II. Umbrüche, Entwicklungen und Perspektiven für Demokratiebildung und Prävention an Schulen

Die Workshop-Phase am 2. Juni stellte Ansätze von Menschenrechtsbildung und Prävention in der politischen Bildungsarbeit angesichts aktueller gesellschaftlicher und politischer Herausforderungen in den Mittelpunkt.

Als „Tummelplatz und Kampagnenfeld für Rechtsextremisten, Islamhasser und Rassisten“ haben alle Teilnehmer*innen des Workshops 7 das Internet bereits erlebt : Von der persönlichen Bedrohung durch Neonazis im Netz über Hetze gegen Flüchtlinge von Facebook-Freund*innen bis zur rechten Verschwörungstheorie reichten die Erfahrungen, die zu Beginn des „Argumentationstrainings gegen rechtspopulistische Strategien im Internet“ geschildert wurden. „Man kann sich nirgendwo mehr sicher sein, das nicht lesen zu müssen“, gab ein Teilnehmer aus Bayern fast resigniert zu Protokoll. Simone Rafael vom „Netz gegen Nazis“ legte in ihrem anschließenden Vortrag die Gründe für die Allgegenwart und scheinbare Übermacht rechten Gedankenguts im World Wide Web dar. Mit der großen Zahl zuwandernder Flüchtlinge hätten Neonazis, Rechtspopulisten und besorgte Bürger ein gemeinsames Thema gefunden. Der meiste Hass im Netz, so Rafaels Analyse, richtet sich derzeit gegen Geflüchtete.

Der angeblich spontane und massive „Volkszorn“ gegen Geflüchtete sei oft von organisierten Rechtsextremisten gesteuert: So stecke etwa hinter scheinbar lokalen Internet-Seiten gegen Flüchtlingsheime („Nein zum Heim“) häufig die NPD. Dazu funktioniert das Internet nach Beobachtung der Journalistin oft wie eine Echokammer: Gefälschte Nachrichten – etwa über angebliche Vergewaltigungen durch Geflüchtete – würden hundertfach geteilt. Rafael zeigte anhand von Beispielen, wie sich Begebenheiten an unterschiedlichen Orten und zu verschiedenen Zeiten immer gleich abgespielt haben sollen. Diese erfundenen Geschichten gewönnen oft Glaubwürdigkeit dadurch, dass Bekannte angeblich „persönlich Erlebtes“ schilderten. Neben dieser „personalisierten Lüge“ nutzten Rechte im Netz auch andere Strategien, wie etwa falsche Statistiken, das Hin-und-Herspringen zwischen Themen oder den organisierten „Shitstorm“. Besonders bei den letzteren Vorgehensweisen sei es wichtig, die Strategie dahinter zu erkennen, betonte Rafael. „Wenn man sich daran abarbeitet, besteht die Gefahr, letztlich nur seine Kräfte zu verschwenden.“ Oft helfe es, im Netz „anwesende“ Dritte in die Diskussion miteinzubeziehen.

Wie lässt sich nun effektiv gegen rechte Hetze im Netz vorgehen? Gezielt und gemeinsam – so das Fazit der Workshop-Teilnehmer*innen, die gemeinsam mit der Referentin folgende Gegenstrategien erarbeiteten: Konkrete Nachfragen entlarvten oft Lügen, „Diskutieren statt Stigmatisieren“ sei das Gebot der Stunde. Oft helfe es, den rechts denkenden Diskussionspartner ernst zu nehmen, damit der Gesprächsfaden nicht abreißt. Manchmal komme man aber mit Humor weiter: Wenn es gelinge, das Absurde einer Argumentation aufzuzeigen. Manchmal – wenn das gegenüber im Netz nicht zuhöre und nur mehr Parolen von sich gebe – helfe nur der Gesprächsabbruch. Rafael rät dazu, dies dann öffentlich zu begründen – und damit noch eine Marke zu setzen: „Positionieren geht immer!“

Ist der muslimische Mann ein Macho? Diese Frage griff Michael Tunç, Experte für Männer- und Väterforschung in der Einwanderungsgesellschaft und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Technischen Hochschule Köln, in seinem Workshop auf. Ausgehend von den Erfahrungen in seiner türkisch-deutschen Familie habe er sich immer wieder gefragt, warum sich das Familienleben, das er in seiner Verwandtschaft erlebt, nicht in den gesellschaftlichen Debatten spiegelt, die eher von Bedrohungsdiskursen und Begriffen wie sexualisierter Gewalt, Zwangsheirat und Ehrenmord geprägt sind.

Im Workshop gab er einen Überblick über den Stand der Forschung zu diesem Thema. Im Workshop stellte Tunç eine Reihe von Studien zum Männerbild vor. Ein wesentliches Ergebnis: Die Zahl der Machos ist in der muslimischen Community nicht wesentlich größer als unter Menschen mit deutschen Vorfahren. Auch bei den Muslimen gibt es eine Vielfalt an Geschlechterrollen. „Männer der ersten Einwanderer-Generation nehmen sich oft viel Zeit für ihre Kinder und tragen so dazu bei, den sozialen Aufstieg zu fördern“, sagte der Wissenschaftler. Er betonte, dass Studien über Einwanderer der 1. Generation populären Stereotypisierungen über Männlichkeit und Migration widersprechen. Die Ethnisierung sozialer Probleme und die Dominanz von Negativdiskursen garantieren jedoch einen pauschalen Modernisierungsgewinn für die Mehrheitsgesellschaft.

Tunç plädierte für eine Vielfalt der Perspektiven. Es sei – auch und gerade in der Schule – wichtig, die Menschen durch verschiedene Brillen zu sehen. Ein und derselbe Mensch und sein Verhalten könne so vielschichtig wahrgenommen werden. Die Kultur-Brille zeigt ihn als von Kultur und Religion geprägt. Die Migrations-Brille stellt seinen Werdegang als einer, der einen weiten Weg hinter sich hat, ins Zentrum. Die Diskriminierungs-Brille zeigt, wo sein Handeln von Erfahrungen des Unterdrückt-Seins geprägt ist, während die soziale Brille erkennen lässt, wie Armut das Verhalten prägt oder die Gender-Brille Rollen-Verhalten deutlich macht. Und die Subjekt-Brille wiederum sieht ihn als einen Einzelnen, der von all den Aspekten geprägt ist. Tunç betonte, dass die Balance von Männlichkeitskritik und Empowerment oft ein Dilemma von Anerkennung und Festschreibung in sich birgt. Die anschließende Diskussion brachte viele Impressionen aus dem Rollenverhalten vor Ort – bis hin zu einem jungen Muslim, der in der Schulküche seinen Spaß am Kochen entdeckt, aber alles dafür tut, dass die anderen Jungs davon nichts erfahren. Und sie warf die Frage auf, inwieweit Religion eine Ressource für emanzipatorische Männlichkeitsbilder und Geschlechterdemokratie sein kann?

Unter dem Titel „Wie Prävention gegen Salafismus gelingen kann – Erfahrungen und Ausblick“ schloss Michael Kiefer, Islamwissenschaftler an der Universität Osnabrück, an das Vortags-Referat des Kölner Journalisten Ahmet Şenyurt an. Den Ist-Stand im Umgang mit salafistischen Jugendlichen schilderte er als Aneinanderreihung großer Lücken, insbesondere in der Kooperation der Behörden und bei der Weiterverfolgung von Fällen, die bereits einmal gemeldet wurden. Exemplarisch schilderte Kiefer einen Fall, bei dem eine Klassenlehrerin mitbekam, dass Jugendliche eine „Probesprengung“ gefilmt und in der Schule herumgezeigt hätten. Sie ging zum Schulleiter und der Schulleiter zum Jugendamt. Es passierte jedoch nichts: „Dort dachte man, die Polizei macht etwas. Und die Polizei denkt im Zweifel: Wir machen doch keine Erziehungsarbeit“ so Kiefer. Überhaupt sei in Jugendämtern die Einsicht nicht sehr verbreitet, dass „Gefahr für Leib und Leben und Gesundheit“ (bei der sie einzugreifen haben) auch bestehe, wenn jemand kurz davor sei, sich und andere in die Luft zu sprengen.

Insgesamt attestierte Kiefer vielen Behörden ein „regelrechtes Abwehrverhalten“. Dass die relevanten Akteur*innen nicht in „eine vernünftige Kooperation“ kämen, sei fatal: „In vielen Städten gibt es eine richtig harte Problemlage, die nicht ausreichend bekämpft wird.“ Positive Beispiele seien einige Kommunen, in denen Räte für Prävention oder ähnliche Organisationen die Beteiligten regelmäßig an einen Tisch brächten.

Wie es gehen könnte, stellte Kiefer auch vor: Mit einem siebenschrittigen Clearingverfahren für radikalisierte Jugendliche. Das ist zurzeit an sechs Modellschulen in Deutschland in Erprobung und mit je einer halben Sozialarbeiterstelle ausgestattet, die koordiniert und das Monitoring übernimmt. Weil sechs Schulen nur begrenzte lokale Wirkung entfalten und alle anderen Schulen über derartige Ressourcen nicht verfügen, wurde gefragt: „Was nützt mir das als einzelne Lehrerin?“ Kiefer erklärte, jede Schule könne etwas tun: Zum Beispiel für Einzelne oder alle Kolleg*innen eine zertifizierte Fortbildung organisieren, oder Teile der von ihm vorgestellten „Implementierten Handlungsstrategie“ in der Lehrer- oder Schulkonferenz aufgreifen. Bereits wenn es gelänge, im konkreten Bedarfsfall eine grundlegende Arbeitsteilung und Interventionsstrategien festzulegen, sei viel gewonnen. Wichtig ist hierbei grundsätzlich, die Koordination in feste Hände zu legen; die Schulleitung etwa, oder den/die Sozialarbeiter*in.

Von Seiten der GEW Berlin wurde bemängelt, es gäbe „viel zu wenig Handreichungen für Lehrkräfte: Wann muss ich reagieren und an wen wende ich mich dann?“ Ebenso wurde von Seiten der Teilnehmer*innen deutlich, wie nah viele an dem Thema dran sind: Weil ihre Schüler*innen an den „Lies!“-Koran-Verteilaktionen beteiligt sind oder sich als Verfechter so genannter „Ehrenmorde“ outen. Kiefer empfahl ein „hohes Maß an Grundrechtsklarheit und klare Positionierungen“, auch um andere Schüler*innen zu stärken, Position zu beziehen.“

„Der Islam als Bedrohung“ ist nach wie vor ein extrem beliebtes Thema deutscher Medienmacher: Davon konnten sich die Teilnehmer*innen zu Beginn des Workshops „Rechtspopulistisches Aktionsfeld: Muslimfeindlichkeit“ in einer kurzen Dia-Schau überzeugen. Referent Daniel Bax zeigte Zeitschriften-Titel politischer Magazine aus mehreren Jahrzehnten, die sich frappant ähneln: Überall werden muslimische Männer als fremd und gefährlich, Musliminnen als „unterdrückte Wesen“ dargestellt. „Angstbilder und Stereotype sind attraktiv für Medien, weil sie sich gut verkaufen“, erklärte Bax – im Hauptberuf Redakteur der „taz“ – seinen Zuhörer*innen. In jüngster Zeit registriert er eine Entwicklung von der Panikmache hin zur Verschwörungstheorie: Die These von der „stillen Islamisierung“ Deutschlands und Europas mit dem Ziel, ein „Eurabia“ zu etablieren, schaffte es auf das Cover des „Spiegel“. Ein Buch mit dem nahezu gleichen Titel veröffentlichte im vergangenen Jahr der ehemalige FAZ-Redakteur Udo Ulfkotte.

Bax beleuchtete anschließend die Rolle von Publizisten wie Ulfkotte, die sich zum Sprachrohr antiislamischer Ideologie machen. Es sei egal, dass kaum eine Bevölkerungsgruppe sozialwissenschaftlich so gut erforscht sei wie die Muslime; dass die große Mehrheit einem gemäßigten Islam anhänge, viele seit Jahrzehnten hier lebten und die Geburtenraten zwischen Deutschen und Einwanderern sich anglichen: Die islamfeindliche mediale Saat gehe auf: „Umfragen zufolge sieht mehr als die Hälfte der Deutschen den Islam mittlerweile als Bedrohung an.“

Der Referent skizzierte, wie Konflikte, an denen Muslime beteiligt sind – wie etwa zu Silvester in Köln – oft voreilig auf kulturelle und religiöse Faktoren zurückgeführt werden. Im öffentlichen Diskurs werde bereits seit Langem aus dem muslimischen Glauben eine „Fremdheit konstruiert, die nicht zu überwinden ist“. An scheinbaren Gegensätzen wie „der Islam“ und „der Westen“, „die Deutschen“ und „die Muslime“ könnten nun - in Zeiten von Flüchtlingskrise und islamistischen Terroranschlägen – die islamfeindlichen Populisten aus Pegida und die AfD anknüpfen.

In einem Exkurs verglich Daniel Bax rechtspopulistische Kampagnen in Österreich, der Schweiz und in skandinavischen Ländern für ein Verbot von Burkas und Minaretten: Materie, die sich für Skandalisierung und Emotionalisierung eignet, die im Alltag zwar kaum Probleme verursacht – aber großes Spaltpotenzial in sich trägt. Komme es künftig zu islamistischen Anschlägen, so würden dies Populisten künftig für weitere Polarisierung nutzen, prophezeite Bax. „Da spielen sich Extremisten die Bälle zu.“ Doch wie können engagierte „Normalbürger*innen“ gegen die Macht medialer Zerrbilder angehen? Säkulare Muslim*innen könnten sich stärker in den Diskurs über Religion einmischen, so ein Vorschlag aus dem Plenum. Muslime und Nicht-Muslime könnten über Alltagsthemen – wie etwa das Essen und Fasten im Ramadan - ins zwischenmenschliche Gespräch kommen, lautete ein anderer. „Man muss die Debatte entislamisieren“, resümierte Daniel Bax.

Unter dem Titel „Minderjährige Geflüchtete – eine Herausforderung für Schule, Kinder- und Jugendhilfe“ stellten Talibe Süzen und Sinja Vogel vom Bundesverband der AWO in knapper Form die rechtliche Lage begleiteter wie unbegleiteter Minderjähriger vor. Während die Lage von allein reisenden Kindern und Jugendlichen naturgemäß höchst schwierig ist, wiesen die AWO-Mitarbeiterinnen daraufhin, dass in rechtlicher Hinsicht eher Kinder, die mit ihren Familien kommen, „im Schatten der Kinder- und Jugendhilfe“ leben. In den Not- und Gemeinschaftsunterkünften seien sie in Sachen Raum und Privatsphäre klar benachteiligt; zudem gäbe es für sie weniger Fördermöglichkeiten, aber auch weniger Zugang zu Informationen über das Kinder- und Jugendhilfesystem. Und: Eltern trauten sich häufig nicht, Hilfen in Anspruch zu nehmen, aus Sorge, das könne negative Auswirkungen auf ihren Aufenthaltsstatus haben.

Noch schlechter stelle sich die Lage junger Volljähriger da: Das Herausfallen aus dem Kinder- und Jugendhilfesystem habe „immense Konsequenzen“ erklärte Sinja Vogel, auch auf den Verbleib im Bildungssystem: „Immer noch werden Schule oder Ausbildung häufig abgebrochen“; häufig ende die Schulpflicht bei Vollendung des 18. Lebensjahres. Angemahnt wurde eine interkulturelle Öffnung aller Dienste: „Darüber sprechen wir seit 25 Jahren“, so Talibe Süzen. In dieser Hinsicht sah sie in dem Zuzug von Flüchtlingen auch Chancen, dass diese Forderung endlich ernster genommen werde.
Für die GEW Berlin forderte Juliane Zacher vom Vorstandsbereich Schule den sofortigen Zugang zu Bildung für alle Kinder, unbefristete Verträge für die neu eingestellten Kolleg*innen und Fortbildung für alle. Auch die Produktion von DaZ-Material (Deutsch als Zweitsprache) sei überfällig.

Wie groß die Herausforderungen an den Schulen sind, wurde in der Debatte deutlich: Lange wurde über die extrem heterogenen Willkommensklassen (in Alter wie bei den Sprachkenntnissen) diskutiert; und über DaZ- Lehrkräfte „allein vor Ort“, die häufig nicht einmal im Kollegium verankert seien und denen nicht nur für den Umgang mit teils traumatisierten Jugendlichen, sondern auch für Sprachvermittlung die entsprechende Ausbildung fehle. Kontrovers diskutiert wurde die Frage, ob der Unterricht in Regelklassen der bessere Weg sei – auch dort fühlen sich allerdings Kollegen überfordert, die „von heute auf morgen fünf Flüchtlinge in ihrer Klasse haben.“ Einig war man sich, wie hilfreich Begegnungen zwischen deutschen und geflüchteten Jugendlichen seien, auf welcher Ebene auch immer: Mehrfach wurde von gemeinsamen Unternehmungen nach der Unterrichtszeit berichtet, die Kontakte schafften. Gut geht alles ohne viel Sprache – auch gern belächelte Dinge wie Kochen oder Tanzen.

Früher zogen oft linke Aussteiger aufs Land. Heute siedeln in manchen Regionen verstärkt Rechtsextreme mit ihren Familien und versuchen, das politische und gesellschaftliche Leben in den Kommunen zu prägen. Dr. Heike Radvan von der Amadeu Antonio Stiftung gab im Workshop "Umgang mit Rechtsextremismus in pädagogischen Arbeitsfeldern im ländlichen Raum" einen Überblick über diese Siedlungsbewegung von Rechtsextremen im ländlichen Raum, wo die demokratischen Parteien oft nur schwach vertreten sind und wenige Angebote machen. „In manchen Regionen ist die NPD die einzige Partei, die Bürgerbüros aufmacht“, sagte sie. „Die Zivilgesellschaft ist dort sehr schwach.“

Es sei oft schwer zu erkennen, ob es sich bei Nachbarn um Rechtsextreme handelt. Der Zuzug von Rechtsextremen sei kein Jugendphänomen und auch Kleidung und Lifestyle seien nicht mehr, wie noch vor einigen Jahren, eindeutig. Vielmehr sei es heute Strategie, erstmal nicht erkannt zu werden. „Die Rechtsextremen leben unauffällig“, sagte Radvan. Sie engagieren sich bewusst in der Kommune, arbeiten in Parlamenten mit, treten freundlich und nett auf. „Aber nur weil jemand freundlich scheint, muss er es nicht sein“, sagte die Wissenschaftlerin und erinnerte daran, dass nach Angaben der Amadeu Antonio Stiftung 184 Morde durch Rechtsextreme seit 1989 gab.

Zu erkennen seien die Rechtsextremen Siedler an der Sprache und den Ideologien der Ungleichwertigkeit, die sie vermitteln. Dabei, so Radvan, bedienen sie sich oft populärer Themen wie Kindesmissbrauch oder Tierschutz, um ins Gespräch zu kommen. Es brauche einen dezidierten Blick, um die Ideologien dahinter zu sehen. Was sich durchzieht sei die Vorstellung einer homogenen deutschen Gesellschaft. „Es gibt eine Wir-Gruppe, der eine Fremdgruppe gegenübersteht – und das wird verbunden mit Auf- und Abwertungen“, so Radvan.

Zentraler Unterschied zu anderen Jugendkulturen sei das gewaltförmige Handeln,  sagte Radvan. Gewalt präge auch viele Familien und die  Erziehung der Kinder. „Manche haben auch verstanden, dass sie Führungspersönlichkeiten nur erziehen, indem sie nett zu ihren Kindern sind.“ An Hand von Fallbeispielen haben die Teilnehmenden dann versucht, Strategien gegen solche Initiativen zu diskutieren. Da ging es zum Beispiel um eine Mutter, die im Klassenraum die Bilder tauschen wollte – statt Kinder aus aller Welt sollten da doch lieber die eigenen Kinder zu sehen sein. Was tun, wenn dieselbe Frau kurz darauf Flyer gegen Zuwanderung verteilt? Die Teilnehmenden befanden, dass ein Lehrer oder eine Lehrerin in einer solchen Situation zunächst das Verteilen von Flyern in der Schule spontan unterbinden kann. Aber im weiteren Verlauf solle man nicht alleine handeln, sondern gemeinsam mit anderen nach Lösungen suchen. Fazit: Eine gelebte demokratische Alltagskultur, konkreter Minderheitenschutz, eine sichtbare Zivilgesellschaft und klare demokratische Botschaften öffentlicher Autoritäten seien richtige Antworten. Ziel wäre, dass sich die Schule positioniert und auf der Grundlage eines demokratischen Leitbildes handelt.

World Café

Schlussfolgerungen für die politische Bildungsarbeit

Am Abend wurden die Workshop-Themen des zweiten Tages in einem World Café noch einmal aufgegriffen: Dabei erhielten alle die Gelegenheit, sich in drei weiteren Themen je 20 Minuten über Erfahrungen, Problemlagen und Bedarfe auszutauschen. Schwerpunkt sollte sein, aus den Arbeitsgruppen des zweiten Tages Schlussfolgerungen für das Courage-Netzwerk und für die politische Bildung und die Arbeit mit Schüler*innen abzuleiten.

Zum „Argumentationstraining gegen rechtspopulistische Strategien im Internet“ wurde im Kampf gegen die „allgegenwärtige Hatespeech“ eine stärkere und frühere Thematisierung sozialer Medien an Schulen zur Stärkung der Medien-, Netz-, und Recherchekompetenz von Kindern und Jugendlichen vorgeschlagen. Dies ermögliche ihnen, eine kritische Haltung zu den Inhalten zu entwickeln und sich kompetent und sicher im Netz zu bewegen. Ebenso wurden Fortbildungen zu Cyberöffentlichkeit für Pädagog*innen vorgeschlagen. Auch wurde angeregt, sich nicht nur mit Social Media zu befassen, sondern auch mit einschlägigen rechten/rechtsextremen Seiten im Internet, und neben externer Expertise auch Jugendlichen als Expert*innen einzubinden, da sie sich oftmals besser auskennen würden als ihre Lehrkräfte und oft zündende Ideen für eigene Medienprojekte haben.

Zum Thema „Rechtspopulismus: Aktionsfeld Muslimfeindlichkeit“ wurde ein „manifestes Halbwissen, vor allem im Osten“ konstatiert. Empfohlen wurden, um „Angst ab- und Toleranz aufzubauen“, Dialoge mit Muslim*innen: Von Kennenlernen muslimischer Schüler*innen über Kontakte zu Moscheegemeinden bis zu interreligiösen Dialogen. Mehr muslimische Sozialarbeiter*innen an Schulen wurden gefordert. Eine Teilnehmerin forderte demgegenüber, davon weg zu kommen, Muslime als Muslime zu treffen und stattdessen ein Verständnis von Vielfalt zu vertreten, das Menschen gerade nicht als Mitglieder dieser oder jener Gruppe kennzeichnet.

Zum „Umgang mit Rechtsextremismus im ländlichen Raum“ wurde erörtert, dass nicht nur Engagierte auf dem Land Schwierigkeiten hätten, passende Träger zum Thema X oder Y zu finden. Auch Träger in Städten täten sich oft schwer, Kontakte in den ländlichen Raum, in den sie gern hineinwirken, herzustellen. Es wurde von positiven Beispielen der besseren Vernetzung berichtet; angefangen mit gezieltem Aufbau von Kontakten, wozu auch Vor-Ort-Besuche zählen.

Beim Thema „Minderjährige Geflüchtete“ drehte sich erneut viel um Spracherwerb. Aus Unna wurde positiv berichtet, dort seien zwei Kollegen der Kommunalen Integrationsstelle damit beschäftigt, alle schulpflichtigen geflüchteten Kinder daraufhin zu „interviewen“, an welcher Schule sie mit ihrem Sprachniveau und ihrer Vorbildung am besten aufgehoben seien. Im zweiten Schritt würden sie dann „selbstverständlich auch an Gymnasien“ untergebracht; das ist offenbar nicht allerorten so. Auch würden freiwillige Oberstufenschüler*innen in die schriftliche Alphabetisierung einbezogen. Kritisch gefragt wurde: „Müssen wir uns als Schulen ohne Rassismus mit Sprache befassen?“ Oder ist es nicht im Sinne des Selbstverständnisses des Netzwerks viel passender, sich anderen Themen zu widmen? Das könnten die sozialen Kontakte an Schulen und in den Kommunen sein, oder, noch allgemeiner, die Frage, was junge Geflüchtete „hier lebensfähig macht“. Angemerkt wurde auch: Viele Projekte mit Geflüchteten sind nicht sichtbar. Hier gilt es, möglichst viel Öffentlichkeit herzustellen.

Am Thementisch „Prävention von Salafismus“ drehte sich statt um das genannte Thema vieles um eine – nach Beobachtung mancher – allgemein steigende „konfrontative Religionsausübung“ muslimischer Schüler*innen (beziehungsweise Eltern) sowie um den Einfluss konservativer Moscheen, etwa durch Milli Görus. Als wichtig erachtet wurde, auf vielen Ebenen und auch mit Sozialarbeiter*innen zu kommunizieren sowie Lehrer*innen in Bezug auf das Themenfeld Islam besser fortzubilden. Diese trauten sich häufig nicht zu, sich zum Islam oder mit ihm verbundenen tatsächlichen oder vermuteten Praktiken zu äußern. Islamischer Religionsunterricht wurde überwiegend begrüßt; auch als Zeichen des Respekts und als Raum, in dem Schüler*innen fundiertes Wissen über ihre Religion erwerben und jene praktisch leben können. Als seltener Modellversuch wurde der gemeinsame Unterricht von jüdischen, muslimischen und christlichen Schüler*innen an einer Katholischen Schule in Münster erwähnt.

In der Runde „Ist der muslimische Mann ein Macho?“ fragte man sich vor allem, wie der „religiösen Aufladung der Migrationsdebatte“ zu entkommen sei – und stellte fest, dass die Debatte noch ganz am Anfang ist. Männliche Lehrer berichteten, von manchen ebenfalls männlichen zugewanderten Jugendlichen auf geradezu groteske Weise als Autorität betrachtet zu werden; insbesondere wenn sie sich so autoritär benähmen, wie es im deutschen Schulunterricht eigentlich unüblich ist. Gefragt wurde, ob diese Autorität unter Umständen positiv im Sinne einer Veränderung patriarchats-affiner Einstellungen zu nutzen sei. Obwohl die damit verbundenen Konfliktfelder alles andere als neu sind, gerät das Themenfeld Sexismus immer noch oft in den Hintergrund. Wird es offen diskutiert, ist es für Lehrkräfte unverzichtbar, die eigene Rolle sowie Zuschreibungen an die „Anderen“ zu reflektieren.

Autorinnen der Tagungsdokumentation: Jeannette Goddar, Cornelia Gerlach und Lukas Grasberger. Alle Fotos auf dieser Seite von: Björn Stysch/ bpb