Der Respekt Club der Berliner Kurt-Schwitters-Schule: Mit Kunstprojekten und Aktionen wie einem Queer-History-Month oder einem Cross-Dressing-Day sorgen die Aktiven des Clubs für mehr Toleranz an ihrer Schule. Foto: Kathrin Harms

Genderfragen & Vielfalt

Geschlecht erlernen wir als etwas, das eindeutig und unveränderbar ist: Du bist Junge oder Mädchen, dein Leben lang. Tatsächlich käme der Realität näher, wenn die Geschlechter auf einer Art Linie gedacht würden, an deren gegenüberliegenden Enden „Mann“ und „Frau“ stünde und auf der sich jeder irgendwo dazwischen verorten könnte. Die strenge Unterteilung in Mann und Frau war in der Geschichte auch nicht immer so vorhanden: Die Antike kannte verschiedene sexuelle Identitäten; in der Renaissance wurden die Unterschiede zwischen Männern und Frauen nicht eindeutig definiert und hatten keine große Bedeutung.

Wir alle haben biologische Merkmale, die zu einer Zuordnung zu einem der beiden Geschlechter bei unserer Geburt führen (engl.: sex). Wer ein Kind austragen kann, wird dabei als weiblich bezeichnet, wer ein weibliches Ei befruchten kann, als männlich. Das ist aber noch nicht alles. Denn es bedarf auch sozialer und kultureller Merkmale (engl.: gender), um den Anforderungen an Geschlecht gerecht zu werden. Die Aussage „Es ist ein Mädchen“ an sich ist wertlos. Es sei denn, wir nehmen an, dass allgemein bekannt ist, wie Mädchen sind oder zu sein haben. Die körperliche Erscheinung eines Menschen ist allerdings eng an Erwartungen und Vorstellungen von außen geknüpft. Wir alle sind scheinbar in der Lage, auf 100 Meter Entfernung das Geschlecht eines Menschen auszumachen. Dabei gäbe es viel wichtigere Dinge, die wir erkennen sollten: Ist der Mensch aggressiv? Betrunken? Bewaffnet? Die Unterscheidung in Mann und Frau enthält kaum Informationen jenseits unserer Annahmen über körperliche Eigenschaften eines Menschen. Männer sind von Männern ebenso verschieden wie von Frauen.

Stereotype Erwartungen an Jungen und Mädchen


Unsere Kleidung, unsere Gangart, unser Haarschnitt, unser interaktives Verhalten werden in Gruppen genau überwacht. Wer von den Erwartungen und Vorstellungen abweicht, fällt auf. So mag ein Mädchen, das mit Krawatte zur Schule kommt, immer noch ebenso Kommentare ernten wie ein Junge, der mit Lippenstift und Make-Up in den Unterricht geht. Meist gibt es in Gruppen wie Schulklassen sehr genaue Vorstellungen darüber, wie Mädchen und Jungen zu sein haben und wie sie sich zueinander verhalten. Neigt eine Gruppe zu Gewalt und starren Geschlechterzuordnungen, können Reaktionen auf Abweichungen von verbalen Ausdrücken bis zu körperlichen Übergriffen und im Extremfall Hassverbrechen reichen. Weltweit werden Menschen gequält, gedemütigt und ermordet, weil sie der Geschlechternorm ihrer Angreifer*innen nicht entsprechen.

Rigide Geschlechterzuschreibungen werden als Sexismus bezeichnet und betreffen Männer und Frauen auf unterschiedliche Weise. Die sexistische Darstellung oder Behandlung von Menschen bedeutet eine Herabwürdigung. In der Regel werden Frauen in demütigender und unterlegener Weise als Opfer und Männer energisch bis übergriffig und machtvoll als Täter dargestellt. Sexismus beschränkt sich nicht auf individuelle Gewalterfahrungen, sondern wird durch strukturelle Gewalt gefördert und legitimiert. So war es in Deutschland bis in die 1970er-Jahre durchaus üblich, dass Richter mit Verweis auf die Kleidung einer vergewaltigten Frau den Vergewaltiger entlasteten. In einer extrem sexistischen Logik klingt das so: Da Frauen vor allem Objekte zur Befriedigung von Männern sind, ist es denen beinahe unmöglich, ihren mächtigen Trieben zu widerstehen, wenn eine Frau einen kurzen Rock trägt.
Auch aktuell ist unsere Gesellschaft noch von Sexismus geprägt: darauf weisen die erheblichen Verdienstunterschiede zwischen Männern und Frauen hin, der Mangel an Frauen in Führungspositionen, die überdurchschnittliche Betroffenheit alleinerziehender Mütter von Armut.

Niemand fühlt sich immer gleich. Jeder Mensch kennt Momente, in denen es nicht gelingt, den Regeln zu entsprechen. Wir alle fühlen uns manchmal ganz anders, als die Umwelt es erwartet und werden dabei entweder enttarnt oder nicht. Es gibt eine Reihe Menschen, die sich immer wieder unwohl fühlen in dem Geschlecht, das ihnen bei ihrer Geburt zugewiesen wurde. Damit stoßen sie an eine scharfe Grenze stoßen: Die Zwei-Geschlechter-Norm, die der Mehrheit als unveränderbar gilt.

Eine Szene aus dem Theaterstück „Özgürlük - is there no sex in Kreuzberg?", in dem sich die Schüler*innen des Berliner Hermann-Hesse-Gymnasiums mit verschiedenen Rollenvorstellungen und daraus resultierenden Konflikten beschäftigen. Foto: Wolfgang Borrs


Queer, transgender, intergeschlechtlich


Es gibt aber auch Menschen, die sich keinem der zwei Geschlechter zuordnen lassen wollen, diese Norm ablehnen und sich als queer bezeichnen. Andere wollen nicht in dem Geschlecht leben, das ihnen zugewiesen wurde, sondern im anderen; sie können ganz allgemein als transgender bezeichnet werden. Der ebenfalls verwendete Begriff transsexuell führt hingegen in die Irre, da er sich auf eine sexuelle Orientierung, also ein Begehren, bezieht. Wie alle anderen sind auch transgender-Menschen heterosexuell, homosexuell, asexuell oder was immer. Unsere geschlechtliche Identität hat mit unserem Begehren nichts zu tun.

Außerdem gibt es Menschen, die aufgrund ihrer körperlichen Merkmale – organisch oder hormonell – keinem der beiden Geschlechter eindeutig zuzuordnen, sondern intergeschlechtlich sind. Sie werden erst in den vergangenen Jahren in der Öffentlichkeit wahrgenommen; lange war ihre Existenz tabuisiert. Auch Transgender erleben bis heute massive strukturelle Gewalt. Dabei gibt es ein universelles Recht auf freie Persönlichkeitsentwicklung. Solange nicht die Rechte eines anderen Menschen verletzt werden, gibt es kein demokratisches Mittel, Menschen für ihre Persönlichkeit zu bestrafen, zu kriminalisieren oder als krank zu stigmatisieren.

Mehr zum Thema findet ihr im Themenheft Fatma ist emanzipiert, Michael ein Macho!? und in den Handbüchern Lernziel Gleichwertigkeit für die Grundstufe und für die Sekundardarstufe.