Vorträge

Jeweils zum Auftakt der drei Veranstaltungstage standen Vorträge von Vertreter*innen aus Politik, Wissenschaft, Medien und der politischen Bildung auf dem Programm.

Auftakt und Begrüßung

Eberhard Seidel, Geschäftsführer, und Sanem Kleff, Leiterin


Für die Bundeskoordination von Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage begrüßten Leiterin Sanem Kleff und Geschäftsführer Eberhard Seidel 161 Multiplikator*innen des Netzwerks zur Bundesfachtagung, darunter 52 Vertreter*innen von Koordinationsstellen, 64 Mitarbeiter*innen von Kooperationspartnern und 23 Vertreter*innen von Schulen. Kleff erklärte, Ziel der dreitägigen Veranstaltung sei es, in drei Schritten über „Politische Bildungsarbeit in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung“ zu diskutieren. Zunächst würden aktuelle Phänomene der polarisierten Gesellschaft reflektiert und in einem zweiten Schritt konkrete Themenfelder für das Netzwerk identifiziert. Abschließend werde das methodische „Handwerkszeug“, das in den rund 2.400 Schulen ohne Rassismus – Schulen mit Courage zum Einsatz komme, überprüft, um es gegebenenfalls anzupassen. Für all das biete die Bundesfachtagung mit den vielseitigen Themenangeboten und Expert*innenbeiträgen ein „zentrales Instrument der Qualitätsentwicklung unseres Netzwerkes.“

Sanem Kleff ging auch auf jüngst laut gewordene Kritik an dem Konzept von Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage ein. Wenn es – wie etwa nach antisemitischen Vorfällen an einer Berliner Schule – heiße, „Ach, das ist doch eine Schule ohne Rassismus – und da gibt es Rassismus?“, sei das eine naive Bewertung. „Hat wirklich jemand geglaubt, dass mit einem Schild an der Wand, wie von einem Zauberstab berührt, Rassismus aufhört?“ fragte Kleff. Dem sei nicht so – tatsächlich ergebe sich der Titel gerade aus der Erkenntnis, dass an Schulen Rassismus und Gewalt stattfinde und sich die Schulmitglieder deswegen verpflichteten, demgegenüber aktiv zu werden. Konkret gehe es darum, bei dem Auftreten von Diskriminierungen oder Gewalt Ursachen von Ideologien der Ungleichwertigkeit zu suchen („in Strukturen, in Haltungen, in Kompetenzen, im sozialen Umfeld“) sowie konstruktiv zu überlegen, wie diesen begegnet werden kann: „Das ist das Herzstück unseres Anliegens“, so Kleff, „dafür kooperieren, koordinieren und diskutieren wir tagtäglich.“ Eine zentrale Rolle in diesem Engagement würden dabei die mehr als 300 Kooperationspartner sowie die Bundeszentrale für politische Bildung spielen. 

Kleff wandte sich außerdem gegen den Vorschlag, den Titel als Belohnung für bereits Geleistetes zu verleihen und nicht aufgrund einer freiwilligen Selbstverpflichtung von mehr als zwei Dritteln der Schulmitglieder. Denn erstens frage sie sich, wie das „Geleistete“ gemessen werden solle: „in Form eines Aufgabenkatalogs, Curriculums oder einer Zielvereinbarung?“ Zudem widerspreche die Idee, Schulen sollten sich Titel durch Leistung „verdienen“, um dann eine „Belohnung, Auszeichnung, einen Gewinn“ zu erhalten, der Grundidee des Netzwerks: „Das sind andere Begriffe als jene, mit denen wir operieren.“

Mittwoch, 3. Mai 2017

Dr. Mark Terkessidis, Migrationsforscher

Vortrag
Die Entwicklung und Wirkung rassistischer Diskurse im „postfaktischen Zeitalter“
Dr. Mark Terkessidis, Migrationsforscher, Berlin


Der Migrationsforscher Mark Terkessidis leitete den Einführungsvortrag des zweiten Tages mit der Beobachtung ein, dass das postfaktische Zeitalter nicht erst mit der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten begonnen habe. Die Präsentation von vermeintlichen Wahrheiten und Mythen besäße eine lange Tradition, auch was rassistische Zuschreibungen angehe. „Insofern haben wir uns beim Thema Rassismus schon immer im postfaktischen Zeitalter befunden.“ Daran wirkten die Medien kräftig mit, wenn sie alte Mythen verfestigten und neue kreierten, wie beispielsweise den des angeblich faulen Griechen, der die arbeitsamen Deutschen ausbeute. Und auch die sich im Rassismusdiskurs häufig als „die Guten“ definierenden Linken seien vor Rassismus nicht gefeit. Der Migrationsforscher nannte als Beispiel dafür einen Artikel aus der tageszeitung, in dem eine aus der arabischen Welt stammende Künstlerin als „ganz anders als ihre Kultur“, nämlich als „modern europäisch“ beschrieben worden war. Das sei „hanebüchener Unsinn“: „Soll das implizieren, dass wir Europäer die Guten, die Modernen und Aufgeklärten sind?“ 

Nach wie vor gebe es in Deutschland keine eindeutige Definition des Begriffs Rassismus. Auch Methoden und Ansätze seien sehr unterschiedlich, beschrieb er das Defizit. Allerdings habe das Bewusstsein für diese Diskriminierungsform zugenommen. Sei das Wort Rassismus früher in erster Linie im Zusammenhang mit Ausländer*innen oder Migrant*innen verwendet worden, habe man heute zumindest erkannt, dass auch in Deutschland aufgewachsene Bürger*innen von Rassismus betroffen sein könnten. „Die Atmosphäre hat sich geändert, Diskriminierung wird benannt.“ Das liege auch daran, dass in Deutschland immer mehr Menschen mit Migrationshintergrund Ansprüche anmeldeten. Als Gegenreaktion aber wachse zugleich der Populismus. Wir würden in einer Angstgesellschaft leben, in der Menschen um ihre Privilegien fürchteten. In den gegenwärtigen Diskussionen würden häufig Eigenschaften auf Gruppen projiziert und Kompliziertheiten durch einfache Kategorien verschüttet. Doch natürlich gebe es weder „die Muslime“ noch „unsere Werte“. Zugleich benannte Terkessidis Ausgrenzung als ein wichtiges definitorisches Kriterium für Rassismus. Menschen mit Migrationshintergrund seien in Deutschland in den Bereichen Gesundheit, Bildung und Arbeit klar benachteiligt.

Die Wissenschaft sei im Kampf gegen Rassismus nicht immer ein verlässlicher Partner, so Terkessidis. So hätten zuletzt Gesetzesänderungen den größten Wandel in der Rassismusdebatte hervorgebracht und nicht der wissenschaftliche Diskurs. Besonders hob er dabei die Anpassung des Staatsangehörigkeitsrechts im Jahr 2000 hervor. Damals wurde die alleinige Abhängigkeit der deutschen Staatsangehörigkeit von der Abstammung (ius sanguinis) aufgegeben und durch Elemente des Geburtsortsprinzips (ius soli) ergänzt. Die Veränderungen im Bereich der Gesetzgebung hätten den Rassismus zwar nicht abgeschafft, aber den Diskurs maßgeblich verändert. „Die biologische Einheit namens Volk wurde als Sichtweise aufgegeben. So diskutiert heute niemand mehr.“ Zugleich habe die rechtliche Stärkung von Minderheiten, wie durch das Staatsangehörigkeitsrecht, die Einführung der Homoehe und das Anti-Diskriminierungsgesetz, einer Gruppe von Leuten erhebliche Kränkungen zugefügt. 

Der Forscher warnte zugleich vor einer Moralisierung des Diskurses, die Andersdenkende ausgrenzen könne. „Rassistisch denkende Menschen sind nicht automatisch schlechte Menschen. Auch sie haben eine moralische Vorstellung von der Welt.“


Frank König, Deutsches Jugendinstitut


Eingangsreferat aus wissenschaftlicher Perspektive
Was macht gute politische Bildungsarbeit aus?
Frank König, Deutsches Jugendinstitut, Halle


Politische Bildungsarbeit sei ein Prozess – auf vielen Ebenen gestaltbar, eine Gewissheit aber, mit ihr ein bestimmtes Ergebnis zu erreichen, gebe es nicht. Mit dieser Herausforderung konfrontierte Frank König vom Deutschen Jugendinstitut in Halle zu Beginn seines Vortrags die Zuhörer*innen. Darin machte sich König zunächst an eine Begriffsbestimmung politischer Bildungsarbeit, um ihre Theorie, Praxis und Akteur*innen im Folgenden davon abzugrenzen, was politische Bildung nicht sei und nicht sein könne: weder Politikersatz noch Erfüllungsgehilfe in einer politischen Auseinandersetzung, für die Kinder und Jugendliche womöglich instrumentalisiert würden. Politische Bildungsarbeit begebe sich auch dann auf Abwege, so König, wenn sie Schüler*innen erwünschte Ansichten in festdefinierter Form einzutrichtern versuche oder sich als „Feuerwehr zur Bekämpfung gesellschaftlicher Brandherde“ verstehe. Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung sei dagegen wichtig, dass die Akteur*innen politischer Bildung Dissens im Diskurs mit Jugendlichen aushalten können. „Es gibt dabei Konflikte, die lassen sich möglicherweise nicht wirklich lösen“, räumte er ein. Manch junge Teilnehmer*in gehe bewusst in konfrontativer Absicht in eine Diskussion, um – wenn dort erwartbare und erwünschte Positionen artikuliert werden – „ein bisschen dagegen anzukämpfen“ (so äußerte sich ein Jugendlicher in einer Befragung des Jugendinstituts).

Junge Menschen bräuchten allerdings geschützte Räume, um Diskursfähigkeit zu entwickeln. Sie müssten dabei Erfahrungen und auch Fehler machen können, betonte der Referent. Als Gelingensbedingungen führte König dabei zum einen Respekt für den Eigensinn der Teilnehmenden an, zum anderen die Authentizität und Glaubwürdigkeit der Pädagog*innen. Diese müssten sich auch als Objekte anbieten, damit sich die Jugendlichen an ihnen abarbeiten können: „Jugendliche müssen sich reiben können.“ Soziale Kompetenzen wie die Fähigkeit zur Kritik – auch Machtkritik – könnten so erlernt und eingeübt werden. Dabei liegt es König zufolge in der Verantwortung der Pädagog*innen, Partizipationsmöglichkeiten für Jugendliche zu schaffen. Als wirksam hätten sich insbesondere pädagogische Maßnahmen außerhalb des Schulgebäudes erwiesen. Gerade in mehrtägigen Veranstaltungen sei es möglich, Gruppenprozesse zu initiieren. Denn: „Schüler erleben es als befreiend, außerhalb der schulischen Taktung etwas gemeinsam zu gestalten.“ Partizipation wie Freiwilligkeit zählte König zu den zentralen Erfolgsfaktoren für die politische Bildungsarbeit mit Jugendlichen. 

Tagungen wie die des Courage-Netzwerks seien immer auch „Orte der Vergewisserung“, zitierte der Referent Sanem Kleff, die Leiterin der Bundeskoordination von Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage. „Wir verlieren viel zu oft aus dem Blick, was gelingt“, sagte König. Von einem Beispiel gelungener politischer Bildung berichtete eine Zuhörerin im Anschluss an Königs Vortrag: Auf einer Demonstration gegen Rechtspopulist*innen habe sie jüngst eine ehemalige Schülerin wiedergetroffen, erzählte die Pädagogin. Diese habe 2003 als Schülersprecherin den Protest gegen den Irakkrieg als wirksam erlebt. „Diese Schülerin hat die ganz praktische Erfahrung gemacht, mit ihrem Engagement etwas bewegen zu können.“

Donnerstag, 4. Mai 2017

Hanne Wurzel, Bundeszentrale für politische Bildung


Vortrag
Herausforderungen der politischen Bildung in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung
Hanne Wurzel, Leiterin des Fachbereichs Extremismus der Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn


Mit einem brandaktuellen Überblick über die besorgniserregende politische Großwetterlage begann Hanne Wurzel von der Bundeszentrale für politische Bildung ihren Vortrag zu Beginn des zweiten Tages: Mit Marine Le Pen habe Anfang Mai eine Kandidatin kurz vor der französischen Präsidentschaft gestanden, die mit der Forderung nach einem „Stopp der Einwanderung“ auf Stimmenfang ging, auch das Brexit-Votum in Großbritannien sei unlängst mit Ressentiments gegen Fremde gewonnen worden und jüngst hätten die US-Amerikaner Donald Trump auch wegen seiner Tiraden gegen Mexikaner*innen und wegen seines geplanten Einreiseverbots für Muslime zum Präsidenten gewählt. Auch für Deutschland konstatierte Wurzel, „die gesellschaftliche Stimmung ist so vergiftet wie nie“. Rassistische wie islamfeindliche Parolen seien von der Straße und aus rechtspopulistischen Parteien mittlerweile an den Küchentisch vorgedrungen. „Über eines kann sich politische Bildung nicht beklagen“, analysierte Wurzel mit einer Prise Sarkasmus, „es wird viel diskutiert.“ Dabei hätten sich die Grenzen des Sagbaren – was fremdenfeindliche Aussagen angehe – deutlich verschoben. Doch viele seien für die Argumente der politischen Bildung überhaupt nicht mehr erreichbar, betonte Wurzel selbstkritisch: „Teile der Gesellschaft wenden sich ab – und wir schauen hinterher.“ Inmitten eines Klimas zunehmender Polarisierung verliere sich die politische Bildung in Grabenkämpfen und im Streit um Deutungen des Begriffs Populismus und seiner medialen Mechanismen. 

Wurzel warnte davor, sich zu sehr auf „pflegeleichte Zielgruppen“ zu fokussieren. Die Adressat*innen politischer Bildung müssten – auch mithilfe von Marktforschung und Evaluation – genauer in den Blick genommen werden. Es gelte, neue Zugänge zu den vom demokratischen Diskurs Abgekoppelten zu schaffen, etwa über eine einfachere Sprache, die zudem ein positives Narrativ des „Wir zusammen“ entwickeln könne. Politische Bildung müsse zudem Haltungen stärken, betonte die Extremismusexpertin der bpb. „Wir müssen auch eine Diskussion über die Grenzen des Beutelsbacher Konsenses führen.“ Die eigenständige Meinungsbildung von Schüler*innen allein anhand von Fakten stehe angesichts der Tatsache, dass Jugendliche zunehmend unter dem Einfluss gefühlsgeleiteter populistischer Aussagen stünden, in Frage. Hier räumte Wurzel eine Überforderung von Pädagog*innen durch die neuen Medien ein. Es gebe zu wenig gute Konzepte für Zugänge zur jungen Zielgruppe, „die Erfolge sind bisher klein“, was die sozialen Medien anbelange. Auch angesichts von Phänomenen wie muslimischem Antisemitismus oder Homophobie unter jungen Muslimen klagten Lehrer*innen, sie stünden mit leeren Händen da. Wurzel warb für eine stärkere Professionalisierung und Vernetzung der politischen Bildungsarbeit. Dort Tätige könnten keine Allrounder sein, sondern bräuchten eine kontinuierliche Qualifizierung und Weiterbildung. Bei diesem Punkt hakten Teilnehmer*innen in der anschließenden Diskussionsrunde ein. Sie sahen weniger professionelle Defizite als einen Mangel an personellen Ressourcen sowie an Zeit als Probleme an – wegen des eng getakteten Stundenplans bleibe politische Bildungsarbeit oft Stückwerk. „Eine nachhaltige Begleitung ist so nicht möglich“, beklagte eine Teilnehmerin.


Hanne Wurzel, Eberhard Seidel und Dr. Michael Kiefer
Dr. Michael Kiefer, Islamwissenschaftler


Vortrag
Radikalisierungsprävention im schulischen Kontext – zwischen Alarmismus und Hilflosigkeit
Dr. Michael Kiefer, Institut für Islamische Theologie, Osnabrück


Der Islamwissenschaftler Michael Kiefer unterzog unter dem Titel „Radikalisierungsprävention im schulischen Kontext – zwischen Alarmismus und Hilflosigkeit“ den viel bemühten Begriff der Prävention einer Analyse. 1830 habe die Geschichte der Prävention begonnen, die sich seither auf alle Lebensbereiche ausgeweitet habe: „Von der pränatalen Phase bis zum Sterbebett“ so Kiefer, seien wir von präventiven Maßnahmen umgeben, darunter auch von so zynischen wie der angeblich präventiven Entwicklung von Massenvernichtungsmitteln. Und selbst in einem – zumal unter Bildungsexpert*innen – gängigeren Verständnis, führte Kiefer fort, stünde „der Prävention“ eine beachtliche Zahl von Zugängen zur Verfügung: „Sie straft und belohnt, droht und ermutigt. Sie entzieht Ressourcen und teilt sie zu.“ 

Zu letzterem passte, dass Kiefer konstatierte, nicht alles, was unter dem „Containerbegriff“ Prävention firmiere, verdiene diesen Namen: „Nicht jeder Grillabend und jedes Fußballspiel sind Prävention.“ So müsse Gewaltprävention einen „klaren Bezug zu Gewalt haben. Sonst ist es nur das, was wir sowieso machen: Wir bemühen uns, aus jungen Menschen anständige Bürger zu machen.“ Auch helfe Prävention nicht immer. Sie könne sogar Schaden anrichten, zum Beispiel, wenn man glaube, eine Schüler*in habe sich radikalisiert, und das treffe gar nicht zu. „Jeder, der mit pädagogischen Interventionen befasst ist“, so Kiefer, „kann damit auch schaden.“

Für gelingende Prävention brauche es dreierlei: fundiertes Wissen über (drohende) Ereignisse, sie bedingende Faktoren (Verschärfer/Entschärfer der Problemlage) und Ansatzpunkte für Gegenstrategien. Darüber hinaus gelte es, den Unterschied zwischen primärer Prävention (die sich an alle richtet), sekundärer (die auf Risikogruppen ziele) und tertiärer Prävention (die sich an radikale und extremistische Jugendliche richtet) zu kennen. Mit letzterer – etwa wenn es um Rückkehrer*innen aus Syrien oder rechtsradikale Kader gehe – habe Schule selten zu tun und sei in diesen Fällen mit ihren Mitteln überfordert. Auch das sei wichtig zu wissen: Wo sind Aufgabenfelder von Polizei und Verfassungsschutz berührt?

Jenen, die an Schulen präventiv arbeiten wollen, empfahl Kiefer die Verständigung über einen Präventionsbegriff – womit befassen wir uns und womit nicht? – sowie gemeinsame Präventionsziele. Dazu schilderte Kiefer einen Fall: Ein seit Monaten umtriebiger rechtsradikaler Kader, kurz vor dem Abschluss an einem Berufskolleg, hatte Schüler*innen der Willkommensklassen verprügelt, vier wurden verletzt. Bei der Antwort auf die Frage „Was tun?“ gebe es eine typische Sozialarbeiter*innen- sowie eine typische Schulleitungsposition: Während die Sozialarbeiter*innen argumentierten, dass Besserung nur in Aussicht sei, wenn der Schüler irgendwie seinen Abschluss schaffe, sage die Schulleitung, „es reicht. Wir machen ein Ausschlussverfahren.“ „Das ist ein Konflikt, den wir an Schulen täglich erleben“, so Kiefer.

Zum Abschluss konstatierte er, dass es auch Expert*innen in vieler Hinsicht an Wissen mangele, etwa darüber, ob es sich bei dem aktuellen, religiös begründeten Islamismus eigentlich um eine Islamisierung der Radikalität oder um eine Radikalisierung des Islams handle. Also um die Frage, ob sich der Islam (in Form seiner oder mancher Vertreter*innen) radikaler Rhetorik und radikaler Mittel bediene oder ob chancenlose, der Verelendung nahe Jugendliche zunehmend im radikalen Islam einen (manchmal letzten) Ausweg suchten. Auch die Wirkungsweise vieler Methoden und Interventionsinstrumente sei unbekannt, etwa ob fundierte religiöse Bildung vor Radikalisierung schütze. „Es gibt Hinweise darauf. Aber vieles wissen wir nicht genau.“ 

In der anschließenden Diskussion wie auch im abends stattfindenden World Café wurde der Vortrag kontrovers diskutiert: unter anderem zwischen denen, die lobten, zum Nachdenken angeregt worden zu sein, und jenen, die darauf verwiesen, gemeinsame Aktivitäten und Kommunikation hätten durchaus präventiven Charakter – also auch ein Grillabend.


Jilet Ayse bei ihrer Show-Einlage am Abend des zweiten Tages


Show-Einlage
Idil Baydar alias Jilet Ayse, Stand-up-Comedian, Kabarettistin und Schauspielerin, Berlin

Am Abend des zweiten Tages begeisterte die Stand-up-Comedian Jilet Ayse die Teilnehmenden der Bundesfachtagung mit einer Show-Einlage. Ihre äußerst humorvolle und prägnante Darstellung von Klischees und dem Alltagsrassismus der deutschen Gesellschaft im Umgang mit ihren Minderheiten stellte eine gelungene Auseinandersetzung mit den zuvor in den Vorträgen, Workshops und Gesprächen geführten Diskussionen dar. Dafür wurde die Kabarettistin mit ausgiebigem Beifall belohnt.

Freitag, 5. Mai 2017

Sanem Kleff und Mohamed Amjahid, Redakteur Zeit-Magazin


Lesung
Unter Weißen: Was es heißt, privilegiert zu sein
Mohamed Amjahid, Redakteur Zeit-Magazin, Berlin


Rassismus zieht sich strukturell durch alle Räume der Gesellschaft. Auf dieser Erfahrung baut das Buch Unter Weißen. Was es heißt, privilegiert zu sein des Zeit-Redakteurs Mohamed Amjahid auf, aus dem er einige Passagen vorlas und diskutierte. Der Sohn marokkanischer Eltern, in Deutschland geboren und sowohl in Hessen als auch in Marokko aufgewachsen, nimmt in seinem Buch die weiße Mehrheitsgesellschaft in den Blick und beschreibt seine Erlebnisse und Rechercheergebnisse als Person of Color in den unterschiedlichsten Bereichen des deutschen Alltags durchaus humorvoll. Deutlich wurde, dass Rassismus viele Gesichter hat. In den vorgetragenen Buchpassagen entlarvte Mohamed Amjahid beispielsweise das deutsche Hochschulsystem, in dem ein Großteil der Professor*innen weiße Männer seien. Seine Erfahrung: Diese könnten nach wie vor unwidersprochen rassistische Vorurteile im Hörsaal verbreiten. Während seines Studiums war er als einziger „student of color“ in einer Vorlesung schockiert, als keiner der Studierenden den mit rassistischen Annahmen durchsetzten Thesen eines Hochschullehrers etwas entgegensetzte. Da kaum ein Land im Bildungsbereich sozial so undurchlässig sei wie Deutschland, bestehe derzeit wenig Aussicht, dass das System diverser werde. Noch sei die Zuwanderung nach Deutschland in den Hochschulinstitutionen kaum sichtbar, so der Journalist.

Der verinnerlichte Rassismus sei dabei den Mitgliedern der Mehrheitsgesellschaft durchaus nicht immer bewusst, doch für Migrant*innen ständig Teil ihres Lebens in Deutschland. Wer Mohamed heiße, müsse sicher auf eine Hauptschule und die deutschen Gepflogenheit erst mal genau erklärt bekommen, so seine Erfahrungen. Die Medien beförderten diesen Rassismus, wenn sie beispielsweise bei Straftaten durch Muslime die Taten in Verbindung mit ihrer Religionszugehörigkeit setzten, bei weißen Deutschen jedoch allein die persönlichen Motive beleuchteten. Dabei komme Rassismus, so machte der Journalist deutlich, häufig nicht einmal böse daher, manchmal habe er sogar ein wohlmeinendes Gesicht. Er las eine Episode aus seinem Buch vor, in der eine ältere, am Münchener Hauptbahnhof ehrenamtlich tätige Frau dem über die Willkommenskultur recherchierenden Reporter partout ein Stück Seife schenken will. Sie begreift nicht, dass er nicht einer der ankommenden Geflüchteten ist. Dass er in perfektem Deutsch antwortet, kann ihre Erwartungen nicht durchbrechen. Eine Zuhörerin bezeichnete dies später als „Retterkomplex weißer Sozialpädagog*innnen“.  

Auch in vermeintlichen Komplimenten könnten sich rassistische Annahmen verstecken, so Amjahid. Beispielsweise in dem Lob, wie liberal der Autor doch für einen Muslim sei und wie gut er Deutsch spreche. Das beinhalte immer auch einen Vorwurf an andere Migrant*innen, nicht so gut angepasst zu sein und die indirekte Aufforderung, sich mehr anzustrengen. Dies seien „Mikroaggressionen, die nicht böse gemeint sind, aber das Leben schwer machen“. 

Dem Autor war der Hinweis wichtig, dass Rassismus keine Frage der Bildung sei. Er habe in deutschen Redaktionen viel Ausgrenzung erlebt, vonseiten der Kolleg*innen ebenso wie von Leser*innen, die ihm das Recht absprachen, über bestimmte Themen zu urteilen oder sich echauffierten, „dass Mohamed über den Osterhasen schreibt“. Doch die deutsche Gesellschaft stehe in der Rassismusfrage durchaus nicht still, so Amjahid. Mittlerweile werde das Thema zumindest breit diskutiert, an den Tatsachen selbst habe sich aber wenig geändert. „Rassismus ist nicht schlimmer oder besser, sondern sichtbarer geworden und die Diskussionen vielfältiger.“


Die Autor*innen der Tagungsdokumentation: Jeannette Goddar, Petra Krimphove und Lukas Grasberger. 
Alle Fotos auf dieser Seite von Robert Bergemann / offenblende.