstags in der Hofpause“, andere, dass die endlich erkämpfte feste Stunde der Verkürzung auf G8 zum Opfer gefallen sei. Einer sagte, es sei schwer, das Projekt an Schulen „so zu verankern, dass man anständig arbeiten kann“. Als Vorschlag wurde das aus der Begabtenförderung stammende „Drehtürmodell“ vorgestellt, bei dem Jugendliche für bestimmte Interessen den Unterricht verlassen dürfen, beispielsweise auch für die SOR-Aktivengruppe.

In dem Workshop "Qualifizieren" wurde erörtert, wie Lehrkräfte an Schulen, vor allem auch Lehrkräfte, die das Courage-Projekt begleiten sinnvoll fort- und weitergebildet werden können. Michael Schneider-König, von der Regionalkoordination Oberbayern, München, die im dortigen Pädagogischen Institut angesiedelt ist, stellte die Zusatzqualifikation „Schulen der Vielfalt“ des Instituts vor, an der auch Lehrkräfte aus Münchner Schulen ohne Rassismus - Schulen mit Courage teilnehmen können. Die Schulen verpflichteten sich mit der Titelannahme, zwei bis vier Lehrer zu entsenden, die dann in Anti-Bias-Training, interkultureller Verständigung und Rassismuskritik sowie einigen Schwerpunkt- und Wahlbereichen (wie Mehrsprachigkeit, Projekte, Vernetzung, Schulentwicklung) fortgebildet werden. Gefragt wurde allerdings, welche Fortbildung denn den Schülern als eigentlichen Akteuren des Netzwerks zuteil würde? Einig war man sich, dass zentral sei, zu einer Kultur der Mehrsprachigkeit zu kommen und immer wieder auch eigene Stereotype zu hinterfragen: Wo tragen LehrerInnen unabsichsvoll zur Verstärkung von Rassismuserfahrung und zu Verletzung bei? Lehrkräfte mit Migrationshintergrund zu „empowern“ wurde als wichtig betrachtet; der Referent machte aber darauf aufmerksam, wie wenige es bislang seien: nämlich bayernweit nur rund zwei Prozent.

Um die steigende Zahl der Courage-Schulen zu begleiten, ist ein ständiger Ausbau des Netzes der Kooperationspartner sowie der Koordinierungsstellen auf regionaler Ebene notwendig.  Unter dem Titel "Ausbau der Netzwerkstrukturen" diskutierten in einem Workshop Vertreter von Landes- und Regionalkoordinationen, Kooperationspartnern sowie PädagogInnen, wie das geschehen könne. Mark Medebach von der Bundeskoordination erläuterte die Struktur sowie die Bedeutung einer bundesweiten Steuerung des Netzwerks, nicht zuletzt auch wegen der Notwendigkeit einer gemeinsamen Corporate Identity. Die Wiedererkennbarkeit sowie gemeinsame Inhalte würden bei steigenden Schulzahlen immer zentraler. Deswegen laufe auch die Anerkennung jeder einzelnen Schule sowie der Kooperationspartner über die Bundeskoordination. „Irgendwie gegen Rassismus reicht uns nicht; auch wollen wir nicht zur Kommerzialisierung politischer Bildung beitragen“, so Medebach. Auf der anderen Seite werde auch eine standortnahe Begleitung in Form der im Aufbau befindlichen Regionaloordinationen immer wichtiger: „Das Netzwerk lebt von persönlichen Kontakten. Wenn Flächenländer wie Baden-Württemberg nur eine Koordinationsstelle haben, ist das schwer.“ Von Seiten der TeilnehmerInnen wurde an der Organisationsstruktur auch Kritik laut: Angesichts der Tatsache, dass sich bei den Zielen alles um Demokratie drehe, sei der Top-Down-Ansatz eine „wenig demokratische Veranstaltung“; nach 20 Jahren und angesichts der erreichten Größe sei ein  Abbau „royaler Strukturen“ erforderlich, erklärte einer. „Es gibt zu wenig Mitsprache von unten,“ konstatierte eine andere. Auch der Referent Moritz Kilger von der  Landeskoordination Thüringen bezeichnete die Struktur als „hierarchisch“; gab aber zu bedenken: In seinem Bundesland hätte das Argument der „Marke“  des größten Schulnetzwerks zu seiner Verankerung beigetragen; eine starke Marke wiederum ließe sich zwar nicht basisdemokratisch organisieren, aber gemeinsam weiterentwickeln.

Zum Abschluss erklärte Eberhard Seidel, die Ergebnisse des Bundesfachtags flössen in vielerlei Hinsicht in die Arbeit der Bundeskoordination ein. Und er lud ein, sich des Handbuchs Sekundarstufe „Lernziel Gleichwertigkeit“  anzunehmen: „Wir werden häufig nach Leitlinien gefragt. Das sind die Leitlinien.“ Sanem Kleff kündigte ein weiteres Handbuch für die Grundstufe an und erklärte, die Bundeskoordination sei noch offen für Hinweise, Anliegen und Inspirationen für dessen Erstellung. Der Bundeszentrale für politische Bildung wurde für finanzielle wie organisatorische Unterstützung gedankt.

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Autorinnen der Tagungsdokumentation: Jeanette Goddar und Cornelia Gerlach
Alle Fotos auf dieser Seite von: Aris Papadopoulos/ bpb