Schüler*innen im Ort der Information unter dem Holocaust-Mahnmal in Berlin. Foto: Metin Yilmaz

Antisemitismus

Antisemitismus ist ein Sammelbegriff zur Kennzeichnung unterschiedlich motivierter individueller und kollektiver antijüdischer Einstellungen und Handlungen. Der Antisemitismus tritt in vielfältigen Erscheinungsformen auf und ist in verschiedenen gesellschaftlichen Milieus verbreitet – zum Beispiel unter Neonazis, unter manchen islamistischen Gruppen, bei zu Verschwörungstheorien neigenden GlobalisierungskritikerInnen, und auch in der Mitte der Gesellschaft. (Hier findet ihr mehr Informationen zum islamisierten Antisemistismus)

Für Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage ist die Bekämpfung der verschiedenen Formen des Antisemitismus seit langem ein Querschnittsthema. Sie findet statt in Workshops zu Islamismus oder Rechtsextremismus, in Workshops unserer Kooperationspartner wie dem Jüdischen Museum, oder dem Anne-Frank-Zentrum. Und sie findet statt in Beiträgen von SchülerInnen für Radio Q-rage oder auch für die jährlich erscheinende Schülerzeitung Q-rage!.

Woher stammt der Antisemitismus?


Antisemitismus ist mehr als der bloße „Hass“ auf Juden. Auch kann er nicht einfach mit anderen Formen der Diskriminierung gleichgesetzt werden. Der Antisemitismus entstand im 19. Jahrhundert mit der Bildung europäischer Nationalstaaten. Er basiert auf der Tradition des jahrhundertealten christlichen Antijudaismus. Seine politische Prägung bekommt der Antisemitismus im 19. Jahrhundert durch die Rassenideologie.

Der Begriff „Antisemitismus“ stammt von dem Magdeburger Publizisten Wilhelm Marr (1819-1904), der in hasserfüllten Hetzschriften die Juden als minderwertig erklärte.

Christlicher Antijudaismus

Jesus, nach christlicher Lehre der Sohn Gottes, war Jude. Aber schon in den ersten Jahrhunderten der christlichen Kirchengeschichte wurden Juden sozial ausgegrenzt, angefeindet und bekämpft. Die „Kirchenväter“ wie Augustinus formulierten in zahlreichen Schriften die theologischen Argumente, die die Juden später zum Prügelknaben des christlichen Abendlandes machten. Zentrale Rolle spielte die Behauptung, die christliche Kirche habe Israel beerbt. Diese sogenannte Lehre von der Substitution (Ersetzung) meint: Die Juden seien nicht mehr das auserwählte Volk Gottes, weil sie Jesus nicht akzeptiert hätten. Die junge christliche Kirche definierte sich selbst, in dem sie sich negativ von ihrer Wurzel –  dem Judentum – abgrenzte.Diese Sichtweise war auch im letzten Jahrhundert noch maßgebend für Christen. So meinte Papst Pius XII. im Jahr 1936: „Jerusalem und sein Volk sind nicht mehr die Stadt und das Volk Gottes, Rom ist das neue Zion ...“

Vorwurf des Gottesmordes

Parallel zu diesen Lehrsätzen stand der Vorwurf des Gottesmordes an die Juden. Die christliche antijüdische Hetze seit der Spätantike bezieht sich auf mehrere Bibelstellen des Neuen Testamentes, insbesondere die „Selbstverfluchung“ in Matthäus 27,25 („Sein Blut komme über uns und unsere Kinder“). Der so genannte „Blutruf“ - in dem die Juden sich selbst verfluchen - war zum Beispiel 400 Jahre Bestandteil der Oberammergauer Festspiele und wurde erst 1984 nach einer Intervention des Münchener Bischofs gestrichen.

Antijudaismus im Mittelalter

Im gesamten Mittelalter wurden die Juden sozial diskriminiert, meistens unter Berufung auf christliche Theologen. Das Laterankonzil 1215 bestätigte die so genannte „Sündenknechtschaft“ der Juden und stellte sie damit den Ketzern gleich. Das Konzil erließ bestimmte Kleidervorschriften für Juden, von den eine - der „Gelbe Stern“ - von den Nationalsozialisten wieder aufgegriffen wurde. Zahlreiche Volkslieder, Kompositionen, Kunst und Kirchenbauten in Europa dokumentieren die antijüdischen Mythen. Zum Beispiel, die Juden würden christliche Kinder töten, um deren Blut für das Backen der ungesäuerten Brote zu verwenden. Die so genannte „Ritualmordlegende“ wurde aber nicht von den Christen erfunden, sondern stammt schon aus der hellenischen Zeit.

Schüler*innen der Berliner Dathe-Oberschule pflanzen am 75. Jahrestag der Reichspogromnacht Birken aus Auschwitz.


Mythos der Brunnenvergiftung

Da die Juden wegen der hygienischen Vorschriften ihrer Religion weniger für Seuchen anfällig waren, wurde ihnen – vor allem nach dem Ausbruch der Pest – vorgeworfen, Brunnen vergiftet zu haben, um den Christen zu schaden. Die Kreuzzüge führten zu den ersten überregionalen Vernichtungsaktionen gegen jüdische Gemeinden in Europa. 1096 fielen den religiös aufgewiegelten Kreuzzugsmassen in Mainz 1.100 Juden zum Opfer. Ähnlich erging es den jüdischen Gemeinden in Speyer, Worms, Köln, Xanten, Dortmund, Trier, Metz, Regensburg, Wien und Prag. Juden wurden  zeitgenössischen Quellen zufolge enthauptet, erstochen, erwürgt, erschlagen, ertränkt und häufig verbrannt oder lebendig begraben. Insgesamt schätzt man die Zahl der ermordeten Juden allein für das Jahr 1096 auf etwa 12.000.

Reformation

Die Reformation änderte am negativen Zerrbild der Juden nichts. Die Schriften Martin Luthers über Juden würden heute als volksverhetzend verboten. In seinem Pamphlet „Von den Juden und ihren Lügen“ aus dem Jahr 1543 heißt es: „Sie müssen aus unserem Lande vertrieben werden... es stimmt aber alles mit dem Urteil Christi, daß sie giftige, bittere, rachgierige, hämische Schlangen, Meuchelmörder und Teufelskinder sind, die heimlich stechen und Schaden tun“.

Diese antijüdische Haltung zahlreicher christlicher Theologen und vor allem auch der einfachen Gläubigen dokumentiert die so genannte „Judensau“ - ein Relief an mehreren christlichen Gotteshäusern, unter anderem an der Stadtkirche in Wittenberg, an der Sebalduskirche in Nürnberg und am Regensburger Dom: Die Darstellung bringt das den Juden unreine Schwein mit dem jüdischen Gott in Verbindung und schmäht somit den mosaischen Glauben.

Die Juden als „Anti-Volk“

Im kollektiven Gedächtnis der Deutschen waren Juden lange Zeit das Gegenbild ihrer selbst. Diese Haltung hat die deutsch-jüdische Geschichte über Jahrhunderte bestimmt – bis heute. Die politische und soziale Emanzipation der Juden im 19. Jahrhundert war nie Ausdruck des Willens der Bevölkerung, sondern wurde von der Obrigkeit verordnet. Die Juden wurden erst durch die napoleonischen Gesetze auch in Deutschland den anderen Bürgern gleichgestellt. Die deutsche Nation definierte sich aber in den so genannten „Befreiungskriegen“ (1813-1815) immer als homogene Volksgemeinschaft, romantisiert in der Rückbesinnung auf das „Germanentum“ und das christliche Mittelalter. Die antisemitische Stereotypie des Juden als „Anti-Volk“ war vor der Folie der antijüdischen Alltagsmythen Teil dieser nationalen Selbstfindung.

Rassistischer Antisemitismus

Den biologistisch begründeten Antisemitismus, wie er im späten 19. Jahrhundert formuliert wird und der behauptet, die Juden seien eine „Rasse“, haben die christlichen Kirchen immer abgelehnt. Erlaubt war aber ein Antisemitismus, der das „allzu starke Vordringen des Judentums“ bekämpfte.

Der rassistische Antisemitismus hat drei Voraussetzungen: Er basiert auf der jahrhundertealten antijüdischen christlichen Alltagskultur und ihren einschlägigen Stereotypien, er benötigt eine pseudowissenschaftliche Theorie, die soziale Hierarchien biologisch oder kulturell erklärt. Letztlich bekommt er durch die besondere „völkische“ Form der deutschen Konstitution der Nation einen besonders aggressiven Charakter, weil das antisemitische Klischee der „Kulturlosigkeit“ alias „Verjudung“ alias „internationales Judentum“ dem Antisemiten eine pseudo-antikapitalistische Attitüde ermöglicht.

Antisemitische Klischees

Der Rassismus projiziert auf andere „Rassen“ eine idealisierte „Natürlichkeit“, triebhafte Sexualität, Faul- und Trägheit, niedrige Intelligenz und Kriminalität. Der Jude als antisemitisches Klischee hingegen ist als Projektion das Gegenteil: ihm werden eine hohe, aber verschlagene Intelligenz, sagenhafte Macht und kalte Berechnung zugeschrieben. Als Geschichtsphilosophie bietet der moderne Antisemitismus eine ursächliche Erklärung der gesamten kapitalistischen Gegenwart aus einem Prinzip. Er macht „die Juden“ für ihre Krisen und Katastrophen verantwortlich.

Und heute?   

Nach dem Holocaust und der Niederringung des Faschismus (1945) war in Deutschland der offene Antisemitismus gesellschaftlich geächtet. Als säkulare Religion ist er in der christlich geprägten Alltagskultur allerdings nicht verschwunden. Zahllose Redewendungen wiederholen mehr oder weniger bewusst uralte Klischees: Die Idee, das Judentum sei eine Religion starrer Gesetze und predige Rache, ist Unfug, aber im öffentlichen Diskurs trotzdem präsent - vor allem in der sprichwörtlichen Redewendung des alttestamentarischen „Auge um Auge“ (das Prinzip des Schadensersatzes soll die Blutrache verdrängen) oder der ebenso sprichwörtlichen Figur des „hochmütigen“ Pharisäers, der für „den Juden“ steht. Die zentrale Aussage aller antisemitischen Ideen ist immer, die Juden seien selbst schuld daran, dass sie diskriminiert und verfolgt würden. Diese These ist so alt wie der Antisemitismus selbst und wurde dennoch jüngst von einem Politiker einer demokratischen Partei öffentlich wiederholt.

Der moderne Antisemit hat nichts gegen die Juden, sie haben etwas gegen ihn, und deswegen muss er sich gegen sie zur Wehr setzen. Er ist das Opfer, der Jude ist der Täter. Der Antisemitismus war, von seinem Selbstverständnis her, immer eine Notwehrbewegung gegen die Anmaßung und die Herrschaftsgelüste der Juden. Der Berliner Publizist Henryk M. Broder hat das polemisch zugespitzt: „Der aufgeklärte Antisemit hat ein großes Anliegen an die Juden: dass sie endlich aufhören, sich danebenzubenehmen. Sonst muss er nämlich böse werden.“


Eine vollständige Version dieses Textes mit Praxisbeispielen aus der Antidiskriminierungsarbeit und weiterführender Literatur findet ihr in dem Handbuch Lernziel Gleichwertigkeit für die Sekundarstufe.

Eine ausführliche Typisierung des Antisemitismus könnt ihr außerdem im Baustein Antisemitismus und Migration von Michael Kiefer nachlesen.