Demopoly - Das etwas andere Brettspiel

Demokratische Schulkultur

Schulen vereinen Kinder und Heranwachsende ganz verschiedener sozialer und kultureller Herkunft und mit unterschiedlichen sozialen Kompetenzen. Im besten Fall gelingt es, eine demokratische Kultur zu schaffen, in der Schüler*innen nicht nur Fachkompetenzen, sondern auch ethisch-moralische Haltungen entwickeln. An vielen Courage-Schulen glückt das seit Jahren.

Denen, die es nicht schon immer geahnt hatten, machten gleich zwei Anschläge auf Mitglieder der Jüdischen Gemeinde in Düsseldorf im Jahr 2000 überdeutlich: Gewalttätiger Antisemitismus ist nicht auf die neuen Länder beschränkt. Bundesweit erreichte die Debatte über Rechtsextremismus eine neue Dimension. Und Bundeskanzler Gerhard Schröder forderte höchstpersönlich einen „Aufstand der Anständigen“.

Das Kollegium des Nicolaus-August-Otto-Berufskollegs in Köln-Deutz fragte sich: Was kann unsere Schule tun? Nicht, dass es besonders schlecht liefe an der Schule. Genau genommen lief es angesichts der Tatsache, dass 1.700 Jungen und junge Männer (Sic! Der Frauenanteil liegt bei drei Prozent!) ab 16 unter einem Dach unterrichtet werden, sogar ganz gut. Aber das sollte auch künftig so bleiben. Und: Demokratischer geht immer.

Furcht, an den Pranger gestellt zu werden

Auf der Suche nach Möglichkeiten, sich zu engagieren, stieß man auf Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage. Lehrer*innen und Schüler*innen besprachen die Sache; dann beschlossen Schulkonferenz sowie Schüler*innenvertretung ganz offiziell: Wir wollen das! Die benötigten Unterschriften zu bekommen, gibt der Lehrer Armin Ahlheim unumwunden zu, war dann allerdings gar nicht so leicht. Es gab Schüler*innen, die skeptisch waren, was mit ihrer Signatur passiert; und solche, die fürchteten, die Deutschen sollten irgendwie „an den Pranger gestellt“ werden. Eineinhalb Jahre dauerte es, dann waren mehr als 70 Prozent überzeugt.

Heute ist das Kolleg eins der aktivsten bundesweit. Die Schüler haben am Open Space „Islam-und-Ich“ teilgenommen; bei jedem Bundestreffen sind sie dabei. Die multikulturelle HipHop-Ragga-Band Brothers Keepers haben sie ebenso schon an die Schule geholt wie die kölschen Barden Bläck Fööss.

Auch der Pate Günter Wallraff war schon da; und die Bundestags-Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt. Letztere kam mit dem Projekt „Culture on the Road“ vorbei, das im Auftrag des Berliner Archivs der Jugendkulturen, eines Kooperationspartners, Workshops zu Jugendszenen veranstaltet. Schon zweimal diskutierten Kölner Schüler*innen mit den Berliner Besucher*innen über die Ursprünge von verschiedenen Jugendkulturen – Punks und HipHopper, Boarder und die Skins zum Beispiel.

Jährlich wiederkehrend verknüpft die Schule einen Sporttag mit der Beschäftigung mit Demokratie und Menschenrechten. Vielleicht am wichtigsten aber ist, dass Vorfälle von Diskriminierung ernst genommen werden.

Jedes Jahr werden wieder Unterschriften gesammelt

Dass das Engagement andauert, ist vor allem den nachhaltigen Strukturen zu verdanken. Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage steht nicht nur im Briefkopf, sondern auch im Schulprogramm. Ein Glaskasten im Foyer präsentiert laufend Neuigkeiten aus dem Projekt. Jede Klasse absolviert im Politikunterricht eine Unterrichtseinheit „Schule ohne Rassismus“; jedes Jahr werden wieder Unterschriften gesammelt. Das ist besonders wichtig, weil Schüler*innen hier viel weniger präsent sind als anderswo: Viele bleiben nur ein Jahr; und die meisten kommen nur zweimal pro Woche.

Und? Ist das Leben nun anders als vorher? Armin Ahlheim sagt prompt: „Ja!“ Und zum Beweis: Inzwischen unterschreiben jedes Jahr neun von zehn der neuen Schüler*innen das „Ja“ zum demokratischen Handeln – von jüngst eingereisten Flüchtlingen über Jugendliche ohne Schulabschluss bis zu zukünftigen KFZ-Mechatronikern. So mancher, der eine Wahl hat, sagt gar, er sei wegen „SOR“ an die Schule gekommen.

Das heißt nicht, dass es gar keine Probleme mehr gäbe. Auch hier kann es immer noch passieren, dass einer ein Hakenkreuz in die Klotür ritzt und sich enorm rebellisch vorkommt. Aber anders als früher kann er sich sicher sein, es wird einer kommen und sagen: „Das geht so nicht – wir haben was unterschrieben!“