3. Ausgewählte Methoden der politischen Bildungsarbeit sowie Leerstellen und Erfahrungen mit besonderen Zielgruppen


Die Diskussionen in den abschließenden Workshops am Freitag, den 5. Mai 2017, kreisten um Methoden der politischen Bildungsarbeit sowie die besonderen Erfahrungen und Leerstellen in der Arbeit mit ausgewählten Zielgruppen.

Theaterpädagogik als politische Bildung
Lorenz Hippe, Autor, Dramaturg und Theaterpädagoge, Berlin, und Birgit Bridgford, Lehrerin an der Hans-Litten-Schule, Berlin
Moderation: Birgit Schröder, Regionalkoordination Potsdam


Mehrere Teilnehmende, die bereits Lorenz Hippes Workshop am Vortag besucht hatten, kamen auch zu seinem Workshop Theaterpädagogik als politische Bildung. Nach einigen Übungen zur Einführung, die zugleich geeignete Einstiegsübungen für die Arbeit mit Gruppen seien, wurde Theater als Mittel gesellschaftlicher Veränderung vorgestellt und wie am Vortag in die Praxis umgesetzt: Ausgehend von einem „Ist-Bild“ (das zeige, wie die Realität wahrgenommen werde), formten die Teilnehmer*innen sich selbst zu einem „Wunschbild“ um: Wie möchte ich, dass es mir geht? „Ist es erlaubt, sich Dinge anzuschauen, auch wenn das nicht realistisch ist?“ fragte Hippe und antwortete sogleich: „Ja, wir können uns auch Visionen angucken. Und auch, mit welchen Übergangsbildern man vom Ist- zum Wunschbild kommt.“

Im nächsten Schritt wurde dieses „bildgebende Verfahren“ angewandt, um mit den Mitteln des Theaters der Unterdrückten Themen gesellschaftsverändernd zu bearbeiten. Nach dem Sammeln von Orten der Ausgrenzung (die von öffentlichen Verkehrsmitteln über Lehrer*innenkollegien, den Spielplatz bis hin zum Schulbuch und dem Sport- und Arbeitsplatz reichten) wurden diese körperlich umgesetzt. Deutlich wurde, dass sich die Teilnehmenden des Workshops äußerst schnell in die Methode eindachten. Nach nur wenigen Minuten entstand ein Bild zum Thema Staatsangehörigkeit, bei dem zunächst eine Darstellerin den Rücken eines Teilnehmers nutzte, um (imaginierte) Stempel zu verteilen. Prompt stellte sich eine unterwürfig dreinblickende (Antragstellerin?) dazu. Im nächsten Schritt wurde das Bild durch – von weiteren Teilnehmenden ausgesprochene – Gedanken angereichert: „Was willst du?“, „Zurück hinter die gelbe Linie!“, „Bitte!“ oder „Zum Glück bin ich nur ein Tisch.“ Im Anschluss wurde das Ist-Bild zu einem Wunschbild umgeformt, mit einer freundlich lächelnden und nun mit der Antragstellerin auf Augenhöhe stehenden Teilnehmerin, die Pässe verteilte. 

Den Einsatz theaterpädagogischer Methoden an Schulen stellte Birgit Bridgford von der Hans-Litten-Schule in Berlin vor. Dort bearbeitet ein schulinternes Forumtheater den Umgang mit Vorurteilen, Rassismus und Unterdrückung. Zum Thema Vorurteile gab sie ein eindrückliches Beispiel: Am Ende einer Aufführung hielten die jungen Theatermacher*innen dem Publikum einen Spiegel vor: „Vorurteile betreffen alle. Das wurde den Zuschauer*innen anschaulich vermittelt, als sie sich selber als Bild sahen.“


Ist Rechtspopulismus Pop? Die neuen Rechten und ihre Lieder
Impuls: Dr. Thorsten Hindrichs, Musikwissenschaftler an der Universität Mainz
Moderation: Rüdiger Rossig, Musiker und Journalist, Berlin

Zwei derzeit äußerst erfolgreiche Rock- und Popacts standen im Zentrum des Workshops Ist Rechtspopulismus Pop? Die neuen Rechten und ihre Lieder am Abschlusstag der Bundesfachtagung: die südtiroler Band Frei.Wild und der Sänger der Söhne Mannheims, Xavier Naidoo. Beide schaffen es regelmäßig an die Spitze der deutschen Charts. Dass es sich dabei nicht um typischen „Rechtsrock“ handle, stellte der Musikwissenschaftler Dr. Thorsten Hindrichs zu Beginn des Workshops klar. Während dieser „von Rechten für Rechte“ gemacht werde und der Gruppenbildung, der Selbstbestätigung und als Geldquelle diene, stellten sich die Motivationen der Musiker*innen und die politischen Einstellungen des Publikums von Bands, die mit rechtspopulistischen Anklängen spielten, so divers wie diffus dar. Der Text von Naidoos Song „Marionetten“ wurde etwa in verschiedenen Funkhäusern als neurechts und verschwörungstheoretisch aufgefasst. Mehrere Sender setzten das Lied auf den Index aufgrund von Textpassagen, in denen Naidoo Volksvertreter*innen als „Volks-in-die-Fresse-Treter“ bezeichnet, die wie Marionetten von „dunklen Mächten“ gesteuert würden. Künstlerkolleg*innen nahmen den Sänger hingegen vor dem Vorwurf der Rechtslastigkeit in Schutz, während Fans Zensur beklagten. „Wie damit umgehen? Das ist eine spannende Frage für die politische Bildungsarbeit“, resümierte Moderator Rüdiger Rossig.

Der Musikwissenschaftler Hindrichs betonte, allein neurechte Inhalte in Songtexten zu problematisieren, greife zu kurz. Zum einen distanzierten sich umstrittene Künstler*innen – wie glaubwürdig auch immer – oft von rechten Aussagen. Zum anderen sei es naiv, eine direkte Ursache-Wirkung-Beziehung aus Songtexten abzuleiten. Oft hörten Fans gar nicht auf die Texte. Die Umgebung, in der Musik rezipiert werde, sei oft wichtiger für ihre Wirkung. Was also tun? Eine Stigmatisierung von ambivalenten und für Menschen mit rechtem Gesellschafts- und Menschenbild anschlussfähigen Musikgruppen sei kaum zielführend, so ein Fazit des Workshops. Die dadurch entstehende „Outlaw“-Position könne solchen Bands dank Solidarisierungseffekten oder dadurch, dass sie interessanter erschienen, sogar zusätzlichen Zulauf bescheren. Eine erfolgversprechende Handlungsstrategie fassten die Workshopleiter hingegen folgendermaßen zusammen: sich zunächst selbst klar positionieren, dann das Gespräch suchen. Um dabei möglichst nicht in Situation zu geraten, in denen mit Verboten gearbeitet werden muss. „Denn dann ist ein Diskurs nicht mehr möglich.“


Menschenrechtsbildung im ländlichen Raum
Impuls:
Tina Schmidt-Böhringer, Landeskoordinierungsstelle Bayern gegen Rechtsextremismus, München, und Ruben Wendrock, Kinder stärken e.V., Stendal
Moderation: Ralf Dietrich, Regionalkoordination Trebbin

Nach einer Einführung in die Definition von Menschenrechten benannte Ruben Wendrock in dem Workshop Menschenrechtsbildung im ländlichen Raum drei Ziele der Menschenrechtsbildung: Man müsse seine eigenen Rechte kennen und verteidigen, die Rechte anderer anerkennen sowie die Rechte anderer verteidigen und ihnen gegebenenfalls helfen. Diese Ziele gelte es in der Arbeit mit Schüler*innen gemeinsam weiterzuentwickeln. Es gehe um eine Kompetenzbildung, die Toleranz, Zivilcourage und soziale Kompetenz verm
ittle und stärke. Diese Kompetenzbildung, so machte der Workshop deutlich, trifft außerhalb der großen Städte auf besondere Herausforderungen.

Tina Schmidt-Böhringer berichtete aus Bayern, wo sie in der Landeskoordinierungsstelle Bayern gegen Rechtsextremismus (München) tätig ist. Vielen Jugendlichen fehle es im ländlichen Raum schlicht an Alternativen. Sie seien nicht per se rechtsradikal eingestellt, aber wendeten sich jenen Angeboten zu, in denen sie soziale Bestätigung und Gruppenzugehörigkeit fänden. In diesen „geschlossenen Erlebniswelten“ werde ihr Weltbild dann stetig gefestigt. Also müsse man Alternativen bieten, statt Jugendeinrichtungen zu schließen. 

Eine Teilnehmende betonte den Vorteil der stärkeren sozialen Kontrolle im ländlichen Raum. Wenn Jugendliche aus einem nicht radikalen Milieu in ein solches abglitten, falle dies im Unterschied zur Stadt schneller auf. Zudem seien dort starke Meinungsführer*innen, zum Beispiel in Vereinen, eine wichtige Ressource. Eine klare Positionierung von ihnen gegen rechte Tendenzen könne viel bewegen. 

Auch die AfD erschwere die Menschenrechtsarbeit in ländlichen Gebieten. Wo früher Statistiken und Fakten als Gesprächsgrundlage akzeptiert wurden, würden sie heute von Beginn an angezweifelt und mit großem Selbstbewusstsein in Frage gestellt, so ein Diskussionsbeitrag. Man müsse daher in Diskussionen gut vorbereitet und permanent auf der Hut sein, sich abgrenzen und genau überlegen, was man sage. „Es findet eine zunehmende Enttabuisierung statt“, berichtete eine Teilnehmende. Hier müsse der oder die Vortragende klare Haltung zeigen und die eigene Position deutlich verteidigen. „Das ist sehr anstrengend und auch gefährlich“, so eine Stimme aus der Runde. Dies stellten neue Anforderungen in der Menschenrechtsbildung dar, mit denen man lernen müsse umzugehen. Insbesondere Lehrer*innen in den Schulen müssten vermehrt Demokratieerziehung übernehmen. 

Daneben gelte es, die Strukturen der Menschenrechtsbildung vor Ort zu stärken. Das scheitere jedoch häufig an der fehlenden Finanzierung. Eine Teilnehmerin wandte ein, in diesem Kontext habe das stärkere Sichtbarwerden der rechten Strukturen durchaus auch einen Vorteil. Endlich kämen diejenigen mit rechtsextremen Gedankengut ans Licht. „Die Menschenfeinde sind endlich sichtbar“ – und damit auch die Notwendigkeit der eigenen Arbeit, die lange Zeit rechtfertigt werden musste.


Geflüchtete – eine neue Zielgruppe für die politische Bildung
Impuls: Eric Wrasse,
Pädagogischer Leiter der Europäischen Jugendbildungs- und -begegnungsstätte Weimar, und Muhiz Ogunwomoju, politischer Bildner
Moderation: Linda Blöchl, Landeskoordination Bremen

In dem Workshop Geflüchtete – eine neue Zielgruppe für die politische Bildung stellte Eric Wrasse gemeinsam mit dem Ko-Referenten Muhiz Ogunwomoju eine Seminarleiter*innen-Ausbildung zur „Non-formalen politischen Bildung von und mit Geflüchteten“ vor, die 2016 als von der Bundeszentrale für politische Bildung unterstützter Modellversuch lief. Fünf Monate lang wurden Geflüchtete und Nicht-Geflüchtete im Alter von 18 bis 30 Jahren gemeinsam zu Multiplikator*innen der politischen Bildung ausgebildet. In Veranstaltungen und Exkursionen – unter anderem in Gesprächen mit Lehrer*innen, Polizist*innen, Verwaltungsmitarbeiter*innen, Sozialarbeiter*innen und Erzieher*innen, aber auch an Orten wie der Gedenkstätte Buchenwald – beschäftigte sich die diverse Gruppe mit Notwendigkeiten und Möglichkeiten außerschulischer politischer Bildung. Im nächsten Schritt entwickelte und erprobten die Teilnehmenden des Modellversuchs selbst Workshop-Angebote. 

Hintergrund, erklärte Eric Wrasse, sei gewesen, dass er immer wieder auf „Konferenzen zu Geflüchteten ohne Geflüchtete“ gesessen habe: „Meist fehlt damit auch ihre Perspektive.“ So entstand die Initiative, die Geflüchtete nicht als Zielgruppe, sondern als „zu Qualifizierende“ betrachtete, mit gleich vier Zielen: Empowerment, Perspektivwechsel, Dialog und berufliche Perspektiven. Sollte das Modell sich durchsetzen, wäre im übrigen noch ein fünftes Ziel erreicht: die überfällige Diversifizierung der politischen Bildung. 

Muhiz Ogunwomoju schilderte, wie spannend das gemeinsame Projekt für alle Beteiligten war: „Erst waren wir Fremde und nach fünf Monaten eine wirkliche Gruppe. Dass wir ein gemischtes Projekt waren, hat uns alle ganz besonders motiviert.“ Die Seminare und Workshops, die Gelegenheit gaben, verschiedene Perspektiven zu hören und „auch mich selbst zu kritisieren“, seien eine immense Bereicherung gewesen. Wobei, das wurde auch deutlich, Konflikte nicht ausblieben: „Als es um Homophobie ging, wäre unsere Gruppe fast auseinandergeflogen.“

Seitens der Teilnehmenden des Workshops wurde deutlich, dass der Bedarf an Impulsen für neue Ansätze in der Arbeit mit Geflüchteten groß ist. Dazu gehört vor allem das Bedürfnis, unter dem Stichwort Empowerment nicht nur für, sondern auch mit Menschen der jeweiligen Zielgruppe zu arbeiten. An der EJBW Weimar sind einige der Teilnehmenden übrigens heute als Workshop-Leiter*innen im Einsatz, etwa zur politischen Lage in Syrien, zu muslimischen Frauen und zu Fluchtgeschichten.  


Aktive Medienarbeit in der Menschenrechtserziehung
Impuls: Johannes Baldauf, no-nazi.net, Berlin
Moderation: Rafael Rickfelder, Mitarbeiter der Bundeskoordination, Berlin

Am Ende des Workshops Aktive Medienarbeit in der Menschenrechtserziehung konnte sich Referent Johannes Baldauf vor Einladungen, seinen Vortrag auch in anderen Städten zu halten, kaum retten. Seine These: Die radikale Rechte nutze das Internet weit geschickter als die Antirassismus-Bewegung. Sie bediene sich populärer Plattformen und verbreite beispielsweise über sogenannte „imageboards“ ihre Aussagen einfach und plakativ über Bilder. Auf vielen Wegen reklamiere die Rechte so sehr professionell die Deutungshoheit über Ereignisse. Dem müsse man etwas entgegensetzen. Baldaufs Warnung, den Zug nicht zu verpassen, war eindringlich. „Wir haben viel zu lange nichts getan und den anderen den Raum überlassen.“

Mittlerweile sei das Netz das wichtigste Propagandamedium der Rechtsextremen. „Wie fit sind wir selbst für den digitalen Raum?“ fragte er provokant und lieferte anhand zahlreicher Beispiele gleich die Antwort: zu wenig. Baldauf präsentierte als Beispiel die subversiven Strategien der Identitären Bewegung mit ihren Referenzen an die Popkultur und mit Insiderbezügen zu angesagten Filmen, Songs und aktuellen Debatten. Ihr Auftritt komme hip und cool daher. Das müsse man verstehen, um darauf reagieren zu können. Es habe nichts mehr gemein mit plumpen Referenzen an den Nationalsozialismus. Das Gefährliche: Diese Strategie wecke auch die Neugier jener, die nicht von vorneherein rechtem Gedankengut anhängen. Inhaltlich werde die rechte Internetpräsenz immer gefährlicher, so Baldauf. Vor einigen Jahren sei vor allem gegen Geflüchtete gehetzt worden, heute werde offen zum Umsturz des ganzen Systems aufgerufen. Dem stünden im Netz nur moralisierende Aufrufe von Antirassismus-Aktivist*innen zu mehr Vielfalt und Toleranz gegenüber. Doch diese Appelle verschwänden meist im eigenen Echoraum. „Wir empowern uns selbst, statt die anderen.“ Das sei jedoch auch wichtig und ein legitimes Ziel, so ein Einwand aus der Runde. Letztlich erreiche man jedoch damit nicht die eigentliche Zielgruppe, hielt Baldauf dagegen. Insbesondere Akademiker*innen rühmten sich hierzulande immer noch mit ihrer Skepsis gegenüber den neuen Medien. Deswegen drohe ihnen, den digitalen Anschluss zu verlieren. Dadurch öffneten sich die Freiräume für die Strategien der extremen Rechten weiter. 

Einige Teilnehmende bestätigten, dass die Lücke offensichtlich sei. Doch es fehle häufig die Zeit und das Know-How, um eine Gegenerzählung zu positionieren. Der Workshop endete mit praktischen Tipps des Referenten – unter anderem, bei Google dafür zu bezahlen, um bei online-Suchen ganz oben in den Ergebnislisten aufzutauchen – und einer dezidierten Bitte an die Bundeskoordination von Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage nach einer Schulung und der Entwicklung einer Strategie, um im Netz gemeinsam gegen Rechtsextreme vorzugehen.

Online-Strategien gegen Rassismus wurden am Abend zuvor auch im World-Café an einem Runden Tisch zu dem Thema diskutiert. Hier kam man zu einer ähnlichen Einsicht: Die Grenze des Sagbaren verschiebe sich immer weiter. Doch dieser „Hasswelle“ effektiv etwas entgegenzusetzen, erfordere online-Kompetenzen und Strategien, die stärker als bisher gefördert werden müssten.  


Der Biografische Ansatz in der politischen Bildung
Impuls: Jan Krebs, Gesicht Zeigen!, Berlin, und Dr. Elke Gryglewski, Haus der Wannseekonferenz, Berlin
Wie können Schüler*innen mit ihren persönlichen Lebensgeschichten an die „große“ Geschichte anknüpfen? Lassen sich beispielsweise aus historischen Erfahrungen von Vertreibung und Verfolgung, etwa während der NS-Zeit, Bezüge zum eigenen Erleben von Ausgrenzung und Diskriminierung herstellen? Und wie können Lernende mit Beispielen aus der Geschichte zu einem couragierten Handeln heute motiviert werden? Diesen Fragen ging der Workshop Der Biografische Ansatz in der politischen Bildung auf den Grund. Anhand einer Übung, bei der sich die Teilnehmer*innen je nach Zustimmungsgrad hinter sechs Thesen versammelten, erarbeitete die Referentin Dr. Elke Gryglewski Chancen und Risiken familienbiografischer Instrumente und Methoden. Als mögliche Erfolgsfaktoren kristallisierten sich dabei eine enge Verzahnung des jeweiligen historischen Themas mit dem eigenen familiären Bezug heraus. Auch die Möglichkeit, mit der familienbiografischen Arbeit die Vielfalt in heterogenen Lerngruppen wertschätzend aufzugreifen, wurde thematisiert. Workshop-Teilnehmer*innen sahen darin indes auch Gefahren: „Wenn man in die Biografie geht, kommt man Schüler*innen sehr nahe“, argumentierte eine Pädagogin. Dies könne auch nach hinten losgehen, ergänzte eine Kollegin. Etwa, wenn bei Kindern von Migrant*innen durch eine Flucht ausgelöste Traumata wachgerufen würden. „Man muss dann das Know-how haben, das aufzufangen.“ 

Die während der Übung geäußerte Problematik, dass manche Kinder ihre familiäre Geschichte als minderwertiger wahrnehmen und darauf mit Rückzug und Schweigen reagieren könnten, kannte Gryglewski auch aufgrund ihrer Arbeit im „Haus der Wannseekonferenz“. „Oft werden Jugendliche gar nicht nach ihrer Herkunft und Biografie gefragt, was diese dann als Defizit empfinden“, betonte die Leiterin der Gedenkstätte. In der Biografiearbeit müsse man daher „prozessorientiert und reaktiv“ vorgehen. Besonderes Augenmerk lege sie darauf, Bewusstsein für die Vielfältigkeit und Gleichwertigkeit der verschiedenen Biografien zu schaffen. Sie hob die Erfolge von Langzeitprojekten hervor: etwa mit palästinensischstämmigen Jugendlichen, die sich bei einer Reise nach Israel und Palästina mit der Geschichte der Vertreibung ihrer Großeltern nach der Gründung des jüdischen Staates auseinandergesetzt hätten. Mit der Würdigung ihrer Familienbiografie sei bei diesen Jugendlichen eine Anerkennung der Shoah einhergegangen. Workshop-Teilnehmer*innen griffen diese Erfahrungen in der anschließenden Frage- und Diskussionsrunde auf und betonten die Bedeutung eines „sensiblen Umgangs“ und der „persönlichen Relevanz“ der biografischen Arbeit mit Schüler*innen.

Diesen beiden Faktoren versuche auch die Initiative Gesicht zeigen! (Berlin) gerecht zu werden, wie Jan Krebs in seiner Präsentation betonte. So inszeniere der Lernort „7xjung“ in unterschiedlichen Räumen Alltagswelten, wie junge Leute sie heute erlebten oder zur Zeit des Nationalsozialismus erlebt hätten. Mit Fragen wie „Wer hat den Schlüssel zu meinem Zimmer?“ könnten etwa Enteignungen während der NS-Zeit lebensnah thematisiert werden.

Abschluss

Bei der abschließenden Diskussion zogen die Teilnehmenden eine positive Bilanz: Von „neuen Themen“, „neuen Blickwinkel“, „neuen Methoden“ war die Rede – und von Menschen, die man getroffen habe und mit denen man in Kontakt bleiben werde. „Vernetzung“, sagte eine, ist „total wichtig und hilfreich.“ 

Sanem Kleff verabschiedete Mark Medebach, der die Bundeskoordination nach sechs Jahren im Juni verlassen wird. Vorgestellt wurde außerdem das neue Projekt Q-Rage online!, für das noch talentierte Schüler*innen mit Lust am Schreiben gesucht werden. Eine Eins in Deutsch, sagte Kleff, sei dabei nicht das Kriterium: „Hauptsache, man hat etwas zu erzählen – gern auch aus der Minderheitenperspektive.“ Außerdem kündigte sie die neuen Publikationen der Bundeskoordination an: Nach den Sommerferien werde ein von Michael Kiefer verfasster Baustein zu Judenhass und Migration sowie ein Themenheft über Klassismus erscheinen.


Die Autor*innen der Tagungsdokumentation: Jeannette Goddar, Petra Krimphove und Lukas Grasberger. 
Alle Fotos auf dieser Seite von Robert Bergemann / offenblende.