Bei einer Kundgebung vor dem Mahnmal für Sinti und Roma in Berlin protestieren Demonstrant*innen gegen rassistische Hetze gegen Menschen aus Bulgarien, Rumänien und Asylsuchende. Foto: Picture Alliance.

Antiziganismus


Antiziganismus ist ein vergleichsweise junger und eher unglücklicher Begriff für die Ablehnung und den Hass gegen Sinti und Roma durch die Mehrheitsgesellschaft. Unglücklich deshalb, weil er auf „Zigeuner“ rekurriert – ein Begriff, der die ganze Palette an Stereotypen und Vorurteilen gegenüber selbigen transportiert. Der Begriff Zigeuner ist eine bis ins Mittelalter zurückreichende Fremdbezeichnung durch die Mehrheitsbevölkerung und wird von der Mehrheit der Sinti und Roma als diskriminierend abgelehnt.

Antiziganismus ist eine eigenständige Form des Rassismus. Um ihm wirksam entgegenzutreten, muss streng getrennt werden zwischen der antiziganistischen Vorstellung der Mehrheitsgesellschaft, die sich in vielerlei Hinsicht ihre „Zigeuner“ zusammengebastelt hat, und den tatsächlichen Menschen. Dabei gilt: Die Klischees über Sinti und Roma in unseren Köpfen sind häufig stärker als Fakten und kritische Reflexion.

Die Schule spielt eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, den Rassismus gegenüber Roma und Sinti zu bekämpfen, die Partizipation von Sinti und Roma zu ermöglichen und gemeinsam das Bild, das wir uns von Roma machen, zu ändern. Warum Antiziganismus Thema der Courage-Schulen sein sollte, haben Schüler*innen der Gesamtschule im niedersächischen Rastede zutreffend formuliert: „Der Antiziganismus fällt in den Verantwortungsbereich von uns Nicht-Sinti, von uns Nicht-Roma. Der Antiziganismus betrifft die Sinti und Roma, aber wir sind es, die den Sinti und Roma den Eintritt in das Menschsein nicht gestatten. Zum Nachteil der Sinti und Roma und zum Nachteil von uns allen. Denn dadurch demontieren wir die Demokratie und die Zivilgesellschaft. Deshalb sind wir es auch, die für eine Verbesserung verantwortlich sind.“

Die Macht der Bilder

Zigeuner würden klauen, sie seien dreckig, wollten nicht arbeiten, bettelten stattdessen und zögen mit dem Wohnwagen durch Europa. Aber gute Musik spielen könnten sie. So oder so ähnlich lauten häufig die Vorurteile, wenn die Rede auf Sinti und Roma kommt. Keine Minderheit stößt in Deutschland auf so viel Ablehnung. Dabei haben die meisten Menschen, deren Feindseligkeit sich gegen Sinti und Roma richtet, gar keinen Kontakt zu dieser Minderheit. Ihre Vorstellungen sind vor allem geprägt von jahrhundertealten Stereotypen sowie dem Bild, das Medien verbreiten.
Fallen Stereotype über und Lebensverhältnisse von Roma doch einmal zusammen, sind dafür häufig die Auswirkungen des Antiziganismus selbst verantwortlich. Dies gilt gleichermaßen für hohe Arbeitslosigkeit, wenig Bildung und die bedrückende Armut mancher Roma-Familien. An dieser prekären Situation wird sich so lange nichts ändern, wie die Mehrheitsgesellschaft meint, die miserablen Lebensbedingungen entsprächen dem Naturell oder der Kultur der Roma.

Zu den sich am hartnäckigsten haltenden antiziganistischen Klischees gehört die Vorstellung, „Zigeuner“ seien ein umherziehendes Volk. Man könnte denken: eigentlich eine anhand historischer Fakten schnell zu widerlegende Vorstellung. Tatsächlich leben viele Sinti und Roma überwiegend sesshaft. So wohnten in Preußen schon im 19. Jahrhundert Sinti und Roma meist am gleichen Ort zur Miete oder im eigenen Haus: manche in ärmlichen, andere in bürgerlichen Verhältnissen.

Das Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas in Berlin. Der Stein in der Brunnenmitte soll an den KZ-Winkel erinnern. Foto: picture alliance / Ulrich Baumgarten


Wer sind Roma und Sinti?

Nach Angaben des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma bezeichnet Sinti die in West- und Mitteleuropa beheimateten Angehörigen der Minderheit, Roma diejenigen ost- und südosteuropäischer Herkunft. Sinti wie Roma sind Nachkommen einer ursprünglich aus dem Norden Indiens stammenden Bevölkerungsgruppe. Viele, aber längst nicht alle Roma, ließen sich auf dem Weg nach Westen und auf der Suche nach einem menschenwürdigen Leben zunächst in osteuropäischen Ländern nieder. Heute bilden sie die größte Minderheit und die wohl mit Abstand heterogenste Bevölkerungsgruppe in ganz Europa.

Die Frage, wie viele Roma in Europa leben, ist schwer zu beantworten; viele Länder erfassen ihre Minderheiten statistisch nicht, auch Deutschland nicht. Die geschätzten Zahlen schwanken zwischen acht und zwölf Millionen Romnja (Frauen) und Roma (Männer). Die höchsten Anteile haben Rumänien, Bulgarien, Spanien, Ungarn, die Slowakei und Tschechien. Die in Deutschland seit ungefähr 600 Jahren beheimateten unter ihnen sind Sinti. Nach jüngsten Schätzungen haben zwischen 80.000 und 120.000 Sinti und Roma die deutsche Staatsbürgerschaft. Als anerkannte nationale Minderheit stehen sie unter dem besonderen Schutz des Staates. Neben Deutsch sprechen sie als zweite Muttersprache häufig Romanes. In den jeweiligen Heimatländern der Sinti und Roma entwickelten sich im Lauf der Jahrhunderte unterschiedliche Varianten des Romanes. Die Roma und Sinti in Europa unterscheiden sich durch verschiedene Sprachen, Religionen und Gewohnheiten.

Jahrhundertelange Verfolgung

Über Jahrhunderte wurden Sinti und Roma politisch, wirtschaftlich und kulturell marginalisiert, diskriminiert und verfolgt. Ein Überleben war nur in Kleingruppen möglich. Dies ist ein entscheidender Grund für die bis heute bestehende geografische Verstreutheit. Während der nationalsozialistischen Diktatur führte die Diskriminierung der als „Zigeuner“ ausgegrenzten Menschen zum Völkermord. Mehr als 200.000 Morde an europäischen Sinti und Roma sind belegt, manche Historiker und Genozidforscher gehen gar von etwa 500.000 Opfern aus.

Unter extrem schwierigen Bedingungen fiel und fällt es den meisten Betroffenen schwer, politisch-ökonomische Strukturen aufzubauen, die ihnen eine Chance auf Teilhabe an politischer und wirtschaftlicher Macht ermöglichen. Wichtig ist dabei auch, zu wissen: Angesichts der massiven gesellschaftlichen Ablehnung sind wir noch weit davon entfernt, dass Sinti und Roma sich in ihrer Umgebung zu ihrer Herkunft bekennen können, ohne gravierende Nachteile zu erfahren.


Eine ausführliche Beschreibung des Antiziganismus mit Praxisbeispielen aus der Antidiskriminierungsarbeit und weiterführender Literatur findet ihr in den Handbüchern Lernziel Gleichwertigkeit für die Grundstufe und für die Sekundarstufe.