2. Überprüfung der politischen Bildungsarbeit im Courage-Netzwerk für die Begegnung mit aktuellen Herausforderungen


Die Workshopphase am 4. Mai 2017 widmete sich der Frage, wie die politische Bildungsarbeit im Courage-Netzwerk den aktuellen gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen am besten begegnen kann.


Wie Radikalisierungsprävention gelingen kann
Impuls: Dr. Michael Kiefer,
Islamwissenschaftler an der Universität Osnabrück
Moderation: Gönül Kaya, Referentin der Bundeskoordination, Berlin

Unter dem Titel Wie Radikalisierungsprävention gelingen kann wurde der Inhalt des Vortrags von Michael Kiefer ausführlicher für die Bedingungen für gelingende schulische Prävention konkretisiert. Kiefer stellte ein in einem Modellprojekt unter seiner Leitung erprobtes Verfahren vor: In diesem leite eine Clearingstelle an Schulen, angedockt an die dortige Beratungsstruktur, in Fällen von Radikalisierung(sverdacht) ein mehrstufiges strukturiertes Verfahren in die Wege. Im Rahmen des 2016 angelaufenen Projekts soll eine Handreichung entstehen, an der sich andere Schulen orientieren könnten. 

Angemerkt wurde, so ein Verfahren sei vom Regelbetrieb einer Schule weit entfernt. So hätten Lehrkräfte – zu Recht – eine „Gefährderanalyse nicht auf dem Schirm“. Auch Schulsozialarbeiter*innen könnten „neben Drogen und sexuellem Missbrauch, sozialem Lernen und Schülercafe“ kaum auch noch qualifizierte Radikalisierungsprävention leisten. Außerdem wurde deutlich: Es gibt längst nicht überall Schulsozialarbeiter*innen, beispielsweise in vielen Bundesländern nicht an Gymnasien. „Ohne zusätzliche Ressourcen geht es nicht“, gestand Kiefer zu – das von ihm geleitete Projekt habe eine zusätzliche halbe Sozialarbeiter*innenstelle pro Schule installiert. Die Zeit, die gelingende Prävention brauche, schilderte er an einem Beispiel, bei dem allein die Klärung eines Falles, in dem ein Urdu-sprechender Jugendlicher im Rahmen der „Lies-Aktion“ Koran-Schriften an seiner Schule verteilt hatte, Wochen bis Monate in Anspruch genommen hatte. Nämlich „sieben bis acht Außengespräche und drei Außentermine, nur für diesen einen Jungen“, erklärte Kiefer. Ein Fall übrigens, bei dem am Ende klar wurde, dass der Schüler sich gar nicht bewusst gewesen war, was und in wessen Auftrag er da verteilt hatte. 

Auf der anderen Seite sagte Kiefer aber auch, ein machbares „Mini-Programm“, das etwa grundlegendes Wissen an Schulen transferiere, könne eine Schule sich durchaus vornehmen. Moderatorin Gönul Kaya erklärte dazu, in Berlin sei die Bereitschaft in Schulen groß, sich zu religiös motiviertem Extremismus Expertise von außen zu holen. Auch in NRW gebe es in 13 Städten Fachberater*innen, die man in Verdachtsfällen ansprechen könne – etwa wenn sich jemand unsicher sei, was ein Schüler beispielsweise in arabischer Sprache auf seinem Handy rumzeige. Insgesamt, das wurde deutlich, gilt nämlich nicht nur, dass Radikalisierung nie nur an einem Merkmal erkannt werden kann. Sondern auch, dass Lehrkräfte sehr dicht dran sind an Jugendlichen und wenn es gelingt, von ihnen über die Sozialarbeit der Schule eine Kette zu knüpfen, ist Intervention wirklich möglich.


Strategien gegen rechtspopulistische Diskurse
Impuls: Frauke Büttner, Politiologin, Berlin, und Frank Hammer, Mitarbeiter des Mobilen Beratungsteams Nordwest Sachsen
Moderation: Michael Sell, Regionalkoordination Schwaben, Babenhausen

Wann und wie setzt man sich am besten mit menschenfeindlichen Äußerungen auseinander und in welchen Fällen lässt man das besser bleiben? Diese Frage beschäftigte die Teilnehmer des Workshops Strategien gegen rechtspopulistische Diskurse. In seinem Impulsreferat berichtete Frank Hammer von seinen Erfahrungen als Mitarbeiter des Mobilen Beratungsteams Nordwest Sachsen (Leipzig). Hammer beschrieb die Fokussierung rechter Akteur*innen vor Ort auf das Thema „Flüchtlinge“. Besonders auf Veranstaltungen zu Geflüchtetenunterkünften träten dort organisierte Akteur*innen Hand in Hand mit rechtsextremen Bürger*innen auf. Der Referent berichtete von der Überforderung und Sprachlosigkeit sächsischer Lokalpolitiker*innen auf solchen Bürgerversammlungen. Sie seien von der massiven und organisierten Stimmungsmache regelrecht überrumpelt gewesen. Im Anschluss berichteten Workshop-Teilnehmer*innen von ihren praktischen Erfahrungen mit rassistischen Diskursen. Schüler*innen hätten Parolen wie „Die Ausländer bekommen mehr als wir“ geäußert, Sorgen vor sexualisierter Gewalt durch Geflüchtete artikuliert oder eine angebliche Diskriminierung durch Muslime beklagt. 

Bei der Analyse dieser Rückmeldungen gelangte die Runde zu zwei Schlüssen: Solche vereinfachende rassistische oder islamfeindliche Argumente seien eine Reaktion von Schüler*innen auf komplexe Problemlagen, die etwa mit der Globalisierung einhergingen. Zugleich habe ein rechter, menschenfeindlicher Diskurs immer schon auch in der Mitte der Gesellschaft Gehör gefunden, sei aber erst jüngst „gesellschaftsfähiger“ und deswegen vermehrt auch im Klassenzimmer oder am Esstisch äußerbar geworden. In einer Gruppenübung erarbeiteten die Teilnehmenden dann geeignete Reaktionen auf rechte Äußerungen. Wann diskutieren? Wann sich ohne Diskussion positionieren? Wann anders reagieren? Anhand von Situationen, wie sie im beruflichen Alltag vorkommen können, entwickelten die Teilnehmer*innen verschiedene Handlungsoptionen. Eine Erkenntnis: Wenn angesichts der Geschehnisse der Silvesternacht in Köln etwa der Satz falle, daran „sehe man ja doch schon, wie die drauf sind“, gelte es zum einen, die Pauschalisierungen zu hinterfragen. Wirksam könne es auch sein, zu thematisieren, wie und ob eine solche Aussage den Betroffenen helfe – und in der Folge auf sexualisierte Gewalt gegen Frauen in Deutschland zu sprechen zu kommen. Zu einer wirksamen Strategie gegen rechtspopulistische Argumentation gehöre auch, zu erkennen, wann mit einer Gegenrede lediglich Zeit und Ressourcen verschwendet würden: Etwa, wenn Gesprächspartner*innen wild zwischen Themen springen. Dann gehe es diesen meist nicht um eine inhaltliche Auseinandersetzung, sondern darum, das Gegenüber zu überwältigen und reaktionsunfähig zu machen.


Ultranationalismus bei deutsch-migrantischen Communities
Impuls: Alia Sembol, Fachinformationsstelle gegen Rechtsextremismus, München
Moderation: Zonya Dengi, Journalistin, Berlin

Unter dem Titel Ultranationalismus bei deutsch-migrantischen Communities stellte Alia Sembol türkischen Ultranationalismus beispielhaft für übersteigerten Nationalismus vor, wie er auch in anderen Communities zu finden sei. In der Vorstellungsrunde wurde viel Nachholbedarf deutlich. So wiesen mehrere Teilnehmer*innen des Workshops darauf hin, darüber wenig zu wissen, aber das Gefühl zu haben, das ändern zu müssen. Als Anlass dafür nannten sie Umtriebe der „Grauen Wölfe“ in der eigenen Stadt oder Schule. Auch Kooperationspartner von Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage berichteten, es gebe immer wieder Anfragen, wer dazu fortbilden könne, aber wenige, die dafür ausgebildet seien. 

Deutlich wurde zudem, dass sich in nationalistischen Szenen türkeistämmiger Jugendlicher etwas verschoben habe: So übernehme in Teilen heute die Regierungspartei AKP die (einstige) Funktion der rechtsextremen „Partei der Nationalistischen Bewegung“ (MHP, deren Mitglieder sich „Graue Wölfe“ nennen). Der Satz „Du bist kein richtiger Türke oder Muslim, weil du nicht für Erdogan bist“, falle immer wieder. Als „weiße, deutsche Lehrerin“ dazu mit türkisch-kurdischen Schüler*innen ins Gespräch zu kommen, erklärte eine Teilnehmerin, führe regelmäßig zu der Antwort: „Mit dir reden wir da nicht drüber“. Ein anderer merkte an, er habe den Eindruck, bereits in Anwesenheit von Ditib (ein Ableger der türkischen Religionsbehörde Diyanet, die in Deutschland auch in Bildungszusammenhängen verankert ist und zahlreiche Moscheen betreibt) werde zurzeit nicht immer offen geredet.

Alia Sembol machte auf zahlreiche verbindende Elemente von deutschem und andersstämmigem Rechts- oder Ultranationalismus aufmerksam: von Großmachtphantasien über eine angebliche Opferrolle und völkisch-orientierte Gruppenzugehörigkeit bis hin zu Führerprinzip und Militanz. Deswegen sei wichtig – was die Münchner Fachinformationsstelle als eine der wenigen tue – diese Phänomene gemeinsam in den Blick zu nehmen. Und sie wies auf internationale Verbindungen hin, etwa zwischen türkischen und ungarischen Rechtsextremen. Für das Beispiel der MHP führte sie in die deutschen Strukturen ein – was noch einmal illustriere, dass Fortbildung nottue. In Bayern nämlich firmiere die MHP unter anderem unter dem Titel „Türkisches Erziehungs- und Bildungswerk in Bayern e.V.“. „Wenn man nicht weiß, wer dahintersteckt“, so Sembol, „kann man schon auf die Idee kommen, mit denen interkulturelle Bildungsarbeit zu machen.“


Terrorismus
Impuls: Christoph Kopke, Hochschule für Verwaltung und Recht, Berlin
Moderation: Lalon Sander, Journalist, Berlin

„Was für den einen Terroristen, sind für den anderen Freiheitskämpfer“, so Christoph Kopke in seinem Eingangsstatement in dem Workshop Terrorismus. Für den Begriff Terror fehle eine allgemeinverbindliche Definition und was als solcher bezeichnet werde, hänge sehr von der eigenen Sichtweise ab. „Die Frage ist, wer jeweils die Definitionsmacht besitzt.“ Nach einer Übersicht über unterschiedliche Arten des Terrors – politisch oder religiös motiviert, aus dem radikalen rechten oder linken Spektrum – konzentrierten sich die Teilnehmenden auf die Frage nach dem gegenwärtigen gesellschaftlichen und politischen Umgang mit Rechtextremen und Salafisten. Beide Gruppen, so Kopke, arbeiteten mit einem apokalyptischen Weltbild, das vorgebe, ihre Gruppe auch durch den Einsatz von Gewalt vor auf sie einwirkenden destruktiven Kräften zu schützen. Das können Andersdenkende, im Fall der Rechtsnationalen „Volksfremde“ oder Homosexuelle sein.

Immer noch, so stimmten die Teilnehmer*innen in der Diskussion überein, wird rechter Terror in Deutschland im Unterschied zum salafistischen Terror verharmlost. Rechtsradikale, die Anschläge planen, würden vor Gericht behandelt wie „ungezogene Verwandte“, zitierte Christoph Kopke den Schriftsteller und Journalist Ralph Giordano, dabei seien sie gefährliche Staatsfeind*innen. 

Diese ungleiche Wahrnehmung brachte auch eine Teilnehmerin zur Sprache: „Ich bin mit Rechtsextremisten groß geworden, ihr Bedrohungspotential ist für mich real, und dennoch macht mir der meist schwer greifbare Salafismus mehr Angst“, brachte sie die eigene verzerrte Wahrnehmung auf den Punkt.   

Mit dafür verantwortlich, so stellte die Runde fest, sei ein nach wie vor institutioneller Rassismus innerhalb der deutschen Institutionen, der rechtsradikale Taten und Gruppierungen entweder wie im Fall der NSU nicht wahrnehme, zum Teil aufgrund von Naivität, zum Teil bewusst, während zugleich Bewegungen aus dem islamistischen Bereich sehr öffentlichkeitswirksam bekämpft würden. Auch den Medien wurde eine Mitverantwortung zugewiesen: Der Dreiklang „Islam-Blut-Terror“ verkaufe sich einfach besser als die Taten von Rechtsradikalen. 

Einer der Teilnehmenden stellte die Frage, wie staatliches Handeln gegen Rechtsextreme erzwungen werden könne. Eine wichtige Aufgabe sei, dem strukturellen Rassismus in Deutschland entgegenzuwirken und salafastischen Terror faktenbasiert zu kontextualisieren. Ein Vorschlag lautete, nach islamistischen Anschlägen in Schulen zu gehen, um dort zeitnah mit den häufig verunsicherten Schüler*innen über die Hintergründe und über reale Bedrohungspotentiale zu reden. Häufig aber blieben die Jugendlichen in diesen wichtigen Momenten mit ihren Ängsten und Wahrnehmungen allein.


Wie über Rassismus reden, ohne dabei irre zu werden?
Impuls: Doris Akrap, Journalistin, Berlin
Moderation: Gerasimos Bekas, Referent der Bundeskoordination, Berlin

Unterschiedliche Erwartungen und Positionen prallten im Workshop Wie über Rassismus reden, ohne dabei irre zu werden? aufeinander. Diese zeigten sich bereits nach der anfänglichen Bitte der Referentin Doris Akrap hin, die Teilnehmer*innen mögen doch den Satz „Beim Reden über Rassismus macht mich irre …“ vervollständigen. „Irre“ mache eine Workshop-Besucherin demnach, „dass ich überall Rassismus sehe“, eine andere Teilnehmerin die schnellen Abwehrmechanismen und den „Unwillen, das Thema nüchtern zu diskutieren und zu sagen: Wir haben ein strukturelles Problem“. Eine weitere Teilnehmerin monierte in der Diskussion, sie sei leid, immer diejenige zu sein, die diskriminierende Bemerkungen und Witze ansprechen müsse, da es sonst niemand tue. „Ich fühle mich da in eine Rolle hineingedrängt“. Doch auch das „Lagerdenken“ und ein „Freund-Feind-Schema“ antirassistischer Akteur*innen untereinander wurden beklagt. Solche kaum versöhnlichen Positionen traten auch in der anschließenden Diskussion zutage. Diese wurde vor allem zwischen Anhänger*innen der Konzepte von Critical Whiteness, die die Privilegien von Weißen ins Zentrum des antirassistischen Diskurses stellen wollen, und deren Kritiker*innen geführt. Diese monierten: Der Rückzug in eine Identitätspolitik von „weißen“ Täter*innen und „nicht-weißen“ Opfern spalte eher als die Frage nach Hautfarbe und Nationalität in einem solidarischen Miteinander zu überwinden. Auch die Frage kam auf, ob der Critical-Whiteness-Ansatz der „schwierigen Gemengelage der globalisierten Welt“ gerecht werde, wie Mark Terkessidis es im neuen Baustein Reden über Rassismus in Deutschland zweifelnd formulierte. Trotz „Residuen des Kolonialismus“ ließen sich keine einfachen Geschichten von Unterdrückung und Befreiung mehr erzählen. 

Eberhard Seidel, Geschäftsführer von Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage, wies in diesem Zusammenhang auf rassistische Komponenten in der Darstellung „der Türken“ bei der Berichterstattung über die Solidarisierung mit dem in der Türkei gefangen gehaltenen Journalisten Deniz Yücel hin. Diese ließen sich nur schwer von der Kritischen Weißseinsforschung erklären, die Diskriminierung als Fortschreibung kolonialer Traditionen betrachte. Das osmanische Reich sei schließlich eine kolonisierende und keine kolonisierte Macht gewesen. Die Diskriminierungserfahrungen, die türkische Migrant*innen gemacht hätten, fänden sich im postkolonialen Konzept der Critical Whiteness nicht wieder, betonte Seidel und schlug den Bogen zum Beginn des Courage-Netzwerks: Dessen Gründer*innen hätten rassistische Diskriminierungen erfahren, ihr Antrieb sei deren Überwindung gewesen, aber nicht durch Identitätspolitik. Seidels Forderung: „Sich im Kampf gegen Rassismus nicht in Identitätsdebatten verkämpfen.“


Genderdiskurse und Geschlechterrollen
Impuls: Michael Tunç, Männer- und Migrationsforscher an der Technischen Hochschule Köln
Moderation: Gabriele Rohmann, Geschäftsführerin Archiv der Jugendkulturen, Berlin

Für die deutschen Rechtspopulist*innen stellt der Feminismus ein wichtiges Feindbild dar. In dem Workshop Genderdiskurse und Geschlechterrollen führte der Referent Michael Tunç zunächst in die rechtspopulistischen Vorstellungen von Geschlechterrollen ein. Für die AfD zeigte der Männer- und Migrationsforscher, dass das Parteiprogramm, das den Wert der traditionellen Familie betone, in Diskrepanz zu den Frauenfiguren an der Spitze stehe. Der Referent präsentierte zahlreiche Fotos von Frauen, die sich, einem Aufruf der AfD folgend, mit dem Motto „Ich bin keine Feministin, weil ...“ mit einer eigenen Begründung fotografieren hatten lassen. Das sich hier zeigende konservative Frauenbild finde sich nach wie vor auch an den Schulen, bestätigten einige Teilnehmer*innen. 

Die Diskussion drehte sich einige Zeit um den Einfluss der AfD auf das aktuelle Frauenbild und die Selbstwahrnehmung von Mädchen und wandte sich dann der Frage zu, wie man die eigenen Argumente in den Vordergrund stellen könne, statt sich an dem Feindbild abzuarbeiten. Wie argumentiere man, wenn junge Mädchen mit der Begründung, man würden in ihre Selbstbestimmung eingreifen, sich aufreizend sexualisierende Kleidung in der Schule nicht verbieten lassen wollten oder wenn sie proklamierten, dass sie zu Hause blieben, sobald sie Kinder bekämen? 

Die Gruppe diskutierte Formate, in denen man mit Jugendlichen über Geschlechterbilder ins Gespräch kommen könne. Aus Erfahrung konnten mehrere Teilnehmende berichten, dass Kleidung ein guter Aufhänger für ein Gespräch mit Schüler*innen über Geschlechterrollen darstelle. Als Beispiele könnten aus der Popkultur bekannte Figuren dienen, deren Auftreten man bespreche. Eine Teilnehmende berichtete von einem erfolgreichen Fotoshooting für Jugendliche, die auf diesem Weg spielerisch mit unterschiedlichen Rollen experimentieren und diese reflektieren können. Eine andere Teilnehmerin nannte die Biographiearbeit als Möglichkeit zur Selbstreflektion. In jedem Fall, so die Runde, sei es wichtig, als Pädagog*in in diesen Fragen Stellung zu beziehen und diese auch argumentativ zu untermauern. In der Diskussion berichteten Teilnehmende weiterhin, wie die AfD mittels Anfragen wachsenden Druck auf die genderbezogenen Programme an Schulen ausübe. Eine Teilnehmerin aus Berlin-Lichtenberg erzählte von Nachfragen der Partei nach der Finanzierung von Projekten zum Thema Rassismus und Geschlecht. In Thüringen dagegen schreibe die AfD Schulen an, die den Titel Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage trügen, um Auskunft zu fordern. Für solche Auseinandersetzungen und Einschüchterungsversuche müsse man mit guten Argumenten gewappnet sein, ohne den Rechtspopulist*innen zu sehr entgegenzukommen, so der Konsens. Es sei sinnvoll, gemeinsam eine Abwehrstrategie zu entwickeln und sich auszutauschen. Vielen sei beispielsweise nicht klar, wem sie überhaupt zur Auskunft über ihre Arbeit verpflichtet seien und was man Anfragen vonseiten der AfD entgegen setzen könne. In diesem Feld gebe es Bedarf an besserer Vernetzung.



Gesellschaftsverändernde Potenziale von Theaterpädagogik im Kontext kultureller Bildung
Impuls: Lorenz Hippe, Autor, Dramaturg und Theaterpädagoge, Berlin
Moderation: Birgit Schröder, Regionalkoordination Potsdam

Lorenz Hippe vom Bundesverband Theaterpädagogik e.V. traf unter dem Titel Gesellschaftsverändernde Potenziale von Theaterpädagogik im Kontext kultureller Bildung auf Teilnehmende – unter ihnen mehrere Koordinator*innen des Courage-Netzwerks – die sich über kunstpädagogische Zugänge zu Jugendlichen informieren wollten. Meistgenannter Grund war der Wunsch, so (auch) neu Zugewanderte erreichen und besser einbeziehen zu können. Hippe schickte die Gruppe sogleich zum Thema „Fremdsein/Fremdheit/Unbekanntes“ in die Praxis. Er forderte sie auf, die Hände zu verschränken (so, dass immer ein Finger der rechten und linken Hand ineinandergreifen) und fragte, „Wie fühlt sich das an?“. „Normal, vertraut, gut“, war die Antwort. In einem zweiten Schritt wurden die Hände dann auf die andere Weise verschränkt, also zum Beispiel so, dass statt dem rechten der linke Zeigefinger vorne lag. „Falsch, ungewohnt, irgendwie komisch“, sagten die meisten. Hintergrund sei, erklärte der Buchautor, Dramaturg und Theatermacher, dass das Gehirn Neues generell mit einem unangenehmen Gefühl verknüpfe. „Aus gutem Grund, es könnte ja gefährlich sein.“ Ein Gefühl, dass sich im weiteren Verlauf als (recht schnell) veränderbar herausstellte. Schon nach wenigen Malen erlebten die meisten das gerade noch als „falsch“ empfundene Liegen der Hände als zunehmend normaler und vertraut. 

Nach dieser in ihrer Einfachheit beeindruckend effektvollen Einführung in die Erfahrung, sich fremd zu fühlen, gab es weitere Übungen, verknüpft mit der Lehre, dass es in der Theaterpädagogik wichtig sei, das Machen nicht automatisch mit einer Bewertung zu verbinden. „Das beeinflusst das Resultat und fördert Blockaden“, erklärte Hippe. Jeder könne „singen und tanzen, schreiben oder Theater spielen. Und wir wären alle kreativer, wenn wir uns nicht so häufig vorab innerlich zensierten.“

Auf der theoretischen Ebene vermittelte der Workshop, dass Theaterpädagogik in vierfacher Weise eingesetzt werden kann: als Prozess, zur Herstellung eines Produkts, zwecks Vermittlung und in interaktiven Formaten.


Deutschrap den Deutschen? Menschenfeindliche Elemente in der HipHop-Kultur
Impuls: Anna Groß, Musiklabel Springstoff, Berlin
Moderation: Rüdiger Rossig, Musiker und Journalist, Berlin

Über lange Zeit galt Hiphop hierzulande als links oder unpolitisch, weil die Pioniere des deutschen Hiphops wie Die Fantastischen Vier Anfang der 1990er mit Spaßrap-Reimen aufhorchen ließen. Doch eine andere frühe Hiphop-Strömung verstand sich dagegen als explizit politische, migrantische Reaktion auf deutschen Rassismus. Dazu gehörten beispielsweise Advanced Chemistry oder die Microphone Mafia. Diese antirassistische Geschichte des deutschen Hiphop rief Anna Groß den Teilnehmer*innen zu Beginn des Workshops Deutschrap den Deutschen? Menschenfeindliche Elemente in der HipHop-Kultur zunächst ins Gedächtnis, um dann Entwicklungen zu thematisieren, die vor den 2000er-Jahren undenkbar gewesen seien: Den Einzug von deutschem Nationalismus in die Raptexte. 

Groß stellte anhand von Musikvideos das mittlerweile breite Spektrum von deutsch-patriotischem HipHip bis hin zu neonazistischem Rap dar: Vom öffentlich-rechtlich geförderten „Heimat“-Wohlfühl-Track „Die Wiese vor dem Reichstag“ (Sido) mit einer offensichtlich Pegida verharmlosenden Textzeile zu Fler, der in seinem Video „Deutsch“ Thor-Steinar-Kleidung zur Schau stellt, bis hin zum martialischen Auftritt von MaKss Damage, einem Rapper, der seine Zugehörigkeit zur Neonaziszene mit Symbolen und Codes signalisiert. Auffällig sei dabei die hohe Professionalität der Musikvideos ebenso wie ihre häufige Uneindeutigkeit. Diese regte eine kontroverse Diskussion in der Workshop-Runde an. Was etwa ist von Harris zu halten, einem schwarzen Rapper aus Berlin-Kreuzberg, der im Track „Nur ein Augenblick“ rassistische Blicke beklagt, um wenige Sekunden später sogenannte „Integrationsunwillige“ aufzufordern, dorthin zurückzukehren, wo sie hergekommen seien? Befeuerten solche Zeilen Rechtspopulismus, wie eine Teilnehmerin meinte, oder steckt im Auftritt des Afrodeutschen Harris („Sei stolz auf deine Wurzeln, Brust raus und gerade gehen“) eher Potenzial für ein Empowerment für Migrant*innen, wie es der Moderator Rüdiger Rossig formulierte? Die Mechanismen des Ein- und Ausschlusses – ohnehin ein Stilmerkmal des Hiphop – würden oft ambivalent bleiben. Manch rechte Rapper*in bewege sich in einer Grauzone. 

Ob populistische Anklänge oder Töne der Generierung von Aufmerksamkeit dienten oder ob es sich um rechte „Überzeugungstäter“ handele, sei oft nicht auf den ersten Blick erkennbar. Darüber, wie Pädagog*innen erkennen könnten, wie und ob rechte Inhalte vermittelt werden und wirken, gab es in der Runde großen Redebedarf. Teilnehmer*innen thematisierten, dass Musik-Clips und Videos –  oft unterhalb der Wahrnehmungsschwelle der Lehrer*innen – massenhaft über Smartphones Verbreitung fänden. Eine Teilnehmerin aus Thüringen erzählte von Konzerten rechter Hiphop-Gruppen und wies darauf hin, dass sich die Szene auch darüber finanziere: „Das ist eine Gelddruckmaschine für Neonazis“. Rechte Inhalte würden antirassistisch Engagierte weiter beschäftigen, da sie ein großes Geschäft darstellten, bestätigte auch Referentin Anna Groß.


Schulsozialarbeit als Beitrag für ein diskriminierungsfreies und offenes Schulklima
Impuls: Claudia Seibold, Bundesarbeitsgemeinschaft Evangelische Jugendsozialarbeit (BAG EJSA),
Stuttgart, und Christine Lohn, Zentrum für Familie, Bildung und Engagement im Bundesverband der Diakonie, Berlin
Moderation: Almut Paulsen, Sozialpädagogin, ehemals Fachhochschule für Sozialpädagogik, Berlin

Begriffsklärung stand auch am Anfang des Workshops Schulsozialarbeit als Beitrag für ein diskriminierungsfreies und offenes Schulklima. Claudia Seibold präsentierte vier unterschiedliche Definitionen des Begriffs, „weil es keine eindeutige gibt“, und diskutierte diese mit den Anwesenden. Besonders wertvoll seien die Schulsozialarbeiter*innen, da sie sich frei von Notengebung und Sanktionierung um die Sorgen, Ängste und Nöte junger Menschen kümmern und zwischen den Lebenswelten vermitteln könnten, so die Referentin von der Bundesarbeitsgemeinschaft Evangelische Jugendsozialarbeit (BAG EJSA). Christine Lohn betonte die Bedeutung der Schulsozialarbeiter*innen in der Demokratieerziehung. Die Moderatorin Almut Paulsen wies darauf hin, dass die Schule mittlerweile der einzige verpflichtende Ort sei, an dem sich Schüler*innen verbindlich begegneten. Insofern sei sie der perfekte Ort für die Einübung und Verständigung über demokratische Grundlagen und Prinzipien.

In der Diskussion wurden vor allem die Auswirkungen der Rahmenbedingungen auf die Inhalte und Qualität der Arbeit betont. Denn die Arbeitsbedingungen der Schulsozialarbeiter*innen unterschieden sich erheblich. Die an den Schulen angestellten Schulsozialarbeiter*innen könnten in kontinuierlichen Beschäftigungsverhältnissen wirken, jene, die für freie Träger arbeiten, müssten dagegen mit befristeten Verträgen leben und würden zum Teil an bis zu drei verschiedenen Orten eingesetzt. Manche hätten nicht einmal einen eigenen Raum zur Verfügung. Kontinuität in der Arbeit, so Almut Paulsen, sei unter diesen Bedingungen unmöglich. Mehrere Teilnehmende betonten die zunehmende Etablierung der Schulsozialarbeit. Sie stelle für die Schulen heute keinen Makel mehr dar, sondern werde zumeist von Lehrer*innen und Eltern als Gewinn gesehen. Mehrere Teilnehmer*innen berichteten, dass sie die Schüler*innen aus einem ganz anderen Blickwinkel wahrnehmen könnten als Lehrer*innen und Eltern. Diese würden den anderen, nicht leistungsfokussierten Blick auf ihre Schüler*innen bzw. Kinder zumeist schätzen. Im Umgang mit Schulsozialarbeiter*innen zeigten Schüler*innen häufig erstaunliche Talente und Facetten, die es zu fördern gelte.

Gegen Ende sorgte der Hinweis darauf, wie hierarchisch das System Schule nach wie vor agiere und wie einzelne Schüler*innen weiterhin diskriminiert werden, für eine lebhafte Diskussion. Sie mündete in den Appell an Schulsozialarbeiter*innen, sich in solchen Fällen einzumischen, ihrer Bedeutung entsprechend selbstbewusst aufzutreten und den Lehrer*innen auf Augenhöhe zu begegnen.




World Café

In einem World Café am Abend des zweiten Tages wurde in Stuhlkreisen über acht Themen diskutiert: zu Rechtspopulismus, Rassismus, Prävention, Grundschule und Qualität (jene hatte die Bundeskoordination im Vorfeld geplant), zu Critical Whiteness und Hate Speech im Netz (die wegen Bedarf spontan zustande kamen) und in einem themenoffenen Kreis.


Die Autor*innen der Tagungsdokumentation: Jeannette Goddar, Petra Krimphove und Lukas Grasberger. 
Alle Fotos auf dieser Seite von Robert Bergemann / offenblende.