Fachtagungen

Von September 2010 bis Dezember 2013 setzte die Bundeskoordination im Rahmen der "Initiative Demokratie stärken" des Jugendministeriums (BMFSFJ) mehrere Fachtagungen im Rahmen des Modellprojekts "Islam & Ich – Jung sein im Land der Vielfalt" um.

Fachtag Islam & Schule. Fotos: Aris Papadopoulos

Fachtagung Islam & Schule

Rund 40 Multiplikator*innen, Pädagog*innen der schulischen und außerschulischen Jugendarbeit, aber auch Künstler*innen, Journalist*innen sowie Koordinator*innen und Förderer des Netzwerks aus ganz Deutschland nahmen an der Fachtagung am 28. November 2013 zum Abschluss des Modellprojekts in Berlin teil. Die Tagung hatte zum Ziel, die im Modellprojekt „Islam & Ich – Jung sein im Land der Vielfalt“ entwickelten Konzepte, Methoden und Praxisbeispiele im Lichte ihrer Potentiale und Grenzen zu bewerten. Die Ansätze des Netzwerks von Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage zum Umgang mit den Themenfeldern "Islam in der Schule", "Muslimische Jugendkulturen", "Muslimfeindlichkeit" und "Islamismus" sollten einer kritischen Würdigung unterzogen werden.

Rückschau auf drei Jahre pädagogische Arbeit


Bevor 2010 das Modellprojekt „Islam & Ich“ im Rahmen der „Initiative Demokratie Stärken“ des BMFSFJ startete, hatte die Schule, aber auch die Politik, Zivilgesellschaft und die Wissenschaft das Thema Islamismusprävention an der Schule weitgehend vernachlässigt, während die Medien Fragen zur Rolle des Islam in der Einwanderergesellschaft zumeist als Problem von Terrorabwehr oder defizitärer Integration darstellten. Auch die Debatte zur Bekämpfung von Muslimfeindlichkeit an Schulen stand damals noch am Anfang. Dabei finden sich gruppenbezogene Formen menschenfeindlicher Ideologien wie Verachtung und Intoleranz sowohl in der Mehrheitsgesellschaft als auch unter der Minderheit.

Dennoch betrat die Bundeskoordination beim Komplex "Islam & Schule" kein Neuland. Seit Jahren gehören diese Themen in ihr Repertoire zum Kampf gegen alle Formen von Höherwertigkeitsideologien an Schulen. Zudem ist klar: das Thema Religion ist in Schulen deutlich präsent, verunsichert aber viele Pädagog*innen.

Das Modellprojekt griff deshalb die Lebenswirklichkeit von Schüler*innen mit muslimischem Glaubenshintergrund im Schulalltag aktiv auf, um alle Kinder und Jugendlichen in der Auseinandersetzung mit Vorurteilen der Mehrheitsgesellschaft, aber auch in interkulturellen und innermuslimischen Debatten um individuelle Freiheiten und religiös begründete Gewalt zu stärken. Schüler*innen sollten in den gesellschaftlichen Debatten über den Islam eine Stimme bekommen und Handlungsräume entdecken. Aus einer klaren menschenrechtlichen Perspektive entwickelte die Bundeskoordination Ansätze, um diese Themen in allen denkbaren Formaten an der Schule zu verankern.

Zwischenruf aus den Medien


Es ist eine Binsenweisheit, dass sich am Umgang der Gesellschaft mit seinen Minderheiten das soziale Gefüge offenbart. Wenn eine Gruppe von Menschen oder eine Religion regelmäßig aufgrund der Taten Weniger Verachtung erfährt, kann kein gesellschaftlicher Zusammenhalt entstehen. Ebenso verhängnisvoll ist es, wenn die Mehrheit aus Ignoranz oder falscher Toleranz islamistische Gefahren in Schule und Gesellschaft ignoriert. Zu diesem Problem gab der renommierte Fachjournalist Ahmet Senyurt zahlreiche Impulse, um die Aktualität der dem Modellprojekt zu Grunde liegenden Annahmen zu reflektieren.

Senyurt betonte, dass die Attraktivität der islamistischen Szene für Jugendliche darin besteht, dass sich deren Akteure als letzte verbliebene Jugendrevolte sehen – mit all den dazugehörigen Dresscodes, Inszenierungen und Aktionsformen. Seine Ausführungen legten einmal mehr nahe: ohne in Alarmismus zu verfallen, brauchen Lehrer*innen Orientierung darüber, was hier von Religionsfreiheit gedeckt ist und wo Demokrat*innen intervenieren müssen. Senyurt betonte, sobald sich die Zivilgesellschaft aus den Debatten um Religions- und Meinungsfreiheit zurückziehe, stoßen Islamisten in die Lücke. Der Blick auf radikale Moscheen sei hier nachrangig, da die „Moschee“ radikaler Islamisten das Internet sei und Jugendliche dort radikalisiert würden.

Kunst- und kulturpädagogische Ansätze


Über kunst- und kulturpädagogische Ansätze wurden Zugänge zu den Themenfeldern des Modellprojekts erschlossen. Ziel war es, mittels Visualisierung, Rap und Theater die Kommunikationskompetenz von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen über muslimische Jugendkulturen zu stärken und zugleich niedrigschwellige und inklusive Ansätze zur Prävention gegen Islamismus und Islamfeindlichkeit in der schulischen und außerschulischen Kinder- und Jugendarbeit zu schaffen.

In vier Arbeitsgruppen wurden anhand der Ergebnisse und Erfahrungen die entwickelten Methoden und Instrumente des Modellprojekts reflektiert. Zehn Referent*innen bzw. Moderator*innen gaben hier Impulse für Diskussionen über die konkreten Ansätze und die zugrunde liegenden didaktischen Überlegungen. Mit den Methoden wurde erreicht, dass Schüler*innen, Pädagog*innen und Künstler*innen zusammen eine neue Bildersprache sowie Formen von Text- und Körperarbeit zur Auseinandersetzung mit dem Themenfeld Islam – Islamismus – Islamfeindlichkeit erarbeiteten. Zugleich kamen vielfältige Formate zur Qualifizierung der Akteure im Blick auf die Themen zur Anwendung.

Eine Arbeitsgruppe beschäftigte sich mit der Frage, wie aus den entwickelten Formaten weiterhin auf die Bedürfnisse von Multiplikator*innen und Schüler*innen abgestimmte Qualifizierungsangebote entwickelt werden und wie die Themenfelder im Regelsystem Schule implementiert werden können. Deutlich wurde aber auch: ohne eine solide Finanzierung wird das nur schwer möglich sein.

Projektförderung


Hintergrund der Fachtagung ist das Ende der Förderung durch das Bundesprogramm „Initiative Demokratie Stärken“ des BMFSFJ. Von September 2010 bis Dezember 2013 entwickelte die Bundeskoordination von Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage Materialien und Publikationen zur Auseinandersetzung mit Ideologien der Ungleichwertigkeit wie Muslimfeindlichkeit und Islamismus, führte Fachtage, Fortbildungen, kunst- und kulturpädagogische modellhafte Maßnahmen sowie Werkstatt- und Expertengespräche in diesem Kontext durch. In allen Bundesländern fanden Veranstaltungen im Rahmen des Modellprojekts statt, mehr als 3.500 Personen haben an ca. 200 Veranstaltungen teilgenommen. An mehr als 10.000 Schulen wurden Materialien (Poster, Themenhefte) verschickt.

Bunt & Vielfältig

Landestreffen von rund 400 SchülerInnen aus 46 Berliner Courage-Schulen im Rathaus Schöneberg. Fotos: Metin Yilmaz

Rund 400 SchülerInnen aus 46 Berliner Courage-Schulen trafen sich am 29. November 2011 zum Landestreffen im Rathaus Schöneberg. Es ist das bisher größte Courage-Treffen, das gleichzeitig eine Fachtagung zum Thema „Islam & Ich – Jung sein im Land der Vielfalt“ beeinhaltete. Sanem Kleff, Leiterin von „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ eröffnete die Veranstaltung  gemeinsam mit dem langjährigen Courage-Aktivisten Alexander Freier im rappelvollen Willy-Brandt-Saal. Auch die neue Bezirksbürgermeisterin von Tempelhof-Schöneberg, Angelika Schöttler (SPD), war sichtlich angetan von der großen Anzahl interessierter Kinder und Jugendlicher. Sie begrüßte die SchülerInnen und nahm dankbar ein „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“-T-Shirt entgegen. Ebenso wie Gabriele Gün Tank. Das Landestreffen fand in Kooperation mit der Integrationsbeauftragten von Tempelhof-Schöneberg statt.

Nach der Eröffnung strömten die SchülerInnen in diverse Arbeitsgruppen. Neben ganztägigen Kreativangeboten von Theater über Rap bis zu Streetdance und A-Capella, konnten die SchülerInnen auch 20 thematische Workshops besuchen. Ein Schwerpunktthema des Landestreffens war das Thema Liebe und Geschlecht in der Einwanderungsgesellschaft. So bot Jochen Müller von ufuq.de eine Arbeitsgruppe zum Thema Islam und Islamismus an Schulen an. Ibrahim Gülnar vom Mobilen Beratungsteam „Ostkreuz“ lud zur Beschäftigung mit Jugendkulturen zwischen Kopftuch und Türk-Pop. Und Ahmad Mansour vom Neuköllner Projekt Heroes e. V. diskutierte mit jugendlichen TeilnehmerInnen über Geschlechterrollen in Ehrkulturen. Im MIttelpunkt standen Fragen nach der Herkunft patriarchaler Ehrvorstellungen. Heftig diskutierten die Jugendlichen darüber, ob muslimische Männer und Frauen gleichberechtigt sind, und wie ihre individuellen Freiheiten durch Religion oder Tradition beeinflusst werden.

Vor dem aktuellen Hintergrund der rechtsterroristischen Verbrechen ist die Sensibilisierung an Courage-Schulen besonders hoch. Viele Kinder und Jugendliche interessierten sich für Handlungsstrategien zum Umgang mit Islamismus und Rechtsextremismus an Schulen, sowie für Präventionsansätze gegen Ideologien und Propaganda der Neonazis. So fragte Frank Metzger vom Apabiz e. V. die Workshop-TeilnehmerInnen, was hinter den Parolen der Nazis steckt und ob es eine Nähe zu linken Themen oder der „gesellschaftliche Mitte“ gebe. Und die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus beriet die SchülerInnen unter dem Motto: "Wahrnehmen - Deuten - Handeln", was sie bei rassistischen Pöbeleien auf dem Schulhof tun können.

In den Pausen informierten sich die SchülerInnen und LehrerInnen auf dem Markt der Möglichkeiten. In der weitläufigen Brandenburg-Halle präsentierten Kooperationspartner wie die Landeszentrale für politische Bildung, Gesicht zeigen! e. V., das Archiv für Jugendkulturen oder der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) ihre Angebote.

Zum Abschluss des Landestreffens zeigten die SchülerInnen, was sie in den Kreativ-Workshops gelernt hatten. Und YeoMen gaben nach dem A-Capella-Workshop noch eine Zugabe: ein Kurz-Konzert für alle – gegen Rassismus, Mobbing und Diskriminierung.