III. Die Qualität unserer Arbeit sichern

In der abschließenden Workshop-Phase ging es am 3. Juni um die Frage, wie das Netzwerk Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage die Qualität seiner Arbeit absichern könne.

Prekäre Bedingungen prägen oft die soziale Arbeit an den Schulen: An dieser Beschreibung der Situation im Vortrag von Norbert Hocke (GEW) knüpfte der Workshop „Qualitätssicherung: Wie Schulsozialarbeit die Menschenrechtserziehung befördert“ mit der Frage an, wie Schulsozialarbeit die Menschenrechtserziehung befördern kann. Dass die Schulsozialarbeit deutschlandweit einem Flickenteppich gleicht - mit jeweils ganz unterschiedlichen Aufgaben und Zuständigkeiten je nach Bundesland und Schule vor Ort – das kam in den Erfahrungen der Workshop-Teilnehmer*innen zum Ausdruck: Da berichtete eine Sozialarbeiterin, sie habe ihr Projekt von Schule ohne Rassismus über die Jahre voranbringen können, es ist demnach bei Schüler*innen wie Kolleg*innen gleichermaßen etabliert. Eine Kollegin klagte, obwohl ihre Schule seit Jahren den Titel Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage trage, sei de facto keine Anti-Diskriminierungsarbeit erfolgt. „Wir sind bei Null gestartet. Die Unterstützung aus dem Lehrerkollegium war bisher nicht da.“ Warum bleibt die Menschenrechtserziehung durch Schulsozialarbeiter so oft Stückwerk? Drei Hauptgründe kristallisierten sich dafür aus der Teilnehmerrunde heraus: Schulsozialarbeit werde „häufig von Lehrer*innen und Schulleitung abgewertet“; es gebe keine Augenhöhe zwischen Pädagog*innen und Sozialarbeiter*innen; und schließlich seien die Aufgaben der Schulsozialarbeit nicht klar definiert.

Die gesetzliche Verankerung der „schulbezogenen Kinder- und Jugendhilfe“ wäre ein erster Schritt, um der Schulsozialarbeit zu mehr Geltung zu verhelfen: Diese Auffassung fand im Workshop einhellige Zustimmung. In der Schule kann soziale Arbeit eine Stärkung ihrer Position erreichen, indem Courage-Projekte in den Unterricht eingebunden werden, lautete ein weiteres Ergebnis des Workshops. Eine enge Kooperation mit Lehrer*innen und Schüler*innen sowie eine transparente Kommunikation der Antidiskriminierungs-Arbeit könne Anerkennung im Kollegium schaffen. „Die Schulen wissen oft nicht genau: Was soll Schulsozialarbeit machen? Das muss man oft selber entwickeln“, schilderte der Referent und Sozialpädagoge Wolfgang Brust seine Erfahrungen. Dieser Mangel an Konzepten wurde im Workshop als Chance, aber auch als Risiko diskutiert: Ein Teilnehmer hob die Gestaltungsfreiheit seiner Arbeit hervor: Bei der Betreuung von geflüchteten Kindern, die in Willkommensklassen zunächst nur „Deutschunterricht pur“ bekamen, habe man sich „positiv hineingedrängt“ und mit einem Fußballturnier und Theater einen Austausch mit deutschen Jugendlichen ermöglicht. Eine Schulsozialarbeiterin sprach die Gefahr an, mangels klarer Aufgabenzuschreibung und dem hierarchischen Gefälle zu Lehrkräften und Schulleitung als „Mädchen für Alles“ zu enden. Wie kann soziale Arbeit in der Schule nun aufgewertet und gestärkt werden? Zu dieser Frage entwickelten die Teilnehmer*innen eine abschließende Zielvorstellung: Kontinuierliche inhaltliche Antidiskriminierungs-Arbeit werde am besten gewährleistet durch eine systematische Beratungs-, Vermittlungs- und Projektarbeit in multiprofessionellen Teams, denen Lehrer*innen wie Sozialarbeiter*innen gleichermaßen angehören. Deutlich wurde auch: Schulsozialarbeiter*innen brauchen die Ressource Zeit, um gemeinsam mit Schüler*innen Projekte auf die Beine zu stellen.

Unter dem Titel „Qualitätssicherung: Wie Regionalkoordinationen zur Nachhaltigkeit des Courage-Ansatzes beitragen“ diskutierten Andrea Rauch von der Landeskoordination Brandenburg sowie Aneta Reinke von der Regionalkoordination Mittelfranken mit dem zuständigen Referenten der Bundeskoordination, Mark Medebach, vor dem Hintergrund der gewandelten Struktur von Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage. In drei Bundesländern – Sachsen-Anhalt, Bayern, Brandenburg – haben in den vergangenen Jahren Regionalkoordinationen ihre Arbeit aufgenommen. Insgesamt sind unterhalb der Ebene von Bundes- und Landeskoordinationen inzwischen 20 Regionalkoordinationen tätig; eine Zahl, von der Geschäftsführer der Bundeskoordination Eberhard Seidel zu Beginn der Tagung gesagt hatte, sie solle binnen der kommenden Jahre auf 120 steigen.

Im Gespräch mit mehreren Kooperationspartnern aus verschiedenen Ländern, die gern Regionalkoordinationen werden würden oder bereits arbeitenden -koordinator*innen, stellte sich heraus: Die Schaffung einer weiteren Ebene ist aus zwei Gründen wichtig: einmal, weil in einem dünn besiedelten Land wie Mecklenburg-Vorpommern die Wege sehr weit sind; zum zweiten, weil in manchen Regionen – NRW zum Beispiel – die Zahl der Schulen sehr schnell steigt. Aneta Reinke, Bezirksjugendring Mittelfranken, rechnete für ihre Region, die „drei mal so groß ist wie das Saarland“, vor, dass es angesichts von bald 600 Schulen in Bayern auch dort noch mehr als die bereits bestehenden sieben Regionalkoordinationen geben sollte. Eine bunt gemischte Trägerstruktur der Regionalkoordinationen ermöglicht unterschiedliche Ansätze, die sich in dem betreffenden Bundesland gut ergänzen könne. 

Andrea Rauch beschrieb das brandenburgische Modell, in dem in Potsdam die Landes- und eine der insgesamt fünf Regionalkoordinationen unter einem Dach arbeiten. Während die Landes- den Kontakt zur Bundeskoordination (und in die Regionen) halte und auch weiterhin Titel verleihe, betreue jeder Regionalkoordinator 10 bis 15 Schulen auf dem Weg zum Titel sowie bei ihren Aktivitäten und Projekten im regionalen Netzwerk. Auch die Durchführung regionaler Netzwerktreffen, Gespräche mit regionalen Kooperationspartnern, Schulberatung und Fortbildung zählen zu ihren Aufgaben. Da die Regionalkoordinationen eng an den Schulen „dran“ sind, können sie am besten die Schulen bei der nachhaltigen Implementierung des Projekts und bei der Qualitätssicherung unterstützen.

Wie kann es gelingen, Courage-Aktivitäten sichtbar zu machen und andere zu inspirieren? Zwei ganz unterschiedliche Ansätze dazu wurden in einem Workshop unter dem Titel Qualitätssicherung: Courage-Aktivitäten sichtbar machen und andere inspirieren am Freitag vorgestellt. Stefan Lutz-Simon präsentierte die Homepage der Landeskoordination Bayern und zeigte, wie es die Arbeit spiegelt. Monika Wagner vom Campus Berufsbildung berichtete, wie das Konzept der Vielfalt zum Teil des Schulalltags werden kann.

Die Landeskoordination Bayern hat, so Stefan Lutz-Simon, eine eigene Homepage so gestaltet, dass sie das Netzwerk in Bayern abbildet. Die Schülerinnen und Schüler können sich schnell orientieren und finden, was sie suchen. Regionale Anfragen werden in die Region zurückverwiesen. Ziel ist nicht, noch mehr Schulen ohne Rassismus zu gewinnen, sondern nachhaltig zu arbeiten. Dafür haben man unter anderem angefangen, Jugendliche zu Aktiv-Coaches auszubilden, die Ideen für Projekte entwickeln und vor Ort umsetzen, frei nach der Devise: „Macht die Schüler stark und guckt, was die machen.“ Im anschließenden Gespräch wurde allerdings deutlich, dass diese Strategie nicht überall aufgeht. „Meine Schüler sitzen mehr in irgendwelchen Workshops, als dass da was passiert“, sagte eine Lehrerin.

Monika Wagner ist Lehrerin für Gesundheitsberufe am Campus Berufsbildung in Berlin. An dieser großen Schule werde das Konzept der Interkulturalität gelebt, sagte sie, „wir begreifen Vielfalt als Potenzial.“ Mehr als 25 Prozent der Azubis haben Migrationshintergrund, 33 Länder seien an dieser Schule vertreten. „Mit Schule ohne Rassismus werden hier alle aktiviert“, so Wagner. Ein Beispiel: Die Schule hat ein Leitbild verabschiedet, das für alle deutlich sichtbar im Flur hängt.

Zum Thema „Qualitätssicherung: Altersgemäße Courage-Aktivitäten an der Grundschule“ berichteten Monika Wallbrecht und Christine Hauschulz von der Integrierten Gemeinschaftsgrundschule Pannesheide in Nordrhein-Westfalen und Nurdan Kütük-Chung von der Katharina-Heinroth-Grundschule Berlin, wie bereits Grundschulen im Sinne des Netzwerks Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage äußerst aktiv sein können. Die Grundschule Pannesheide etwa hat auf dem Weg dorthin nicht nur eine „Schulverfassung“ in einer Sprache verfasst, die bereits Grundschüler*innen verstehen; ihr glückt es auch, früh – und altersgemäß – so komplexe Themen wie Nationalsozialismus und Rechtsextremismus aufzugreifen. Entscheidend sei, sagte Schulleiterin Wallbrecht, bereits Kindern zu vermitteln, dass sie „mit ihrem Einsatz in der Gesellschaft Wirkung erzielen“ und Themen in einer Art und Weise zu beackern, die für Kinder eine erkennbare Bedeutsamkeit hätten und mit der sie Autonomie, Kompetenz und Zugehörigkeit entwickeln können. Die Referentinnen teilten die Einschätzung, dass die Unterstützung durch die Leitungsebene der Schule, aber auch durch Lehrkräfte für die langfristige Implementierung des Projekts wesentlich ist und Zeit braucht. Kütük-Chung betonte, nicht nur Kinder, Lehrkräfte und Sozialpädagog*innen in den Blick zu nehmen; auch die Eltern und die direkte Nachbarschaft im Sozialraum seien eine wichtige Ressource. Die frühzeitige Sensibilisierung für Themen der Demokratie weckt das langfristige Engagement für Demokratie und Beteiligung.

Für die Bundeskoordination stellte Matthias Schwerendt klar, es sei durchaus gewünscht, dass Grundschulen die Selbstverpflichtung des Netzwerks in altersgemäße Sprache übersetzen. Dieser Prozess sei auch gut geeignet, „um Kindern zu vermitteln, was Courage eigentlich ist“ – wozu es aus Pannesheide hieß, tatsächlich kämen Schüler*innen mit der Schulverfassung angelaufen und sagten: „Guck, der hat gegen Paragraf 4 verstoßen.“ Und: „Einen Schüler bei uns als >Behinderter< zu beschimpfen, würde sich heute niemand mehr trauen.“

Schwerendt stellte zudem das neue Handbuch der Bundeskoordination vor: Ab Ende August 2016 liegt der Mitmach-Ordner „Lernziel Gleichwertigkeit“ mit 236 Seiten in einer Fassung für die Grundstufe vor. Er enthält wesentliche Informationen über die Arbeitsweise der Akteur*innen im Netzwerk und deren Zusammenspiel sowie die dahinter stehende Philosophie, dass alle Ideologien der Ungleichwertigkeit etwas Verbindendes haben und es gelte, sie gemeinsam zu bekämpfen. Vor allem aber beantwortet das Handbuch zahlreiche in der Qualitätsdebatte gestellte Fragen; allen voran die, ob Grundschüler mit den komplexen Fragen, die das Courage-Netzwerk bewegen, nicht zu jung seien. Nein, macht auch das Handbuch deutlich: Mit Demokratieerziehung kann man nicht früh genug beginnen. Entscheidend sei das „Wie“ der Vermittlung. Dafür bietet das Handbuch zahlreiche Praxisbeispiele und kindgerechte Materialien zu Themen von Antisemitismus über Kolonialismus und Nationalsozialismus und Rassismus; ebenso zu der Frage, wie man mit Grundschüler*innen Musik, Tanz, Sport und andere Methoden im Sinne der Netzwerk-Themen einsetzt. 

Um Courage-Aktivitäten im ländlichen Raum zu begleiten bedarf es anderer Ressourcen als in den Städten. Das zeigte die Diskussion im Workshop "Qualitätssicherung: Besonderheiten der Courage-Aktivitäten im ländlichen Raum" besonders eindrücklich. Hier referierten Claudia Schlaier von der Landeskoordination in Mecklenburg-Vorpommern und Dirk Assel vom DGB. Die Teilnehmenden kamen fast alle aus ländlichen Regionen. Sie berichteten, wie schwierig es ist, eine kontinuierliche Arbeit auf den Weg zu bringen, wenn man allein auf weiter Flur ist und die Schülerinnen und Schüler im großen Umkreis verstreut leben. Die Zivilgesellschaft sei in den Dörfern oft wenig ausgeprägt, es gäbe wenig kulturelle Diversität, an die man anknüpfen könne. Manches scheitere da schon an der Frage, wo man Geld und gute Ideen finden kann. Sanem Kleff verwies auf die Handbücher für die Praxis und einen großen Pool von Referentinnen und Referenten im Netzwerk.

Eine Lehrerin erzählte, wie an ihrer Schule das Thema von den Jugendlichen selbst wieder ins Gespräch gebracht wurde. Schülerinnen und Schüler hatten das Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage-Schild gesehen und wollten aktiv werden. Erst verkauften sie selbst gebackenen Kuchen und stemmten mit dem Erlös ein erstes kleines Projekt. Sie sagte: „Mindestens einmal in der Woche klopft jemand an meine Tür und sagt, wir wollen was machen.“

Im Workshop „Wege zu einer rassismusfreien Schulkultur“ kamen zu Beginn die Teilnehmer*innen zu Wort. Auf die Frage: „Wie werden Rassismus und Diskriminierung an eurer Schule thematisiert?“ kam aus dem Plenum unterschiedlichste Antworten: Von Ausstellungen über regelmäßige Aktivitäten einer Schule-ohne-Rassismus-AG bis hin zu einem Wertekodex und Kleiderordnungen, mit denen diskriminierende Symbole sanktioniert werden, reichten die Maßnahmen der Bildungseinrichtungen. Eine genauere Analyse der auf einem Flipchart gesammelten Begriffe dazu zeigte: Es gibt viele Courage-Einzelprojekte, auch schon einige Institutionalisierung. Nahezu Fehlanzeige indes herrschte bei Instrumenten zum Umgang mit akuten Fällen von Rassismus.

Dass konkrete und konsequente Interventionen bei Rassismus angebracht wären, versuchte Nathalie Schlenzka mit Zahlen zu untermauern. Die Referentin vom Büro der Antidiskriminierungsbeauftragten des Bundes zitierte zum Thema eine jüngere Umfrage: Demnach hat unter den Menschen mit Migrationshintergrund nahezu jeder Vierte bereits Diskriminierung in Schule und Ausbildung erlebt. „Es fehlen aber ausreichend Instrumente der Anerkennung und Unterstützung für die Opfer“, kritisierte Schlenzka. Immerhin gebe es Handreichungen für Lehrer*innen, die sich aus einem Beschluss der Kultusministerkonferenz von 2014 ableiten. Empfohlen würden etwa systematische Befragungen und Gespräche mit Schüler*innen und Eltern, um Rassismus aufzudecken und zu identifizieren; die Regeln und Routinen sowie auch die Notengebung darauf abzuklopfen, ob sie frei von Diskriminierung sind; Die Selbstermächtigung Betroffener, etwa durch Schulungs- und Beratungsangebote; Schließlich Ansprechpartner*innen und Verfahren für Diskriminierungsfälle zu etablieren und Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen.

Die Sprache als zentrales Instrument für die politische Bildung beleuchtete eingehend die Ko-Referentin des Workshops, Lilo Martens (Berliner Senatsverwaltung für Bildung). Martens beklagte, dass Begriffe zunehmend „querbeet und ohne wirkliche Auseinandersetzung“ gebraucht würden. Als Beispiel nannte sie die Balkan-Route – und zeigte große Differenzen unter den Teilnehmer*innen auf, was darunter zu verstehen sei. Nach dieser angewandten Übung in sprachlicher Sensibilisierung spannte die Referentin den Bogen zu diskriminierenden Begriffen im schulischen Alltag, die dann heiß diskutiert wurden. Ein Fazit: Die Alltagssprache der Mehrheitsgesellschaft schließt nur allzu oft aus und diskriminiert. Kontrovers verlief die Auseinandersetzung dann darüber, wie zu neuen, rassismusfreien Begriffen zu kommen sei: Ziehen sich Gesprächspartner*innen zurück oder verstummen, aus Sorge, „etwas falsches“ zu sagen? Irritationen – das wurde in der folgenden Diskussion klar – können auf dem Weg zu einer diskriminierungsfreien Sprache hilfreich sein. Ein Teilnehmer fasste dies folgendermaßen in Worte: „Es ist nicht schlecht, wenn man sich selber ertappt fühlt. Die Stärke liegt darin, sich auf diesen Prozess einzulassen.“

Abschluss der Tagung
Zum Abschluss der Bundesfachtagung blickte Michael Kiefer aus der Perspektive des Trägervereins Aktion Courage e. V., dessen stellvertretender Vorsitzender er ist, auf das Netzwerk. Er appellierte: „Angesichts einer massiven rassistischen Mobilisierung und wachsendem antimuslimischen Rassismus sind wir jene, die dem etwas entgegensetzen können.“ Dazu benötige es im Sinne des Netzwerks Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage vor allem drei Dinge, die allesamt in den drei Tagen zuvor umfassend diskutiert worden waren: Qualitätssicherung, Struktur und Unabhängigkeit.

Autorinnen der Tagungsdokumentation: Jeannette Goddar, Cornelia Gerlach und Lukas Grasberger. Alle Fotos auf dieser Seite von: Björn Stysch/ bpb