Antiziganismus

Zigeuner klauen, sind dreckig, wollen nicht arbeiten und ziehen in Wohnwagen durch Europa. Gute Musik spielen können sie aber. So oder ähnlich lauten die Vorurteile in einer durchschnittlichen Schulklasse, wenn die Rede auf Sinti und Roma kommt. Offener oder latenter Antiziganismus, also Rassismus gegen Sinti und Roma, verbindet Schüler*innen unabhängig davon, ob sie oder ihre Eltern aus den Staaten des ehemaligen Jugoslawien, der Türkei, Polen, aus arabischen Ländern oder eben aus Deutschland kommen. Neben der Vernichtung der Sinti und Roma während des Nationalsozialismus sind auch die aktuellen Vorurteile Grund genug, sich mit dem Antiziganismus zu beschäftigen. Eine Gesamtschule in Niedersachsen tut das seit Jahren.

Die Kooperative Gesamtschule in Rastede

Es war ein großer Tag im Oktober 2012. Schüler*innen der Kooperativen Gesamtschule in Rastede waren zur Einweihung des Denkmals für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma in Berlin eingeladen. Eine Annerkennung für ihr langjähriges Engagement gegen Antiziganismus.

Angefangen hat alles 1999 während des Krieges im Kosovo. Der lenkte, mehr noch als zuvor der Bosnien-Krieg, die Aufmerksamkeit auf eine nach wie vor diskriminierte Minderheit: die Roma, von denen mehrere zehntausend in den Jahren der Balkan-Auseinandersetzungen auch nach Deutschland flohen. Michael Luttmer, Lehrer für Politik, Geschichte und Deutsch, beschloss, ihre Verfolgung im Unterricht zu erörtern. Wie sich herausstellen sollte, eine folgenreiche Entscheidung: Aus der Unterrichtseinheit wurde eine Arbeitsgemeinschaft, wurde dann ein thematischer Schwerpunkt – und zwar einer, der die Kooperative Gesamtschule Rastede in Niedersachsen bis heute zur bundesweit vielleicht engagiertesten Schule überhaupt zum Thema Antiziganismus macht.

Begegnungen und Diskussionen mit Sinti und Roma

Seit 2001 trägt die Gesamtschule den Titel Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage. Die Schüler*innen überzeugten Romani Rose, Pate zu werden. Über den Vorsitzenden des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma knüpften die Schüler*innen rege Kontakte nach Heidelberg. Dort sitzt außer dem Zentralrat auch das Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma mit Silvio Peritore. Mit ihm bieten die Schüler*innen seit über zehn Jahren gemeinsame Workshops und Gedenkfahrten an. 2009 reisten einige Rasteder Schüler*innen mit Vertretern des Zentralrats anlässlich des 65. Jahrestags der Ermordung deutscher Sinti und Roma nach Auschwitz. Und immer wieder kommen Sinti und Roma zur Begegnung und Diskussion nach Rastede.

Arbeitsgemeinschaft  „Für den Frieden“

Doch auch ohne den prominenten Paten sind die Schüler*innen handlungsfähig. Sie präsentierten eine Ausstellung unter dem Titel „Sinti und Roma – Bürger dieses Staates“ und bieten nicht nur an ihrer Schule Workshops zu Antiziganismus an, sondern auch auf den Bundes- und Landestreffen von Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage, an Nachbarschulen oder bei Lehrerfortbildungen. Im Dezember 2009 tauschten sie sich intensiv mit Franz Rosenbach aus. Der 82-jährige Sinto, der 40 Jahre lang nicht über seine Erlebnisse im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau sprechen konnte, besuchte die SchülerInnen und ließ sie an der Leidensgeschichte seiner Familie teilhaben.

Für die Schüler*innen war die Veranstaltung so eindrücklich, dass sie sie weiter verarbeiteten: Anlässlich des Holocaust-Gedenktages im Januar 2010 hielten sie im Nienburger Rathaus einen Vortrag über die Geschichte des Holocaust-Überlebenden. Gebündelt werden die Aktivitäten in der AG „Für den Frieden“. Michael Luttmer sagt: „Das Projekt ist im Unterricht entstanden – und es fließt auch immer wieder dorthin zurück.“ Niemand an der Schule bildet sich ein, dass die Welt gerettet wird, weil die Schule nun einen Titel hat. Aber, fügt Luttmer hinzu: „Schüler*innen wie Lehrer*innen haben einen anderen Zugang bekommen. Die Sensibilität hat sich erhöht.“

Eine Handlungsmaxime haben die Schüler*innen übrigens auch formuliert. Sie lautet: „Der Antiziganismus fällt in die Verantwortlichkeit von uns Nicht-Sinti, von uns Nicht- Roma. Der Antiziganismus betrifft die Sinti und Roma, aber wir sind es, die den Sinti und Roma den Eintritt in das Menschsein nicht gestatten. Zum Nachteil der Sinti und Roma und zum Nachteil von uns allen. Denn dadurch demontieren wir die Demokratie und die Zivilgesellschaft. Deshalb sind wir es auch, die für eine Verbesserung verantwortlich sind.“