Genderfragen & Vielfalt

Noch vor hundert Jahren war die Frau in Deutschland weitgehend dem Mann unterworfen. Heute sind Frauen nicht nur besser gebildet als Männer, sie ergreifen auch zunehmend die Macht – als Chefin, Universitätsprofessorin, Moderatorin und als Kanzlerin. Kein Wunder, dass viele überzeugt sind: Deutschland ist ein modernes Land, eine Geschlechterdemokratie. Wenn die Gleichberechtigung der Frau hierzulande überhaupt noch bedroht und in Frage gestellt wird, dann, so scheint es, durch Migranten, die andere Geschlechterrollen als die Mehrheit leben und sich so der Integration in ein emanzipiertes Deutschland verweigern.

Variantenreich werden die Fragen gestellt: Warum sind die Frauen aus der Türkei so rückständig? Warum sind die muslimischen Männer so machohaft? Und immer wieder lautet die Forderung: Integriert euch! Werdet endlich wie wir! Sie ist problematisch, denn sie konstruiert ein trennendes Ihr und Wir. Die offene Ablehnung und Abgrenzung gegenüber den anderen, den Fremden wird heute nicht mehr mit offen rassistischen Argumenten begründet, sondern mit dem Rückgriff auf die angebliche Rückständigkeit der Zugewanderten im Geschlechterverhältnis. Die Integrationsdebatte wird sexualisiert.

Was wünscht die Mehrheit?

Die so Angesprochenen verstehen sehr gut: Sie sollen nicht ehrenmorden, ihre Frauen gut behandeln und ihre Töchter nicht mit Zwang verheiraten. Viele können mit diesen Appellen allerdings nichts anfangen. Die meisten Migrantenfamilien standen bereits in ihren Herkunftsländern solchen archaischen Traditionen verständnislos gegenüber. Und nicht wenige Migranten aus den rückständigsten Regionen Anatoliens, Siziliens, des Balkans und Andalusiens haben genau deshalb ihre Heimatdörfer verlassen.

Vielen Migrant*innen und ihren Kindern wird indes nicht so recht klar, was die Mehrheit wünscht. Denn sehr schnell stellt sich heraus, dass der verheiratete Bäcker aus Brandenburg, der schwule, konfessionslose Banker aus Düsseldorf, der ledige, katholische Landwirt aus Niederbayern, die in zweiter Ehe lebende protestantische Rentnerin aus Leipzig und die alleinerziehende Mutter aus Berlin ganz Unterschiedliches meinen, wenn sie fordern: „Integriert euch!“

In heterogenen Gesellschaften prallen Ungleichzeitigkeiten und unterschiedliche moralische Standards und Sozialmilieus aufeinander. Stadt-Land, Nord-Süd, Ost-West, religiös-nichtreligiös, jung-alt, arm-reich, gebildet-ungebildet etc. Das ist nicht erst seit Beginn der Arbeitsmigration und der Ankunft einer größeren Zahl von „Ausländern“ so. In mühsamen Prozessen musste und muss deshalb stets aufs Neue ausgehandelt werden, was die gemeinsamen Umgangsformen und Rechtsnormen sind.

Diese Klärungsprozesse können sich über Jahrzehnte hinziehen, wie die Debatten um das Recht auf Schwangerschaftsabbruch, die Straffreiheit von Homosexualität, die rechtliche Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften und die sexuelle Selbstbestimmung oder die Strafbarkeit von Vergewaltigung in der Ehe zeigen. Und abgeschlossen ist diese Diskussion eigentlich nie. Und die jüngsten Enthüllungen von jahrelangen Misshandlungen, sexuellem Missbrauch und Vergewaltigung von Kindern und Jugendlichen in katholischen Internaten, evangelischen Heimen, sozialistischen Erziehungsanstalten der DDR und reformpädagogischen Institutionen wie der Odenwaldschule zeigen: die Mehrheitsgesellschaft tut gut daran, Probleme der Geschlechterbeziehungen und der sexuellen Selbstbestimmung nicht nur auf die Anderen zu projizieren und am Beispiel muslimischer Familien zu diskutieren.

Das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung und die körperliche Unversehrtheit kann in allen Schichten und Milieus unabhängig von Herkunft, Religion und Einkommen mit Füßen getreten werden. Niemanden sollte verwundern, wenn kulturelle Traditionen, individuelle Verhaltensweisen und moralische Werte der Neubürger*innen sich nicht immer nahtlos in die gewünschten Standards, auf die sich die Mehrheit der Gesellschaft irgendwann geeinigt hat, einfügen. Akkulturation, das Hineinwachsen in ein neues kulturelles Umfeld und ein neues Rechtssystem, ist ein spannender, mitunter schmerzhafter Prozess. Er verlangt Menschen vieles ab.

In den letzten fünfzehn Jahren hat sich in Deutschland die Zahl der binationalen Ehen mehr als verdoppelt. Ganz sicher auch die der binationalen Liebschaften und Liebeleien auf dem Schulhof. Das ist erfreulich, und es ist ein Beleg für Integration, den Abbau von Fremdheitsgefühlen und das Entstehen von etwas Neuem. Konflikte, die daraus entstehen können, sind lös- und verhandelbar. Deutschland wird und bleibt nur dann ein liebenswertes Land, wenn die unterschiedlichen Milieus sich auf ein paar unverrückbare Grundlagen einigen - beispielsweise auf die Gleichberechtigung von Mann und Frau und die sexuelle Selbstbestimmung.

Mehr zum Thema finden Sie im Themenheft:
Fatma ist emanzipiert - Michael ein Macho!?