Homophophie

Stell Dir vor, an Deiner Schule ist der Unterricht vorbei, viele Schüler*innen verlassen die Schule. Vor der Schule warten, wie jeden Tag, Eltern, Freund*innen der Mitschüler*innen von Dir. Und dann ist da ein Junge aus Deiner Schule, 16 Jahre alt, der in diesem Moment auf einen Jungen vor Deiner Schule zugeht, heftig mit ihm knutscht und dann mit ihm Arm in Arm davon geht. Was glaubst Du, was dann los wäre? Es gibt viele Möglichkeiten, folgende oder andere ähnliche Situationen könnten passiere:

  • Ein Junge aus der Clique der 14-jährigen würde zu seinen Kumpels rufen: „Igitt, guckt mal, Schwule.“
  • Die Mitschüler*innen aus seiner Klasse würden sich auf dem Weg nach Hause darüber unterhalten, dass sie ja schon immer wussten, dass mit ihm was nicht stimmt.
  • Im Umkleideraum vor dem nächsten Sportunterricht werden alle Jungs beim Umziehen sich gegenseitig Schwulenwitze erzählen und sich zurufen, dass sie mit einer „schwulen Sau“ nicht zusammen duschen wollten.
  • Wären beide Mädchen, müssten sie sich den Kommentar „einmal richtig gut gefickt und dann sind sie nicht mehr lesbisch!“ anhören.
  • 2 Wochen später werden beide Jungs von einer Clique, die sie überhaupt nicht kennen, zusammengeschlagen, weil diese nach ihrer moralischen und religiösen Vorstellung, Lesben und Schwule für „abartig“ halten. Die Clique hatte über beide Jungs von einem Mitschüler der beiden gehört.

(Zitate, die Bastian Finke für den Text "Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung und geschlechtlicher Identität" zusammengetragen hat. Erschienen im Themenheft "Sexuelle Orientierung")

Die Beispiele zeigen, dass gleichgeschlechtlich Liebende, Gefahr laufen, bedroht und diskriminiert zu werden, wenn sie sich sichtbar zeigen und nicht verstecken.

Was ist eigentlich sexuelle Orientierung?

Dieser Begriff taucht meist im Zusammenhang mit Homosexualität (also Gleichgeschlechtlichkeit) auf. Heterosexualität (Gegengeschlechtlichkeit) und Bisexualität (sowohl Gegen- als auch Gleichgeschlechtlichkeit) sind weitere sexuelle Orientierungen. Dagegen sind Transsexualität und Intersexualität keine sexuellen Orientierungen, auch wenn die Begriffe ähnlich wie die obigen klingen. Transsexualität heißt eigentlich „jenseits der Geschlechtlichkeit“ und umfasst Menschen, die sich in ihrem „biologischen“ Geschlecht nicht wohl fühlen und das Geschlecht wechseln möchten. Sie können hetero-, homo- oder bisexuell sein. Intersexualität umfasst Menschen, die „biologische“ Geschlechtsmerkmale beider Geschlechter aufweisen (in der Umgangssprache sogenannte „Zwitter“).

In den letzten Jahren definierten sich immer mehr Menschen als „transgender“ (also jenseits der Geschlechter). Darunter sind Menschen zu verstehen, die keine festen Geschlechtsrollen einnehmen wollen, also sich weder in die Schublade „männlich“, noch „weiblich“ pressen lassen wollen, aber auch nicht ihr „biologisches“ Geschlecht ändern wollen.

Da solche Lebensformen dem Großteil der Bevölkerung unbekannt sind, werden sie oft als „fremd“ und „bedrohlich“ empfunden. Dabei befinden sich allein an Deiner Schule (wenn ungefähr 1000 Schüler*innen auf Deiner Schule sind) ca. 50 bis 100 Mitschüler*innen, die sich irgendwann im Laufe ihres Lebens für eine lesbische oder schwule Beziehung entscheiden.

Warum ist denn „sexuelle Orientierung“ so ein großes Thema?


Diskriminierungen aufgrund sexueller Orientierungen haben eine lange Tradition. Gerade in Bezug auf Sexualität und Beziehungen gab es schon immer strenge Regeln, was erlaubt und lebbar ist und was zu bestrafen ist. Das kann auch heute noch für Jugendliche, wenn sie den Versuch unternehmen ihre eigene Sexualität zu entdecken und lustvoll damit umzugehen, bedeuten, dass sie von außen vermittelt bekommen, wie verwerflich und unmoralisch ihr Verhalten ist. Sie werden auch heute noch mit Regeln und Konventionen konfrontiert, die Minderheiten herabwürdigen. Beteiligt an dem Aufstellen der Regeln waren und sind meist Vertreter der verschiedensten Glaubensrichtungen und Religionen, aber auch Philosophen, Mediziner und „Mächtige“, also Herrscher, Politiker usw.

Doch auch ohne Gesetze wird weiter diskriminiert, aber eher auf der persönlichen Ebene und nicht mehr so sehr auf staatlicher Ebene. Auf eine wirkliche Gleichberechtigung aller sexuellen Orientierungen werden die Menschen sicherlich noch recht lange warten müssen. 

Was kannst Du tun?

Sich zu verlieben ist eigentlich eine wunderschöne Sache... wenn da nicht auch noch Herzklopfen, Bauchschmerzen und andere heftige Gefühle wären. All das kann zu einer ziemlichen Belastung werden. Noch viel belastender kann es sein, wenn die aufsteigenden Gefühle nicht gezeigt werden dürfen, aus Angst, deshalb ausgestoßen oder angegriffen zu werden.

Der Druck kann so heftig werden, dass davon Betroffene nicht mehr ihren Jugendclub besuchen, den Sportverein verlassen, Angst vor dem Schulbesuch bekommen oder die Familie nicht mehr aushalten. Und sollte Verständnis und Unterstützung da sein, dann folgen trotzdem oft teils subtile, teils offene Bedrohungen durch Menschen, die Homosexualität sowie Schwule und Lesben ablehnen.

Deshalb ist es wichtig, Mitschüler*innen nicht alleine zu lassen und ihnen zu helfen, Bündnispartner*innen zu finden. Neben schulinternen Ansprechpartner*innen (z.B. Vertrauenslehrer*innen) gibt es in allen Bundesländern schwule und lesbische Projekte und Vereine, die oftmals direkt Aufklärungsveranstaltungen in Schulen anbieten. Die Adressen sind schnell im Internet zu finden. In ländlichen Regionen bieten sich oftmals auch AIDS-Hilfen als Ansprechpartner*innen an, die über lesbische und schwule Lebensweisen gut informiert sind. Sie können beraten und helfen, Strategien zu entwickeln, in welchem Rahmen eine Aufklärungsveranstaltung durchgeführt werden kann. Denn vor allem ist Aufklärung wichtig, um Angst zu nehmen sowie Stärke und Sicherheit zu geben.

Kommt es zu Diskriminierung, Bedrohung oder körperlicher Gewalt, so stehen in vielen Regionen schwule und lesbische Antigewalt-Projekte und Überfalltelefone als AnsprechpartnerInnen zur Verfügung.